Das harte Los der FPÖ-Vorsitzenden

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Die FPÖ ist gera­de dabei, ihren lang­jäh­ri­gen Par­tei­vor­sit­zen­den Stra­che aus der Par­tei aus­zu­schlie­ßen. Es ist ein sehr unge­wöhn­li­cher und mas­si­ver Schritt, wenn eine Par­tei ihren Chef aus­schließt – aber es kommt schon mal vor. Wenn eine Par­tei aber gleich mehr­mals ihre Vor­sit­zen­den aus­schließt oder die Vor­sit­zen­den frei­wil­lig vor ihrer Par­tei flüch­ten, dann könn­te mög­li­cher­wei­se auch mit der Par­tei selbst eini­ges nicht in Ord­nung sein. Natür­lich han­delt es sich bei die­ser ein­zig­ar­tig auf­fäl­li­gen Par­tei um die FPÖ.

Der Ein­fach­heit hal­ber wer­den alle Par­tei­vor­sit­zen­den der FPÖ hier chro­no­lo­gisch dar­ge­stellt – unab­hän­gig davon, ob sie aus­ge­schlos­sen wur­den oder die Par­tei frei­wil­lig ver­las­sen haben. Auch die ande­ren Par­tei­vor­sit­zen­den – jene ohne Aus­schluss oder Aus­tritt – waren auf­fäl­lig genug!

Anton Reinth­al­ler war der ers­te Par­tei­vor­sit­zen­de der FPÖ, also vom 7.4.1956 bis zu sei­nem Tod am 6.3.1958. Reinth­al­ler war hoch­ran­gi­ger Natio­nal­so­zia­list und SS-Offi­zier (SS-Bri­ga­de­füh­rer), wur­de aus die­sem Grund auch zum Par­tei­vor­sit­zen­den bestellt und als Eini­ger des natio­na­len Lagers ver­ehrt. Ein aus­führ­li­ches Kapi­tel bei Mar­git Rei­ter, Die Ehe­ma­li­gen. Der Natio­nal­so­zia­lis­mus und die Anfän­ge der FPÖ. Göt­tin­gen 2019, ist Anton Reinth­al­ler gewidmet.

1. FPÖ-Parteiobmann Anton Reinthaller (Foto Landheimat 2.4.1938)

1. FPÖ-Par­tei­ob­mann Anton Reinth­al­ler (Foto Land­hei­mat 2.4.1938, via Anno)

Fried­rich Peter wur­de am 3. Bun­des­par­tei­tag der FPÖ (12.–14.9.1958) nach mehr­mo­na­ti­ger Füh­rungs­dis­kus­si­on zum Nach­fol­ger Reinth­al­lers gewählt und übte die Funk­ti­on als Bun­des­par­tei­ob­mann der FPÖ zwan­zig Jah­re lang – bis 30.9.1978 – aus. Peter war als Mit­glied der Waf­fen-SS in Kampf­ein­hei­ten (Ein­satz­grup­pe C), die für die sys­te­ma­ti­sche Ermor­dung von hun­dert­tau­sen­den Juden ver­ant­wort­lich waren. Peter wur­de 1945 ein Jahr lang im US-Anhal­te­la­ger Gla­sen­bach inter­niert. 1992 trat Peter wegen des anti­eu­ro­päi­schen Kur­ses der FPÖ unter sei­nem spä­te­ren Nach­fol­ger Jörg Hai­der aus der Par­tei aus. Schon vor­her, im Jahr 1991, muss­te sich das Lan­des­par­tei­ge­richt NÖ mit einem Antrag auf Par­tei­aus­schluss von Peter befas­sen, weil der Hai­ders Spruch über die „ordent­li­che Beschäf­ti­gungs­po­li­tik im drit­ten Reich“ hef­tig kri­ti­siert hat­te. Dem Antrag wur­de nicht statt­ge­ge­ben (Leser­brief F. Peter, Kurier 19.9.92).

Alex­an­der Götz wur­de am 30.9.78 nach Peters Rück­tritt zum neu­en Par­tei­ob­mann der FPÖ gewählt. Die­se Funk­ti­on übte er bis zu sei­nem über­ra­schen­den Rück­tritt am 1.12.79 aus. Anfang Juni 1987 wur­de Alex­an­der Götz auf Drän­gen von Jörg Hai­der vom stei­ri­schen Lan­des­par­tei­vor­stand aus der FPÖ aus­ge­schlos­sen, weil er – damals 60 – eine hohe Poli­ti­ker­pen­si­on bean­tragt bzw. beim Ver­fas­sungs­ge­richts­hof ein­ge­klagt hat­te. Der Aus­schluss wur­de im Febru­ar 1988 vom Schieds­ge­richt annul­liert.

