Rund 11.000 Menschen sind während der vierjährigen Belagerung der Hauptstadt Sarajevo im Bosnienkrieg ermordet worden. Die Menschen vor Ort mussten die ganze Grausamkeit des Kriegs erleben – und mehr, wie dank der Aufarbeitung durch Journalist:innen zunehmend ans Licht kommt.
Für hohe Geldzahlungen sollen ausländische Touristen bei organisierten Touren als „Sniper“ (Heckenschützen) aus dem Hinterhalt Jagd auf Zivilist:innen im belagerten Sarajevo gemacht haben, – aus purer Lust am Töten. Den angereisten wohlhabenden Ausländern soll der auf einem Hang gelegene jüdische Friedhof als Stützpunkt gedient haben, von dort aus ist ein Abschnitt des Stadtzentrums gut zu übersehen. Die Menschenjäger seien zum Teil mit hochwertigem Jagd-Equipment angereist. So verwundert es wenig, dass die „Menschen-Safaris“ ihren Ursprung im Umfeld eines Jagdreise-Veranstalters aus Kroatien genommen haben sollen, berichtet ein Journalist von „The Times”.
Ebenso wenig verwundert die Tatsache, dass sich unter den Verdächtigen aus Italien, neben dem Rechtsextremisten Guiseppe V. nun mindestens ein zweiter Mann mit Sympathien für extrem rechte und antimuslimische Ideen findet: Lucio C.. Ermittelt wird dort mittlerweile gegen mehrere Verdächtige. Zuletzt hat ein italienisches Gericht mit Einvernahmen begonnen.
Organisiert worden sein sollen die Reisen durch eine Firma im italienischen Mailand. „Erfolgt seien diese meist mit Kleinflugzeugen über Triest, teilweise aber auch in Kleinbussen über Österreich, Slowenien und weiter nach Kroatien und Bosnien-Herzegowina.“ (profil, 23.5.26)
Erste Ermittlungen in Österreich
Dabei war Österreich wohl nicht nur Transitland. Unter den Menschenjägern sollen sich auch Österreicher befunden haben. Seit kurzem wird deswegen auch hierzulande ermittelt. In der Beantwortung einer Parlamentarischen Anfrage der Grünen Abgeordneten Alma Zadić an die Justizministerin antwortet diese:
Bei einer österreichischen Staatsanwaltschaft ist seit 25. April 2026 ein Ermittlungsverfahren gegen einen österreichischen Staatsbürger sowie einen weiteren bislang unbekannten Täter iZm einer möglichen Beteiligung an sogenannten „Sniper-Touren“ in Sarajevo während des Bosnien-Krieges anhängig.
Dem „profil” (20.5.26) ist zu entnehmen, dass die Staatsanwaltschaft Krems die Ermittlungen übernommen hat. Sie wurden nicht etwa vom Inhalt eines der beiden kürzlich in Italien und Kroatien veröffentlichten Bücher zur Causa angestoßen, sondern „aus der Bevölkerung“ soll ein Hinweis gekommen sein. Der bislang Hauptverdächtige sei ein „rund 60-jähriger Niederösterreicher“. Zwischen 1992 und 1996 soll er mehrfach nach Sarajevo gereist sein, um für viel Geld aus dem Hinterhalt auf Zivilist:innen zu schießen. Auch gegen einen zweiten Mann werde ermittelt, der aus dem Umfeld des ersten Verdächtigen stammen soll. Beide dürften „keinen Migrationshintergrund“ haben.
Dem Buch „I cecchini del weekend. L’inchiesta sui safari umani a Sarajevo“ („Die Wochenend-Scharfschützen. Ermittlungen zu den Menschen-Safaris in Sarajevo“) des italienischen Journalisten Ezio Gavazzenis zufolge sollen beteiligte Österreicher in der multiethnischen Stadt Sarajevo vor allem Serb:innen ins Visier genommen haben.
Ein „Grof“ aus dem Waldviertel
Eine zweite Veröffentlichung liefert jetzt noch weitere Informationen zur möglichen Beteiligung von Österreichern bei den „Menschen-Safaris“. Im neuen Buch „Plati i Pucaj! Tajne sarajevskih ljudskih safarija“ (auf Deutsch: „Zahl und schieß! Geheimnisse der Sarajevo-Menschenjagden“) des kroatischen Journalisten Domagoj Margetić wird auch die Identität eines Menschenjägers aus Österreich thematisiert. Es soll sich dabei möglicherweise um einen Adeligen handeln, wie Margetić von einem ehemals bosnisch-serbischen Armeeangehörigen erfahren habe:
He said an Austrian who came in late 1992 and in 1993 was nicknamed ‘Grof’ by the Serbs, which means ‚Count‘ in Serbo-Croatian,“ told The Times. „He gave his name as Sebastian, although it may have been a false name. I have also been told that Serbian soldiers at Sarajevo checkpoints remember hunters showing Austrian passports. British, French, Spanish, Russian and German snipers were also allegedly on the tours. (thetimes.com, 20.5.26)
Ein Österreicher mit dem Spitznamen „Grof“, was auf Serbokroatisch so viel wie „Graf” heiße. Er habe sich mit dem Vornamen „Sebastian“ vorgestellt, der aber auch erfunden gewesen sein könne.
Aber ist es ein Zufall, dass „Grof“ in Österreich dialektal wie „Graf“ klingt? Der italienische Journalist Ezio Gavazzeni jedenfalls ist im Interview mit der APA überzeugt, dass der niederösterreichische „Grof“ Geld bezahlt habe „um auf schwangere bosnische Frauen zu schießen“ (noen.at, 22.5.26).
Update 14.6.26: Zuletzt haben der Journalist Michael Martens für die FAZ (25.6.26) und die Recherchen und insbesondere die Quellen der bisherigen Berichterstattung über den Sniper-Tourismus in Sarajevo stark in Zweifel gezogen. schreibt auf Übermedien (13.7.26):
Zum jetzigen Zeitpunkt kann also kaum jemand seriös sagen, ob es reiche Ausländer gab, die in Sarajevo aus purer Mordlust mit dem Scharfschützengewehr unschuldige Zivilist*innen ermordeten – oder gar einen „Sniper-Tourismus“. Was wir sagen können, ist, dass die Quellenlage sehr dünn ist und in weiten Teilen auf der Arbeit eines italienischen Krimiautors, eines kroatischen Verschwörungstheoretikers und einiger, meist anonymer, Zeugenaussagen beruht, von denen viele nicht glaubwürdig sind.
Update 16.7.26: ➡️ Falter-Podcast (16.7.26): Sarajevo-Safari: Mythos oder ungesühntes Kriegsverbrechen?
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