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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 5 Minuten

Antifa stürmt Kapitol und Hitler ein Linker?

Der Umsatz an dreis­ten Lügen bzw. Fake-News erreicht mit Hil­fe der Coro­na-Schwurb­ler und Trump-Fans (die bei­den Grup­pen bil­den über QAnon eine beacht­li­che Schnitt­men­ge) Rekord­hö­hen. Der Sturm auf das Kapi­tol war dem­nach eine Fal­se-Flag-Akti­on der Anti­fa und kei­nes­wegs ein von Donald Trump ange­feu­er­ter Staats­streich­ver­such von Neo­na­zis, Rechts­extre­men und Mili­zen. Daher ist es auch nur logisch, dass Hit­ler und sei­ne Nazi-Ban­de kei­ne Rechts­extre­men, son­dern Lin­ke waren, oder stimmt das etwa doch nicht?

13. Jan. 2021

Der angeb­li­che Sturm der Anti­fa auf das Kapi­tol ist schnell ent­larvt. Die deut­lich rech­te „Washing­ton Times“, ein Blatt, das der Ver­ei­ni­gungs­kir­che des Sun Myung Moon gehört, hat in einem – mitt­ler­wei­le gelösch­ten – Bei­trag am 6.1.2021 behaup­tet, die Gesichts­er­ken­nungs­fir­ma XRVi­si­on kön­ne anhand von Auf­nah­men bele­gen, dass Anti­fa-Kra­wall­ma­cher an den Aus­schrei­tun­gen beim Kapi­tol betei­ligt waren. Um die Lüge noch etwas grel­ler aus­zu­ge­stal­ten, schwa­fel­te die Zei­tung von einem Sta­li­nis­ten und einem BLM (Black Lives Matter)-Aktivisten, die dabei erkannt wor­den seien.

Falschmeldung der Washington Times
Falsch­mel­dung der Washing­ton Times

Die Geschich­te mach­te natür­lich die Run­de bis hin zu öster­rei­chi­schen Abneh­mern von QAnon-Schau­er­mär­chen. Sie war jedoch erlo­gen. XRVi­si­on bestritt nicht, dass man Bild- und Video­ma­te­ri­al des Staats­streich­ver­suchs aus­ge­wer­tet habe, aber sonst alles an dem Bei­trag. Um die Behaup­tun­gen der „Washing­ton Times“ zu wider­le­gen, ver­öf­fent­lich­te der XRVi­si­on-Chef auf sei­nem Blog Fotos der betei­lig­ten Neo­na­zis – mit Namen. Die „Washing­ton Times“ wur­de mit einem Unter­las­sungs­be­geh­ren auf­ge­for­dert, den Lügen­bei­trag zu löschen und sich dafür zu ent­schul­di­gen, was sie dann auch tat.

Blogbeitrag auf apelbaum.wordpress.com
Blog­bei­trag auf apelbaum.wordpress.com
Sabine Z: "Es waren Antifa" - mit FB-Korrektur "Fehlinformation"
Sabi­ne Z: „Es waren Anti­fa” — mit FB-Kor­rek­tur „Fehl­in­for­ma­ti­on”
FB-Coronaleugner-Gruppe, Dirk L.: "Österreichistfrei": "Trumpanhänger versuchen, Menschen davon abzuhalten, ins Kapitol einzudringen"
FB-Coro­na­leug­ner-Grup­pe, Dirk L.: „Öster­rei­chist­frei”: „Trump­an­hän­ger ver­su­chen, Men­schen davon abzu­hal­ten, ins Kapi­tol einzudringen”

Dazu macht nun ein Ever­green der rechts­extre­men Lügen die Run­de: „Rechts“ ist nicht nazi – etwas holp­rig, aber doch deut­lich erkenn­bar, kommt hier das uralte Mär­chen wie­der, der Natio­nal­so­zia­lis­mus sei eine lin­ke Ideo­lo­gie gewe­sen. Sogar „Bele­ge“ für die­se doch ziem­lich fre­che Lüge wer­den ange­führt: Hit­ler sei dem­nach vor der Grün­dung der NSDAP in der SPD gewe­sen, Goeb­bels und der Blut­rich­ter Freis­ler sogar in der KPD.

