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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 6 Minuten

Michael Köhlmeier: Von der Liebe, der Würde und einem guten Polizisten

Am 10. April wur­de der Fer­di­nand-Ber­ger-Preis 2019 an den Schrift­stel­ler Micha­el Köhl­mei­er ver­ge­ben. Fer­di­nand Ber­ger († 2004)  war Wider­stands­kämp­fer und (inter­na­tio­na­ler) Bri­ga­dist im spa­ni­schen Bür­ger­krieg, der ab 1941 als poli­ti­scher Häft­ling in den KZ Dach­au und Flos­sen­bürg inhaf­tiert war. Nach sei­ner Rück­kehr nach Öster­reich trat Ber­ger in den Poli­zei­dienst ein und arbei­te­te nach sei­ner Pen­sio­nie­rung ehren­amt­lich im DÖW. Der Preis, der jähr­lich ver­ge­ben wird, wur­de von sei­nem Sohn Ernst und Enkel­sohn René gestif­tet. Wir dan­ken Micha­el Köhl­mei­er für die Erlaub­nis zur Ver­öf­fent­li­chung sei­ner Preisrede.

15. Mai 2019
Wachturm und Baracken des Konzentrationslagers Flossenbürg Bildquelle: KZ-Gedenkstätte Flossenbürg
Wachturm und Baracken des Konzentrationslagers Flossenbürg Bildquelle: KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Fer­di­nand Ber­ger Preis (Dan­kes­re­de)

Sehr ver­ehr­te Damen und Herren,

ich war sieb­zehn und sehr ver­liebt, da las ich den Roman Wem die Stun­de schlägt von Ernest Heming­way und ver­lieb­te mich gleich noch ein­mal, in Maria näm­lich, die Prot­ago­nis­tin des Romans, und das gelang mir, indem ich mich bis in die letz­te Pore mit Robert Jor­dan iden­ti­fi­zier­te, dem männ­li­chen Pen­dant. Der Roman spielt wäh­rend des Spa­ni­schen Bür­ger­kriegs im Jahr 1937. Robert Jor­dan ist Ame­ri­ka­ner und kämpft in den Rei­hen der Inter­na­tio­na­len Bri­ga­den auf der Sei­te der Repu­bli­ka­ner gegen die faschis­ti­schen Fran­quis­ten. Er lernt Maria ken­nen, die bei­den ver­lie­ben sich inein­an­der. Sie schmie­gen sich eng einer an den ande­ren, und als sie am Mor­gen am Rand eines Wal­des erwa­chen, liegt Schnee auf dem Schlaf­sack und auf Mari­as Haar. Sie wur­den geweckt vom Geschütz­don­ner ihrer Fein­de. Die­se Sze­ne las ich immer und immer wieder.

Auf unver­gleich­li­che Art, eben auf heming­way­sche Art, ver­schmel­zen mit­ein­an­der Lie­be, sexu­el­le Lei­den­schaft und lei­den­schaft­li­che Lie­be zur Frei­heit – wie könn­te ein jun­ges Herz sich dem ver­schlie­ßen! Die Dik­ta­tur, das war aus jeder Zei­le des Romans her­aus­zu­le­sen, nimmt den Men­schen alles: das Leben, die Frei­heit und die Wür­de – die Wür­de, die in ihrer Essenz dar­in besteht, ein Mensch zu sein mit allen Rech­ten und Mög­lich­kei­ten. Nicht erst, wenn die Kano­nen kra­chen, wer­den die Men­schen ent­wür­digt. Wo Men­schen mit Absicht, poli­ti­scher Absicht, in Armut getrie­ben wer­den, auch dort wer­den sie ent­wür­digt. Wo Miss­gunst geschürt wird, um die Ernied­ri­gung einer Men­schen­grup­pe zu recht­fer­ti­gen, dort wird bereits ent­wür­digt, absicht­lich, aus poli­ti­schem Kal­kül her­aus, was den Begriff der Nie­der­tracht defi­niert. Nie­mand kann in unse­rem Land von einem Euro und fünf­zig Cent pro Tag leben, und trotz­dem gibt es sol­che, Klas­sen­zwei­te, die vor­pre­schen, den Fin­ger heben und aus­ru­fen: He, ich kann’s noch bes­ser, ich habe schon vor ein paar Jah­ren gefor­dert, man soll denen nur einenEuro geben. Es mag eine Kunst sein, den Men­schen ein­zu­re­den, wie wer­den erhöht, wenn ande­re ernied­rigt wer­den; aber es ist eine nie­der­träch­ti­ge Kunst, eine stin­ken­de Kunst, es ist die Kunst des Bös­men­schen … – Aber halt! Ich will nicht bit­ter sein, heu­te nicht.

