Für die 2025 publizierte Studie „Far-right agenda setting: How the far right influences the political mainstream“ (Daniel Saldivia Gonzatti und Teresa Völker) wurden mehr als eine halbe Million Artikel aus sechs sehr unterschiedlichen deutschen Printmedien (Süddeutsche Zeitung, taz, Welt, Junge Freiheit sowie Stuttgarter Zeitung und Sächsische Zeitung) von 1994 bis 2021 ausgewertet. Untersucht wurde, ob die Aufmerksamkeitsspitzen rechter Akteur*innen in einem Monat dazu führten, dass die Parteien im Folgemonat auf dieselben Themen stärker ansprangen. Damit wird Agenda-Setting im Zeitverlauf messbar gemacht.
Die drei wichtigsten Ergebnisse
- Annäherung der Themen über Jahrzehnte
Die Themen der Rechten und der Parteien sind näher zusammengerückt – besonders bei Migration, Integration und Rassismus. (S. 12) - Messbarer Einfluss: Parteien folgen den Themen-Peaks der Rechten
„Die in den Medien beobachtbare Themengewichtung rechter Akteure sagt die spätere Themengewichtung der Parteien voraus“. Kurzfristig ca. 3,7 % Verschiebung, mit Nachlauf rund 11 % pro Monat. (S. 13) - Oppositionsparteien reagieren stärker
Der Effekt betrifft alle Parteien, ist aber für Oppositionsparteien stärker als für Regierungsparteien. (S. 18) Besonders „klebrig“ wirken die Themen Islam und Integration: Der Einfluss steigt vom ersten zum dritten Monat um 50 %. Die Autor*innen sprechen von „sticky’ issues … such as Islam and integration“. (S. 17)
Seit 2015 (Fluchtmigration) zeigt sich eine deutliche Intensivierung: Themenverschiebungen durch rechte Akteure schlagen häufiger auf Parteienkommunikation durch. Migration/Integration sind die Hauptkanäle. Das Thema „Islam“ wirkt teils über mehrere News-Zyklen. (S. 14–17)
Die Autor*innen fassen zusammen, dass Parteienkommunikation über Jahre zur diskursiven Normalisierung rechter Ideen beiträgt, und zwar unabhängig von der Stoßrichtung der Reaktion (Aufgreifen, Abgrenzen, Gegenframing). Ausschlaggebend ist die Sichtbarkeit des Themas in der Parteienkommunikation, nicht die Bewertung. (S. 15, S. 18)
It’s like a dance … If the conductor is far-right and you’re reacting to it, you cannot decide which music should be playing. (Studienautor Daniel Saldivia Gonzatti im „Guardian“, 18.10.25)
Zusammengefasst: Strategisch sinnvoll ist, eine eigene, klare Sprache statt reaktiver Anschlusskommunikation zu pflegen, sonst tanzt man nach rechter Musik. Fragt sich nur mehr, warum Parteien, die sich selbst als der Mitte zugehörig sehen wollen, ihre Suizidalstrategie weiterverfolgen. Jüngstes Beispiel ist Friedrich Merz mit seiner Äußerung, dass sich Migration als Problem im „Stadtbild“ bemerkbar mache und: „[D]eswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen.“ (zit. nach tagesschau.de, 17.10.25)
Auch aus Österreich ließen sich unzählige Beispiele anführen. Das Resultat hierzulande: eine FPÖ, die in den Umfragen Richtung 40 % steuert.
➡️ Daniel Saldivia Gonzatti und Teresa Völker, Far-right agenda setting: How the far right influences the political mainstream (European Journal of Political Research, 2025)
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