Vermutlich kennen die wenigsten die „Neue Akropolis“. Vielleicht kennen einige mehr die Zeitschrift „Abenteuer Philosophie“. Oder haben am „Tag der Philosophie“, den die Unesco seit 2005 an jedem dritten Donnerstag im November begeht, etwas von der „Langen Nacht der Philosophie“ mitbekommen. Die wird vom Verein „Neue Akropolis“ veranstaltet, bei dem auch sonst einiges im Dunkeln liegt. Die Wurzelrassenideologie etwa oder die strenge Hierarchie.
Wurzelrassenideologie
Halten wir uns an die nüchternen Fakten.
Die Organisation „Neue Akropolis“ wurde 1957 von dem argentinischen Dichter und Philosophen Jorge Angel Livraga Rizzi (1931–1991) in Buenos Aires gegründet. Mittlerweile hat die „Neue Akropolis“ weltweit expandiert und verfügt in mehr als 50 Ländern über einige hundert Standorte.
Der erste österreichische Ableger wurde 1980 in Graz gegründet, wo auch der Hauptsitz des Vereins ist. In sieben weiteren Städten gibt es Niederlassungen. Über die Zahl der Mitglieder ist auf den diversen Seiten der „Neuen Akropolis“ nichts zu erfahren, aber ihre Veranstaltungen sind nicht schlecht besucht. Alleine der Umstand, dass der Verein die von ihm organisierte „Lange Nacht der Philosophie“ 2025 an allen Standorten mit Veranstaltungen bespielen konnte, deutet auf eine gewisse Organisationsstärke hin.
Warum beschäftigen wir uns mit der „Neuen Akropolis“ (NA)? Da ist zunächst der Gründer und langjährige Chef der NA, Livraga Rizzi, etwas genauer zu beleuchten. Der hat nach einer Phase der Zuwendung zur Theosophischen Gesellschaft der Helena Blavatsky diese verlassen (müssen?) und seinen eigenen, von der Theosophie geprägten Verein, eben die „Neue Akropolis“ gegründet. So vertritt die NA auch „die theosophische Theorie der Wurzelrassen, eine evolutionäre Entwicklung menschlicher Rassen von den Hyperboreern zu den Lemuriern, den Atlantiern und schliesslich zu den Ariern“ (relinfo.ch, Stichwort „Glaube“). Nicht zufällig wird der Wurzelrassenmythos als rassistisch eingestuft.
Führerprinzip und Ungleichheit
Livraga-Rizzi wird in der Vereinszeitschrift „Neue Akropolis“ Nr. 48 (April-Juni 1992, zit. nach „Antifaschistische Nachrichten”) dazu so zitiert:
In der heutigen Menschheit leben 5 Milliarden Personen zusammen, die Zeitgenossen, doch keine Altersgenossen wären. Für so verschiedene Wesen Gleichheit zu fordern, würde das Recht aller beschneiden, nach ihren Notwendigkeiten leben zu können. Die Gleichheit existiert in der manifesten Welt nicht.
An anderer Stelle heißt es in dieser Analyse, die aus nicht öffentlich zugänglichen Quellen der NA zitiert:
Wer unfähig zu führen ist, solle an seinem Platz das für alle Nützliche tun: „Gut eine Schusterwerkstatt zu führen ist edler als eine falsche Philosophenschule zu leiten.” (Führungshandbuch) Die neuen Führer sollen die Philosophen, die Erkennenden, Erleuchteten sein. So greift die NA gerne und häufig auf das Staatsideal Platons zurück.
Es gibt noch andere Kritikpunkte an den „Lehren“ von Livraga-Rizzi:
In seinem Manifest „Wir Akropolitaner“ nennt er die Aristokratie die beste, die Demokratie die schlechteste aller Regierungsformen, vertritt an verschiedenen Stellen Führerprinzip, predigt Sozialdarwinismus und propagiert beispielsweise: „Es ist ein größeres Verbrechen, eine Ameise grundlos zu töten als einen Menschen im Namen eines Ideals.
