Die Katze ist aus dem Sack: Andreas Mölzer ist im „Kärntner Heimatdienst“ (KHD) der Nachfolger von Josef Feldner

„Sag, und was machst du danach?“ fragte sie plöt­zlich. „Danach? Danach bin ich ein Nie­mand, groß geschrieben. So ist es mit allen Expräsi­den­ten. Manche lan­den an zwei Orten gle­ichzeit­ig: im Gefäng­nis und in den Schul­büch­ern. Manche nur in den Schul­büch­ern.“ (Zitat aus Andrej Kurkuow: Die let­zte Liebe des Präsi­den­ten. Zürich 2007, S. 318) Ein Gast­beitrag von Peter Gstettner.

Andreas Mölz­er wurde am 5. März 2022 bei der Jahre­shauptver­samm­lung des Kärnt­ner Heimat­di­en­stes (KHD) ein­stim­mig zum neuen Obmann des Vere­ins gewählt. Sein Vorgänger, Josef Feld­ner, wurde zum Ehrenob­mann gekürt. Dieses Ergeb­nis wurde am 8. März bei ein­er eigens ein­berufe­nen Pressekon­ferenz kund­getan. Bei dieser war als „Über­raschungs­gast“ auch der ehe­ma­lige Obmann des Zen­tralver­ban­des der Kärnt­ner Slowe­nen (ZSO, Zveza sloven­skih orga­ni­zacij), Mar­jan Sturm, anwe­send. Selb­stver­ständlich hat er von diesem Wech­sel im Vor­stand des KHD schon vorher gewusst, waren doch Feld­ner und Sturm in den ver­gan­genen Jahren bei allen ein­schlägi­gen poli­tis­chen The­men ein Herz und eine Seele, mehr noch, ihr Auftreten als preis­gekröntes Kärnt­ner Dia­log-Paar war bere­its leg­endär. Also kon­nte man ahnen, dass durch den Vor­standswech­sel im KHD nach wie vor ein Kli­ma der Übere­in­stim­mung hin­sichtlich der Ver­gan­gen­heit und Zukun­ft des Vere­ins herrschen wird. Warum sollte sich Mar­jan Sturm nicht zu einem Vere­in hinge­zo­gen fühlen, der immer schon als „patri­o­tis­che Bürg­erini­tia­tive“ (so die Selb­st­de­f­i­n­i­tion des KHD) die Heimatliebe, die Tra­di­tionsver­bun­den­heit und die Über­parteilichkeit als Marken­ze­ichen für sich reklamiert hat? (1)

Der „Ruf der Heimat“ hat­te also nun in der Per­son von Andreas Mölz­er einen Mann erre­icht, der sein Geschäft ver­ste­ht. Mölz­er war als KHD-Obmannstel­lvertreter bere­its seit mehr als 20 Jahren im Hin­ter­grund aktiv, sei es als Net­zw­erk­er für recht­sex­treme und aus­län­der­feindliche Poli­tik auf europäis­ch­er Ebene, sei es als „frei­heitlich­er Ein­peitsch­er“ (Wal­ter Fan­ta) (2) und Ver­fechter von deutsch-völkischem Gedankengut bei NS-revi­sion­is­tis­chen Kon­gressen, bei SS-nahen Kam­er­ad­schaft­str­e­f­fen und in recht­sex­tremen Pub­lika­tio­nen. Da sein Ruf in diesen Kreisen unbe­strit­ten war, schaffte es Mölz­er bis zu einem FPÖ-Man­dat im Europa­parla­ment. Dass ihm dabei die Vorzugsstim­menkam­pagne, „Mölz­er allein gegen die Linke“, mehr geholfen hat als die Wahlempfehlung des dama­li­gen KHD-Obmannes Josef Feld­ner („Mölz­er ist unser Mann in Brüs­sel“), ist anzunehmen. Jeden­falls kon­nte Mölz­er nach der EU-Wahl im Juni 2004 den Sta­tus als FPÖ-Abge­ord­neter für sein Pro­jekt „Eini­gung der Euro-Recht­en“ nutzen. Weil damals der Auf­stieg der FPÖ unter Jörg Haider bei den recht­en Parteien als europäis­ches Erfol­gsmod­ell galt, zoll­ten die Euro-Recht­en Jörg Haider Hochachtung, woll­ten sie doch eben­falls zu den zukün­fti­gen Wahlsiegern in ihren Län­dern gehören. Ein Beispiel dafür war Jean-Marie Le Pen, der 1972 in Frankre­ich die recht­sex­treme Partei „Front Nation­al“ (FN) grün­det hat­te und als Holo­caustleugn­er und recht­sna­tionaler Front­mann im EU-Par­la­ment (ab 1984) gewiss nicht zu den Trit­tbret­tfahrern auf recht­en Zügen gehörte, son­dern viel eher zu den Loko­mo­tiv­en. Le Pen traute Jörg Haider, der bekan­ntlich von 1989 bis 1991 das erste Mal das Amt des Kärnt­ner Lan­deshaupt­mannes bek­lei­dete, dur­chaus eine Führungs­funk­tion in ein­er EU-Frak­tion der geein­ten Euro-Recht­en zu. Le Pen über Haiders Qual­i­fika­tion: „Haider ist ein Nation­al­ist ohne Kom­plexe, der sowohl die Anti-Wald­heim-Kam­pagne als auch Wald­heims Feigheit angeprangert hat. Haiders Sieg in Kärn­ten ist nicht bloß ein Prov­inz­ereig­nis in einem kleinen Land Mit­teleu­ropas, son­dern ein Großereig­nis mit gesamtöster­re­ichis­ch­er Dimen­sion und europäis­ch­er Res­o­nanz.“ (Le Pen, zit. nach „Nation+Europa“ Nr.10, 1990, S.44)

