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„Neue Akropolis“: Wurzelrassen, Führerprinzip und ein Persilschein

Die „Neue Akro­po­lis“ gibt sich in Öster­reich als harm­lo­ser Phi­lo­so­phie­ver­ein. Hin­ter ihrem Gra­zer Zen­trum steht jedoch ein streng hier­ar­chi­sches, eso­te­ri­sches Netz­werk mit Wur­zel­ras­sen-Ideo­lo­gie und einem beacht­li­chen Fir­men­ge­flecht. Fach­stel­len war­nen vor ihr.

3. Dez. 2025
Propagandafilm "What is New Acropolis?" (Was ist "Neue Akropolis?") mit dem Gründer Jorge Ángel Livraga (Screenshot YT 10.4.22)
Propagandafilm "What is New Acropolis?" mit dem Gründer Jorge Ángel Livraga (Screenshot YT 10.4.22)

Ver­mut­lich ken­nen die wenigs­ten die „Neue Akro­po­lis“. Viel­leicht ken­nen eini­ge mehr die Zeit­schrift „Aben­teu­er Phi­lo­so­phie“. Oder haben am „Tag der Phi­lo­so­phie“, den die Unesco seit 2005 an jedem drit­ten Don­ners­tag im Novem­ber begeht, etwas von der „Lan­gen Nacht der Phi­lo­so­phie“ mit­be­kom­men. Die wird vom Ver­ein „Neue Akro­po­lis“ ver­an­stal­tet, bei dem auch sonst eini­ges im Dun­keln liegt. Die Wur­zel­ras­sen­ideo­lo­gie etwa oder die stren­ge Hierarchie.

Wurzelrassenideologie

Hal­ten wir uns an die nüch­ter­nen Fakten.

Die Orga­ni­sa­ti­on „Neue Akro­po­lis“ wur­de 1957 von dem argen­ti­ni­schen Dich­ter und Phi­lo­so­phen Jor­ge Angel Liv­ra­ga Riz­zi (1931–1991) in Bue­nos Aires gegrün­det. Mitt­ler­wei­le hat die „Neue Akro­po­lis“ welt­weit expan­diert und ver­fügt in mehr als 50 Län­dern über eini­ge hun­dert Standorte.

Der ers­te öster­rei­chi­sche Able­ger wur­de 1980 in Graz gegrün­det, wo auch der Haupt­sitz des Ver­eins ist. In sie­ben wei­te­ren Städ­ten gibt es Nie­der­las­sun­gen. Über die Zahl der Mit­glie­der ist auf den diver­sen Sei­ten der „Neu­en Akro­po­lis“ nichts zu erfah­ren, aber ihre Ver­an­stal­tun­gen sind nicht schlecht besucht. Allei­ne der Umstand, dass der Ver­ein die von ihm orga­ni­sier­te „Lan­ge Nacht der Phi­lo­so­phie“ 2025 an allen Stand­or­ten mit Ver­an­stal­tun­gen bespie­len konn­te, deu­tet auf eine gewis­se Orga­ni­sa­ti­ons­stär­ke hin.

War­um beschäf­ti­gen wir uns mit der „Neu­en Akro­po­lis“ (NA)? Da ist zunächst der Grün­der und lang­jäh­ri­ge Chef der NA, Liv­ra­ga Riz­zi, etwas genau­er zu beleuch­ten. Der hat nach einer Pha­se der Zuwen­dung zur Theo­so­phi­schen Gesell­schaft der Hele­na Blava­ts­ky die­se ver­las­sen (müs­sen?) und sei­nen eige­nen, von der Theo­so­phie gepräg­ten Ver­ein, eben die „Neue Akro­po­lis“ gegrün­det. So ver­tritt die NA auch „die theo­so­phi­sche Theo­rie der Wur­zel­ras­sen, eine evo­lu­tio­nä­re Ent­wick­lung mensch­li­cher Ras­sen von den Hyper­bo­re­ern zu den Lemu­ri­ern, den Atlan­ti­ern und schliess­lich zu den Ari­ern“ (relinfo.ch, Stich­wort „Glau­be“). Nicht zufäl­lig wird der Wur­zel­ras­sen­my­thos als ras­sis­tisch eingestuft.

