„Es kann wieder passieren“

Büch­er wie das von Shlo­mo Venezia („Meine Arbeit im Son­derkom­man­do Auschwitz“) sind sehr rar. Weil kaum jemand das „Son­derkom­man­do“ über­lebt hat bzw. über­leben durfte. Weil die, die es über­lebt haben, zeit ihres Lebens damit zu kämpfen hat­ten, eine Sprache und Gehör für das Unge­heuer­liche zu find­en, das sie erleben mussten. Umso unver­ständlich­er, dass die deutsche Aus­gabe der Erin­nerun­gen von Shlo­mo Venezia ver­grif­f­en ist und nicht neu aufgelegt wird.

Das Inter­view, das der His­torik­er Joachim Schröder im Juni 2016 mit Mari­ka Venezia, der Frau des im Jahr 2012 ver­stor­be­nen Shlo­mo geführt hat, wurde in der Aus­gabe Nr. 63 von LOTTA, der antifaschis­tis­chen Zeitschrift aus Nor­drhein-West­falen, Rhein­land-Pfalz und Hes­sen, veröffentlicht.

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Sein Schweigen über Auschwitz hat Shlo­mo aufgegeben, als in den 90er Jahren wieder anti­semi­tis­che Parolen aufge­taucht sind. „Was ein­mal passiert ist, kann wieder passieren“, zitiert ihn seine Frau. Wir danken LOTTA für die Genehmi­gung zur Wieder­gabe des beein­druck­enden Inter­views und des Vorspanns.

„Es kann wieder passieren“
Im „Son­derkom­man­do“ arbeit­en zu müssen, gehörte zum Schlimm­sten, was einem Häftling in Auschwitz wider­fahren kon­nte. Gezwun­gen von der SS, mussten sie die dem Tod gewei­ht­en Men­schen in die Gaskam­mern begleit­en. Bis zulet­zt durch einen gren­zen­losen Zynis­mus hin­ter­hältig getäuscht, woll­ten viele die Lügen vom „Duschen“ und einem späteren Arbeit­sein­satz glauben. Wer mis­strauisch wurde, den ver­sucht­en die Häftlinge des „Son­derkom­man­dos“ zu beruhi­gen, um den Men­schen unnötige Schmerzen zu ers­paren, wie ein Über­leben­der später sagte. Denn die SS schlug grausam und erbar­mungs­los zu.
Das „Son­derkom­man­do“ musste die Leichen aus den Gaskam­mern holen, Haare abschnei­den, Goldzähne her­aus­brechen, die Leichen in den Kre­ma­to­rien ver­bren­nen. Es gab nur einen Ausweg: Selb­st­mord, eigen­händig oder durch die Selb­staus­liefer­ung an die SS. Manche gin­gen diesen Weg, weil sie ihre Auf­gabe nicht ertra­gen kon­nten. Die meis­ten arbeit­eten weit­er, um zu über­leben, müh­sam das immer rebel­lierende Gewis­sen unter­drück­end, zu Auto­mat­en und Sklaven in der Ver­nich­tungs­maschiner­ie degradiert. Die meis­ten wur­den von der SS ermordet, die möglichst keine Zeu­gen über­leben lassen wollte. Von etwa 2.100 Ange­höri­gen des „Son­derkom­man­dos“ über­lebten nur etwa 100. Sie waren für ihr Leben geze­ich­net. Zu ihnen gehörte der in Saloni­ki geborene Shlo­mo Venezia, der 2012 in Rom im Alter von 88 Jahren starb.

LOTTA: Frau Venezia, vor uns liegt das Buch Ihres Mannes: „Meine Arbeit im Son­derkom­man­do Auschwitz“. Es ist eines der sel­te­nen und umfassenden Zeug­nisse eines Über­leben­den des „Son­derkom­man­dos“. Kön­nen Sie uns bericht­en, wie es zu dieser Veröf­fentlichung gekom­men ist?

Mari­ka Venezia: Er ist oft gefragt wor­den, über seine Erfahrun­gen aus­führlich zu bericht­en (…). Eines Tages, nach einem sein­er zahlre­ichen Auschwitz-Besuche, hat die Jour­nal­istin Béa­trice Prasquier, die er schon länger kan­nte, mehrere Inter­views mit ihm gemacht und das Ganze zu dem Buch ver­ar­beit­et, das 2006 veröf­fentlicht wurde. Es ist in viele Sprachen über­set­zt wor­den. Die deutsche Aus­gabe ist lei­der vergriffen.

LOTTA: Wann wird eine Neuaus­gabe erscheinen?

