Innsbruck: Ein Urologe, anonyme Mails und NS- Wiederbetätigung

Der Hin­ter­grund ist vielschichtig, kom­pliziert und spielt eigentlich in einem anderen Meti­er, der Medi­zin. Seit Jahren gibt es eine heftig geführte Auseinan­der­set­zung an der Inns­bruck­er Uni­ver­sität­sklinik um die Ein­führung ein­er Stam­mzellen-Ther­a­pie bei Harninkon­ti­nenz. Jet­zt gibt es neue Vor­würfe des Kranken­haus­be­treibers Tilak gegen den Klinikurolo­gen Hannes Strass­er und unbekan­nte Täter, die in ein­er fast hun­dert­seit­i­gen Anzeige die Vor­würfe der Ver­leum­dung, Kred­itschädi­gung, Urkun­den­fälschung, des Stalk­ing, der üblen Nachrede und eben auch der NS-Wieder­betä­ti­gung beinhalten.

„It seems some­thing is rot­ten in Aus­tria“, kon­sta­tierte das Wis­senschafts­magazin „Nature“ im Jahr 2008 und bezog sich dabei auf die Vorgänge an der Urolo­gie in Inns­bruck. Ein Jahr zuvor war im Medi­z­in­jour­nal „The Lancet“ die neue Behand­lungsmeth­ode der Inns­bruck­er Urolo­gen präsen­tiert wor­den – ange­blich abgesichert durch Stu­di­en, die die Heilungsquote in den Medi­z­in­him­mel hoben.

„Bei Nach­forschun­gen stellte sich her­aus, dass an der Urolo­gie bere­its 400 Patien­ten ille­gal – weil außer­halb ein­er genehmigten klin­is­chen Studie – mit der Zellther­a­pie behan­delt wor­den waren.“ (pro­fil, 25.8. 2008)

Die Ethikkom­mis­sion, die nichts von der Studie gewusst hat­te, schal­tete sich ein und informierte das Gesund­heitsmin­is­teri­um bzw. dessen dama­li­gen Sek­tion­schef Hubert Hrab­cik. Der Sek­tion­sleit­er, poli­tisch fest bei der FPÖ ver­ankert, erteilt die – unrichtige – Auskun­ft, die Phase-III-Studie habe nicht der Ethikkom­mis­sion vorgelegt wer­den müssen (laborjournal.de). Später wird dann die Agen­tur für Gesund­heit und Ernährungssicher­heit (AGES) mit der Prü­fung beauf­tragt. Die Prüfer der AGES find­en in ihrem Bericht „schwere method­is­che Män­gel, außer­dem seien die Patien­ten nicht ordentlich aufgek­lärt und ver­sichert gewe­sen, und sie äußern den Ver­dacht, es könne sich über­haupt um eine ‚virtuelle Studie‘ han­deln, für die alte Patien­ten­dat­en eingear­beit­et wor­den sein kön­nten“ (pro­fil, 25.8. 2008).

2008 schal­tet sich auch Mar­tin Graf (FPÖ) mit par­la­men­tarischen Anfra­gen ein, spricht von „Skan­dal“ und „alarmieren­den Vor­fällen“ an der Medi­zinis­chen Uni­ver­sität Inns­bruck, greift dabei aber all jene an, die – wie z.B. die Ethikkom­mis­sion – gegen Strass­er und dessen Ther­a­pie Stel­lung genom­men haben. Graf beruft sich auf ein unsicht­bares Aktion­skomi­tee „Ret­tet die Klinik Inns­bruck“, das ihn über „schw­er­wiegende Vor­fälle“ in der Ethikkom­mis­sion informiert habe.

Die Gegenof­fen­sive rollt und wird in der Folge zu ein­er Flut an anony­men Mails mit Titeln wie „Die Fack­el“ und „Linke Klinik“ führen, die mit schw­eren Angrif­f­en und Verdäch­ti­gun­gen gespickt sind. 2011 wird Strass­er in einem Straf­prozess vom Vor­wurf des gewerb­smäßi­gen Betrugs freige­sprochen, aber in erster Instanz wegen Beweis­mit­telfälschung und falsch­er Zeu­ge­naus­sage verurteilt (das Urteil ist nicht recht­skräftig). Der Kranken­haus­be­treiber Tilak beauf­tragt einen Pri­vat­de­tek­tiv mit Ermit­tlun­gen zu den anony­men E‑Mails und erstat­tet im Novem­ber Anzeige gegen Strass­er und unbekan­nte Täter.

In ein­er Pressekon­ferenz am 18.1.2012 präsen­tiert Tilak-Vor­stands­di­rek­tor Deflo­ri­an die Vor­würfe, nach­dem es wenige Stun­den zuvor eine Haus­durch­suchung bei Strass­er gegeben hat. Dem­nach hat der Detek­tiv zahlre­iche Belege dafür gefun­den, dass Strass­er selb­st über Restau­rants ein­er Fast­food-Kette bzw. deren WLAN-Netz anonyme Mails versendet habe. Wom­it der schw­er­wiegende Vor­wurf der NS-Wieder­betä­ti­gung begrün­det wurde, wird in den Medi­en­bericht­en nicht näher ausgeführt.