Charlotte Knobloch (IKG): Die sogenannte AfD ist nicht demokratisch

Die sehr klare und mutige Rede von Char­lotte Knobloch, Präsi­dentin der Israelitis­chen Kul­tus­ge­meinde (IKG) in München, bei ein­er Gedenkstunde für die Opfer des Nation­al­sozial­is­mus im bay­erischen Land­tag am 23. Jän­ner 2019 führte nicht nur dazu, dass Abge­ord­nete der „AfD“ aus Protest den Saal ver­ließen, son­dern in der Folge auch zu „wüsten Beschimp­fun­gen, Dro­hun­gen und Belei­di­gun­gen“ (spiegel.de, 24.1.19). Es beste­ht jedoch die Ver­mu­tung, dass die AfD-Frak­tion nur auf ein Stich­wort gewartet habe, um den Saal zu ver­lassen. Also möglicher­weise eine geplante Provokation.

Die Frak­tion­schefin der AfD im deutschen Bun­destag, Alice Wei­del antwortete in klas­sis­ch­er AfD-Manier auf Twit­ter: „Mut­tis beste Fre­undin Char­lotte #Knobloch hat sich wirk­lich ent­blödet, im Bay­erischen Land­tag eine Gedenkver­anstal­tung für geschmack­lose Parteipoli­tik zu miss­brauchen. Wie tief muss man sinken?“ – So tief wie Alice Wei­del ist schw­er möglich. Der fol­gende Satz von Char­lotte Knobloch passt jeden­falls auch als Antwort: „Eine Partei, die sich so recht­sradikal darstellt, gehört nicht in ein geset­zgeben­des Gremi­um.“

Oskar Deutsch, Präsi­dent der IKG in Wien, hat dem „Kuri­er“ (23.1.19) ein Inter­view gegeben, in dem auch er zu anti­semi­tis­chen und neon­azis­tis­chen Vor­fällen in der FPÖ Stel­lung nimmt:

Die Mit­glieder des Kul­tus­rates haben erwartet, dass nach der Rede Tat­en fol­gen. Das kam dann auch, aber verkehrt. Es gab an die 50 anti­semi­tis­che oder neon­azis­tis­che Vor­fälle, seit die FPÖ in der Regierung ist. Fast nie gab es Kon­se­quen­zen. FPÖ-Poli­tik­er wie Herr Land­bauer, der ja Aus­lös­er für die Rede von Her­rn Stra­chewar, gehen kurz auf Tauch­sta­tion und wer­den nach ein paar Monat­en wieder einge­set­zt. Das ist alles andere als glaub­würdig. Stra­chehat eine Chance ver­tan.“

Hier die Rede von Char­lotte Knobloch in der schriftlichen Fas­sung – wir danken der Rednerin!

Ich möchte meinen hochgeschätzten Vorred­nern an dieser Stelle für ihre wichti­gen und bewe­gen­den Worte danken. Ihnen allen danke ich für Ihr Kom­men und dafür, dass Sie heute mit Ihrer Anwe­sen­heit dazu beitra­gen, an die Opfer der NS-Ter­rorherrschaft zu erinnern.

Bun­de­spräsi­dent Her­zog und Ignaz Bubis sel. A. kon­nten, als sie den 27. Jan­u­ar zur Erin­nerung an die Befreiung des KZ Auschwitz fes­tlegten, nicht wis­sen, welche Bedeu­tung dieser Tag weltweit bekom­men hat. Diese Erin­nerung wachzuhal­ten – das ist heute wichtiger als je zuvor.

Im Gedenken kön­nen wir heute den unzäh­li­gen Opfern von damals zumin­d­est ihre Würde zurück­geben. Eine Würde, die die Nation­al­sozial­is­ten ihnen genom­men haben.

Nach 1933 richtete das NS-Regime in kürzester Zeit den gesamten Staat­sap­pa­rat da- rauf aus, die Feinde der soge­nan­nten „Volks­ge­mein­schaft“ sys­tem­a­tisch zu berauben, zu entrecht­en und, vor allem, zu demüti­gen. Alles sollte ihnen genom­men wer­den: Ihr weltlich­er Besitz; ihre beru­fliche Exis­tenz; ihre Lebens­freude – schließlich ihr Leben selb­st. Und, als endgültige Zer­störung, ihre Würde.