In die­sem wun­der­ba­ren Roman – den ich unbe­dingt bald wie­der lesen möch­te, es wird dann zum fünf­ten oder sechs­ten Mal sein – wird viel über Poli­tik und Wider­stand, über Dik­ta­tur, Hel­den­tum, Feig­heit, Mit­läu­fer­tum, Groß­zü­gig­keit, Weit­her­zig­keit und eben auch Nie­der­tracht erzählt; vor allem aber wird – ja – von der Wür­de berich­tet, und dass sie in eins fällt mit der Lie­be; nicht mit der gro­ßen abs­trak­ten Lie­be zur gan­zen Welt und zur gan­zen Mensch­heit, die sich so leicht ideo­lo­gisch instru­men­ta­li­sie­ren lässt, nein, son­dern der Lie­be zwi­schen zwei Men­schen. Ist dies nicht der schöns­te Gedan­ke, der in das Herz eines jun­gen Men­schen gepflanzt wer­den kann – dass Wür­de und Lie­be eins sind?

Ich fan­ta­sier­te mich in eine gefähr­li­che, poli­tisch pre­kä­re Situa­ti­on, es erschien mir als ein Glück, unter einer Dik­ta­tur zu leben und gegen die­se mit Lei­den­schaft und Frei­heits­lie­be zu kämp­fen, gemein­sam mit einer jun­gen Frau, am bes­ten der Schü­le­rin aus der 7.b., in die ich ver­liebt war – wir bei­de wie Maria und Robert Jor­dan. Sie wuss­te nicht, dass ich in sie ver­liebt war; sie moch­te mich gern. Wir spa­zier­ten in Feld­kirch auf die Schat­ten­burg oder an der Ill ent­lang bis zur Mün­dung in den Rhein und rede­ten, rede­ten, spra­chen über Bücher, die für uns Fens­ter in die Welt hin­aus und in die Ver­gan­gen­heit zurück waren; wir spra­chen über Autoren, die wir ver­ehr­ten, sie über Jean Paul Sart­re, ich über Albert Camus, und eben auch über Ernest Heming­way. Ich gab ihr Wem die Stun­de schlägt zu lesen. Sie war begeis­tert. Ich den­ke, sie iden­ti­fi­zier­te sich mit Maria. Ob sie mich als Robert Jor­dan an ihrer Sei­te sah – wenn ja, dann haben mei­ne und ihre Schüch­tern­heit uns bei­den eine Freu­de verdorben.

Im sel­ben Jahr, in dem der Roman spielt, war auch Fer­di­nand Ber­ger in Spa­ni­en und kämpf­te dort auf der rich­ti­gen Sei­te, auf der Sei­te der Repu­blik, der Frei­heit, der Anstän­dig­keit, der Mensch­lich­keit, der Wür­de; auf der Sei­te, auf der Maria und Robert Jor­dan kämpf­ten. Fer­di­nand Ber­ger war wie Robert Jor­dan einer der Frei­wil­li­gen in den inter­na­tio­na­len Bri­ga­den, die aus ganz Euro­pa, aus der gan­zen Welt, nach Spa­ni­en gezo­gen waren, um gegen die Dik­ta­tur zu kämp­fen. Er war in Spa­ni­en, als Kampf­flug­zeu­ge aus Nazi­deutsch­land, die berüch­tig­te Legi­on Con­dor, die Stadt Guer­ni­ca bom­bar­dier­ten – das Gemäl­de von Picas­so legt von die­sem Infer­no Zeug­nis ab. Fer­di­nand Ber­ger war ein Muti­ger, ein Guter; im Her­zen der Frei­heit darf über ihn als von einem Hel­den gespro­chen werden.