Nor­bert Ste­ger wur­de Anfang März 1980 Nach­fol­ger von Götz und auf einem Par­tei­tag der FPÖ am 14.9.1986 nach einer ver­lo­re­nen Kampf­ab­stim­mung von Jörg Hai­der als Bun­des­par­tei­ob­mann (BPO) abge­löst. Ste­ger galt trotz sei­ner selt­sa­men Erzäh­lung über sei­ne Vor­fah­ren als Expo­nent des wirt­schafts­li­be­ra­len Flü­gels in der FPÖ.

Arbeiter Zeitung 15.9.1986: "Tränen, Trauer, Triumph: So siegte Jörg Haider"

Arbei­ter Zei­tung 15.9.1986: „Trä­nen, Trau­er, Tri­umph: So sieg­te Jörg Haider”

Jörg Hai­der wur­de am 14.9.86 zum neu­en Vor­sit­zen­den der FPÖ gewählt und behielt die­se Funk­ti­on bis zum 1.5.2000. Der schla­gen­de Bur­schen­schaf­ter (pen­na­le Ver­bin­dung Albia Bad Ischl, Bur­schen­schaft Sil­va­nia Wien) und Sohn eines über­zeug­ten „ille­ga­len“ Natio­nal­so­zia­lis­ten leg­te nach Bil­dung der ers­ten schwarz­blau­en Bun­des­re­gie­rung Anfang Febru­ar 2000 am 29.2.2000 sein Amt zurück. Am 4. April 2005 gab er die Grün­dung einer neu­en Par­tei, des Bünd­nis Zukunft Öster­reich (BZÖ), bekannt und wur­de des­halb am 7.4.2005 von Hil­mar Kabas aus der FPÖ aus­ge­schlos­sen.

Susan­ne Riess (-Pas­ser) wur­de am 1.5.2000 zunächst ein­mal zur Nach­fol­ge­rin von Jörg Hai­der als Par­tei­vor­sit­zen­de der FPÖ bestellt. Riess-Pas­ser, die auch Vize­kanz­le­rin der Regie­rung Schüs­sel I war, trat am Tag nach der Knit­tel­fel­der Ver­samm­lung vom 7.9.2002 von allen Funk­tio­nen zurück und am 25. 3. 2005 aus der FPÖ aus. Inte­ri­mis­tisch wur­de 2002 Her­bert Scheib­ner zum BPO bestellt – bis zur Wahl von Reichhold.

Mathi­as Reich­hold wur­de am Bun­des­par­tei­tag der FPÖ am 21.9.2002 neu­er BPO der FPÖ, gab aber schon am 31.10.2002, nach genau 40 Tagen, sei­nen Rück­tritt „aus gesund­heit­li­chen Grün­den“ bekannt. Sein Rück­tritt erfolg­te knapp vor der Natio­nal­rats­wahl am 24.11.2002. Im Jahr dar­auf wur­de er Mana­ger bei der Fir­ma Magna von Frank Stronach.

Her­bert Haupt sprang dar­auf­hin ein: zunächst als inte­ri­mis­ti­scher Obmann, dann als geschäfts­füh­ren­der BPO und schließ­lich, ab 8. Dezem­ber 2002, als von einem ao. Bun­des­par­tei­tag mit 87,8 Pro­zent gewähl­ter neu­er FPÖ-Vor­sit­zen­der. Der Alte Herr der Lands­mann­schaft Kärn­ten zu Wien war Vize­kanz­ler und Sozi­al­mi­nis­ter. Schon weni­ge Mona­te nach sei­ner Wahl zum BPO – im Früh­jahr 2003 – gab es ers­te Rück­tritts­ge­rüch­te. Im Juni 2003 plä­dier­te Heinz Chris­ti­an Stra­che, damals stell­ver­tre­ten­der Wie­ner Par­tei­chef, dafür, dass Hai­der wie­der Par­tei­chef, Haupt aber Vize­kanz­ler blei­ben sol­le. Im Okto­ber 2003 wird Haupt ent­mach­tet: Hubert Gor­bach lös­te ihn als Vize­kanz­ler ab. Als Par­tei­ob­mann erhält er Ursu­la Haub­ner, die Schwes­ter von Jörg Hai­der, als geschäfts­füh­ren­de Vor­sit­zen­de vor­ge­setzt. Haupt trat im April 2005 mit den ande­ren FPÖ-Regie­rungs­mit­glie­dern zum BZÖ über, ist aber mitt­ler­wei­le wie­der zur FPÖ zurückgewandert.