Das hat die „taz“ in einem Beitrag aus 1996 (taz.de, 14.2.1996) über die NA und ihren Gründer geschrieben. Seither sind rund 30 Jahre vergangen. Hat sich die Organisation in diesen drei Jahrzehnten grundlegend geändert?
Persilschein
Die NA tritt nach außen – über ihre Veranstaltungen – so auf, dass man diesen rassistischen und rechten Hintergrund nicht vermuten würde. NA äußert sich über die Kritik so: „Manchmal werde im Internet leider veraltete Quellen und längst zurückgezogene Kritiken zitiert, manchmal beruhen sie auf oberflächliche Recherchen.“
Diese Kritik an der Kritik ist so diffus und unklar, dass wir neugierig werden und den Bericht der „Unabhängigen Beobachtungsstelle für Sektenfragen“ aus dem Jahr 2001 anklicken, der zur Entlastung von NA angeboten wird. Dieser Bericht, den NA „exklusiv“ veröffentlicht, ist tatsächlich – in wenigen Sätzen – so etwas wie eine Weißwaschung der NA.
Die „Beobachtungsstelle“, die auch als „Hilfsorganisation“ aufgetreten ist, bestand aus einer einzigen Person, die sich in Kurse der NA Schweiz setzte und darüber ihren Bericht erstellte. Eine Internetpräsenz der „Hilfsorganisation“ ist nicht zu finden, wohl aber einige wenige Berichte in Medien der französischsprachigen Schweiz, in denen etwa die Raelianer, eine Gruppe, die an das Klonen und die Kraft des Hakenkreuzes glaubt, ebenfalls den Segen der „Hilfsorganisation“ bzw. ihrer Repräsentantin, Claire-Lise Hoehn, erhalten haben. Es war wohl eher eine „Hilfsorganisation“ für die untersuchten Gruppen.
Der Grundkurs in Philosophie, den Frau Hoehn besucht und für gut befunden hat, kostete 2001 für 14 Abende 270 Franken, also rund 20 Euro pro Abend. (mittlerweile hat sich der Preis verdoppelt). Nicht so positiv fällt der Erlebnisbericht eines deutschen Kursbesuchers aus: „[W]er auf sektenartige Hierarchiestrukturen, Bussi und Gruppenkuscheln, Ritualkrimskrams und esoterische Glaubensinhalte steht, ist dort mit Sicherheit gut bedient“. (rafa.at, 31.10.11)
Die Außerirdischen
Der ziemlich flapsige Bericht aus dem Jahr 2011 beinhaltet unter anderem, dass für den „Blubber“, der dort an 18 Kursabenden vorgetragen wurde, 200 Euro bezahlt werden mussten. Der Inhalt des Ägypten-Abends macht den „Blubber“ deutlich:
Die Pyramiden stehen genau so, dass ihre verlängerten Achsen auf den Orion zeigen. Außerdem wurden an ihren Sockeln Muschelkalk gefunden. Das rührt daher, dass sich der Atlantik (nicht etwa das Mittelmeer) in der Vorzeit bis zu den Pyramiden quer über Afrika erstreckt hätte und dies wiederum beweise das ungeheuer hohe Alter der Pyramiden. Diese stammen nämlich noch aus der Urzeit, als die Außerirdischen mit ihren Raumschiffen vom Orion herunter flogen, von denen nämlich die Menschheit abstammt — so, jetzt wisst ihr’s — oder glaubt hier etwa jemand an die Evolutionstheorie? (rafa.at)
Womit wir doch wieder bei den Wurzelrassen wären, an deren Beginn die Außerirdischen waren. Unabhängig von solch blühendem Unsinn, der als „praktische Philosophie“ verkauft wird – beim äußeren Kreis, den Teilnehmer:innen von Grundkursen, den Leser:innen der Zeitschrift „Abenteuer Philosophie“ oder der NA-Bücher, geht es wohl auch um Einnahmen, die so für NA lukriert werden. Mittlerweile hat NA nämlich ein beachtliches Firmenimperium aufgebaut – in Österreich, aber auch international.