Mari­ka Venezia: Es ist schw­er zu glauben, aber der Bless­ing-Ver­lag hat kein Inter­esse daran, dass es neu aufgelegt wird. Ich habe schon mehrmals gefragt. Das ist sehr ärg­er­lich, zumal in der deutschen Aus­gabe im Anmerkungsap­pa­rat und in den beige­fügten Auf­sätzen einige Unge­nauigkeit­en enthal­ten sind, die in ein­er Neuau­flage kor­rigiert wer­den soll­ten. Es ist schon alles vorbereitet.

LOTTA: Unge­heuer­lich, dass aus­gerech­net im Land der Täter ein solch bedeu­ten­des Buch nicht mehr erhältlich ist. Wie hat Ihr Mann sich gefühlt, als das Buch veröf­fentlicht wurde?

Mari­ka Venezia: Wis­sen Sie, mein Mann war sel­ten zufrieden. Aber als man das Buch in Rom im Okto­ber 2007 präsen­tiert hat, war er sehr zufrieden. Aber ich sage Ihnen etwas: Wed­er er noch ich haben jemals das Buch von Anfang bis Ende gele­sen. Immer nur ein paar Seit­en, dann musste ich es wegle­gen. Er kan­nte seine Geschichte ja. Und ich habe sie so oft gehört, dass ich manch­mal glaubte, ich hätte sie selb­st erlebt. 56 Jahre war ich mit ihm ver­heiratet. Ich bin keine Zeu­g­in, Gott sei Dank, ich war nicht dort. Aber ich bin die Zeu­g­in des Zeugen.

LOTTA: Wann hat Shlo­mo Venezia ange­fan­gen, über seine Erfahrun­gen zu sprechen?

Mari­ka Venezia: Das war sehr, sehr spät. 1992 hat er erst­mals öffentlich davon gesprochen. Mir hat er natür­lich vorher schon erzählt, aber nicht viel, nicht vom „Son­derkom­man­do“. Dass er „im Lager“ war, er hat­te ja auch seine Num­mer ein­tä­towiert. Dass seine Mut­ter und seine zwei Schwest­ern in Auschwitz ermordet wor­den sind. Die ganze Fam­i­lie der Mut­ter, eine griechis­che Jüdin, ist ermordet wor­den. 25 Men­schen. Vom „Son­derkom­man­do“ hat er erst sehr spät erzählt, ich erin­nere mich nicht mehr genau, wann das war. Eines Tages wurde er vom Fernse­hen ein­ge­laden, über seine Erfahrun­gen zu sprechen. Er bekam 13 Minuten! Er hat ein biss­chen erzählt, und viele Zuschauer schrieben und woll­ten mehr wis­sen. Also bekam er noch ein zweites Inter­view, und da hat er es erzählt. Unsere drei Söhne haben es aus dem Fernse­hen erfahren.

LOTTA: Es muss fürchter­lich sein, solche schreck­lichen Erleb­nisse mit nie­man­dem teilen zu können.

Mari­ka Venezia: Er kon­nte darüber nicht sprechen. Als wir geheiratet haben, war ich 17 Jahre alt. Ich habe damals nichts gewusst von Auschwitz, geschweige denn von Gaskam­mern und dem „Son­derkom­man­do“. In dieser Zeit hat man nicht darüber gesprochen.

LOTTA: Wie genau haben Sie sich eigentlich kennengelernt?

Mari­ka Venezia: Wir haben uns in Rom in einem Sprachkurs ken­nen­gel­ernt, der vom amerikanis­chen Joint organ­isiert wor­den war. Shlo­mo war vorher sieben Jahre lang in ver­schiede­nen Sana­to­rien gewe­sen, er war sehr krank vom Lager, TBC. Er war in ein­er Hotelfach­schule und wollte eigentlich auswan­dern, was aber nicht klappte, weil er noch zu krank war. Wir haben uns erst mal zwei Jahre geschrieben – und dann haben wir geheiratet, und 1959 sind wir nach Rom gezo­gen, in dieselbe Woh­nung, in der ich heute noch lebe.

LOTTA: Gab es einen Anlass, warum Shlo­mo Venezia sein Schweigen gebrochen hat?