Führerprinzip und Ungleichheit

Liv­ra­ga-Riz­zi wird in der Ver­eins­zeit­schrift „Neue Akro­po­lis“ Nr. 48 (April-Juni 1992, zit. nach „Anti­fa­schis­ti­sche Nach­rich­ten”) dazu so zitiert:

In der heu­ti­gen Mensch­heit leben 5 Mil­li­ar­den Per­so­nen zusam­men, die Zeit­ge­nos­sen, doch kei­ne Alters­ge­nos­sen wären. Für so ver­schie­de­ne Wesen Gleich­heit zu for­dern, wür­de das Recht aller beschnei­den, nach ihren Not­wen­dig­kei­ten leben zu kön­nen. Die Gleich­heit exis­tiert in der mani­fes­ten Welt nicht.

An ande­rer Stel­le heißt es in die­ser Ana­ly­se, die aus nicht öffent­lich zugäng­li­chen Quel­len der NA zitiert:

Wer unfä­hig zu füh­ren ist, sol­le an sei­nem Platz das für alle Nütz­li­che tun: „Gut eine Schus­ter­werk­statt zu füh­ren ist edler als eine fal­sche Phi­lo­so­phen­schu­le zu lei­ten.” (Füh­rungs­hand­buch) Die neu­en Füh­rer sol­len die Phi­lo­so­phen, die Erken­nen­den, Erleuch­te­ten sein. So greift die NA ger­ne und häu­fig auf das Staats­ide­al Pla­tons zurück.

Es gibt noch ande­re Kri­tik­punk­te an den „Leh­ren“ von Livraga-Rizzi:

In sei­nem Mani­fest „Wir Akro­po­li­ta­ner“ nennt er die Aris­to­kra­tie die bes­te, die Demo­kra­tie die schlech­tes­te aller Regie­rungs­for­men, ver­tritt an ver­schie­de­nen Stel­len Füh­rer­prin­zip, pre­digt Sozi­al­dar­wi­nis­mus und pro­pa­giert bei­spiels­wei­se: „Es ist ein grö­ße­res Ver­bre­chen, eine Amei­se grund­los zu töten als einen Men­schen im Namen eines Ideals.

Das hat die „taz“ in einem Bei­trag aus 1996 (taz.de, 14.2.1996) über die NA und ihren Grün­der geschrie­ben. Seit­her sind rund 30 Jah­re ver­gan­gen. Hat sich die Orga­ni­sa­ti­on in die­sen drei Jahr­zehn­ten grund­le­gend geändert?

Persilschein

Die NA tritt nach außen – über ihre Ver­an­stal­tun­gen – so auf, dass man die­sen ras­sis­ti­schen und rech­ten Hin­ter­grund nicht ver­mu­ten wür­de. NA äußert sich über die Kri­tik so: „Manch­mal wer­de im Inter­net lei­der ver­al­te­te Quel­len und längst zurück­ge­zo­ge­ne Kri­ti­ken zitiert, manch­mal beru­hen sie auf ober­fläch­li­che Recher­chen.“

Die­se Kri­tik an der Kri­tik ist so dif­fus und unklar, dass wir neu­gie­rig wer­den und den Bericht der „Unab­hän­gi­gen Beob­ach­tungs­stel­le für Sek­ten­fra­gen“ aus dem Jahr 2001 ankli­cken, der zur Ent­las­tung von NA ange­bo­ten wird. Die­ser Bericht, den NA „exklu­siv“ ver­öf­fent­licht, ist tat­säch­lich – in weni­gen Sät­zen – so etwas wie eine Weiß­wa­schung der NA.

Die „Beob­ach­tungs­stel­le“, die auch als „Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on“ auf­ge­tre­ten ist, bestand aus einer ein­zi­gen Per­son, die sich in Kur­se der NA Schweiz setz­te und dar­über ihren Bericht erstell­te. Eine Inter­net­prä­senz der „Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on“ ist nicht zu fin­den, wohl aber eini­ge weni­ge Berich­te in Medi­en der fran­zö­sisch­spra­chi­gen Schweiz, in denen etwa die Raelia­ner, eine Grup­pe, die an das Klo­nen und die Kraft des Haken­kreu­zes glaubt, eben­falls den Segen der „Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on“ bzw. ihrer Reprä­sen­tan­tin, Clai­re-Lise Hoehn, erhal­ten haben. Es war wohl eher eine „Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on“ für die unter­such­ten Gruppen.