Ursu­la Haub­ner, die ab Okto­ber 2003 als geschäfts­füh­ren­de Vor­sit­zen­de der FPÖ amtier­te, wur­de am 3. Juli 2004 auf einem außer­or­dent­li­chen Par­tei­tag der FPÖ mit 79 Pro­zent der Dele­gier­ten­stim­men zur neu­en Par­tei­vor­sit­zen­den der FPÖ gewählt. Am 4. April 2005 trat die Par­tei­vor­sit­zen­de aus der FPÖ aus und zum BZÖ über.

Hil­mar Kabas, der bis zu die­sem Zeit­punkt nur durch die „Hump-Dump“-Affäre und den angeb­li­chen Sicher­heits­check in einem Bor­dell poli­tisch auf­ge­fal­len war, muss­te nach der Spal­tung der FPÖ als inte­ri­mis­ti­scher Par­tei­chef ein­sprin­gen und amtier­te in die­ser Funk­ti­on bis zum 23. April 2005, also noch kür­zer als Mathi­as Reich­hold. Kabas schloss neben Hai­der gleich ein­mal eini­ge ande­re Spit­zen­funk­tio­nä­re der FPÖ aus und wur­de dann zum Ehren­ob­mann der FPÖ gekürt.

Heinz Chris­ti­an Stra­che wur­de am 23.4.2005 zum neu­en Obmann der FPÖ gewählt und blieb das trotz eini­ger Ent­hül­lun­gen über sei­ne poli­ti­sche Ver­gan­gen­heit im Neo­na­zi-Milieu und ande­rer Skan­da­le wäh­rend sei­ner Amts­zeit bis zum 18.5.2019, als er wegen der Ibi­za-Affä­re als BPO der FPÖ zurück­tre­ten muss­te. Am 1.10.2019 wur­de dann nach Ent­hül­lun­gen über Par­tei­spe­sen Stra­ches Par­tei­mit­glied­schaft sus­pen­diert und Stra­che ver­kün­de­te sei­nen völ­li­gen Rück­zug aus der Poli­tik. Die Wie­ner FPÖ betreibt der­zeit ein Par­tei­aus­schluss­ver­fah­ren gegen Stra­che, nach­dem er Ende Novem­ber zunächst sei­ne Rück­kehr in die Poli­tik als Par­tei­chef, dann als Wie­ner Par­tei­chef ange­bo­ten hatte.

Heinz-Christian Strache bei seinem letzten FPÖ-Neujahrstreffen im Jänner 2019 (© Bwag/Wikimedia)

Heinz-Chris­ti­an Stra­che bei sei­nem letz­ten FPÖ-Neu­jahrs­tref­fen im Jän­ner 2019 (© Bwag/Wikimedia)

Nor­bert Hofer ist seit 14.9.2019 Nach­fol­ger von Stra­che als Bun­des­par­tei­ob­mann der FPÖ.

Damit ergibt sich fol­gen­des Gesamt­bild: Von den bis­lang 12 Par­tei­vor­sit­zen­den der FPÖ schie­den bis­her zwei, näm­lich Alex­an­der Götz und Jörg Hai­der durch Aus­schluss aus (wobei der Aus­schluss von Götz spä­ter annul­liert wur­de). Ein wei­te­rer Aus­schluss (Stra­che) steht an. Vier Par­tei­vor­sit­zen­de der FPÖ tra­ten aus der Par­tei aus (Peter, Riess-Pas­ser, Haupt, Haub­ner) und einer, Ste­ger, wur­de in einer Kampf­ab­stim­mung abge­wählt. Zwei von den zwölf Par­tei­vor­sit­zen­den, näm­lich Kabas und Reich­hold, waren so kurz in ihren Ämtern, dass sie eigent­lich nicht mit­ge­zählt wer­den dürf­ten. Ähn­li­ches gilt (noch) für Nor­bert Hofer. Somit bleibt vor­erst nur der Alt­na­zi und Par­tei­grün­der Anton Reinth­al­ler übrig, der sei­ne Amts­zeit als Vor­sit­zen­der bzw. sei­ne Lebens­zeit in der FPÖ völ­lig unbe­scha­det über­stan­den hat.

Update 12.6.21: Am 1. Juni 2021 hat Nor­bert Hofer ent­nervt das Hand­tuch gewor­fen: „Ich las­se mir nicht jeden Tag aus­rich­ten, dass ich fehl am Platz bin.” Dem vor­aus­ge­gan­gen waren mona­te­lan­ge Sti­che­lei­en durch sei­nen mitt­ler­wei­le desi­gnier­ten Nach­fol­ger Her­bert Kickl. Damit bleibt Anton Reinth­al­ler der ers­te und letz­te FPÖ-Par­tei­vor­sit­zen­de, der sei­ne Kar­rie­re in der FPÖ bis zum sei­nem Tod schad­los über­lebt hat.