Dieser mörderische Bannstrahl traf nach 1933 Men­schen, die bis dato geachtete Mit­glieder der Gesellschaft gewe­sen waren. Ich habe in diesem Land als Kind alles ver­loren, viele mein­er Lieb­sten, mein Zuhause, mein Ver­trauen in die Welt und die Menschen.

Jüdis­che Men­schen, aber auch andere Min­der­heit­en wie Sin­ti und Roma, Zeu­gen Jeho­vas und Homo­sex­uelle wur­den über Nacht zu „Volks­fein­den“ – und zu Aus­gestoße­nen. Wer keinen „Ari­er­nach­weis“ erbrin­gen kon­nte, dessen Leben wurde mit jedem Tag schw­er­er, die Demü­ti­gun­gen wur­den immer erdrück­ender. Vom Ver­bot für jüdis­che Men­schen, auf ein­er öffentlichen Park­bank Platz zu nehmen, führte eine direk­te Lin­ie bis nach

Verehrte Anwe­sende,
die Jahre zwis­chen 1933 und 1945 sind in unser­er Erin­nerung nicht ohne Grund bis heute so präsent. Sie haben einen Abgrund der Bar­barei aufgeris­sen, der so tief, so uner­gründlich und so unüber­windlich ist, dass selb­st wir heute Leben­den noch immer fas­sungs­los davorste­hen. Das Wort vom Zivil­i­sa­tions­bruch, das zur Annäherung an den Holo­caust ver­wen­det wird, ver­wen­den wir nicht leicht­fer­tig. Es ist passend gewählt. Von der Zivil­i­sa­tion nahm dieses Land nach 1933 bere­itwillig Abschied. Dies gilt für Deutsch­land ins­ge­samt, aber lei­der auch für den Freis­taat Bayern.

Hier hat­te bere­its Anfang der Zwanziger­jahre Hitlers poli­tis­che Kar­riere begonnen. Hier sprach er und insze­nierte er sich, hier wurde er nach seinem Putschver­such viel zu milde verurteilt und viel zu zeit­ig ent­lassen. Hier sam­melten sich in den späteren Jahren der Weimar­er Repub­lik recht­sna­tionale, völkische und anti­demokratis­che Kräfte – bis schließlich eine kri­tis­che Masse erre­icht war, der die Repub­lik nichts mehr ent­ge­genset­zen konnte.

Auf diese Repub­lik und ihr demokratis­ches Ver­sprechen hat­ten sein­erzeit auch die Mit­glieder der jüdis­chen Gemein­schaft ver­traut – darunter mein g‘ttseliger Vater, der zeit seines Lebens ein bay­erisch­er Patri­ot blieb. Mit seinem ganzen Herzen hat­te er sich als Teil dieser Gesellschaft gefühlt – und wurde doch im Han­dum­drehen von ihr verstoßen.

Am Ende waren es vor allem Glück und die Hil­fe einiger weniger Men­schen, die in- mit­ten der Bar­barei die Werte der Moral nicht ver­gaßen, die sein – und auch mein Leben retteten.

Auf diesen Werten baute auch nach 1945 der neue, demokratis­che Staat auf, der Würde, Moral und Men­schlichkeit zum Maßstab seines Han­delns machte. Die „Staats- und Gesellschaft­sor­d­nung ohne Gott, ohne Gewis­sen und ohne Achtung vor der Würde des Men­schen“, die die Nation­al­sozial­is­ten errichtet hat­ten, sollte für immer über­wun­den wer­den. Dieses klare Ziel for­mulierte auch die bay­erische Ver­fas­sung von 1946.

Verehrte Anwe­sende,
diese Bestre­bung lässt sich bis heute in zwei Worten knapp zusam­men­fassen. Sie laut­en: Nie wieder.

