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Salzburger Schande: Auseinandersetzung um eine „Marko Feingold-Straße“

Dass man dem Holo­caust-Über­le­ben­den Mar­ko Fein­gold eine Ver­kehrs­flä­che in Salz­burg wid­men will, dar­über sind sich die Salz­bur­ger Par­tei­en weit­ge­hend einig. Die Fra­ge ist nur, wel­che. Die bis­lang nach dem wüs­ten Anti­se­mi­ten Stelz­ha­mer benann­te Stra­ße soll es, wenn es nach ÖVP, SPÖ und FPÖ geht, jeden­falls nicht sein. 

14. Juli 2020

Mar­ko Fein­gold ver­starb am 19. Sep­tem­ber 2019. Er war damals mit sei­nen 106 Lebens­jah­ren der ältes­te öster­rei­chi­sche Holo­caust-Über­le­ben­de. Der in der Slo­wa­kei gebo­re­ne, in der Wie­ner Leo­pold­stadt auf­ge­wach­se­ne Fein­gold über­stand vier Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger, stran­de­te nach sei­ner Befrei­ung aus dem KZ Buchen­wald in Salz­burg, half von dort aus Tau­sen­den Juden und Jüdin­nen nach Paläs­ti­na zu rei­sen, war Lang­zeit­prä­si­dent der Salz­bur­ger Israe­li­ti­schen Kul­tus­ge­mein­de und absol­vier­te unzäh­li­ge Auf­trit­te als Zeit­zeu­ge – auch in einem der bemer­kens­wer­tes­ten Pro­jek­te der öster­rei­chi­schen Thea­ter­ge­schich­te, in „Die letz­ten Zeu­gen“ am Wie­ner Burgtheater.

Marko Feingold in "Die letzten Zeugen" am Burgtheater (Screenshot YouTube)
Mar­ko Fein­gold in „Die letz­ten Zeu­gen” 2015 am Burg­thea­ter (Screen­shot You­Tube)

Nun soll­te Fein­gold auf Initia­ti­ve der Salz­bur­ger Grü­nen und Neos anläss­lich sei­nes ers­ten Todes­ta­ges mit der Benen­nung einer Stra­ße in Salz­burg gewür­digt wer­den – näm­lich mit der bis­lang nach dem Anti­se­mi­ten Franz Stelz­ha­mer benann­ten „Stelz­ha­mer­stra­ße“, in deren direk­ter Nach­bar­schaft auch die Salz­bur­ger Syn­ago­ge behei­ma­tet ist.

Das bei Stra­ßen­um­be­nen­nun­gen oft ins Tref­fen geführ­te Argu­ment zu hoher Kos­ten für die Adress­än­de­run­gen lässt Grü­ner-Musil [Grü­ner Kul­tur­spre­cher Salz­burg; Anmk. SdR] nicht gel­ten: In der Stelz­ha­mer­stra­ße gebe es zwölf Häu­ser – ‚das soll­te uns die Erin­ne­rung an Mar­ko Fein­gold schon wert sein‘. (derstandard.at, 4.7.20)

Vorne die Stelzhamerstraße, direkt dahinter die Synagoge
Vor­ne die Stelz­ha­mer­stra­ße, direkt dahin­ter die Synagoge

Obwohl nur weni­ge Adres­sen durch die Umbe­nen­nung betrof­fen wären, gibt es Wider­stand: 

ÖVP, SPÖ und FPÖ signa­li­sier­ten bei einem eiligst ein­be­ru­fe­nen Tref­fen der Kul­tur­spre­cher aller Gemein­de­rats­frak­tio­nen am Diens­tag zwar ihre Bereit­schaft, Mar­ko Fein­gold mit einer Stra­ßen- oder Platz­be­nen­nung zu ehren, eine Zustim­mung zur Umbe­nen­nung der Stelz­ha­mer­stra­ße ist jedoch im Gemein­de­rat nicht mehr­heits­fä­hig. (derstandard.at, 8.7.20)

Inzwi­schen wan­ken auch bereits Neos und schla­gen ernst­haft vor, Fein­golds Name auf die Karo­li­nen­brü­cke zu ver­räu­men. Die ver­bin­det das Salz­bur­ger Lan­des­ge­richt mit dem Unfall­kran­ken­haus. Und der Anti­se­mit Stelz­ham­mer könn­te bei der Syn­ago­ge ange­sie­delt bleiben.

