Kommentar: Ein echter Freiheitlicher und das Wörtchen „Damals“!

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Her­bert Kickl, Gene­ral­se­kre­tär der FPÖ, hat frü­her, in einem ande­ren Leben, die Reden für Jörg Hai­der geschrie­ben. In einem ande­ren Leben, weil Kickl „natür­lich“ genau­so wenig wie Stra­che mit der eige­nen und der Ver­gan­gen­heit ins­ge­samt etwas zu tun haben will.

Viel­leicht hat er auch nicht die kom­plet­ten Reden geschrie­ben, son­dern nur die Poin­ten ver­fasst, die die Bier­ti­sche zum Erbe­ben gebracht haben. Die über den Ari­el mit dem Dreck am Ste­cken oder über den Wes­ten­ta­schen-Napo­le­on. Jeden­falls darf Kickl sei­ne Reden und Poin­ten jetzt selbst zum Vor­trag bringen.

Am Don­ners­tag, 17.11.2011 sprach Kickl, der auch Sozi­al­spre­cher der FPÖ ist, im Natio­nal­rat zum Bud­get und nutz­te sei­ne Rede für eine Selbst­ent­blö­ßung der beson­de­ren Art. Er rede­te über Armut und Pensionisten:

Sie wis­sen genau­so gut wie ich, Herr Sozi­al­mi­nis­ter, dass vie­le die­ser armen Men­schen in Öster­reich des­halb so arm sind, weil sie Pen­sio­nis­ten sind, weil sie in Öster­reich als Dank und Aner­ken­nung für ihre Leis­tung, für ihre Auf­bau­leis­tung – weil sie damals nicht davon­ge­lau­fen sind, son­dern weil sie ange­packt haben, weil sie nicht davon­ge­lau­fen sind so wie ande­re, die Sie ver­hät­scheln, mei­ne Damen und Her­ren, aus aller Her­ren Län­der – viel zu wenig bekom­men. (Her­vor­he­bun­gen SdR, Quel­le: vor­läu­fi­ges Ste­no­gra­phi­sches Protokoll)

Der Satz­auf­bau ist etwas wirr, aber der Kern der Kickl-Tira­de ist den­noch schnell erschlos­sen: Die meis­ten armen Men­schen in Öster­reich sind Pen­sio­nis­ten. Die sind des­halb so arm, weil sie als Dank und Aner­ken­nung für ihre Leis­tung viel zu wenig bekom­men. War­um bekom­men sie so wenig? Weil sie nicht davon­ge­lau­fen sind, son­dern ange­packt haben und eine Leis­tung, eine Auf­bau­leis­tung erbracht haben. Die ande­ren, die davon­ge­lau­fen sind und aus aller Her­ren Län­der sind, wer­den ver­hät­schelt. Von wem? Der Red­ner zeigt mit dem Fin­ger auf die Sozialdemokratie.

Und wer sind die Ver­hät­schel­ten „aus aller Her­ren Län­der“? Kickl sagt es nicht, aber es gibt nur eine ein­zi­ge Figur, die der Beschrei­bung ent­spricht: der Jude, „der ewi­ge Jude”, der rast­los über die gan­ze Welt umher­zieht („aus aller Her­ren Län­der“), der aus Öster­reich „davon­ge­lau­fen“ ist, daher, im Unter­schied zu den ande­ren, die ange­packt haben, kei­ne Leis­tung, kei­ne Auf­bau­leis­tung erbracht hat und von den Sozi­al­de­mo­kra­ten ver­hät­schelt wird. „Davon­ge­lau­fe­ne“ – mit die­sem zyni­schen Ter­mi­nus meint Kickl nicht etwa Deser­teu­re oder jene Demo­kra­tIn­nen, die vor dem Hit­ler-Regime noch aus Öster­reich flüch­ten konn­ten. Die zusätz­li­chen Attri­bu­te der „Ver­hät­schel­ten” und der „aus aller Her­ren Län­der” defi­nie­ren die Grup­pe ein­deu­tig, las­sen kei­ne ande­re Erklä­rung mehr zu: die Juden sind gemeint!

Ist ein Irr­tum bei mei­nen Schluss­fol­ge­run­gen aus­ge­schlos­sen? Ein FPÖ-Abge­ord­ne­ter mein­te nach mei­ner ers­ten Stel­lung­nah­me zu die­ser Kickl-Rede sinn­ge­mäß, ich soll­te nicht immer in der Ver­gan­gen­heit die Pro­ble­me suchen, gemeint sei­en die Zuwan­de­rer „aus aller Her­ren Län­der“. Ein berech­tig­ter Ein­wand? Sicher nicht! Kickl sprach von denen, die „damals“ davon­ge­lau­fen sind, wäh­rend die ande­ren „damals“ ange­packt hätten.

Eine ent­setz­li­che, eine unglaub­lich zyni­sche Rede! In jedem eini­ger­ma­ßen auf­merk­sa­men west­eu­ro­päi­schen Par­la­ment wäre die­ser Wort­mel­dung von Kickl eine hef­ti­ge Debat­te gefolgt – ein Rück­tritt wäre unvermeidbar.

Karl Öllin­ger