Der Grund­kurs in Phi­lo­so­phie, den Frau Hoehn besucht und für gut befun­den hat, kos­te­te 2001 für 14 Aben­de 270 Fran­ken, also rund 20 Euro pro Abend. (mitt­ler­wei­le hat sich der Preis ver­dop­pelt). Nicht so posi­tiv fällt der Erleb­nis­be­richt eines deut­schen Kurs­be­su­chers aus: „[W]er auf sek­ten­ar­ti­ge Hier­ar­chie­struk­tu­ren, Bus­si und Grup­pen­ku­scheln, Ritu­al­krims­krams und eso­te­ri­sche Glau­bens­in­hal­te steht, ist dort mit Sicher­heit gut bedient“. (rafa.at, 31.10.11)

Die Außerirdischen

Der ziem­lich flap­si­ge Bericht aus dem Jahr 2011 beinhal­tet unter ande­rem, dass für den „Blub­ber“, der dort an 18 Kurs­aben­den vor­ge­tra­gen wur­de, 200 Euro bezahlt wer­den muss­ten. Der Inhalt des Ägyp­ten-Abends macht den „Blub­ber“ deutlich:

Die Pyra­mi­den ste­hen genau so, dass ihre ver­län­ger­ten Ach­sen auf den Ori­on zei­gen. Außer­dem wur­den an ihren Sockeln Muschel­kalk gefun­den. Das rührt daher, dass sich der Atlan­tik (nicht etwa das Mit­tel­meer) in der Vor­zeit bis zu den Pyra­mi­den quer über Afri­ka erstreckt hät­te und dies wie­der­um bewei­se das unge­heu­er hohe Alter der Pyra­mi­den. Die­se stam­men näm­lich noch aus der Urzeit, als die Außer­ir­di­schen mit ihren Raum­schif­fen vom Ori­on her­un­ter flo­gen, von denen näm­lich die Mensch­heit abstammt — so, jetzt wisst ihr’s — oder glaubt hier etwa jemand an die Evo­lu­ti­ons­theo­rie? (rafa.at)

Womit wir doch wie­der bei den Wur­zel­ras­sen wären, an deren Beginn die Außer­ir­di­schen waren. Unab­hän­gig von solch blü­hen­dem Unsinn, der als „prak­ti­sche Phi­lo­so­phie“ ver­kauft wird – beim äuße­ren Kreis, den Teilnehmer:innen von Grund­kur­sen, den Leser:innen der Zeit­schrift „Aben­teu­er Phi­lo­so­phie“ oder der NA-Bücher, geht es wohl auch um Ein­nah­men, die so für NA lukriert wer­den. Mitt­ler­wei­le hat NA näm­lich ein beacht­li­ches Fir­men­im­pe­ri­um auf­ge­baut – in Öster­reich, aber auch international.

Am Sitz der Gra­zer NA-Zen­tra­le („Zen­trum Phö­nix“) sind fünf Ver­ei­ne regis­triert, die sich unter­schied­li­chen Auf­ga­ben wid­men, aber per­so­nell straff geführt wer­den. Der Obmann von NA Öster­reich etwa ist auch der Chef von „filoso­fi­ca“, dem Ver­ein, der die Zeit­schrift „Aben­teu­er Phi­lo­sop­jhie“ (Auf­la­ge angeb­lich bis zu 17.000 Exem­pla­re) um 29 € für ein Jah­res­abo ver­tickt und Bücher – wie etwa „Ankor, der letz­te Prinz von Atlan­tis“, ein Werk des Grün­dungs­phi­lo­so­phen Liv­ra­ga-Riz­zi – anbie­tet. Der Öster­reich-Lei­ter der NA betreibt übri­gens am Ver­eins­sitz eine phi­lo­so­phi­sche Pra­xis als Ein­zel­un­ter­neh­mer, in der er für die „phi­lo­so­phi­sche“ Ein­zel- oder Paar­be­ra­tung 80 Euro pro Stun­de ver­langt. Den Preis für Unter­neh­men, denen er Work­shops anbie­tet, gibt’s nur auf Anfrage.