Rechtsextremer Blog "Christian Holz": "Rechts ist nicht nazi!" "Hitler in der SPD, Goebbels und Freissler sogar in der KPD"
Rechts­extre­mer Blog „Chris­ti­an Holz”: „Rechts ist nicht nazi!” „Hit­ler in der SPD, Goeb­bels und Freiss­ler sogar in der KPD”

Begin­nen wir mit Hit­ler. Der hat bekannt­lich ein auto­bio­gra­phi­sches Werk ver­fasst: „Mein Kampf“. Das strotzt zwar vor Lügen, aber man kann es ja versuchen:

Wir waren alle mehr oder min­der fest über­zeugt, daß Deutsch­land durch die Par­tei­en des Novem­ber­ver­bre­chens, Zen­trum und Sozi­al­de­mo­kra­tie, nicht mehr aus dem her­an­rei­fen­den Zusam­men­bru­che geret­tet wer­den wür­de. (…) So wur­de denn in unse­rem klei­nen Krei­se die Bil­dung einer neu­en Par­tei erörtert.

Das schreibt er im 8. Kapi­tel „Beginn mei­ner poli­ti­schen Tätig­keit“. Davor war also laut Hit­ler nichts, und danach kam die Grün­dung der „Deut­schen Arbei­ter­par­tei“ (DAP),Vor­läu­fe­rin der NSDAP. Die DAP war eine anti­se­mi­ti­sche, völ­ki­sche und daher rechts­extre­me Par­tei. Weil aber Hit­ler ein noto­ri­scher Lüg­ner und Het­zer war, soll­te man sich natür­lich nicht auf sei­ne Erzäh­lung ver­las­sen. Wir zie­hen also die Hit­ler-Bio­gra­phie von Lon­ge­rich (Peter Lon­ge­rich, Hit­ler Bio­gra­phie. Sied­ler Ver­lag, Mün­chen 2015) zu Rate.

Lon­ge­rich erwähnt, dass Hit­ler im Juli 1921 – da war er schon Chef der NSDAP – sei­nen Par­tei­ka­me­ra­den Her­mann Esser gegen den Vor­wurf, dass der ein Spit­zel sei, mit der Bemer­kung ver­tei­digt hat, „Jeder war ein­mal Sozi­al­de­mo­krat“ (Lon­ge­rich, S. 61). Aus ande­ren Auf­zeich­nun­gen Hit­lers gehe, so Lon­ge­rich, her­vor, dass Hitler

rück­bli­ckend die Rol­le der MSPD in der Revo­lu­ti­ons­zeit nicht völ­lig nega­tiv sah. Doch sol­che Bemer­kun­gen gal­ten ein­deu­tig der Sozi­al­de­mo­kra­tie als einer anti­re­vo­lu­tio­nä­ren Kraft, als einer Ord­nungs­macht, die sich im Früh­jahr 1919 einer wei­te­ren Radi­ka­li­sie­rung nach links ent­ge­gen­ge­stellt hat­te. (ebd.)

Also nichts mit Mit­glied­schaft. Ein Spu­ren­ele­ment Sym­pa­thie für die Sozi­al­de­mo­kra­tie gab es bei Hit­ler aus­schließ­lich im Rück­blick und auch nur dort, wo die Sozi­al­de­mo­kra­tie (MSPD) gegen die Lin­ke (USPD, KPD usw.) vor­ging, also deut­lich rechts agierte.

