Andreas Rabl und die geschönte Opa-Geschichte

Der Fall ist nicht ganz untyp­isch für das his­torische Bewusst­sein viel­er Öster­re­icherIn­nen – nicht nur aus der FPÖ. Der Welser Bürg­er­meis­ter Andreas Rabl schrieb das Vor­wort für ein Buch über den Nation­al­sozial­is­mus, in dem er seinen Groß­vater als Ver­fol­gten der NSDAP darstellte, weil dieser mehrmals von der Gestapo ver­haftet wor­den war. Rabl berief sich nach Kri­tik an sein­er Geschichtsver­sion auch auf Stenographis­che Pro­tokolle des Bun­desrates, die seine Ver­sion bele­gen soll­ten. Wir haben uns ein, die Biogra­phie seines Groß­vaters betr­e­f­fend­es, Pro­tokoll genauer ange­se­hen. Gle­ich vor­weg: Hin­weise zu Groß­vater Rabl als poli­tis­ches NS-Opfer haben wir – anders als Enkel Andreas – darin nicht gefunden.

Wie gefährlich es damals sein kon­nte, seine Mei­n­ung kundzu­tun, bekam auch meine Fam­i­lie zu spüren: Mein Groß­vater, der spätere Bun­desrat Dipl.-Ing. Max Rabl, wurde wegen kri­tis­ch­er Äußerun­gen zum NS-Regime gle­ich mehrmals ver­haftet.“ (Andreas Rabl, Vor­wort zu Rudolf Dietl: 1938 – Nie mehr wieder) Wegen kri­tis­ch­er Äußerun­gen? Belege dazu find­en sich bis­lang keine, eher dafür, dass Enkel Rabl der sehr öster­re­ichis­chen Krankheit, der Geschicht­sklit­terung, zum Opfer gefall­en ist.

Andreas Rabl, FPÖ-Bürg­er­meis­ter von Wels, war empört: ’Es ist eine Schmutzkü­belkam­pagne der ganz üblen Sorte’, sagte Rabl am Son­ntag im APA-Gespräch. Sein Groß­vater war wegen poli­tis­ch­er Gründe in Haft. Dass die Antifa NS-Quellen her­anziehe, um das zu rel­a­tivieren, ver­wun­dere ihn. Man bringe keinen einzi­gen Beweis vor, so Rabl. ‚Nur einen Zeitungsar­tikel, der wider­legt ist.’ Dazu gebe es auch stenografis­che Pro­tokolle aus dem Par­la­ment. ‚Offen­sichtlich bes­timmt die SPÖ und die Antifa, wer Opfer des Nation­al­sozial­is­mus war’, meinte der Welser Bürg­er­meis­ter.“ (kurier.at, 28.10.18) Anlass für Rabls Empörung war ein Ende Juli erschienen­er Artikel der Welser Antifa, in dem Rabls Ver­sion von seinem Groß­vater als NS-Opfer sehr in Zweifel gezo­gen wurde.

Schon zuvor hat­te der Welser Bürg­er­meis­ter kräftig am Mythos seines Groß­vaters gear­beit­et, wie die „Oberöster­re­ichis­chen Nachricht­en“ bere­its 2016 berichteten„Nach der Pressekon­ferenz bemerk­te er [Andreas Rabl, Anm.] im Gespräch mit der APA, dass sein Vater [sic! Groß­vater, Anmk.] drei Jahre lang in Gestapo-Haft gesessen sei.“ Im „pro­fil“ war am 21. August 2015 dann in einem Bericht über Rabl zu lesen: „Sein Groß­vater saß einst wegen kri­tis­ch­er Artikel in Gestapo-Haft.“

Drei Jahre Gestapo­haft? „Kri­tis­che Artikel“? Oder zumin­d­est „kri­tis­che Äußerun­gen“? Das lässt sich zumin­d­est nicht bele­gen. Max Rabl war bere­its 1921 in Wien-Döbling der NSDAP beige­treten und hat­te nach dem „Anschluss“ Kar­riere gemacht, wie im Bericht der Welser Antifa fest­ge­hal­ten wird. Den­noch aber ste­ht fest, dass Rabl mit den NS-Behör­den in Kon­flikt gekom­men war. Über Max Rabl, der als Mit­glied der Partei der „Ehe­ma­li­gen“, dem VdU, von 1949 bis 1955 im Bun­desrat saß, ist auf der Web­site des Par­la­ments zu lesen: „Poli­tis­che Frei­heitsstrafe: 1939 dreimal in Gestapo­haft.“„Poli­tis­che Frei­heitsstrafe“ für einen Mann wie Rabl, der überzeugter Nazi war und auf beste Kon­tak­te im deutschna­tionalen Lager ver­weisen kon­nte? Er war ja nicht nur frühzeit­ig der NSDAP beige­treten, son­dern ab 1920 auch Mit­glied der Burschen­schaft „Huber­tus Wien“ und ab 1936 auch der Burschen­schaft „Ale­man­nia Wien“.

