Schwurbler vergreifen sich an Umberto Eco

In den let­zten Jahrzehn­ten haben wir uns ja schon einige schwindlige, bess­er erschwindelte Faschis­mus-Def­i­n­i­tio­nen promi­nen­ter Antifaschis­ten um die Ohren hauen lassen müssen. Theodor Adorno wurde gerne falsch zitiert, Ignazio Silone noch öfter, und nun ist Umber­to Eco dran. Aus­gerech­net die Ver­schwörungs­fans berufen sich auf ein bru­tal gefälscht­es Faschis­musz­i­tat von Umber­to Eco, der zeit seines Lebens gegen Ver­schwörungss­chwurbeleien angeschrieben hat. Ein Faktencheck.

In seinem Roman „Der Fried­hof in Prag“ set­zt sich Eco mit der wider­lich­sten Ver­schwörungserzäh­lung der Neuzeit, den anti­semi­tis­chen „Pro­tokollen der Weisen von Zion“ auseinan­der. 2021 erschien bei Hanser übri­gens ein Büch­lein von Eco mit dem Titel „Ver­schwörun­gen. Eine Suche nach Mustern“, in dem einige wichtige Gedanken von Eco zu dem The­ma zusam­menge­tra­gen wur­den. Eco ist 2016 ver­stor­ben. Er selb­st kann sich also nicht dage­gen wehren, wenn etwa Schwur­bler im Jahr 2022 mit fol­gen­dem ihm zugeschriebe­nen Zitat hausieren gehen:

Der Faschis­mus von heute hat äußer­lich nichts mit dem aus der Ver­gan­gen­heit zu tun. Keine Uni­for­men, kein Stech­schritt und erhoben­er Grußarm. Nein, er ist mod­ern, raf­finiert ver­packt und wird mit PR verkauft.…aber der Geist, der dahin­ter steckt, die totale Kon­trolle und Aus­beu­tung, die Zen­sur, die Medi­en­gle­ich­schal­tung, die Lügen, die Unter­srück­ung und die Angriffskriege.…die Resul­tate sind diesel­ben. Die meis­ten Men­schen sehen das nicht und sind durch die Pro­pa­gan­da völ­lig geblendet. (Fehler im Original)

Posting mit gefälschtem Eco-Zitat zu Faschismus

Post­ing mit gefälschtem Eco-Zitat zu Faschismus

Ö.R. hat das am 22. Feb­ru­ar 2022 gepostet, mit einem Foto von Eco verse­hen, und dafür nicht nur ein paar Likes, son­dern auch 14 Teilun­gen erhal­ten. Das ist nicht üppig, aber wer auf Face­book nach dem Fake-Zitat sucht, kommt gle­ich auf wesentlich mehr Uploads: Es wird fleißig geteilt – ver­mut­lich auch auf anderen Kanälen.

Die in dem Zitat ange­bote­nen Merk­male des Faschis­mus sind so ober­fläch­lich und unbes­timmt, dass sie für viele Staat­en bzw. poli­tis­chen Sys­teme angenom­men wer­den kön­nen. Für einen Coro­na-Schwur­bler wie Ö.R. also bestens geeignet. Den Angriff­skrieg, der im Zitat auch vorkommt, bezieht Ö.R. schon rein zeitlich nicht auf Rus­s­land (Post­ing stammt vom 22.2.), den lässt er Tage später durch einen astrol­o­gis­chen Käse vom Fein­sten („astrale Indika­toren“ deuten auf Frieden) zerreden.

Zurück zum Zitat: Ecos Gedanken zum Faschis­mus find­en sich in dem lesenswerten Essay „Der ewige Faschis­mus“, der in dem gle­ich­nami­gen Buch bei Hanser 2020 erschienen ist. Das Zitat ist darin nicht enthal­ten, dafür eine dur­chaus inter­es­sante und auch brauch­bare Aufzäh­lung von 14 Merk­malen des Faschis­mus (eine kurze Zusam­men­fas­sung hier).

Umberto Eco: Der ewige Faschismus (Cover)

Umber­to Eco: Der ewige Faschis­mus (Cov­er)

14 Merk­male des Faschis­mus nach Umber­to Eco
1. Das erste Merk­mal des Ur-Faschis­mus ist ein Kult der Über­liefer­ung, wobei es da nicht auf Tra­di­tion­al­is­mus allein ankommt, son­dern vielmehr wer­den ver­schiedene Stränge miteinan­der ver­mis­cht und als abso­lut hingestellt.
2. Dazu gehört die Ablehnung der Mod­erne, wobei der eigentliche Fokus die Ablehnung von Aufk­lärung und Ver­nun­ft ist.
3. Kul­tur ist ver­pönt, insofern sie kri­tis­che Hal­tung einnimmt.
4. Kri­tik und Dis­sens ist im Sinne des Ur-Faschis­mus Verrat.
5. Ur-Faschis­mus beruht auch auf der Angst vor dem Andersartigen.
6. Gesellschaftliche beziehungsweise indi­vidu­elle Frus­tra­tion ist ide­al­er Nährbo­den für Faschis­mus und darauf grün­det sich auch der Ur-Faschismus.
7. Der Ver­lust der gesellschaftlichen Iden­tität ver­führt zu ein­er Obses­sion von Ver­schwörung, indem man sich auf den Nation­al­is­mus einschwört.
8. In der Polar­isierung der Feinde von gle­ichzeit­ig zu stark und zu schwach wird die Annahme impliziert, dass ein Sieg möglich ist.
9. Der Ur-Faschis­mus ist kein Kampf ums Über­leben, son­dern vielmehr ein Leben für den Kampf.
10. Elit­e­denken ist ein wichtiges Ele­ment ein­er reak­tionären Ideologie.
11. Dazu gehört auch die Per­spek­tive auf ein Heldentum.
12. Auch Sex­u­al­ität ist von Macht geprägt, was eben auch bedeutet, dass alle diejeni­gen abgelehnt beziehungsweise verurteilt wer­den, die nicht zum Stan­dard der pos­tulierten Sex­u­al­ge­wohn­heit­en zählen.
13. Kennze­ichen eines Ur-Faschis­mus ist auch ein selek­tiv­er oder qual­i­ta­tiv­er Pop­ulis­mus, wo die Iden­ti­fika­tion über eine Führerfig­ur erfol­gt, an die die Bürg­er ihre Rechte abge­treten haben.
14. Dazu gehört auch eine Sprache, die ein ver­armtes, spez­i­fis­ches Vok­ab­u­lar benutzt und eine ver­sim­pelte Syn­tax anwen­det, „um das Instru­men­tar­i­um für kom­plex­es und kri­tis­ches Denken zu begren­zen. (Der ewige Faschis­mus, S. 38)