Der Kärntner Heimatdienst gratuliert Mölzer zur Wiederwahl ins EU-Parlament: "... hat er doch als 'unser Anwalt in Brüssel und Straßburg' stets engagiert auch die Anliegen des KHD vertreten." (Screenshot "Der Kärntner" Juli 2009)

Der Kärnt­ner Heimat­di­enst grat­uliert Mölz­er zur Wieder­wahl ins EU-Par­la­ment: „… hat er doch als ‚unser Anwalt in Brüs­sel und Straßburg’ stets engagiert auch die Anliegen des KHD vertreten.” (Screen­shot „Der Kärnt­ner” Juli 2009)

Diese Prog­nose, auf die auch Andreas Mölz­er, damals per­sön­lich­er Ref­er­ent und Berater von Jörg Haider, hinar­beit­ete, erwies sich kurzfristig als richtig, länger­fristig aber als zu opti­mistisch. Jeden­falls scheit­erten let­z­tendlich bei­de Mölz­er-Pro­jek­te, sowohl das der „Eini­gung der Euro-Recht­en“ im Europa­parla­ment als auch das der Einge­mein­dung von Neon­azi­grup­pen und ultra­recht­en Split­ter­parteien in die „frei­heitliche Bewegung“.

Die FPÖ selb­st trug das Ihre dazu bei, dass Mölz­er, der noch 1990 die Jubel­broschüre „Der Eis­brech­er. Jörg Haider und die Frei­heitlichen – Per­spek­tiv­en der poli­tis­chen Erneuerung“ her­aus­gab, von seinem Auf­tragge­ber ent­täuscht war. Jörg Haider hat­te mit der alten FPÖ-Ide­olo­gie Prob­leme, weil diese der „Erneuerung“ der Partei im Wege stand. Für viele der alten Kam­er­aden, die in Kärn­ten als „frei­heitlich­es Urgestein“ gal­ten, war Haiders Grün­dung der neuen Partei „Bünd­nis Zukun­ft Öster­re­ich“ (BZÖ) völ­lig unver­ständlich, eine Brüskierung der Kriegs- und Aufbaugeneration.

Nach dem Tod Haiders im Okto­ber 2008 verdeck­te ein dichter Trauer­schleier die Wahrheit, die allmäh­lich vom Vorschein kam: Haider hat­te – trotz des anfänglichen Erfolges sein­er neuen BZÖ-Partei – in der zweit­en Amtspe­ri­ode als Lan­deshaupt­mann das Land an den Rand des finanziellen Bankrotts regiert. Der ökonomis­che Skan­dal ließ den moralis­chen Skan­dal bei weit­em hin­ter sich. Der Auf­stieg Haiders endete nicht nur im alko­holisierten Zus­tand des Fahrers, der mit weit über­höhter Geschwindigkeit von der Fahrbahn abkam, son­dern mit einem Fall der „frei­heitlichen Bewe­gung“ in die tief­sten Niederun­gen, die für Haiders Gefol­gschaft mehrere gericht­san­hängige Ver­fahren zur Folge hat­ten, die zum Teil bis heute andauern.