Erst vor etwas mehr als zwei Monat­en haben wir zum 80. Mal des Pogroms vom 9. Novem­ber 1938 gedacht. Ich sagte dort und sage auch hier: „Nie wieder“ ist und bleibt für mich das fun­da­men­tale Grund­ver­sprechen der Bun­desre­pub­lik. Auch 70 Jahre nach der Grün­dung unseres Staates hat es nichts von sein­er Aktu­al­ität verloren.

„Nie wieder“ – das ist das Ver­sprechen, dass der Absturz in die Bar­barei sich niemals wieder­holt. Es ist das Ver­sprechen, dass die Insti­tu­tio­nen des Staates niemals wieder „ohne Gott, ohne Gewis­sen und ohne Achtung vor der Würde des Men­schen“ wal­ten kön­nen. „Nie wieder“ ist das Ver­sprechen, dass jed­er, gle­ich welch­er Herkun­ft oder Reli­gion, in unserem Lande sich­er und frei leben darf. Frei von Angst – frei von Bedro­hung – frei von Angrif­f­en – frei von Belei­di­gung und Beschimpfung.

Lei­der ist dieses Ver­sprechen noch immer nicht voll­ständig ein­gelöst. Ich selb­st frage mich heute, da der Anti­semitismus wieder anwächst und viele jüdis­che Men­schen auch in Bay­ern sich wieder unsich­er fühlen, manch­mal, wie dauer­haft und nach­haltig die Fortschritte nach 1945 wirk­lich gewe­sen sind.

Der Fortbe­stand der Demokratie beruht auch auf dem Wis­sen um die schreck­liche Ver­gan­gen­heit. Wir müssen wis­sen, woran wir sind, und wohin wir gehen: Das ist heute, an der Schwelle zu ein­er „Zeit ohne Zeitzeu­gen“ und angesichts neuer Bedro­hun­gen, wichtiger denn je. Es ist unser aller Ver­ant­wor­tung, dass das Unvorstell­bare sich nicht wieder­holt. Ich denke hier auch beson­ders an die jün­geren Gen­er­a­tio­nen, mit denen ich bei Gesprächen in Schulen häu­fig zu tun habe. Ich erlebe dort Offen­heit, Neugi­er und ehrlich­es Inter­esse – und das macht Hoffnung.

Diese Hoff­nung müssen wir weit­er­tra­gen. Es ist an uns, unsere frei­heitliche Demokratie und die Gedenkkul­tur, auf der sie fußt, zu beschützen.

Wie groß diese Auf­gabe ist, sehen wir beim Blick in den Bun­destag und in unsere Lan­despar­la­mente. Dort – und hier – ist heute über­all eine Partei vertreten, die diese Werte verächtlich macht, die die Ver­brechen der NS-Zeit ver­harm­lost und enge Verbindun­gen ins recht­sex­treme Milieu unter­hält. Diese soge­nan­nte Alter­na­tive für Deutsch­land grün­det ihre Poli­tik auf Hass und Aus­gren­zung und ste­ht – nicht nur für mich – nicht auf dem Boden unser­er demokratis­chen Verfassung.

Daher appel­liere ich heute an Sie: Kehren Sie zurück zu dem Eid, den Sie auf unser Land geschworen haben, zu ein­er frei­heitlichen Demokratie. Lassen Sie uns dem Hass entgegentreten.

Verehrte Anwe­sende,
lassen Sie uns nicht taten­los daneben­ste­hen, wenn Aus­gren­zung und Intol­er­anz um sich greifen. Und: Lassen Sie uns ein­treten für Frei­heit und Demokratie. Das sind wir denen schuldig, der­er wir heute gedenken.

Ich möchte den jun­gen Men­schen hier im Hause und in unserem Lande zurufen: Lasst Euch von nie­man­dem in Eurem kün­fti­gen Leben einre­den, wen Ihr zu lieben oder zu has­sen habt.

Ich habe meinen Glauben an unser Land, an die Heimat, die ich wiederge­fun­den habe, nicht verloren.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Charlotte Knobloch in Reaktion zur AfD (Twitter)

Char­lotte Knobloch in Reak­tion zur AfD (Twit­ter)

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