Nichts Neues in Salzburg und Wien: Salzburgs braune Straßennamen bleiben und ein Njet, nach Erika Weinzierl eine Verkehrsfläche zu benennen

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Wie­der ein­mal die alte Dis­kus­si­on und wie­der ein­mal bleibt’s beim Sta­tus Quo: In einem 1.100 Sei­ten dickem Bericht hat eine His­to­ri­ke­rIn­nen­kom­mis­si­on ihre Unter­su­chung zu Salz­burgs Stra­ßen­na­men ver­öf­fent­licht und 13 gelis­tet, die stark NS-belas­tet sind. Der VP-Bür­ger­meis­ter will bei den brau­nen Benen­nun­gen blei­ben. Und in Wien soll­te die Rahls­tie­ge nach einer der wich­tigs­ten öster­rei­chi­schen Historiker*innen, näm­lich nach Eri­ka Wein­zierl, die in Öster­reich eine Pio­nie­rin der Auf­ar­bei­tung des Natio­nal­so­zia­lis­mus war, benannt wer­den: Hier will die SPÖ nicht ein­mal diskutieren.

Nichts Neu­es in Salzburg

Es waren kei­ne „Links­ra­di­ka­len“, die da in Salz­burg im Jahr 2018 beauf­tragt wur­den, die Bio­gra­fien jener NS-belas­te­ten Per­so­nen zu unter­su­chen und zu klas­si­fi­zie­ren, nach denen in der Stadt Salz­burg Ver­kehrs­flä­chen benannt sind. Von den neun Mit­glie­dern des Fach­bei­rats kom­men vier aus dem Salz­bur­ger Stadt­ar­chiv und einer aus dem Lan­des­ar­chiv; dabei waren auch die Lei­te­rin der zustän­di­gen Abtei­lung im Salz­bur­ger Magis­trat und drei wei­te­re His­to­ri­ker aus dem uni­ver­si­tä­ren Umfeld. Die Kom­mis­si­on hat­te 66 Namen zu unter­su­chen und in Kate­go­rien einzuteilen.

Kate­go­rie 1 (24 Per­so­nen): Das Aus­maß der NS-Ver­stri­ckung ist im Ver­hält­nis zur Gesamt­bio­gra­fie nicht der­art gra­vie­rend, dass die­se im Kurz­text der Erläu­te­rungs­ta­fel ange­führt, son­dern nur auf der Web­site der Stadt Salz­burg im Ein­trag im digi­ta­len Stadt­plan (www.stadt-salzburg.at/strassennamen) und auf der NS-Home­page (www.stadt-salzburg.at/ns-projekt) the­ma­ti­siert wird.

Kate­go­rie 2 (29 Per­so­nen): Die NS-Belas­tung wird auf der Erläu­te­rungs­ta­fel ange­führt, auf der Web­site der Stadt Salz­burg im Ein­trag im digi­ta­len Stadt­plan (www.stadt-salzburg.at/strassennamen) aus­führ­lich erläu­tert und auf der Web­site des NS-Pro­jekts der Stadt Salz­burg (www.stadt-salzburg.at/ns-projekt) wis­sen­schaft­lich fun­diert dargestellt.

Kate­go­rie 3 (13 Per­so­nen): Auf­grund der gra­vie­ren­den NS-Ver­stri­ckung besteht Dis­kus­si­ons- und Hand­lungs­be­darf für die poli­ti­schen Entscheidungsträger*innen. Es ist zu klä­ren, ob mit einer Erläu­te­rungs­ta­fel, dem aus­führ­li­chen Ein­trag im digi­ta­len Stadt­plan (www.stadt-salzburg.at/strassennamen) und der bio­gra­fi­schen Dar­stel­lung auf der NS-Home­page (www.stadt-salzburg.at/ns-projekt) das Aus­lan­gen gefun­den wird oder eine Umbe­nen­nung in Erwä­gung gezo­gen wer­den soll.
(Nach NS-belas­te­ten Per­so­nen benann­te Stra­ßen in der Stadt
Salz­burg)

Der Kate­go­rie 3, also jene Per­so­nen, die als schwer­be­las­tet gel­ten, wur­den sei­tens des Fach­bei­rats zuge­teilt (fett mit einer ein­stim­mi­gen Entscheidung):

