Deutsche Burschenschaft: Die missbrauchten Kronzeugen

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Vor allem deutsch-völ­ki­sche Bur­schen­schaf­ten in Öster­reich brüs­ten sich ger­ne bei allen unpas­sen­den Gele­gen­hei­ten mit Per­sön­lich­kei­ten, die man eigent­lich nicht in ihren Rei­hen ver­mu­ten wür­de. Vic­tor Adler Grün­der der öster­rei­chi­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie, wird da eben­so ger­ne ange­führt wie Micha­el Häupl, der Wie­ner Alt­bür­ger­meis­ter, die Schrift­stel­ler Hein­rich Hei­ne und Her­mann Bahr oder auch Theo­dor Herzl, Begrün­der des poli­ti­schen Zio­nis­mus. Gemein­sam ist ihnen allen, dass sie zwar ein­mal Bur­schen­schaf­ter waren, dann aber aus­ge­tre­ten sind oder aus­ge­schlos­sen wurden.

Bei Micha­el Häupl ist der Fall ganz ein­fach. Aus sei­ner Mit­glied­schaft bei der pen­na­len Ver­bin­dung Rugia in Krems hat der Sozi­al­de­mo­krat und Anti­fa­schist nie ein Geheim­nis gemacht. Die ers­te uns bekann­te Mel­dung war im „Stan­dard“ vom 19.2.1993 zu fin­den. In einem Inter­view mit den „Salz­bur­ger Nach­rich­ten“ (10.7.09) sprach er von einem „Damas­kus­er­leb­nis“, das dazu geführt habe, dass er mit 19 „die­se Trup­pe ver­las­sen“ habe. Es blieb dem rechts­rech­ten „Wochen­blick“ vor­be­hal­ten, vie­le Jah­re spä­ter mit der „Ent­hül­lung“ glän­zen zu wol­len, dass Häupl vor 50 Jah­ren „stram­mer Bur­schen­schaf­ter“ war.

Burschenschafter Mensur

Bur­schen­schaf­ter Mensur

Häupl hat­te von einem „Damas­kus­er­leb­nis“ gespro­chen, das zu sei­nem Aus­tritt führ­te. Ein sol­ches „Damas­kus­er­leb­nis“ hat­te auch Vik­tor Adler, Mit­glied der deutsch­völ­ki­schen „brau­nen“ Armi­nia Wien (braun war damals nur das Unter­schei­dungs­merk­mal bei den Müt­zen – zur Unter­schei­dung von der „blau­en“ Armi­nia) und mit Engel­bert Per­n­erstor­fer und Georg (Rit­ter) von Schö­ne­rer an der Aus­ar­bei­tung des 1882 erstell­ten „Lin­zer Pro­gramms“, Grund­satz­pa­pier der Deutsch­na­tio­na­len Öster­reichs, maß­geb­lich betei­ligt. Der zuneh­mend rabia­ter wer­den­de Anti­se­mi­tis­mus von Schö­ne­rer und Co. bewirk­te, dass in den 80er-Jah­ren des 19. Jahr­hun­derts immer mehr Bur­schen­schaf­ten die Auf­nah­me von jüdi­schen Mit­glie­dern ver­wei­ger­ten und auch Alte Her­ren jüdi­schen Glau­bens aus­schlos­sen. Adler trat wegen des Anti­se­mi­tis­mus bei den Armi­nen aus, sein Ver­bin­dungs­bru­der Engel­bert Per­n­erstor­fer, der sich bis zu sei­nem Lebens­en­de zu Deutsch­na­tio­na­lis­mus und Sozi­al­de­mo­kra­tie bekann­te, aus dem glei­chen Grund aus dem Deutsch­na­tio­na­len Verein.

Austritt aus Burschenschaften wegen Antisemitismus (aus: Antisemitismus in Österreich 1933-1938. Böhlau Verlag, Wien 2018)

Ein „Damas­kus­er­leb­nis“ durch den Anti­se­mi­tis­mus der Bur­schen­schaf­ten hat­te wohl auch der Schrift­stel­ler Her­mann Bahr (1863–1934), der 1883 wegen sei­ner wild anti­se­mi­ti­schen und groß­deut­schen Rede beim Trau­er­kom­mers für Richard Wag­ner von der Uni­ver­si­tät Wien rele­giert, von den Anti­se­mi­ten um Schö­ne­rer aber gefei­ert wur­de. Bahr, ein Bur­schen­schaf­ter der heu­te noch akti­ven Bur­schen­schaft Albia Wien, stell­te Jah­re spä­ter, nach­dem und weil er sich in Schrif­ten klar vom Anti­se­mi­tis­mus distan­ziert hat­te (sie­he Her­mann Bahr, Der Anti­se­mi­tis­mus), ein Aus­tritts­ge­such an sei­ne Bur­schen­schaft und wur­de von die­ser „ehren­haft“ entlassen.

Sei­nen Ver­bin­dungs­bru­der Theo­dor Herzl hat­te die Albia nicht so gene­rös behan­delt. Als Herzl von den anti­se­mi­ti­schen Exzes­sen beim Trau­er­kom­mers für Richard Wag­ner hör­te, ver­ließ er unter Pro­test sei­ne Bur­schen­schaft. Die ver­wei­ger­te ihm des­we­gen einen „ehren­haf­ten“ Austritt.

