Michael Köhlmeier: Von der Liebe, der Würde und einem guten Polizisten

Am 10. April wurde der Fer­di­nand-Berg­er-Preis 2019 an den Schrift­steller Michael Köhlmeier vergeben. Fer­di­nand Berg­er († 2004)  war Wider­stand­skämpfer und (inter­na­tionaler) Brigadist im spanis­chen Bürg­erkrieg, der ab 1941 als poli­tis­ch­er Häftling in den KZ Dachau und Flossen­bürg inhaftiert war. Nach sein­er Rück­kehr nach Öster­re­ich trat Berg­er in den Polizei­di­enst ein und arbeit­ete nach sein­er Pen­sion­ierung ehre­namtlich im DÖW. Der Preis, der jährlich vergeben wird, wurde von seinem Sohn Ernst und Enkel­sohn René ges­tiftet. Wir danken Michael Köhlmeier für die Erlaub­nis zur Veröf­fentlichung sein­er Preisrede.

Fer­di­nand Berg­er Preis (Dankesrede)

Sehr verehrte Damen und Herren,

ich war siebzehn und sehr ver­liebt, da las ich den Roman Wem die Stunde schlägt von Ernest Hem­ing­way und ver­liebte mich gle­ich noch ein­mal, in Maria näm­lich, die Pro­tag­o­nistin des Romans, und das gelang mir, indem ich mich bis in die let­zte Pore mit Robert Jor­dan iden­ti­fizierte, dem männlichen Pen­dant. Der Roman spielt während des Spanis­chen Bürg­erkriegs im Jahr 1937. Robert Jor­dan ist Amerikan­er und kämpft in den Rei­hen der Inter­na­tionalen Brigaden auf der Seite der Repub­likan­er gegen die faschis­tis­chen Fran­quis­ten. Er lernt Maria ken­nen, die bei­den ver­lieben sich ineinan­der. Sie schmiegen sich eng ein­er an den anderen, und als sie am Mor­gen am Rand eines Waldes erwachen, liegt Schnee auf dem Schlaf­sack und auf Marias Haar. Sie wur­den geweckt vom Geschütz­don­ner ihrer Feinde. Diese Szene las ich immer und immer wieder.

Auf unver­gle­ich­liche Art, eben auf hem­ing­waysche Art, ver­schmelzen miteinan­der Liebe, sex­uelle Lei­den­schaft und lei­den­schaftliche Liebe zur Frei­heit – wie kön­nte ein junges Herz sich dem ver­schließen! Die Dik­tatur, das war aus jed­er Zeile des Romans her­auszule­sen, nimmt den Men­schen alles: das Leben, die Frei­heit und die Würde – die Würde, die in ihrer Essenz darin beste­ht, ein Men­sch zu sein mit allen Recht­en und Möglichkeit­en. Nicht erst, wenn die Kanonen krachen, wer­den die Men­schen entwürdigt. Wo Men­schen mit Absicht, poli­tis­ch­er Absicht, in Armut getrieben wer­den, auch dort wer­den sie entwürdigt. Wo Miss­gun­st geschürt wird, um die Erniedri­gung ein­er Men­schen­gruppe zu recht­fer­ti­gen, dort wird bere­its entwürdigt, absichtlich, aus poli­tis­chem Kalkül her­aus, was den Begriff der Nieder­tra­cht definiert. Nie­mand kann in unserem Land von einem Euro und fün­fzig Cent pro Tag leben, und trotz­dem gibt es solche, Klassen­zweite, die vor­preschen, den Fin­ger heben und aus­rufen: He, ich kann’s noch bess­er, ich habe schon vor ein paar Jahren gefordert, man soll denen nur einenEuro geben. Es mag eine Kun­st sein, den Men­schen einzure­den, wie wer­den erhöht, wenn andere erniedrigt wer­den; aber es ist eine niederträchtige Kun­st, eine stink­ende Kun­st, es ist die Kun­st des Bös­men­schen … – Aber halt! Ich will nicht bit­ter sein, heute nicht.

In diesem wun­der­baren Roman – den ich unbe­d­ingt bald wieder lesen möchte, es wird dann zum fün­ften oder sech­sten Mal sein – wird viel über Poli­tik und Wider­stand, über Dik­tatur, Helden­tum, Feigheit, Mitläufer­tum, Großzügigkeit, Wei­therzigkeit und eben auch Nieder­tra­cht erzählt; vor allem aber wird – ja – von der Würde berichtet, und dass sie in eins fällt mit der Liebe; nicht mit der großen abstrak­ten Liebe zur ganzen Welt und zur ganzen Men­schheit, die sich so leicht ide­ol­o­gisch instru­men­tal­isieren lässt, nein, son­dern der Liebe zwis­chen zwei Men­schen. Ist dies nicht der schön­ste Gedanke, der in das Herz eines jun­gen Men­schen gepflanzt wer­den kann – dass Würde und Liebe eins sind?