Bran­dau­er, Kuno (Lan­des­be­am­ter, Volks­kund­ler, Obmann des Salz­bur­ger Landestrachtenverbandes)
Damisch, Hein­rich, Dr.
(Musik­schrift­stel­ler, Mit­be­grün­der der Salz­bur­ger Festspiele)
Kara­jan, Her­bert von (Diri­gent)
Land­gre­be, Erich, Dipl.-Kfm. (Schrift­stel­ler, Maler)
Pfitz­ner, Hans, Dr. h. c.
(Kom­po­nist, Dirigent)
Por­sche, Fer­di­nand, Dr. Ing. h. c. (Kon­struk­teur)
Rei­ser, Tobi­as (Volks­mu­si­kant, Kulturfunktionär)
Resatz, Gus­tav (Bil­den­der Künstler)
Sau­er, Franz (Dom­or­ga­nist, Pro­fes­sor am Mozarteum)
Schenk, Erich, Univ.-Prof. Dr. (Musik­wis­sen­schaf­ter)
Sedl­mayr, Hans, Univ.-Prof. Dr. (Kunst­his­to­ri­ker)
Tho­rak, Josef (Bil­den­der Künstler)
Wag­gerl, Karl Hein­rich (Schrift­stel­ler)

Gleich nach Erschei­nen des Abschluss­be­richts kamen die ers­ten poli­ti­schen Reak­tio­nen. Der SPÖ-Vize­bür­ger­meis­ter meinte:

Gar nichts tun ist für mich unvor­stell­bar“, betont Auin­ger. Der KZ-Ver­band beharrt auf der Umbe­nen­nung aller Stra­ßen, die nach Nazis und ihren Mit­läu­fern benannt sind. Salz­burg brau­che kei­ne Nazis und Oppor­tu­nis­ten als Vor­bil­der. Auch die grü­ne Bür­ger­lis­te hält Stra­ßen­um­be­nen­nun­gen für unum­gäng­lich und will eine ein­heit­li­che Lösung für alle 13 schwer­be­las­te­ten Namen. Die Neos wol­len ergän­zen­de Zusatz­ta­feln, die Bür­ger sei­en mün­dig genug für eine Ein­ord­nung. (derstandard.at, 8.6.21)

Der ÖVP Bür­ger­meis­ter Harald Preu­ner hat sich eben­falls bereits fest­ge­legt: Er schließt eine Umbe­nen­nung aus und befin­det sich damit auch in trau­ter Gesell­schaft mit der FPÖ, die das bereits vor Erschei­nen des Berichts getan hat­te. Mit ÖVP, FPÖ und Neos hat sich daher eine Mehr­heit dafür aus­ge­spro­chen, dass die brau­nen Namen blei­ben sol­len. Preu­ner hat nun den als ÖVP-nahe gel­ten­den His­to­ri­ker Robert Kriech­bau­mer beauf­tragt, Emp­feh­lun­gen für das wei­te­re Ver­fah­ren aus­zu­ar­bei­ten. Viel hat Kriech­bau­mer nicht zu tun, da es nur mehr die Wahl gibt, ent­we­der alles in der bis­he­ri­gen Form zu belas­sen oder Zusatz­ta­feln anzubringen.

Eine kla­re Reak­ti­on folg­te von allen Zeithistoriker*innen des Fach­be­reichs Geschich­te an der Uni­ver­si­tät Salzburg.

Sie zeig­ten sich in einer Stel­lung­nah­me befrem­det, dass Preu­ner die For­schungs­er­geb­nis­se des „akri­bisch recher­chier­ten und dif­fe­ren­zier­ten Abschluss­be­richts ohne jede ernst­haf­te Aus­ein­an­der­set­zung vom Tisch wischt.“ Statt­des­sen wol­le Preu­ner offen­bar einen ein­zi­gen, par­tei­na­hen His­to­ri­ker damit beauf­tra­gen, eine Emp­feh­lung über das wei­te­re Vor­ge­hen abzu­ge­ben, hieß es in dem der APA vor­lie­gen­den Schrei­ben. (…) Die Zeit­his­to­ri­ker der Uni­ver­si­tät for­dern die Stadt­po­li­tik auf, die Ergeb­nis­se der von ihr selbst ein­ge­setz­ten His­to­ri­ker­kom­mis­si­on ernst­haft zu dis­ku­tie­ren und erst dar­auf auf­bau­end poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen in Bezug auf den Umgang mit „belas­te­ten” Stra­ßen­na­men zu tref­fen. (APA, 21.6.21 via wienerzeitung.at)

Inzwi­schen sind Bürger*innen schon zur Tat geschrit­ten: Sie haben die Hans-Pfitz­ner-Stra­ße und die Hein­rich-Damisch-Stra­ße kur­zer­hand mit Auf­kle­bern ver­se­hen, wie die APA berich­tet. „Unbe­kann­te haben in den ver­gan­ge­nen Tagen ein Stra­ßen­schild mit einem Auf­kle­ber ver­se­hen. ‚Ras­sis­ti­sche Kack­scheis­se’ ist dar­auf zu lesen. Das Schild soll nun umge­hend gerei­nigt wer­den.” Hier geht es also umge­hend, wenn es gilt, den brau­nen Mief wie­der in sei­ner alten Form herzustellen.