Zur Erk­lärung der Ein­tra­gung auf der Web­site des Par­la­ments sollte man auch den Fußein­trag lesen, denn dort ste­ht, dass „Inhalt und Umfang der Biografien ab 1945 grund­sät­zlich auf die von den Man­datarIn­nen selb­st gemacht­en Angaben zurück [gehen]. Diese kön­nen von der Par­la­ments­di­rek­tion ohne Zus­tim­mung der Betrof­fe­nen nicht geän­dert werden.“

Ein stenographis­ches Pro­tokoll des Bun­desrates aus dem Jahr 1951, auf das Andreas Rabl als Beleg für seine Ver­sion der Groß­vater-Geschichte ver­wies, bringt etwas Licht ins Dunkel, aber vielle­icht anders, als es Andreas Rabl gefall­en kön­nte. In ein­er offen­bar sehr leb­haft geführten Debat­te am 31. Juli 1951 spielte zuerst der sozialdemokratis­che Abge­ord­nete Hans Riemer in ein­er Rede auf Rabls nation­al­sozial­is­tis­che Ver­gan­gen­heit an: Herr Ing. Rabl; ich gehöre seit fast 40 Jahren ein­er Partei an, die den Kampf um die Demokratie seit ihrem Bestand geführt hat und deren Anhänger für diesen Kampf und für die Demokratie schwere Opfer, auch per­sön­liche Opfer, gebracht haben. (Bun­desrat Dipl.-Ing. Rabl: Die hat jed­er gebracht!) Sie nicht, im Gegen­teil, Sie haben die Demokratie zuschan­den gerit­ten.“ (Stenographis­ches Pro­tokoll, S. 5)

Rede Hans Riemer zu Max Rabl (Stenographisches Protokoll)

Rede Hans Riemer zu Max Rabl (Stenographis­ches Protokoll)

Danach set­zte der oberöster­re­ichis­che ÖVP-Abge­ord­nete Wil­helm Salz­er den Angriff auf Max Rabl fort: „Nun kön­nte man aber die Mei­n­ung vertreten, daß dieses Mißgeschick [wirtschaftlich prekäre Sit­u­a­tion von Rabl nach 1945, Anmk.] dem Her­rn lng. Rabl aus der Sit­u­a­tion, die der zweite Weltkrieg aus­gelöst hat, passiert ist. Ich muß diesem Hohen Haus lei­der auch diese Illu­sion zer­stören. (Heit­erkeit.) Es liegt mir ein Bericht des ‚Kleinen Volks­blattes’ vom 7. Juli 1939 vor, den ich bere­its seit Monat­en in mein­er Tasche herum­trage, aber es hat sich bish­er in mir inner­lich alles gesträubt, davon Gebrauch zu. machen; Weil aber der Herr lng. Rabl nicht aufhört, dieses Hohe Haus und diejeni­gen, die für Öster­re­ich wirk­lich die Ver­ant­wor­tung tra­gen, immer wieder mit seinen Belehrun­gen zu belästi­gen, so will ich dem Hohen Haus auch zur Ken­nt­nis brin­gen, daß dieses man­gel­nde Wirtschaft­stal­ent des Her­rn Ing. Rabl sich offen­bar auch schon früher man­i­festiert hat.“(Stenographis­ches Pro­tokoll, S. 26)

Salz­er hielt fest, dass Rabl zwar in der Tat Prob­leme mit der Gestapo bekom­men hat­te, allerd­ings nicht wegen sein­er poli­tis­chen Anschau­un­gen, son­dern wegen finanzieller Ungereimtheit­en und ander­er Prob­leme in jen­em „gle­ichgeschal­teten“ Betrieb, in dem er kurz nach dem „Anschluss“ als „Betrieb­s­führer einge­set­zt wor­den war. Das war der ehe­ma­lige „katholisch-patri­o­tis­chen Volks- und Preßvere­ins“ in St. Pölten.

Salz­er ver­wies auf einen Bericht über einen Prozess vor einem Schöf­fense­n­at im nation­al­sozial­is­tis­chen „Kleinen Volks­blatt“ vom 7. Juli 1939. Dort war zu lesen: „Der Anklage ist zu ent­nehmen, daß nach der Ein­set­zung eines ‚Ing. Max Rabl in einem größeren St.-Pöltner Betrieb ganz unglaubliche Zustände dort ein­ris­sen.“ Der Groß­vater des heuti­gen Welser Bürg­er­meis­ters wird als „unsozialer und unko­r­rek­ter Betrieb­s­führer“ beze­ich­net, der die alte Belegschaft ent­lassen und „junge weib­liche Hil­f­skräfte aufgenom­men [hat], wenn sie recht hüb­sch und nett zum ‚Chef‘ waren“. (Stenographis­ches Pro­tokoll, S. 26)

Das kleine Volksblatt 7.7.1939, S. 11 (http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=dkv&datum=19390707&query=%22Max+Rabl%22&ref=anno-search&seite=11)

Das kleine Volks­blatt 7.7.1939, S. 11 (http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=dkv&datum=19390707&query=%22Max+Rabl%22&ref=anno-search&seite=11)

