Objekt 21: Kriminell oder neonazistisch?

Der erste Prozess gegen einen Auf­tragstäter von „Objekt 21“ wurde Mon­tag, 8.7. vor einem Schöf­fen­gericht in Wels abgeschlossen. Der Angeklagte Rene M. war geständig, sodass das Gericht auf die Ein­ver­nahme von Zeu­gen verzichtete. Über­raschend ist die medi­ale Inter­pre­ta­tion: es han­dle sich um ein „Rotlicht-Net­zw­erk“ mit Über­schnei­dun­gen zu dem recht­sex­tremen „Objekt 21“.

Rene M. (30), der sich vor dem Welser Schöf­fen­gericht ver­ant­worten musste, hat schon eine ordentliche krim­inelle Kar­riere hin­ter sich: ins­ge­samt 18 Vorstrafen wegen Eigen­tums­de­lik­ten. In der Jus­ti­zanstalt Suben traf er auf Jür­gen W., den heim­lichen Chef von „Objekt 21“, der dort ger­ade seine Haft­strafe wegen NS-Wieder­betä­ti­gung für die Bil­dung des „Kampfver­band Ober­donau“ absaß. Rene M., der sich selb­st als rechts­gerichtet beze­ich­net, war also keines von den Grün­dungsmit­gliedern von Objekt 21, son­dern ein „Spät­berufen­er“.

Im Herb­st 2010, als sich die bei­den in Suben ken­nen­lern­ten, war die Neon­azi-Truppe von Objekt 21 schon längst aktiv und hat­te offen­sichtlich auch schon einige Aus­flüge ins krim­inelle Gewerbe unternommen.

Jür­gen W. alias „Suben Kna­ki“ auf Face­book nahm Rene M. in Suben unter seine Fit­tiche, borgte ihm Geld, ver­half ihm zu einem Anwalt und zu Haf­taus­gän­gen und – nach der Haf­tent­las­sung – auch zu ein­er Unterkun­ft. Es war also nicht nur die poli­tis­che Übere­in­stim­mung, son­dern vor allem das Abhängigkeitsver­hält­nis, das dazu führte, dass Rene M. schon während der Freigänge in der Haft und dann später etliche Ein­bruchs­dieb­stäh­le und einen Über­fall auf einen Super­markt aus­führte. Mit ins­ge­samt 16 Ein­brüchen — Gesamtschaden 66.000 Euro — und dem Raubüber­fall auf den Super­markt wollte er seine „Schuld“ abar­beit­en. Nach dem Über­fall auf den Super­markt im Juli 2012 , bei dem er die Kassierin mit einem Mess­er bedro­hte und 1.000 Euro Beute machte, wurde er geschnappt, weil er auf der Flucht seinen Reisep­a­ss ver­loren hatte.


Jür­gen W. alias „Suben Kna­ki“ auf Facebook
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Der „Chef“ Jür­gen W. dirigierte von der Jus­ti­zanstalt her­aus nicht nur weit­ge­hend die Aktiv­itäten von Objekt 21, son­dern ord­nete laut dem Geständ­nis von Rene M. auch die Ein­bruch­sob­jek­te an. Weil Rene M. keinen Führerschein besaß, stellte der „Chef“ für die Ein­bruchs­fahrten auch ein Auto samt Chauf­feur zur Verfügung.

Nach den Ein­bruch­saus­flü­gen wur­den die ver­wen­de­ten Mate­ri­alien – Hand­schuhe, Klei­dung, Werkzeug – im Objekt 21 zwar immer „pro­fes­sionell“ ver­nichtet, aber der Reisep­a­ss, den er auf sein­er Flucht nach dem Raubüber­fall in ein­er Schre­ber­garten­sied­lung, wo er sich ver­steck­te, ver­lor, führte die Krim­i­nalpolizei schließlich doch zu ihm und damit auf die Spuren des Objekt 21.

Das Gericht ver­fügte während der Ver­hand­lung den zeitweisen Auss­chluss der Öffentlichkeit. Rene M. fühlte sich gefährdet, weil er mit seinen Aus­sagen andere belastete. Die „anderen“, das sind die Rädels­führer von Objekt 21.

Einige von ihnen befind­en sich zwar nach wie vor in Unter­suchung­shaft, aber längst nicht alle. Bei eini­gen von denen, die sich mit­tler­weile wieder oder nach wie vor in Frei­heit befind­en, sind zumin­d­est die poli­tis­chen Überzeu­gun­gen unge­brochen. Dass von ihnen Gefahr für „Ver­räter“ aus­ge­hen kön­nte, ist allein angesichts der bish­er fest­gestell­ten Delik­te evi­dent: die Objekt 21-Neon­azis sind schon in der Ver­gan­gen­heit ziem­lich bru­tal mit ver­muteten „Ver­rätern“ umgegangen.

„Ich bin gut­gläu­big, naiv und dumm“, erk­lärte Rene M. vor Gericht. Mit seinem Geständ­nis wolle er mit sein­er krim­inellen Kar­riere endgültig abschließen. Das Schöf­fen­gericht sprach ihn schuldig im Sinne der Anklage und verurteilte ihn zu ein­er Haft­strafe von sieben Jahren (noch nicht recht­skräftig) wegen mehrfach­er ver­suchter oder vol­len­de­ter Ein­bruchs­dieb­stäh­le, Raub und Mit­glied­schaft in ein­er krim­inellen Vereinigung.

Das Gericht hat sich dafür entsch­ieden, Rene M. als Mit­glied ein­er krim­inellen Vere­ini­gung zu verurteilen, nicht als Mit­glied ein­er Neon­azi-Organ­i­sa­tion. Das ist vielle­icht eine für die Jus­tiz prak­tik­able Vor­gangsweise, entledigt die Ermit­tlungs­be­hör­den, aber auch die Medi­en nicht der Auf­gabe, die Struk­turen und Hier­ar­chien offen­zule­gen. Da deutet aber alles darauf hin, dass die Ver­ant­wortlichen für die krim­inellen Aktiv­itäten die Chefs der Neon­azi-Truppe um Objekt 21 waren – es gibt nicht „Über­schnei­dun­gen“ zwis­chen einem „Rotlicht-Net­zw­erk“ und ein­er Neon­azi-Truppe, son­dern eine Neon­azi-Truppe mit erhe­blichem krim­inellen Potential.

Mehr noch: der zeitliche Ver­lauf der Delik­te von Rene M. macht klar, dass etliche der Ver­brechen und Verge­hen ver­hin­dert wer­den hät­ten kön­nen, wenn die Neon­azi-Truppe von Objekt 21 rechtzeit­ig aus­ge­hoben und schon 2011 wegen NS-Wieder­betä­ti­gung vor Gericht gestellt wor­den wäre.