Unbedenklich geht anders

Das alles schaut nach einem kom­mer­zi­ell ori­en­tier­ten Ver­eins­be­trieb aus, bei dem abge­stan­de­ne „phi­lo­so­phi­sche“ Res­te in homöo­pa­thi­schen Dosen ange­bo­ten wer­den, die so unbe­denk­lich wir­ken, dass sie auch von seriö­sen Medi­en wei­ter­ver­brei­tet wer­den. Die „Lan­ge Nacht der Phi­lo­so­phie“, ein Ange­bot der NA am 20.11., war nicht nur rela­tiv gut besucht, son­dern medi­al durch­ge­reicht wor­den. Vor Jah­ren wur­de vor der NA von der staat­li­chen „Bun­des­stel­le für Sek­ten­fra­gen“ gewarnt und dazu im par­la­men­ta­ri­schen Aus­schuss debat­tiert. Die Schwei­zer „Kirch­li­che Fach­stel­le Reli­gio­nen, Sek­ten und Welt­an­schau­un­gen“ ist in ihrer Kri­tik sehr detailliert:

Für die Mit­glie­der der Neu­en Akro­po­lis gibt es eini­ge Regeln zu beach­ten. Sie soll­ten min­des­tens zwölf Stun­den im Monat frei­wil­li­ge Arbeit leis­ten, auch mehr, wenn sie die Mit­glie­der­bei­trä­ge nicht zah­len kön­nen. Kri­tik an den Lei­tungs­per­so­nen ist ver­bo­ten. Bei offi­zi­el­len Anläs­sen ist es Pflicht für Män­ner, Kra­wat­te und Jackett zu tra­gen, für Frau­en Röcke. Die Mit­glie­der wer­den dazu ange­hal­ten, jeg­li­chen Unmo­ra­li­tä­ten fern zu blei­ben. Homo­se­xu­el­le dür­fen in der Neu­en Akro­po­lis nicht Mit­glied werden.

In einer ande­ren Pas­sa­ge heißt es:

Von theo­so­phi­scher Sei­te wird berich­tet, dass Jor­ge Ángel Liv­ra­ga Riz­zi damals aus der theo­so­phi­schen Gesell­schaft aus­ge­schlos­sen wur­de, weil er rechts­extre­mis­ti­sche und neo­na­zis­ti­sche Ideen ver­brei­tet habe. Offi­zi­ell distan­ziert sich die Neue Akro­po­lis von Ras­sis­mus, poli­ti­schem Extre­mis­mus und Neo­na­zi-Gedan­ken­gut. Doch gibt es hier­zu kri­ti­sche Aus­sa­gen von Fach­leu­ten: Nicho­las Good­rick-Clar­ke, ein bri­ti­scher His­to­ri­ker und Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­ler, stell­te fest, dass die neue Akro­po­lis mit ihrer Orga­ni­sa­ti­on und Sym­bo­lik faschis­ti­schen Vor­bil­dern fol­ge. Jean-Marie Abgrall, ein fran­zö­si­scher Psych­ia­ter und Sach­ver­stän­di­ger für pro­ble­ma­ti­sche reli­giö­se Bewe­gun­gen, beton­te, dass die neue Akro­po­lis eli­tä­re und ari­sche Sym­bo­le und Ideen wei­ter­tra­gen wür­de.

Der inter­na­tio­na­le Dach­ver­band der NA ist geprägt von einer der­ma­ßen rigi­den Hier­ar­chie, dass sogar die Iden­ti­tä­ren vor Neid erblas­sen könn­ten. An der Spit­ze steht das „Welt­kom­man­do“, dar­un­ter der/die „Hüter der Sie­gel“, dann fol­gen die „Kon­ti­nen­tal­kom­man­dos“, die „Zen­tral­kom­man­dos“ bis hin zum Zweig­stel­len­lei­ter. Die­se Hier­ar­chie folgt der aus­ge­präg­ten Ungleichheitsideologie:

Wenn man ver­su­chen wür­de, alle Men­schen ein­an­der auf der Stu­fe der obe­ren Men­schen anzu­glei­chen, müß­te man die unte­ren so sehr zie­hen, daß sie zer­bre­chen; wenn man sich
auf die unters­te Stu­fe stellt, zer­stört man uner­bitt­lich die am höchs­ten Ste­hen­den, und wenn man für die Mit­te ist, tötet man bei­de
. (Das Poli­ti­sche Ide­al der Neu­en Akropolis)

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