Neue Regeln machen den Geldfluss nachvollziehbar
Seit 10. Oktober 2025 gilt die EU-Verordnung über Transparenz und Targeting politischer Werbung vollständig. Sie reagiert auf den Boom politischer Onlinewerbung, neue Targeting-Techniken und die Gefahr gezielter Informationsmanipulation. Politische Anzeigen müssen seither klar gekennzeichnet sein. Anzugeben sind unter anderem Sponsor, Laufzeit, Kosten sowie Herkunft der Finanzierung; eine ausführliche Transparenzbekanntmachung muss direkt zugänglich sein.
Für die Öffentlichkeit öffnet diese Vorschrift erstmals ein Fenster in einen Bereich, der zuvor im Dunkeln lag: die regelmäßige Finanzierung rechtsextremer Medien durch die FPÖ. Unsere Sammlung der seit November 2025 auffindbaren Erklärungen ergibt mit Stand 10. Oktober 2026 mindestens 369.660 Euro. Auftraggeber sind die Bundespartei, der Freiheitliche Parlamentsklub, Landesorganisationen und einzelne Abgeordnete. Mehrere weitere Inserate sind dokumentiert, für sie fehlt(e) allerdings eine auffindbare Transparenzerklärung. Die tatsächliche Summe, mit der die FPÖ rechtsextreme Medien füttert, liegt damit höher.
130.040 Euro alleine für AUF1
Mit Abstand größter Empfänger ist AUF1: 130.040 Euro sind bislang dokumentiert, gut 35 Prozent des gesamten erfassten Volumens. Damit finanziert die FPÖ fast drei Vollzeitstellen über ein ganzes Jahr hinweg.
Das Geld kommt aus Strukturen, die öffentlich finanziert werden. Parteien und Parlamentsklubs erhalten ihre Mittel aus dem Bundesbudget. Allein die FPÖ-Bundespartei erhielt 2025 laut Rechnungshof 11,56 Millionen Euro Bundes-Parteienförderung.
Vor diesem Hintergrund bekommen manche FPÖ-Inserate eine besondere Note: Unter dem Titel „Wir decken auf, wofür die Regierung euer Geld ausgibt“ wirbt der Klub für seine Kampagne gegen angebliche Geldverschwendung der Regierung – in Medien, denen dieselbe Partei innerhalb eines Jahres Hunderttausende Euro für Werbung bezahlt.

70 Prozent für Medien aus dem Verfassungsschutzbericht
Fünf Empfänger mit zusammen 259.580 Euro – rund 70 Prozent des gesamten dokumentierten Volumens – behandelt der österreichische Verfassungsschutzbericht 2025 ausdrücklich.
AUF1 bezeichnet die DSN als das reichweitenstärkste (womit der Verfassungsschutz irrt) „rechtsextreme und heterodox-extremistische Alternativmedium“ Österreichs und nennt verfassungsfeindliche Inhalte, antisemitische Verschwörungsnarrative und Desinformation. Report24 verbreite rechtsextremes, staatsfeindliches und verschwörungsideologisches Gedankengut. Bei RTV nennt der Bericht rechtsextreme Agitation, bei Info-Direkt rechtsextreme Kernthemen und bei „Der Status“ rechtsextreme Parolen. Die DSN betont zudem die engen personellen und inhaltlichen Verbindungen dieser Medien zur rechtsextremen Szene.
Die Inserate stärken damit wirtschaftlich ausgerechnet jene Medienstrukturen, denen der Verfassungsschutz eine Rolle bei der Verbreitung extremistischer, verschwörungsideologischer und systemfeindlicher Inhalte zuschreibt.
Reichweite erklärt die Geldverteilung kaum
Bemerkenswert, da mit objektiven Kriterien nicht nachvollziehbar, ist, welches Medium wie viel erhält. Wir haben dafür die September-Zahlen von similarweb herangezogen. Das Analyseunternehmen schätzt Website-Besuche aus mehreren Datenquellen – darunter direkt übermittelte Webanalytics, ein Nutzer:innen-Panel, Partnerdaten und öffentlich erhobene Signale und modelliert daraus den Traffic („visits“) einer Website.
Die Daten sind geeignet, Größenordnungen und Relationen zwischen Websites abzuschätzen. Für kleine Seiten steigt die Treffungenauigkeit. similarweb weist selbst darauf hin, dass ausreichend Traffic nötig ist, um belastbare Schätzungen zu erzeugen.
AUF1 kam demnach im September auf rund 363.000 Website-Visits, davon bloß 16 Prozent aus Österreich – rechnerisch etwa 58.000. Report24 erreichte rund 431.000 Visits mit 27 Prozent Österreich-Anteil, also etwa 116.000 österreichische Besuche. Trotzdem erhielt AUF1 mit 130.040 Euro mehr als doppelt so viel dokumentiertes Inseratengeld wie Report24 mit 55.200 Euro.
Noch absurder werden die FPÖ-Summen für andere Medien: Für die Website des Verlags „Frank & Frei“, die so wenig Traffic ausweist, dass der kaum noch messbar ist, wurden Ende 2025 für ein Inserat, das bestenfalls eine handverlesene Menge an Personen erreicht, 2.400 Euro verschleudert. Patronaut, eine kommerzielle Website des Ex-Identitärenkaders Patrick Lenart, erreicht zwar auch kaum Besucher:innen – schon gar nicht aus Österreich – wird mit 9.600 Euro versorgt.
Die Webreichweite in Österreich erklärt die Verteilung der FPÖ-Gelder damit jedenfalls nicht. Welche Gewichtung die FPÖ also vornimmt, ist unbekannt: Wer lauter brüllt? Wer der FPÖ besonders gefällige Berichterstattung verspricht?
Werbung fürs eigene Propagandamedium
Der Inhalt der Inserate folgt einem klaren Muster. Besonders häufig bewirbt die FPÖ „Austria First“. Das Internetradio startete am 17. Jänner 2026 beim Neujahrstreffen der Partei. Die FPÖ selbst bezeichnete es als „nächsten Meilenstein des freiheitlichen Medienhauses“. Der „Meilenstein“ scheint allerdings, was die Reichweite der Website laut similarweb betrifft, höchstens ein Steinchen zu sein: Für den September werden trotz massenhafter Bewerbung gerade einmal 10.097 visits ausgewiesen, in den Monaten zuvor lagen sie teilweise noch niedriger.