Wir suchen also weit­er. Auf dem stark rechts­gestrick­ten Ver­schwörungsportal „Rubikon“ wer­den wir fürs Erste fündig. Dort ist 2021 eine ziem­lich windi­ge „Richtig­stel­lung“ erschienen: Das Zitat, das in einem zehn Jahre alten Beitrag erschienen ist, stamme nicht von Umber­to Eco, schreibt der Herr Chefredak­teur: „Ich kann dies heute nicht mehr abschließend prüfen, gehe jedoch nach mein­er soeben erfol­gten Recherche davon aus, dass das Zitat nicht von Umber­to Eco stammt und möchte mich für diesen Fehler entschuldigen — und ihn zugle­ich trans­par­ent und öffentlich machen.

Richtigstellung Rubikon

Richtig­stel­lung Rubikon

Soweit, so gut. Dann aber kommt die halbe Rück­nahme der Entschuldigung. Zitat ist zwar nicht von Eco, aber trotz­dem kor­rekt wiedergegeben und kön­nte daher auch von ihm so gedacht wor­den sein: „Soweit es mir heute möglich ist, den Vor­gang nachträglich zu beurteilen, scheint das Zitat zwar kor­rekt wiedergeben zu sein (und ist inhaltlich ohne­hin zutr­e­f­fend), jedoch nicht von Umber­to Eco, son­dern von einem anony­men Autor zu stam­men, der diese Sätze Umber­to Eco betr­e­f­fend for­mulierte.” Eine geschwurbelte Richtig­stel­lung also. Aber ist ihr über­haupt zu trauen? Wo hat der Herr Chefredak­teur recher­chiert, was er nicht mehr „abschließend prüfen“ kon­nte? Auf seinem WC?

Auf der (recht­en) Quer­front-Seite „scharf links“ vom 12.1.13 find­en wir das ange­bliche Eco-Zitat wieder, erweit­ert um fol­gende Sätze über Berlusconi:

Der Zus­tand der Demokratie in Ital­ien ist seit der Wahl im April der faschis­tis­chen Regierung Berlus­co­nis stark gefährdet. Wir kön­nen hin­schauen, wo wir wollen, in allen west­lichen Län­dern, ob in Ameri­ka oder Europa, gewin­nen die Faschis­ten immer mehr Macht (und die Linken helfen ihnen dabei) und ver­wan­deln die Län­der in Überwachungs- und Polizeis­taat­en.

Damit ist klar: Das kann kein Eco sein. Umber­to Eco war zwar ein schar­fer und klar­er Geg­n­er von Berlus­co­nis Poli­tik, aber er hätte nie dessen Regierung als faschis­tisch beschrieben. 2010 erk­lärt er dazu in einem Gespräch mit der „Frank­furter Rund­schau“:

Er hat die Gesin­nung eines Herrsch­ers, nicht die eines Demokrat­en. Obwohl ich jet­zt auch nicht zu jenen Geg­n­ern gehöre, die ständig zetern, er habe den Faschis­mus in Ital­ien wiedereinge­führt. Das hat er nicht: Es ist ja nicht so, dass er die Oppo­si­tion ins Gefäng­nis gesteckt hätte. Er hat vielmehr eine neue Form des medi­alen Pop­ulis­mus’ einge­führt. Und der kön­nte eine neue Form von nicht-repräsen­ta­tiv­er Demokratie sein.

Aber über das erweit­erte Zitat kom­men wir der Sache durch Suche näher. Auf der Ver­schwör­er­seite „Alles Schall und Rauch“ vom 3. Juli 2008 find­en wir die Quelle. Nicht sehr ein­deutig, aber doch erkennbar getren­nt, find­et sich unter dem Text eines unbekan­nten Redak­teurs dann der kur­siv geset­zte und kluge Text von Eco „Die Min­der­heit hat die Pflicht zu protestieren“, der am 2. Juli 2008 in der ital­ienis­chen Tageszeitung „La Repub­bli­ca“ als Leser­brief von Eco erschienen ist. Die Abschreiber und Zitat­fälsch­er haben den kurzen Text von Eco mit dem redak­tionellen Geschreib­sel von „Alles Schall und Rauch“ zusam­mengemis­cht und das Ganze als Text von Eco aus­gegeben. Eine ziem­lich bru­tale, bösar­tige und auch dumme Fälschung!

Alles Schall und Rauch mit Eco-Zitat 1

Alles Schall und Rauch mit Eco-Zitat 1

Alles Schall und Rauch mit Eco-Zitat 2

Alles Schall und Rauch mit Eco-Zitat 2

Alles Schall und Rauch mit Eco-Zitat 3

Alles Schall und Rauch mit Eco-Zitat 3

Repubblica Eco 2008 Original

Repub­bli­ca Eco 2008 Original