Mari­ka Venezia: Es war Anfang der 1990er Jahre, es gab auf ein­mal Graf­fi­tis auf den Wän­den, Hak­enkreuze, „Juden in den Ofen“ und so weit­er. In den Fußball­sta­di­en kamen Rufe: „Juden raus!“ Da hat er Angst bekom­men. „Was ein­mal passiert ist, kann wieder passieren“, meinte er. „Und nie­mand sagt etwas, genau wie damals.“ Er ist dann zur ANED [Asso­ci­azione Nazionale Ex Depor­tati nei Campi Nazisti] gegan­gen, ein­er Vere­ini­gung der Shoah-Über­leben­den, und hat gefragt: „Was kann ich machen?“ Die schlu­gen ihm vor, in ein­er Ausstel­lung über Anne Frank im Palaz­zo Venezia mit Schülern zu sprechen. Das hat er ein paar Mal gemacht. Und dann hat man ihn gefragt, ob er Schulk­lassen nach Auschwitz begleit­en würde. Ich habe gesagt, dass er auf keinen Fall allein fahren kann. Man kann doch nie wis­sen, was passiert. Schließlich sagte er unter der Bedin­gung zu, dass ein Fre­und mitkäme, der auch in Auschwitz war. Und sie sind dann bei­de gefahren, am 5. Dezem­ber 1992. Es war voller Schnee, und sie haben erst mal nichts gese­hen, da ja die Gaskam­mern und Kre­ma­to­rien zer­stört wor­den sind. Dann hat er die erhal­te­nen Trep­pen gese­hen, die in die Gaskam­mern führten, und dann kam alles wieder.

LOTTA: Zeitzeug_innen bericht­en ein­er­seits häu­fig von dem Gefühl der Erle­ichterung, wenn sie erst­mals von ihren Erleb­nis­sen berichteten, also andere an ihnen teil­haben ließen. Das Sprechen und Erzählen durch­bricht einen Moment das Gefühl der Ein­samkeit, unter dem fast alle Über­leben­den lit­ten. Ander­er­seits wird die Erin­nerung jedes Mal wieder erneuert. Es wird an die Ober­fläche geholt, was müh­sam unter­drückt wurde, um über­haupt den All­t­ag meis­tern zu können.

Mari­ka Venezia: Egal wo Shlo­mo war – alles hat ihn wieder nach Auschwitz gebracht. Es verg­ing kein Tag, an dem er nicht an Auschwitz gedacht hat. Er hat darunter sehr gelit­ten. Und ich glaube, er hat nicht ein­mal alles gesagt, was er gese­hen hat.

LOTTA: Lydia Man­del­baum, die Frau des „Sonderkommando“-Häftlings Hen­ryk Man­del­baum, sagte ein­mal: „Irgend­wie ist Auschwitz auch in mir“ – ging Ihnen das ähnlich?

Mari­ka Venezia: Ich war sehr jung, mit drei kleinen Kindern. Keine anderen Ver­wandten, die uns hät­ten unter­stützen kön­nen, also über­haupt wenig Zeit, sich damit zu befassen… Mir hat es so weh getan, weil es ihm weh getan hat. Das Kre­ma­to­ri­um in Auschwitz war eine Rou­tine. Jeden Tag das­selbe. Die Haare abschnei­den, die Zähne her­ausziehen, die Leichen in den Ofen, Tag und Nacht. Wie ein Robot­er. Er war nicht mehr Shlo­mo. Die Häftlinge waren Auto­mat­en. Er sagte mir ein­mal: „Wie hätte ich essen kön­nen mit diesen Hän­den, mit denen ich vorher den Toten die Zähne gezo­gen habe?“

LOTTA: Ist er denn mal als Zeuge aufge­treten im Auschwitz-Prozess? Ger­ade die Häftlinge des „Son­derkom­man­dos“ waren ja die wichtig­sten Zeu­gen, wenn es darum ging zu zeigen, wie der Mord an Hun­dert­tausenden von Men­schen fab­rik­mäßig organ­isiert wurde. Es gab ja genü­gend, die das immer noch geleugnet haben – und noch leugnen.

Mari­ka Venezia: Nein, ist er nicht. Unter den Holo­caust-Leugn­ern waren sog­ar Uni­ver­sität­spro­fes­soren. Als das Buch kam, haben Leute gesagt: „Da ist der Jude, der viel Geld aus den USA bekom­men hat und der behauptet, er sei lebend aus dem Kre­ma­to­ri­um her­aus­gekom­men.“ Mich hat der Schlag getrof­fen, aber der His­torik­er Umber­to Gen­tiloni hat mir gesagt: „Antworte niemals auf solche Behaup­tun­gen.“ Das Inter­es­sante ist, dass die Täter selb­st es später niemals abgestrit­ten haben. Sie haben nur behauptet, sie seien nicht ver­ant­wortlich gewe­sen. Während des Krieges haben die Deutschen gesagt: Die Häftlinge selb­st wer­den es nicht über­leben, und wenn es doch ein­er über­lebt, wird ihm nie­mand glauben.

LOTTA: Hat Shlo­mo Venezia diese Erfahrung gemacht?