Vie­le Jah­re spä­ter aber wird die Mit­glied­schaft Herzls in der Bur­schen­schaft Albia sogar als Beleg dafür ange­führt, dass es sich beim WKR- (jetzt FPÖ-Akademiker-)Ball nicht um eine anti­se­mi­ti­sche Ver­an­stal­tung han­deln kön­ne. Domi­ni­que Sopo, der Vor­sit­zen­de der fran­zö­si­schen Orga­ni­sa­ti­on SOS Racis­me, hat­te der Vor­sit­zen­den des Front Natio­nal (jetzt Ras­sem­blem­ent Natio­nal) die Teil­nah­me an einem „anti­se­mi­ti­schen Ball“ von „Nost­al­gi­kern des Drit­ten Reichs“ vor­ge­wor­fen und war von ihr wegen Ver­leum­dung geklagt wor­den. Le Pens Anwalt behaup­te­te in der Beru­fungs­ver­hand­lung, dass die Mit­glied­schaft Herzls in der (den WKR-Ball mit­ver­an­stal­ten­den) Bur­schen­schaft Albia im Jahr 1881/82 doch Beleg dafür sei, dass es sich beim WKR-Ball nicht um eine anti­se­mi­ti­sche Ver­an­stal­tung han­deln kön­ne. Den Aus­tritt Herzls 1883 erwähn­te der Anwalt nicht – Sopo wur­de vom Vor­wurf der Ver­leum­dung frei­ge­spro­chen (Stan­dard, 15.1.2016 und Stoppt die Rech­ten).

Heinz-Chris­ti­an Stra­che hat­te schon anläss­lich sei­nes Isra­el-Besuchs 2010, wo er mit dem Cere­vis, dem Bur­schen­schaf­ter­käp­pi, in der Gedenk­stät­te Yad Vas­hem pro­vo­zier­te, vom „Bur­schen­schaf­ter und Patrio­ten“ Herzl (Pres­se, 7.12.2010) geschwärmt und die Behaup­tung auf­ge­stellt, ohne Bur­schen­schaf­ten gäbe es kei­nen Zio­nis­mus (ORF-Pres­se­stun­de, 8.2.2009, Stra­che: „Es wür­de auch kei­nen Zio­nis­mus geben weil Theo­dor Herzl auch Mit­glied war“). Purer Zynis­mus oder simp­le Dummheit?

2018 fühl­te sich der Pres­se­spre­cher der stei­ri­schen Bur­schen­schaf­ten, Wolf­gang Auf (Bur­schen­schaft Stiria Graz) in einem Gast­kom­men­tar für den „Stan­dard“ (18.4.2018) in Nach­be­ar­bei­tung der Lie­der­buch-Affä­re bei der pen­na­len Bur­schen­schaft Ger­ma­nia Wie­ner Neu­stadt dazu beru­fen, nament­lich Her­mann Bahr, Vic­tor Adler, Max Weber, Theo­dor Herzl und Hein­rich Hei­ne als Beleg für die auf­rech­te demo­kra­ti­sche Gesin­nung von Bur­schen­schaf­tern zu prä­sen­tie­ren: „Es waren nicht die Schlech­tes­ten, die sich mit Schlä­ger, Müt­ze und far­bi­gem Band iden­ti­fi­zier­ten.“ Das ist schon ziem­lich frech!

Hein­rich Hei­ne, der bei Auf auch als Kron­zeu­ge für die Bur­schen­schaf­ten miss­braucht wur­de, ist übri­gens schon 1820 aus sei­ner Bur­schen­schaft (Alle­man­nia Bonn) aus­ge­schlos­sen wor­den – und zwar wegen der anti­se­mi­ti­schen Grund­stim­mung, die es schon damals bei bestimm­ten Bur­schen­schaf­ten gab.

Von Hei­ne stam­men auch die fol­gen­den hell­sich­ti­gen Zei­len über die Gesin­nung der Burschenschafter:

aus: Jost Hermand: Eine Jugend in Deutschland. Heinrich Heine und die Burschenschaft

aus: Jost Her­mand: Eine Jugend in Deutsch­land. Hein­rich Hei­ne und die Burschenschaft

Im Bier­kel­ler zu Göt­tin­gen muß­te ich einst bewun­dern, mit wel­cher Gründ­lich­keit mei­ne alt­deut­schen Freun­de die Proskrip­ti­ons­lis­ten anfer­tig­ten, für den Tag, wo sie zur Herr­schaft gelan­gen wür­den. Wer nur im sie­ben­ten Glied von einem Fran­zo­sen, Juden oder Sla­wen abstamm­te, ward zum Exil ver­ur­teilt. Wer nur im min­des­ten etwas gegen Jahn oder über­haupt gegen alt­deut­sche Lächer­lich­kei­ten geschrie­ben hat­te, konn­te sich auf den Tod gefaßt machen, und zwar auf den Tod durchs Beil, nicht durch die Guil­lo­ti­ne, obgleich die­se ursprüng­lich eine deut­sche Erfin­dung und schon im Mit­tel­al­ter bekannt war, unter dem Namen »die wel­sche Fal­le«.“

Im Unter­schied zu den miss­brauch­ten Kron­zeu­gen füh­ren ein­zel­ne Bur­schen­schaf­ten noch immer Lis­ten mit „berühm­ten“ Bur­schen­schaf­tern, die nie aus­ge­schlos­sen wur­den, die auch nicht aus­ge­tre­ten sind, deren Akti­vi­tä­ten und Mit­glied­schaf­ten in natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ein­hei­ten aber (fast) immer ver­schwie­gen wer­den. Mit ihnen wer­den wir uns auch noch beschäftigen!

Herzl Aus­tritts­ge­such Albia (PDF)

Burschenschafter Schmiss

Bur­schen­schaf­ter Schmiss