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Lesezeit: 4 Minuten

Machte der Waldviertler „Grof“ Jagd auf Zivilisten in Sarajevo?

Seit drei Mona­ten ermit­telt nun die ita­lie­ni­sche Jus­tiz wegen orga­ni­sier­ter Jag­den auf Zivi­lis­ten durch aus­län­di­sche „Sni­per-Tou­ris­ten“ im Bos­ni­en­krieg der 1990er Jah­re. Den Spu­ren nach Öster­reich fol­gen jetzt auch die Strafverfolgungsbehörden.

1. Juni 2026
"Pazi Snajper" (Achtung Sniper) Warnung vor Scharfschützen in Sarajevo während des Krieges 1992-95 (Foto: Museum of genocide auf FB 21.4.26)
"Pazi Snajper" (Achtung Sniper) Warnung vor Scharfschützen in Sarajevo während des Krieges 1992-95 (Foto: Museum of genocide auf FB 21.4.26)

Rund 11.000 Men­schen sind wäh­rend der vier­jäh­ri­gen Bela­ge­rung der Haupt­stadt Sara­je­vo im Bos­ni­en­krieg ermor­det wor­den. Die Men­schen vor Ort muss­ten die gan­ze Grau­sam­keit des Kriegs erle­ben – und mehr, wie dank der Auf­ar­bei­tung durch Journalist:innen zuneh­mend ans Licht kommt.

Für hohe Geld­zah­lun­gen sol­len aus­län­di­sche Tou­ris­ten bei orga­ni­sier­ten Tou­ren als „Sni­per“ (Hecken­schüt­zen) aus dem Hin­ter­halt Jagd auf Zivilist:innen im bela­ger­ten Sara­je­vo gemacht haben, – aus purer Lust am Töten. Den ange­reis­ten wohl­ha­ben­den Aus­län­dern soll der auf einem Hang gele­ge­ne jüdi­sche Fried­hof als Stütz­punkt gedient haben, von dort aus ist ein Abschnitt des Stadt­zen­trums gut zu über­se­hen. Die Men­schen­jä­ger sei­en zum Teil mit hoch­wer­ti­gem Jagd-Equip­ment ange­reist. So ver­wun­dert es wenig, dass die „Men­schen-Safa­ris“ ihren Ursprung im Umfeld eines Jagd­rei­se-Ver­an­stal­ters aus Kroa­ti­en genom­men haben sol­len, berich­tet ein Jour­na­list von „The Times”.

Eben­so wenig ver­wun­dert die Tat­sa­che, dass sich unter den Ver­däch­ti­gen aus Ita­li­en, neben dem Rechts­extre­mis­ten Gui­sep­pe V. nun min­des­tens ein zwei­ter Mann mit Sym­pa­thien für extrem rech­te und anti­mus­li­mi­sche Ideen fin­det: Lucio C.. Ermit­telt wird dort mitt­ler­wei­le gegen meh­re­re Ver­däch­ti­ge. Zuletzt hat ein ita­lie­ni­sches Gericht mit Ein­ver­nah­men begonnen.

Orga­ni­siert wor­den sein sol­len die Rei­sen durch eine Fir­ma im ita­lie­ni­schen Mai­land. „Erfolgt sei­en die­se meist mit Klein­flug­zeu­gen über Tri­est, teil­wei­se aber auch in Klein­bus­sen über Öster­reich, Slo­we­ni­en und wei­ter nach Kroa­ti­en und Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na.“ (pro­fil, 23.5.26)

Erste Ermittlungen in Österreich

Dabei war Öster­reich wohl nicht nur Tran­sit­land. Unter den Men­schen­jä­gern sol­len sich auch Öster­rei­cher befun­den haben. Seit kur­zem wird des­we­gen auch hier­zu­lan­de ermit­telt. In der Beant­wor­tung einer Par­la­men­ta­ri­schen Anfra­ge der Grü­nen Abge­ord­ne­ten Alma Zadić an die Jus­tiz­mi­nis­te­rin ant­wor­tet diese:

Bei einer öster­rei­chi­schen Staats­an­walt­schaft ist seit 25. April 2026 ein Ermitt­lungs­ver­fah­ren gegen einen öster­rei­chi­schen Staats­bür­ger sowie einen wei­te­ren bis­lang unbe­kann­ten Täter iZm einer mög­li­chen Betei­li­gung an soge­nann­ten „Sni­per-Tou­ren“ in Sara­je­vo wäh­rend des Bos­ni­en-Krie­ges anhängig.