Mari­ka Venezia: Er hat mal in ein­er kleineren Runde von seinen Erleb­nis­sen berichtet, in den 1980er Jahren. Während er erzählte, reg­istri­erte er, wie ein­er einen anderen ansah und sich mit dem Fin­ger an die Stirn tippte. Der hat ihn für ver­rückt gehal­ten. Das hat ihn natür­lich block­iert. Die meis­ten Leute haben sich dafür nicht inter­essiert, auch nicht für die Ver­brechen, die die Deutschen in Ital­ien verübt haben, wie das Mas­sak­er in den Adrea­tinis­chen Höhlen, Kap­pler, Priebke und so weit­er. Heute ist es anders. Seit den 1990ern wur­den viel mehr Büch­er veröf­fentlicht, es wurde dann der Gedenk­tag im Jan­u­ar einge­führt, an dem über­all im Land Gedenkver­anstal­tun­gen organ­isiert wer­den. Wir sind sehr viel in die Schulen gegan­gen und haben mit den Kindern und Jugendlichen gesprochen. Es war sehr sel­ten, dass sie das nicht inter­essiert hat. Das war auch wegen Shlo­mos Art. Er war immer sehr ruhig und unaufgeregt, er hat in ein­fach­er Sprache gesprochen – und er hat sie auch nie gezwun­gen, zuzuhören. Sie haben ihn gemocht.

LOTTA: Es stimmt, dass heute viel mehr über den Holo­caust gesprochen und unter­richtet wird. In Deutsch­land ist der Ver­weis auf die während der NS-Herrschaft verübten Ver­brechen und die Ver­ant­wor­tung, die sich hier­aus ergibt, Bestandteil ein­er fest etablierten Erin­nerungskul­tur. Abge­se­hen von der miss­bräuch­lichen poli­tis­chen Instru­men­tal­isierung dro­ht aber immer auch die Gefahr ein­er Rit­u­al­isierung. Welche Bedeu­tung hat Ihrer Mei­n­ung nach der his­torische Ort selbst?

Mari­ka Venezia: Man muss sich das vor Ort anse­hen, der Ein­druck ist sehr stark. Auch wenn nicht mehr viel übrig ist in Birke­nau. Man braucht einige Vorstel­lungskraft. Aber es gibt ja das Mod­ell dieser „Todes­fab­rik“, das der pol­nis­che Bild­hauer Mieczysław Sto­bier­s­ki geschaf­fen hat. Das doku­men­tiert es am besten. Das müsste auch in Birke­nau und nicht nur im Stamm­lager aufgestellt wer­den, was ich schon mehrfach angeregt habe. Es gibt ohne­hin einiges, was man an der Ausstel­lung in Auschwitz verbessern kön­nte, und der Umgang mit diesem Ort war oft prob­lema­tisch. Man denke an die Umwand­lung des Kom­man­dan­tur-Gebäudes in Birke­nau in eine katholis­che Kirche. Oder als in der alten Ger­berei in Oświęcim, in der Auschwitz-Häftlinge arbeit­eten, eine Diskothek auf­machte. Sie haben Shlo­mo und andere Häftlinge zur Eröff­nung eingeladen…

LOTTA: Dür­fen wir auch zu Ihrer eige­nen Biogra­phie etwas fragen?

Mari­ka Venezia: Wenn es inter­essiert… Meine Kind­heit ist ziem­lich kom­pliziert ver­laufen. Ich wurde in Temeswar geboren, wie meine Groß­mut­ter und mein Vater. Das gehörte bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zu Öster­re­ich-Ungarn, danach zu Rumänien. Meine Mut­ter starb als ich drei Jahre alt war, mein Vater war in Gefan­gen­schaft. Ich bin dann bei mein­er Groß­mut­ter aufgewach­sen, die ungarisch und deutsch sprach – deswe­gen kann ich deutsch sprechen. Wir haben in Rumänien über­lebt, mit Glück, denn in Rumänien, das ein deutsch­er Satel­liten­staat war, wur­den 400.000 Juden ermordet. Nach dem Krieg kamen die Kom­mu­nis­ten, die alles ver­staatlicht und enteignet haben. Mein Vater und ich sind nach Paris gegan­gen, wo er ein kleines Geschäft aufgemacht hat, das aber schnell bankrottge­gan­gen ist. Dann sind wir nach Rom gegangen.

LOTTA: Haben Sie immer in Ital­ien leben wollen oder haben Sie auch mal daran gedacht, auszuwandern?