Was aber ist mit Goeb­bels, von dem das Pos­ting behaup­tet, dass er sogar in der KPD gewe­sen sei? Der Reichs­pro­pa­gan­da­mi­nis­ter war ein min­des­tens so begab­ter Lüg­ner und Het­zer wie Hit­ler. Daher muss man auch sei­nen Erin­ne­run­gen nicht unbe­dingt trau­en, in denen er von „Abscheu“ über die (lin­ke) Novem­ber­re­vo­lu­ti­on 1918 schrieb und dass er damals „kon­ser­va­tiv“, näm­lich die rech­te Baye­ri­sche Volks­par­tei, gewählt habe. Bio­gra­phisch und poli­tisch folg­te dann bereits die Hin­wen­dung zu Hit­ler, zum Anti­se­mi­tis­mus und zur NSDAP, was gut doku­men­tiert ist. Da blieb kein Platz für die KPD. Und was ist mit sei­nem Spruch, „Der Idee der NSDAP ent­spre­chend sind wir die deut­sche Lin­ke“? Der Satz ist ein ech­ter Goeb­bels, stammt aus dem Jahr 1931, als sich Goeb­bels als Ber­li­ner Gau­lei­ter gera­de mit Stra­ßen­schlach­ten gegen Sozi­al­de­mo­kra­ten und Kom­mu­nis­ten pro­fi­lier­te und die­sen Par­tei­en mit sei­ner Rhe­to­rik die Wäh­ler abspens­tig zu machen ver­such­te. Lon­ge­rich, der auch eine umfang­rei­che Goeb­bels-Bio schrieb, cha­rak­te­ri­sier­te den Goebbel‘schen „Sozia­lis­mus“ damit, dass er

wenig zu tun hat­te mit den zeit­ge­nös­si­schen Debat­ten um Ver­ge­sell­schaf­tung der Pro­duk­ti­ons­mit­tel oder Ver­staat­li­chung der Schlüs­sel­in­dus­trien und nicht die Ver­wirk­li­chung einer ega­li­tä­ren und gerech­ten Gesell­schafts­ord­nung zum Ziel hat­te. Der „natio­na­le Sozia­lis­mus“ lief viel­mehr auf die tota­le Ein­ord­nung des ein­zel­nen in eine durch­or­ga­ni­sier­te Volks­ge­mein­schaft hin­aus. Da in einer sol­chen ras­sisch homo­ge­nen und ganz auf die Durch­set­zung natio­na­ler Zie­le aus­ge­rich­te­ten Volks­ge­mein­schaft sozia­le Unter­schie­de zweit­ran­gig waren, war aus Goeb­bels‘ Sicht auch die „sozia­le Fra­ge“ gelöst, herrsch­te eben „natio­na­ler Sozia­lis­mus“. (Peter Lon­ge­rich, Joseph Goeb­bels. Bio­gra­phie. Pan­the­on Ver­lag Mün­chen 2010)

Die Nazis und ihr Natio­nal­so­zia­lis­mus hat­ten immer die Zer­schla­gung der Lin­ken, der Arbei­ter­be­we­gung und ihrer Orga­ni­sa­tio­nen, die Ver­fol­gung aller ihrer poli­ti­schen Geg­ner zur Vor­aus­set­zung ihrer Herr­schaft. In einer „ras­sisch“ homo­ge­nen Volks­ge­mein­schaft der Deut­schen, die frem­de „Ras­sen“ unter­wirft, bestiehlt und ermor­det, sahen sie ihr Ziel vom Tau­send­jäh­ri­gen Reich. Mil­lio­nen Ermor­de­te in den KZ, Mil­lio­nen Tote auf den Schlacht­fel­dern waren das Ergeb­nis. Mit Sozia­lis­mus und/oder lin­ken Ideen hat der Natio­nal­so­zia­lis­mus nichts gemein­sam. Und nein: Hit­ler war auch kein Anti­fa! Den Sturm auf das Kapi­tol in Washing­ton haben Trump und sei­ne rechts­extre­men Bünd­nis­ge­sel­len zu verantworten.

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