Bei ein­er Buch­prü­fung sei ein größer­er Fehlbe­trag fest­gestellt wor­den, weil Rabl „der von ihm aufgenomme­nen 21-jähri­gen Buch­hal­terin Marie K. aus Wels, mit der er in fre­und­schaftlichem Ver­hält­nis stand, mehrmals ‚Vorschüsse’ auf sein Gehalt“ gegeben habe, „ohne aber diese Gelder wieder zurück­zuzahlen“. Wer nun die Fälschun­gen in den Lohn­lis­ten zu ver­ant­worten hat­te, blieb ungek­lärt. Laut Staat­san­waltschaft habe Rabl diese durch „Dro­hun­gen und Mißhand­lun­gen“ erzwun­gen, was im Prozess die Aus­sagen viel­er Zeu­gen – die „halbe Gefol­gschaft“ – bestätigten. Sie „schildern ihn aus­nahm­s­los als bru­tal­en Men­schen, der zu jedem Mit­tel griff, um ihm mißgün­stig gesin­nte Leute um Brot und Ver­di­enst zu brin­gen.“ Das „Götzzi­tat“ sei bei ihm „eine gebräuch­liche Reden­sart“ gewe­sen. Der Vor­sitzende sprach zwar davon, es sei ihm „noch nie eine solche Sauwirtschaft bekan­nt gewor­den als [die] in den Betrieb durch Rabl einge­führte“. Den­noch: Obwohl der Richter ver­mutete, dass er das fehlende Geld „eingesteckt habe“, wurde Rabl freige­sprochen, unmit­tel­bar danach aber von der Gestapo in Gewahrsam genom­men. (alle Zitate Stenographis­ches Pro­tokoll, S. 26f)

Dass wir Darstel­lun­gen der NS-Medi­en nicht trauen kön­nen, wis­sen wir. Aber wie antwortete Max Rabl in jen­er Bun­desratssitzung auf Wil­helm Salz­er? Er recht­fer­tigte sich damit, er sei Opfer eines „per­sön­lichen Geg­n­ers“ von ihm gewor­den. Dieser ganze Fall ist, weil ich Offizier­san­wärter war,
 sich­er vom Wehrkreis XVII unter­sucht wor­den. (Zwis­chen­rufe.) Ich stelle weit­er fol­gen­des fest:
 Wäre das Über­prü­fungsergeb­nis so gewe­sen, 
wie es in per­fider, gehäs­siger Form der Herr
 Bun­desrat Salz­er zu brin­gen beliebt, dann
 wäre ich niemals zum Leut­nant befördert 
wor­den. (…) Mein Fall ist bei der Wehrma­cht geprüft. Der Fall ist vielmehr so, dass das, was in der Zeitung ste­ht, eben von dem ver­stor­be­nen Schriftleit­er, der dieser Clique [gegen die Rabl in seinem Betrieb angekämpft haben will] ange­hört hat, hineinge­baut wor­den ist.“ (Stenographis­ches Pro­tokoll, S. 28f)

Was bedeutet nun Rabls Ent­geg­nung im Klar­text? Nir­gend­wo bringt er zum Aus­druck, dass er wegen NS-kri­tis­ch­er Äußerun­gen vor Gericht ges­tanden ist, er beruft sich vielmehr auf eine ange­bliche per­sön­lich motivierte Intrige gegen ihn. Er betont zudem, dass sein Lebenslauf dur­chaus NS-kom­pat­i­bel war, weil er ja immer­hin zum Leut­nant befördert wor­den sei. Was auch immer der tat­säch­liche Hin­ter­grund von Rabls Ver­haf­tun­gen und seinem Gericht­sauftritt gewe­sen sein mag: Die Ver­sion seines Enkels wird hier nicht bestätigt. Die NS-kri­tis­chen Artikel seines Groß­vaters, von denen Andreas Rabl laut „pro­fil“ sprach, sind bis­lang jeden­falls auch nicht aufgetaucht.

Andreas Rabl beruft sich auf die Rede seines Großvater im Bundesrat (Screenshot Facebook)

Andreas Rabl beruft sich auf die Rede seines Groß­vaters im Bun­desrat (Screen­shot Facebook)

Aber es kommt noch bess­er: „So ein Vor­wort ist ja nicht dazu da, meine Fam­i­liengeschichte aufzuar­beit­en, son­dern ein Erin­nerungs­geschehen darzustellen”, wird Rabl (…) zitiert.“ (sn.at, 27.10.18) Dem Bürg­er­meis­ter Rabl sei gesagt: Ein „Erin­nerungs­geschehen“ mag etwas darüber aus­sagen, wie Geschehenes – in Rabls Fall in der Fam­i­lie – rezip­iert, also auch inter­pretiert oder sog­ar ins Gegen­teil verkehrt wird. Als his­torische Quelle ist es aber nicht geeignet. Schon gar nicht, wenn es die NS-Zeit bet­rifft. Bevor also Andreas Rabl das näch­ste Mal als Geschichtsver­mit­tler auftritt, sollte er vielle­icht die Antifa Wels um Nach­hil­fe ersuchen.