➡️ Schluss­be­richt des Fach­bei­rats „Erläu­te­run­gen von Stra­ßen­na­men“ zum Down­load
➡️ Kom­men­tar der ande­ren im Stan­dard: Salz­bur­ger Stra­ßen­na­men: NS-Befrei­ung – ein­mal anders

Nichts Neu­es in Wien-Mariahilf

Wäh­rend die Dis­kus­sio­nen um das Lue­ger-Denk­mal in Wien nun seit vie­len Jah­ren andau­ern, die Stadt­po­li­tik in die xte Run­de geht, um einem Umgang mit dem nach dem Anti­se­mi­ten Lue­ger benann­ten Platz und Denk­mal zu fin­den, gab es einen ers­ten Ver­such in Wien, eine Ver­kehrs­flä­che nach der über­aus ver­dienst­vol­len „Doy­enne” der öster­rei­chi­schen Zeit­ge­schich­te, Eri­ka Wein­zierl, zu benen­nen. Die Grü­nen Maria­hilf stell­ten in der Sit­zung der Bezirks­ver­tre­tung am 17. Juni den Antrag, „die zustän­di­gen Stel­len des Magis­trats der Stadt Wien (MA 7 etc.) [zu] ersu­chen, die Rahls­tie­ge in Eri­ka-Wein­zierl-Stie­ge umzubenennen.“

In der Begrün­dung heißt es:

Die His­to­ri­ke­rin Eri­ka Wein­zierl wuchs in Maria­hilf auf, besuch­te hier die Volks­schu­le und matu­rier­te 1943 am Gym­na­si­um Rahlgasse.
„Sie lei­te­te das Lud­wig-Boltz­mann-Insti­tut für Geschich­te der Gesell­schafts­wis­sen­schaf­ten und war ordent­li­che Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­rin an der Uni­ver­si­tät Salz­burg und der Uni­ver­si­tät Wien. Lan­ge Zeit war sie eine der weni­gen Frau­en im deutsch­spra­chi­gen Raum und die ein­zi­ge in Öster­reich auf einem Geschichts-Ordi­na­ri­at. Für ihre wis­sen­schaft­li­che und zivil­ge­sell­schaft­li­che kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus wur­de sie viel­fach aus­ge­zeich­net, lang­jäh­rig stand sie der Akti­on gegen den Anti­se­mi­tis­mus in Öster­reich vor, deren Ehren­prä­si­den­tin sie spä­ter wurde.”
(Quel­le:
https://de.wikipedia.org/wiki/Erika_Weinzierl)
Eri­ka Wein­zierl erhielt zahl­rei­che Aus­zeich­nun­gen für ihr Schaf­fen und Wir­ken, unter ande­rem das Gro­ße Sil­ber­ne Ehren­zei­chen der Republik.
Eine Ehrung in Maria­hilf — einem Bezirk mit einem gerin­gen Anteil an nach Frau­en benann­ten Ver­kehrs­flä­chen — durch Umbe­nen­nung der Rahls­tie­ge, bie­tet sich nicht nur auf­grund der räum­li­chen Nähe zum Gym­na­si­um Rahl­gas­se per­fekt an, zumal dadurch das Geden­ken an den Maler Carl Rahl auf­grund der unver­än­der­ten Gas­sen­be­nen­nung erhal­ten bleibt. 

Wäh­rend sich beim Tod von Eri­ka Wein­zierl im Okto­ber 2014 vom dama­li­gen Bun­des­prä­si­den­ten Fischer abwärts noch hoch­ran­gi­ge Vertreter*innen von SPÖ und ÖVP „tief betrof­fen“ gezeigt und Wein­zier­ls Ver­diens­te um die Auf­ar­bei­tung des Natio­nal­so­zia­lis­mus und ihr Enga­ge­ment gegen Anti­se­mi­tis­mus betont hat­ten, war davon in der Maria­hil­fer Bezirks­ver­tre­tung nichts mehr übrig. SPÖ und ÖVP lehn­ten selbst die für der­ar­ti­ge Ange­le­gen­hei­ten übli­che Vor­gangs­wei­se einer Zuwei­sung in die zustän­di­ge Kom­mis­si­on ab. Daher wur­de der Antrag schließ­lich mit Stim­men von SPÖ, ÖVP, Neos und FPÖ ratz­fatz abge­lehnt. 

➡️ Nach­ru­fe auf Eri­ka Wein­zierl – Der Stan­dard: His­to­ri­ke­rin Eri­ka Wein­zierl gestorben