Maut­hau­sen Komi­tee for­dert kla­res Zei­chen gegen Anti­se­mi­tis­mus in Salzburg
Mar­ko-Fein­gold-Stra­ße statt Stelzhamerstraße

Das Maut­hau­sen Komi­tee Öster­reich (MKÖ), das dem Ver­mächt­nis der über­le­ben­den Häft­lin­ge des KZ Maut­hau­sen und sei­ner Außen­la­ger ver­pflich­tet ist, ver­tritt in der Debat­te um die Wür­di­gung von Mar­ko Fein­gold (1913–2019) durch die Stadt Salz­burg einen ein­deu­ti­gen Standpunkt.

„Mar­ko Fein­gold war jahr­zehn­te­lang Vor­stands­mit­glied des Maut­hau­sen Komi­tees”, sagt MKÖ-Vor­sit­zen­der Wil­li Mer­nyi. „Uner­müd­lich hat er sich für Demo­kra­tie und gegen Anti­se­mi­tis­mus ein­ge­setzt. Wenn die Stadt Salz­burg Mar­ko Fein­golds Lebens­werk wirk­lich ehren will, muss sie die nach dem anti­se­mi­ti­schen Het­zer Franz Stelz­ha­mer benann­te Stra­ße auf ihn umbenennen.”

Das Maut­hau­sen Komi­tee Öster­reich unter­stützt mit Nach­druck den dies­be­züg­li­chen Wunsch von Han­na Fein­gold, der Wit­we von Mar­ko Fein­gold und Prä­si­den­tin der Israe­li­ti­schen Kul­tus­ge­mein­de Salzburg.

„Es wäre pie­tät­los, ja absurd, wür­de die Stadt irgend­ei­nen Platz oder irgend­ei­ne Brü­cke Mar­ko Fein­gold wid­men, aber wei­ter­hin in unmit­tel­ba­rer Nähe der Syn­ago­ge die Stelz­ha­mer­stra­ße dul­den”, betont Mernyi.

Franz Stelz­ha­mer (1802–1874) war nicht nur Dich­ter der heu­ti­gen Lan­des­hym­ne Ober­ös­ter­reichs, son­dern auch ein glü­hen­der Anti­se­mit. Er bezeich­ne­te Juden als Para­si­ten, die ver­nich­tet wer­den müss­ten. Anti­se­mi­tis­mus war unter Stelz­ha­mers Zeit­ge­nos­sen zwar weit­ver­brei­tet, nicht aber die­ser fana­ti­sche Hass.

„Das Maut­hau­sen Komi­tee for­dert Bür­ger­meis­ter Harald Preu­ner, Vize­bür­ger­meis­ter Bern­hard Auin­ger und den Gemein­de­rat der Stadt Salz­burg auf, die Stelz­ha­mer­stra­ße als kla­res Zei­chen gegen Anti­se­mi­tis­mus umzu­be­nen­nen”, so der MKÖ-Vorsitzende.

Ins Tref­fen geführ­te Gegen­ar­gu­men­te – die Stadt kön­ne bei his­to­risch belas­te­ten Per­sön­lich­kei­ten nicht „ein­zel­fall­be­zo­gen” vor­ge­hen und den Bewoh­nern der Stelz­ha­mer­stra­ße sei die Umbe­nen­nung nicht zuzu­mu­ten – wider­legt er.

„Erst im Dezem­ber des Vor­jah­res hat die Stadt Salz­burg das Ehren­grab des NS-Kom­po­nis­ten Hans Schmid um 25.000 Euro ver­län­gert. Bei die­ser Ehrung eines brau­nen Par­tei­gän­gers war das ein­zel­fall­be­zo­ge­ne Vor­ge­hen offen­bar kein Pro­blem”, stellt Mer­nyi fest. „Und natür­lich muss die Stadt die Umbe­nen­nungs­kos­ten der Stra­ßen­be­woh­ner über­neh­men und sie bei Urkun­den­än­de­run­gen unter­stüt­zen. Als 1997 in Wels die Kern­stock­stra­ße auf Tho­mas-Mann-Stra­ße umbe­nannt wur­de, hat das ohne wei­te­res funk­tio­niert. War­um soll­te das in Salz­burg anders sein?”

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