Am Sitz der Grazer NA-Zentrale („Zentrum Phönix“) sind fünf Vereine registriert, die sich unterschiedlichen Aufgaben widmen, aber personell straff geführt werden. Der Obmann von NA Österreich etwa ist auch der Chef von „filosofica“, dem Verein, der die Zeitschrift „Abenteuer Philosopjhie“ (Auflage angeblich bis zu 17.000 Exemplare) um 29 € für ein Jahresabo vertickt und Bücher – wie etwa „Ankor, der letzte Prinz von Atlantis“, ein Werk des Gründungsphilosophen Livraga-Rizzi – anbietet. Der Österreich-Leiter der NA betreibt übrigens am Vereinssitz eine philosophische Praxis als Einzelunternehmer, in der er für die „philosophische“ Einzel- oder Paarberatung 80 Euro pro Stunde verlangt. Den Preis für Unternehmen, denen er Workshops anbietet, gibt’s nur auf Anfrage.
Unbedenklich geht anders
Das alles schaut nach einem kommerziell orientierten Vereinsbetrieb aus, bei dem abgestandene „philosophische“ Reste in homöopathischen Dosen angeboten werden, die so unbedenklich wirken, dass sie auch von seriösen Medien weiterverbreitet werden. Die „Lange Nacht der Philosophie“, ein Angebot der NA am 20.11., war nicht nur relativ gut besucht, sondern medial durchgereicht worden. Vor Jahren wurde vor der NA von der staatlichen „Bundesstelle für Sektenfragen“ gewarnt und dazu im parlamentarischen Ausschuss debattiert. Die Schweizer „Kirchliche Fachstelle Religionen, Sekten und Weltanschauungen“ ist in ihrer Kritik sehr detailliert:
Für die Mitglieder der Neuen Akropolis gibt es einige Regeln zu beachten. Sie sollten mindestens zwölf Stunden im Monat freiwillige Arbeit leisten, auch mehr, wenn sie die Mitgliederbeiträge nicht zahlen können. Kritik an den Leitungspersonen ist verboten. Bei offiziellen Anlässen ist es Pflicht für Männer, Krawatte und Jackett zu tragen, für Frauen Röcke. Die Mitglieder werden dazu angehalten, jeglichen Unmoralitäten fern zu bleiben. Homosexuelle dürfen in der Neuen Akropolis nicht Mitglied werden.
In einer anderen Passage heißt es:
Von theosophischer Seite wird berichtet, dass Jorge Ángel Livraga Rizzi damals aus der theosophischen Gesellschaft ausgeschlossen wurde, weil er rechtsextremistische und neonazistische Ideen verbreitet habe. Offiziell distanziert sich die Neue Akropolis von Rassismus, politischem Extremismus und Neonazi-Gedankengut. Doch gibt es hierzu kritische Aussagen von Fachleuten: Nicholas Goodrick-Clarke, ein britischer Historiker und Religionswissenschaftler, stellte fest, dass die neue Akropolis mit ihrer Organisation und Symbolik faschistischen Vorbildern folge. Jean-Marie Abgrall, ein französischer Psychiater und Sachverständiger für problematische religiöse Bewegungen, betonte, dass die neue Akropolis elitäre und arische Symbole und Ideen weitertragen würde.
Der internationale Dachverband der NA ist geprägt von einer dermaßen rigiden Hierarchie, dass sogar die Identitären vor Neid erblassen könnten. An der Spitze steht das „Weltkommando“, darunter der/die „Hüter der Siegel“, dann folgen die „Kontinentalkommandos“, die „Zentralkommandos“ bis hin zum Zweigstellenleiter. Diese Hierarchie folgt der ausgeprägten Ungleichheitsideologie:
Wenn man versuchen würde, alle Menschen einander auf der Stufe der oberen Menschen anzugleichen, müßte man die unteren so sehr ziehen, daß sie zerbrechen; wenn man sich
auf die unterste Stufe stellt, zerstört man unerbittlich die am höchsten Stehenden, und wenn man für die Mitte ist, tötet man beide. (Das Politische Ideal der Neuen Akropolis)
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