Analysen zum Rechtsruck

Bere­its seit fünf Jahren gibt es an der Uni­ver­sität in Kas­sel eine Ringvor­lesung gegen Recht­sex­trem­is­mus, zu der auch im Win­terse­mes­ter 2015/16 unter dem Titel „Lügn­er – Fremde – Kon­spir­a­teure. Feind­bilder der Recht­en. Feind­bilder der Mitte“ zahlre­iche bekan­nte Namen der deutschsprachi­gen Recht­sex­trem­is­mus­forschung ein­ge­laden wur­den. Vier Mitarbeiter_innen der Uni­ver­sität Kas­sel – Björn Mil­bradt, Floris Biskamp, Yvonne Albrecht und Lukas Kiepe – veröf­fentlicht­en diese (Gast-)Vorträge Anfang des Jahres in einem Sammelband.

The­o­rien und Diskurse
Ins­ge­samt zwölf Beiträge umfasst der unter dem Titel „Ruck nach rechts? Recht­spop­ulis­mus, Recht­sex­trem­is­mus und die Frage nach Gegen­strate­gien“ im Bar­bara Budrich Ver­lag erschienene Band. Das in drei Teile unter­gliederte Werk wid­met sich in einem ersten Abschnitt the­o­retis­chen Per­spek­tiv­en. So nimmt Björn Mil­brandt eine ide­olo­giekri­tis­che Annäherung an Pegi­da vor, Rolf Pohl eine sozialpsy­chol­o­gis­che Erk­lärung der Kon­struk­tion des „Eige­nen“ und des „Frem­den“ und Felix Knap­perts­busch nähert sich aus sprach­wis­senschaftlich­er Per­spek­tive der Vorurteilsforschung.

Ein weit­er­er Schw­er­punkt des Sam­mel­bands richtet den Blick Diskurse und Medi­en. Dabei zeigt Mar­garete Jäger in ein­er präg­nan­ten überblick­shaften Analyse, wie sich ras­sis­tis­che Deu­tungsmuster in Deutsch­land seit dem Ersten Weltkrieg verän­dert haben und welche Ele­mente in den entsprechen­den Diskursen gle­ich geblieben sind. In Hin­blick auf aktuelle Debat­ten rund um Flucht und Asyl stellt sie fest, dass sich im Sinne ein­er Nor­mal­isierung ras­sis­tis­che Äußerun­gen ungeschönt und deut­lich häu­figer im Diskurs find­en lassen, gle­ichzeit­ig aber auch deut­lich mehr kri­tis­che Stim­men zu Wort kom­men (Skan­dal­isierung). In ein­er eben­falls im Sam­mel­band abge­druck­ten Gas­trede (im Rah­men des Neu­jahrsemp­fang in Bre­men 2016) macht sich Paul Mecher­il für Sol­i­dar­ität in ein­er Welt­ge­mein­schaft stark und ruft dazu auf, die eige­nen iden­titären und materiellen Inter­essen weniger Ernst zu nehmen. Juline Lang set­zt sich mit recht­sex­tremen Geschlechter­poli­tiken auseinan­der und verdeut­licht dabei, dass ger­ade „The­men von geschlechter- und fam­i­lien­poli­tis­ch­er Rel­e­vanz“ eine Scharnier­funk­tion zwis­chen unter­schiedlichen recht­en Lagern zukommt. In „Das wird man wohl noch sagen dür­fen!“ unter­sucht Volk­er Weiß rechte Diskurse über bzw. gegen so genan­ntes Gut­men­schen­tum. Rolf von Raden wiederum ent­larvt das massen­wirk­same Feind­bild „Lügen­presse“ als „para­nois­che“ Verschwörungskonstruktion.

Ruck nach Rechts? Rechtspopulismus, Rechtsextremismus und die Frage nach Gegenstrategien. Bildquelle: Budruch Verlag.

Ruck nach Rechts? Recht­spop­ulis­mus, Recht­sex­trem­is­mus und die Frage nach Gegen­strate­gien. Bildquelle: Budruch Ver­lag.

Gegen­strate­gien?
Obgle­ich die Frage nach Gegen­strate­gien im Titel groß ange­priesen wird, sind ihnen im Buch selb­st lediglich drei Texte gewid­met, deren Neuigkeitswert zudem ger­ing aus­fällt. So skizziert Floris Biskamp bish­erige Erken­nt­nisse möglich­er Umgangs­for­men mit recht­sex­tremen Denken aber auch Träger_innen dieses Gedankenguts in der poli­tis­chen Bil­dungsar­beit. Eva Georg wiederum betont die Notwendigkeit aber auch Schwierigkeit­en ras­sis­muskri­tis­ch­er Bil­dungsar­beit unter Berück­sich­ti­gung der Tat­sache, dass „allen Men­schen eine Posi­tion­ierung inner­halb ein­er ras­sis­tis­chen Ord­nung zugewiesen wird“ und es daher die Auf­gabe aller sei, „dieses Machtver­hält­nis nicht nur sicht­bar zu machen, son­dern gemein­sam an sein­er Verän­derung zu arbeit­en“. Christo­pher Vogel wiederum fasst in aller Kürze Strate­gien gegen rechte/rechtsextreme Argu­men­ta­tion­sweisen zusam­men. Im Abschluss wid­men sich die Herausgeber_innen des Sam­mel­bands den Poli­tiken der Angst sowie den poli­tis­chen Kon­se­quen­zen, wenn die zumeist von recht­en und recht­sex­tremen Akteur_innen insze­nierten Äng­ste ernst genom­men werden.

Ins­ge­samt nähert sich der Sam­mel­band aus durch­weg unter­schiedlichen Per­spek­tiv­en dem Phänomen Recht­sex­trem­is­mus, ver­sucht dabei den facetten­re­ichen Erschei­n­ungs­for­men recht­sex­tremen Gedankenguts gerecht zu wer­den sowie dahin­ter ste­hende Ide­olo­gien offen zu leg­en und über recht­sex­treme Deu­tungsmuster aufzuk­lären. Der Band fasst damit wichtige Ergeb­nisse der aktuellen Recht­sex­trem­is­mus­forschung zusam­men und gibt einen guten Ein­blick in den bish­eri­gen Stand der Forschung.

Mil­bradt, Björn/Biskamp, Floris/Albrecht, Yvonne/Kiepe, Lukas (Hrsg.innen) (2017): Ruck nach Rechts? Recht­spop­ulis­mus, Recht­sex­trem­is­mus und die Frage nach Gegen­strate­gien. Opladen; Bar­bara Budrich Ver­lag. 24,90 €