Ich fan­tasierte mich in eine gefährliche, poli­tisch prekäre Sit­u­a­tion, es erschien mir als ein Glück, unter ein­er Dik­tatur zu leben und gegen diese mit Lei­den­schaft und Frei­heit­sliebe zu kämpfen, gemein­sam mit ein­er jun­gen Frau, am besten der Schü­lerin aus der 7.b., in die ich ver­liebt war – wir bei­de wie Maria und Robert Jor­dan. Sie wusste nicht, dass ich in sie ver­liebt war; sie mochte mich gern. Wir spazierten in Feld­kirch auf die Schat­ten­burg oder an der Ill ent­lang bis zur Mün­dung in den Rhein und rede­ten, rede­ten, sprachen über Büch­er, die für uns Fen­ster in die Welt hin­aus und in die Ver­gan­gen­heit zurück waren; wir sprachen über Autoren, die wir verehrten, sie über Jean Paul Sartre, ich über Albert Camus, und eben auch über Ernest Hem­ing­way. Ich gab ihr Wem die Stunde schlägt zu lesen. Sie war begeis­tert. Ich denke, sie iden­ti­fizierte sich mit Maria. Ob sie mich als Robert Jor­dan an ihrer Seite sah – wenn ja, dann haben meine und ihre Schüchtern­heit uns bei­den eine Freude verdorben.

Im sel­ben Jahr, in dem der Roman spielt, war auch Fer­di­nand Berg­er in Spanien und kämpfte dort auf der richti­gen Seite, auf der Seite der Repub­lik, der Frei­heit, der Anständigkeit, der Men­schlichkeit, der Würde; auf der Seite, auf der Maria und Robert Jor­dan kämpften. Fer­di­nand Berg­er war wie Robert Jor­dan ein­er der Frei­willi­gen in den inter­na­tionalen Brigaden, die aus ganz Europa, aus der ganzen Welt, nach Spanien gezo­gen waren, um gegen die Dik­tatur zu kämpfen. Er war in Spanien, als Kampf­flugzeuge aus Nazideutsch­land, die berüchtigte Legion Con­dor, die Stadt Guer­ni­ca bom­bardierten – das Gemälde von Picas­so legt von diesem Infer­no Zeug­nis ab. Fer­di­nand Berg­er war ein Mutiger, ein Guter; im Herzen der Frei­heit darf über ihn als von einem Helden gesprochen werden.

Ja, es ist denkbar – und für den Schrift­steller ist dieser Gedanke alles andere als abwegig –, dass die drei, Fer­di­nand Berg­er, Maria und Robert Jor­dan, einan­der ken­nen­gel­ernt haben. Ich sag es lieber in der Gegen­warts­form: dass sie einan­der ken­nen­ler­nen. In Spanien. Und Robert Jor­dan fragt Fer­di­nand Berg­er: „Was wirst du tun, wenn du wieder nach Öster­re­ich zurückkehrst?“

Fer­di­nand Berg­er ist nach der Rück­kehr in seine Heimat, die nun nicht mehr seine Heimat war, einges­per­rt wor­den, er wur­dein die Konzen­tra­tionslager Dachau und Flossen­bürg ver­schleppt. Er hat die Erniedri­gung und Entwürdi­gung unseres Lan­des am eige­nen Kör­p­er erfahren. Er hat­te die Gefahr frühzeit­ig erkan­nt, er hat­te die kleinen Schritte zusam­mengezählt und hat­te gese­hen, wohin sie führen, von Spanien aus über einen großen Teil Europas, und er hat sich gegen diese Entwick­lung gestemmt, von Anfang an. Bere­its mit siebzehn Jahren, 1934, kämpfte er gegen die Auss­chal­tung des öster­re­ichis­chen Par­la­ments unter Kan­zler Doll­fuß und gegen den Austrofaschismus.

Nach dem Krieg und der Befreiung vom Nation­al­sozial­is­mus ist Fer­di­nand Berg­er Polizist gewor­den. Ein guter Gedanke, ein beruhi­gen­der Gedanke, ein reifer Gedanke: dass ein Mann, der für die Demokratie, die Frei­heit, für die Würde des Men­schen gekämpft hat, dass dieser Mann für die Sicher­heit und Ord­nung in dem neuen Öster­re­ich sor­gen will. Fer­di­nand Berg­er wollte, dass die Polizei, die sich in der Ver­gan­gen­heit so oft als Instru­ment der Unter­drück­ung und der Unmen­schlichkeit miss­brauchen ließ, nun ein Hort der Demokratie werde. Wie sehr wün­schen wir uns heute, dass solche Män­ner und Frauen den Geist unser­er Exeku­tive bestimmen!

Sehr verehrte Damen und Her­ren, es ist eine Ehre für mich, den Fer­di­nand Berg­er Preis ent­ge­gen­zunehmen. Ich hoffe, wir alle hof­fen, dass nie wieder in unserem Land eine gefährliche, poli­tisch prekäre Sit­u­a­tion ein­tritt, in der ich mich dieser Ehre für würdig erweisen muss.

Vie­len, her­zlichen Dank!

Michael Köhlmeier

Arbeiter-Zeitung vom 18.11.1986 (Beitrag Kampf gegen Franco in der Berufsschule – Zeitzeugen über den spanischen Bürgerkrieg von Günter Kandlsdorfer) mit dem Bildtext "Spanienkämpfer Ferdinand Berger erläutert die Ereignisse von damals" Bildquelle: DÖW

Arbeit­er-Zeitung vom 18.11.1986 (Beitrag Kampf gegen Fran­co in der Beruf­ss­chule – Zeitzeu­gen über den spanis­chen Bürg­erkrieg von Gün­ter Kan­dls­dor­fer) mit dem Bild­text „Spanienkämpfer Fer­di­nand Berg­er erläutert die Ereignisse von damals” Bildquelle: DÖW

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