Dem „pro­fil” (20.5.26) ist zu ent­neh­men, dass die Staats­an­walt­schaft Krems die Ermitt­lun­gen über­nom­men hat. Sie wur­den nicht etwa vom Inhalt eines der bei­den kürz­lich in Ita­li­en und Kroa­ti­en ver­öf­fent­lich­ten Bücher zur Cau­sa ange­sto­ßen, son­dern „aus der Bevöl­ke­rung“ soll ein Hin­weis gekom­men sein. Der bis­lang Haupt­ver­däch­ti­ge sei ein „rund 60-jäh­ri­ger Nie­der­ös­ter­rei­cher“. Zwi­schen 1992 und 1996 soll er mehr­fach nach Sara­je­vo gereist sein, um für viel Geld aus dem Hin­ter­halt auf Zivilist:innen zu schie­ßen. Auch gegen einen zwei­ten Mann wer­de ermit­telt, der aus dem Umfeld des ers­ten Ver­däch­ti­gen stam­men soll. Bei­de dürf­ten „kei­nen Migra­ti­ons­hin­ter­grund“ haben.

Dem Buch „I cec­chi­ni del weekend. L’inchiesta sui safa­ri uma­ni a Sara­je­vo“ („Die Wochen­end-Scharf­schüt­zen. Ermitt­lun­gen zu den Men­schen-Safa­ris in Sara­je­vo“) des ita­lie­ni­schen Jour­na­lis­ten Ezio Gavazze­nis zufol­ge sol­len betei­lig­te Öster­rei­cher in der mul­ti­eth­ni­schen Stadt Sara­je­vo vor allem Serb:innen ins Visier genom­men haben.

Ein „Grof“ aus dem Waldviertel

Eine zwei­te Ver­öf­fent­li­chung lie­fert jetzt noch wei­te­re Infor­ma­tio­nen zur mög­li­chen Betei­li­gung von Öster­rei­chern bei den „Men­schen-Safa­ris“. Im neu­en Buch „Pla­ti i Pucaj! Taj­ne sara­jevs­kih ljud­s­kih safa­ri­ja“ (auf Deutsch: „Zahl und schieß! Geheim­nis­se der Sara­je­vo-Men­schen­jag­den“) des kroa­ti­schen Jour­na­lis­ten Doma­goj Mar­ge­tić wird auch die Iden­ti­tät eines Men­schen­jä­gers aus Öster­reich the­ma­ti­siert. Es soll sich dabei mög­li­cher­wei­se um einen Ade­li­gen han­deln, wie Mar­ge­tić von einem ehe­mals bos­nisch-ser­bi­schen Armee­an­ge­hö­ri­gen erfah­ren habe:

He said an Aus­tri­an who came in late 1992 and in 1993 was nick­na­med ‘Grof’ by the Serbs, which means ‚Count‘ in Ser­bo-Croa­ti­an,“ told The Times. „He gave his name as Sebas­ti­an, alt­hough it may have been a fal­se name. I have also been told that Ser­bi­an sol­diers at Sara­je­vo check­points remem­ber hun­ters show­ing Aus­tri­an pass­ports. Bri­tish, French, Spa­nish, Rus­si­an and Ger­man sni­pers were also alle­gedly on the tours. (thetimes.com, 20.5.26)

Ein Öster­rei­cher mit dem Spitz­na­men „Grof“, was auf Ser­bo­kroa­tisch so viel wie „Graf” hei­ße. Er habe sich mit dem Vor­na­men „Sebas­ti­an“ vor­ge­stellt, der aber auch erfun­den gewe­sen sein könne.

Aber ist es ein Zufall, dass „Grof“ in Öster­reich dia­lek­tal wie „Graf“ klingt? Der ita­lie­ni­sche Jour­na­list Ezio Gavazze­ni jeden­falls ist im Inter­view mit der APA über­zeugt, dass der nie­der­ös­ter­rei­chi­sche „Grof“ Geld bezahlt habe „um auf schwan­ge­re bos­ni­sche Frau­en zu schie­ßen“ (noen.at, 22.5.26).

Update 14.6.26: Zuletzt haben der Jour­na­list Micha­el Mar­tens für die FAZ (25.6.26) und Krsto Lazare­vić die Recher­chen und ins­be­son­de­re die Quel­len der bis­he­ri­gen Bericht­erstat­tung über den Sni­per-Tou­ris­mus in Sara­je­vo stark in Zwei­fel gezo­gen. Lazare­vić schreibt auf Über­me­di­en (13.7.26):

Zum jet­zi­gen Zeit­punkt kann also kaum jemand seri­ös sagen, ob es rei­che Aus­län­der gab, die in Sara­je­vo aus purer Mord­lust mit dem Scharf­schüt­zen­ge­wehr unschul­di­ge Zivilist*innen ermor­de­ten – oder gar einen „Sni­per-Tou­ris­mus“. Was wir sagen kön­nen, ist, dass die Quel­len­la­ge sehr dünn ist und in wei­ten Tei­len auf der Arbeit eines ita­lie­ni­schen Kri­mi­au­tors, eines kroa­ti­schen Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kers und eini­ger, meist anony­mer, Zeu­gen­aus­sa­gen beruht, von denen vie­le nicht glaub­wür­dig sind.

Update 16.7.26: ➡️ Fal­ter-Pod­cast (16.7.26): Sara­je­vo-Safa­ri: Mythos oder unge­sühn­tes Kriegsverbrechen? 

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