Korneuburg (NÖ): Prozess gegen den „Reichstrunkenbold”

Seinen let­zten öffentlichen Auftritt hat­te Philip Tschentsch­er im Wieder­betä­ti­gung­sprozess gegen die Neon­azis von „Objekt 21“ in Wels, wo er als Zeuge ein­ver­nom­men wurde. Jet­zt muss er sich ab 15. Jän­ner vor dem Lan­des­gericht Korneuburg selb­st wegen Wieder­betä­ti­gung ver­ant­worten – zusam­men mit fünf weit­eren Angeklagten.

Auf der Face­book-Seite „Frei­heit für Philip“ war zulet­zt eine schlechte Prog­nose für den Neon­azi abgegeben wor­den, dessen Nick­name „Reich­strunk­en­bold“ zutr­e­f­fend seine musikalis­chen Nazi-Qual­itäten beschreibt: „Bewährungsstrafe oder gar Freis­pruch ist ausgeschlossen.“

Tschentsch­er (32) gehört zur Gruppe der deutschen Neon­azi-Migranten, die rund um das Objekt 21 gar nicht so sel­ten anzutr­e­f­fen waren. Seine ein­schlägi­gen Spuren gehen bis in die 1990er-Jahre zurück, wo er damals im hes­sis­chen Hofgeis­mar „am Geburt­stag Adolf Hitlers mit exakt gescheit­el­tem Haar und schmalem Ober­lip­pen­bart im Unter­richt erschien und Parolen rief“.

2005 reg­istri­erte ihn „Blick nach Rechts“ als den für den Rund­brief der neon­azis­tis­chen „Deutschen Bürg­erini­tia­tive“ des Man­fred Roed­er Ver­ant­wortlichen. Damals warb er um Spenden für den inhaftierten Man­fred Roed­er – jet­zt sam­meln andere für ihn selb­st Geld.

Tschentsch­er hat laut Anklage in Öster­re­ich Nazi-Devo­tion­alien und ein­schlägige Musik ver­trieben. Im Welser Prozess zu Objekt 21 beschäftigte sich die Anklage auch mit dem Umstand, dass ein Album mit Nazi-Songs und dem Titel „Reich­strunk­en­bold – Der Unter­grund stirbt nie“ im Lokal der Objekt 21-Neon­azis aufgenom­men wor­den war. Die CD wird Tschentsch­er zugeschrieben und ist von ihm auch ver­trieben wor­den. Tschentsch­er war so etwas wie ein Hand­lungsreisender in Sachen Nazi-Schrott, den er in diversen Woh­nun­gen gelagert hat­te. Seinen Mitangeklagten wird von der Anklage vorge­wor­fen, ihn bei seinen Geschäften unter­stützt zu haben bzw. ihn im Bezirk Mis­tel­bach beherbergt zu haben.

Tschentsch­er wird aber nicht nur den Besitz und Ver­trieb von Nazi-Schrott ver­ant­wortlich gemacht, son­dern auch für den Besitz ver­boten­er Waf­fen sowie von Kriegs­ma­te­r­i­al. Im Mai 2009, also schon vor dem offiziellen Start von „Objekt 21“, war er bei ein­er Polizeikon­trolle des Autos von Jür­gen Wind­hofer (Chef von Objekt 21) aufge­fall­en. Am Steuer war damals Manuel Spindler, der zweite und formelle Chef von Objekt 21, im Fonds des Wagens Nazi-Devo­tion­alien und ver­botene Waf­fen. Im Jahr darauf hat er möglicher­weise eine Waffe bzw. die dazu passende Visiere­in­rich­tung mit Laser­point­er in einem Waf­fengeschäft in Ebensee (OÖ) erworben.

Beim Prozess in Wels ver­weigerte Tschentsch­er noch die Antwort, ob er der „Reich­strunk­en­bold“ von der gle­ich­nami­gen CD sei. Beim Ver­lassen des Ver­hand­lungssaals rief er den Angeklagten zu „Lasst euch nicht unterkriegen, alles für Deutsch­land!“ Beim Prozess in Korneuburg, der auf drei Tage anber­aumt ist und am Mittwoch begin­nt, schaut es nach Ansicht sein­er Nazi-Kam­er­aden nicht wirk­lich gut aus für ihn. Sie erge­hen sich deshalb in dumpfen Dro­hun­gen gegen die „Ver­räter“, denen sie es zuschreiben, dass Tschentsch­er vor Gericht ste­ht. Unter jenen, denen die Dro­hun­gen gefall­en, befind­en sich auch einige Neon­azis vom Objekt 21.