Ja, es ist denk­bar – und für den Schrift­stel­ler ist die­ser Gedan­ke alles ande­re als abwe­gig –, dass die drei, Fer­di­nand Ber­ger, Maria und Robert Jor­dan, ein­an­der ken­nen­ge­lernt haben. Ich sag es lie­ber in der Gegen­warts­form: dass sie ein­an­der ken­nen­ler­nen. In Spa­ni­en. Und Robert Jor­dan fragt Fer­di­nand Ber­ger: „Was wirst du tun, wenn du wie­der nach Öster­reich zurückkehrst?“

Fer­di­nand Ber­ger ist nach der Rück­kehr in sei­ne Hei­mat, die nun nicht mehr sei­ne Hei­mat war, ein­ge­sperrt wor­den, er wurdein die Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Dach­au und Flos­sen­bürg ver­schleppt. Er hat die Ernied­ri­gung und Ent­wür­di­gung unse­res Lan­des am eige­nen Kör­per erfah­ren. Er hat­te die Gefahr früh­zei­tig erkannt, er hat­te die klei­nen Schrit­te zusam­men­ge­zählt und hat­te gese­hen, wohin sie füh­ren, von Spa­ni­en aus über einen gro­ßen Teil Euro­pas, und er hat sich gegen die­se Ent­wick­lung gestemmt, von Anfang an. Bereits mit sieb­zehn Jah­ren, 1934, kämpf­te er gegen die Aus­schal­tung des öster­rei­chi­schen Par­la­ments unter Kanz­ler Doll­fuß und gegen den Austrofaschismus.

Nach dem Krieg und der Befrei­ung vom Natio­nal­so­zia­lis­mus ist Fer­di­nand Ber­ger Poli­zist gewor­den. Ein guter Gedan­ke, ein beru­hi­gen­der Gedan­ke, ein rei­fer Gedan­ke: dass ein Mann, der für die Demo­kra­tie, die Frei­heit, für die Wür­de des Men­schen gekämpft hat, dass die­ser Mann für die Sicher­heit und Ord­nung in dem neu­en Öster­reich sor­gen will. Fer­di­nand Ber­ger woll­te, dass die Poli­zei, die sich in der Ver­gan­gen­heit so oft als Instru­ment der Unter­drü­ckung und der Unmensch­lich­keit miss­brau­chen ließ, nun ein Hort der Demo­kra­tie wer­de. Wie sehr wün­schen wir uns heu­te, dass sol­che Män­ner und Frau­en den Geist unse­rer Exe­ku­ti­ve bestimmen!

Sehr ver­ehr­te Damen und Her­ren, es ist eine Ehre für mich, den Fer­di­nand Ber­ger Preis ent­ge­gen­zu­neh­men. Ich hof­fe, wir alle hof­fen, dass nie wie­der in unse­rem Land eine gefähr­li­che, poli­tisch pre­kä­re Situa­ti­on ein­tritt, in der ich mich die­ser Ehre für wür­dig erwei­sen muss.

Vie­len, herz­li­chen Dank!

Micha­el Köhlmeier

Arbeiter-Zeitung vom 18.11.1986 (Beitrag Kampf gegen Franco in der Berufsschule – Zeitzeugen über den spanischen Bürgerkrieg von Günter Kandlsdorfer) mit dem Bildtext "Spanienkämpfer Ferdinand Berger erläutert die Ereignisse von damals" Bildquelle: DÖW
Arbei­ter-Zei­tung vom 18.11.1986 (Bei­trag Kampf gegen Fran­co in der Berufs­schu­le – Zeit­zeu­gen über den spa­ni­schen Bür­ger­krieg von Gün­ter Kandls­dor­fer) mit dem Bild­text „Spa­ni­en­kämp­fer Fer­di­nand Ber­ger erläu­tert die Ereig­nis­se von damals” Bild­quel­le: DÖW

Lau­da­tio von Pau­lus Hoch­gat­te­rer: hier

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