Weitere Schaltungen bewerben diverse Kampagnen (aktuell jene gegen den ORF) sowie Auftritte von Herbert Kickl. Dazu kommen persönliche Inserate von FPÖ-Abgeordneten: Martin Graf warb etwa auf RTV für seine Facebook-Seite, Manuel Litzke, Maximilian Weinzierl und Sebastian Schwaighofer präsentierten sich selbst bei „Freilich“, Martin Graf und Axel Kasseger zeigten überhaupt nur ihr Konterfei samt politischen Funktionen bei „Zur Zeit“.
„Vollständig unabhängig“ zwischen FPÖ-Inseraten
Wie eng Parteikommunikation und das Umfeld mancher Portale optisch zusammenrücken, zeigt etwa Report24. In deren Artikeln taucht die Kennzeichnung „POLITISCHE ANZEIGE im Auftrag des FREIHEITLICHEN PARLAMENTSKLUBS“ mehrfach zwischen den redaktionellen Teilen auf. Am Seitenende versichert Report24 zugleich: „Wir berichten vollständig unabhängig von politischen Parteien und staatlichen Institutionen.“
Info-Direkt schreibt über das Anti-ORF-Volksbegehren der FPÖ, bettet in den Artikel den FPÖ-TV-Stream der Pressekonferenz ein und schaltet dazu das entsprechende Inserat der FPÖ – ohne Kennzeichnung als Werbung.

Ein Tausch „Inseratengeld gegen redaktionelle Berichterstattung“ ist damit nicht belegt. Belegt ist eine erhebliche und wiederkehrende finanzielle Beziehung zu einem Medienmilieu, dessen politische Stoßrichtung fast zur Gänze mit jener der FPÖ übereinstimmt.
Wenn die Transparenz selbst fehlt
Die neuen Transparenzregeln funktionieren nur, wenn die Medien sie einhalten. Bei mehreren von uns dokumentierten Inseraten auf Unzensuriert, Info-Direkt, „Unser Mitteleuropa“ und Frank&Frei war eine zugehörige Transparenzbekanntmachung nicht auffindbar. Zudem hatten Report24, RTV und „Unser Mitteleuropa“ über Monate hinweg FPÖ-Inserate mit abgelaufenen Transparenzerklärungen geschaltet.
Das ist rechtlich prüfungswürdig. Artikel 11 und 12 der EU-Verordnung verlangen eine leicht und unmittelbar abrufbare Bekanntmachung. Für Sachverhalte nach dem 31. Mai 2026 sieht das österreichische Politische-Werbung-Gesetz bei Verstößen eines Herausgebers gegen diese Pflichten Geldstrafen bis 20.000 Euro bei Fahrlässigkeit und bis 50.000 Euro bei Vorsatz vor. Zuständig ist die KommAustria. Ob die von uns dokumentierten Fälle diese Voraussetzungen erfüllen, sollte die Behörde prüfen.

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