Mari­ka Venezia: Wir sind sog­ar ein­mal aus­ge­wan­dert, nach Israel, mit unseren Söh­nen, im Jahr 1977 war das. Aber es war sehr schw­er. Die israelis­che Regierung hat es den Ein­wan­der­ern damals nicht unbe­d­ingt ein­fach gemacht. Das gehörte zum Konzept: Du musst Dich schon anstren­gen! Eine Woh­nung find­en, die Sprache ler­nen, das war alles sehr schwierig. Nach einem hal­ben Jahr haben wir gesagt: Wir gehen lieber wieder zurück. Aber ich habe noch eine Woh­nung in Israel. Ich möchte nicht in Ital­ien beerdigt wer­den. Es ist schwierig ger­ade in Ital­ien, die Flüchtlingskrise macht dem Land sehr zu schaf­fen. Alle sind unzufrieden. So schlimm war es noch nie.

LOTTA: Vor weni­gen Wochen wurde in Det­mold ein ehe­ma­liger SS-Ange­höriger aus Auschwitz zu ein­er Haft­strafe verurteilt. Ver­fol­gen Sie solche Prozesse heute noch?

Mari­ka Venezia: Ja, ich habe es mit­bekom­men, aber es inter­essiert mich nicht mehr beson­ders. Ich ver­suche auch, solche Dinge nicht zu sehr an mich her­an zu lassen. Ich gehe zu einem Zeitzeu­genge­spräch oder zu ein­er Ver­anstal­tung, das beschäftigt mich dann einige Stun­den, aber dann muss ich abschal­ten. Wenn man isst, spricht man nicht von der Shoah. Hat auch Shlo­mo immer gesagt. Man muss abschal­ten, wenn man nicht krank wer­den will.

LOTTA: Aber wie schal­tet man ab, wenn man doch die Bilder im Kopf hat?

Mari­ka Venezia: Man braucht einen sehr starken Willen. Son­st kön­nte man nicht ein­mal schlafen, auch nicht mit Schlafmit­teln. Ich kann das ganz gut. Ich muss. Aber ich habe auch nicht das mit­gemacht, was er mit­gemacht hat. Was mir immer am meis­ten weh getan hat, war der Gedanke an Shlo­mo, der damals mit seinen 20 Jahren da ankommt in Auschwitz. Und der muss dann die Tür auf­machen und 1.000, 1.500 Leichen aus der Gaskam­mer raus­holen, die Haare schnei­den und so weit­er. Wie soll man da „nor­mal“ bleiben? Er hat gelit­ten, aber er war nor­mal. Er ist auch gefragt wor­den, wie hast Du das aus­ge­hal­ten, wie kann man so etwas machen? Die Antwort ist: Er wollte leben. Es war seine einzige Chance. Er war sehr stark. Man hat die Über­leben­den immer gefragt: Wie war das, was hast Du erlebt? Aber nie­mand hat gefragt: Wie hast Du danach weit­ergelebt? Man kommt nie von Auschwitz los. Ich habe niemals gedacht, dass ich heute das machen würde, was ich jet­zt tue. Aber kurz nach­dem Shlo­mo gestor­ben ist, rief mich ein Bekan­nter ein­er jüdis­chen Organ­i­sa­tion aus der Toskana an und fragte, ob ich kom­men würde, um von Shlo­mo zu erzählen. Ich habe etwas nachgedacht – und zuge­sagt. Und dann habe ich ein­fach weit­ergemacht. Gefühlt habe ich mich dabei nicht gut, nicht schlecht. Es ist eine Verpflich­tung für mich, eine Auf­gabe. Ich habe nicht immer Lust dazu. Ich fahre fünf Mal im Jahr nach Auschwitz. Und das ist sehr schwer.

LOTTA: Frau Venezia, her­zlichen Dank für das Gespräch. Wir wün­schen Ihnen alles Gute.

Anmerkung der Redaktion:
Der His­torik­er Joachim Schröder hat dieses Inter­view auf Bitte der LOTTA am 29. Juni 2016 am Rande ein­er Ver­anstal­tung mit Mari­ka Venezia und Roland Vosse­breck­er (Bil­dungswerk Stanis­law Hantz e.V.) in der Rei­he „INPUT – antifaschis­tis­ch­er The­menabend in Düs­sel­dorf“ geführt. LOTTA bedankt sich bei allen Genan­nten sowie bei den Ini­tia­toren der Ver­anstal­tung, dem Bil­dungswerk Stanis­law Hantz e.V., dem Arbeit­skreis Gedenkstät­ten­fahrt und INPUT, für die Mitwirkung. (Link LOTTA Und stopptdierechten.at dankt LOTTA für die Genehmi­gung zur Wieder­gabe des beein­druck­enden Inter­views und des Vorspanns.