Auch die Bun­des-ÖVP kon­nte sich nicht ohne Schaden vom FPÖ-Koali­tion­spart­ner tren­nen. Zu weit war sie schon beim selb­s­ther­rlichen Regieren von der Unmoral und den Machen­schaften des Regierungspart­ners angesteckt. Der von der ÖVP abge­wor­bene FPÖ-Jungstar Karl-Heinz Grass­er, ehe­mals Finanzmin­is­ter, wurde 2020 in erster Instanz zu acht Jahren Haft und zur Rück­zahlung von zu Unrecht einkassierten Pro­vi­sio­nen für den Verkauf von Bun­des­im­mo­bilien in der Höhe von mehreren Mil­lio­nen Euro verurteilt. Er wurde vom ÖVP-Ex-Bun­deskan­zler Wolf­gang Schüs­sel bis zulet­zt den öster­re­ichis­chen Wähler*innen als „der beste Finanzmin­is­ter der Zweit­en Repub­lik“ emp­fohlen. Let­z­tendlich steck­te das „Sys­tem Kurz“ so tief im Sumpf von geheimen Absprachen, Begün­s­ti­gun­gen und Posten­schacher, dass der ÖVP-Chef Sebas­t­ian Kurz seinen Hut nehmen musste und in die „Pri­vatwirtschaft“ abtauchte. Aber auch dort kon­nte er nicht ungestört seinem Job nachge­hen, denn der par­la­men­tarische Unter­suchungsauss­chuss und die Kor­rup­tion­sstaat­san­waltschaft waren der ÖVP auf den Fersen. In der Folge mussten einige Min­is­ter und Spitzen­beamten „aus­ge­tauscht“ oder sus­pendiert werden.

Wieder war es der cle­vere Andreas Mölz­er, der durch diese Serie von Polit-Skan­dalen schon frühzeit­ig recht­en ide­ol­o­gis­chen Aufwind wit­terte. Nach­dem er die Haider-Ära bere­its abgeschrieben hat­te, erschien 2006 sein Buch „Neue Män­ner braucht das Land: Heinz-Chris­t­ian Stra­che im Gespräch mit Andreas Mölz­er“. Zwis­chen den Zeilen ließ sich erken­nen, was sich Mölz­er vom Auf­stieg Stra­ches erhoffte, näm­lich als ein­flussre­ich­er Kärnt­ner FPÖ-Mann in Wien wieder eine starke Stimme zu bekom­men. Diese Hoff­nung war nicht unberechtigt, wurde Stra­che doch im Dezem­ber 2017 als Vizekan­zler in der neuen ÖVP/F­PÖ-Koali­tion­sregierung angelobt. Ander­er­seits: Warum sollte sich Stra­che, dem Höhep­unkt sein­er Macht ent­ge­gen­strebend, ger­ade einen Kärnt­ner Berater zule­gen, dessen Verbindun­gen zu den europäis­chen recht­sex­tremen Rand­grup­pen schon soweit bekan­nt waren, dass er bere­its mehrmals wegen NS-Wieder­betä­ti­gung ins Visi­er der Staatss­chützer gekom­men und vor Gericht geladen war. Also, „Hände weg von Mölz­er“, wird sich Stra­che gedacht haben.

Dass Stra­che mit dieser Entschei­dung zu Mölz­ers poli­tis­chem Über­leben beige­tra­gen hat, war ihm zu diesem Zeit­punkt sich­er noch nicht klar, denn dass Stra­che Mölz­er nicht mit in den Abgrund geris­sen hat, war auss­chließlich dem selb­stver­schulde­ten Nieder­gang der Stra­che-FPÖ zu ver­danken. Das Stich­wort „Ibiza“ genügt an dieser Stelle, um eine demokratisch gewählte, aber regierung­sun­fähige „frei­heitliche“ Partei zu charak­ter­isieren, die sich von Kor­rup­tionsvor­wür­fen, von Schwindeleien und anti­demokratis­chen Aus­rit­ten ihrer hochrangi­gen Partei­funk­tionäre nicht dis­tanzieren kon­nte, weil diese Vorkomm­nisse Aus­flüsse der ihrer Stammwähler*innen waren. Aber­mals ver­schwand eine „frei­heitliche“ Partei unrühm­lich, aber ver­di­ent im Sumpf der Über­he­blichkeit und als Folge der Anmaßung, die Men­schen und ihre „Heimat“ eigen­mächtig definieren und indok­trinieren zu wollen. Behil­flich waren dabei die medi­alen Net­zw­erke, die die recht­en Auf­fas­sun­gen per­ma­nent über ihre Medi­en in den öffentlichen Diskurs so ein­schleusten, dass die poli­tis­chen State­ments schließlich als ganz selb­stver­ständliche Ergeb­nisse des „gesun­den Men­schen­ver­standes“ erscheinen mussten. Solche medi­alen Kanäle und Net­zw­erke standen der FPÖ fast unbeschränkt zur Ver­fü­gung – nicht zulet­zt dank der Kom­mu­nika­tions- und Beratungstätigkeit von Andreas Mölzer.

Rain­er Maus­feld ver­weist in seinem Buch „Warum schweigen die Läm­mer?“ (Frankfurt/M. 2018/2019) auf erfol­gre­iche Beispiele solch­er Indok­tri­na­tio­nen, deren ide­ol­o­gis­ch­er Gehalt den Adres­sat­en meis­tens ver­bor­gen blieb. Sein­er Mei­n­ung nach beruhen die Erfolge der „frei­heitlichen“ neolib­eralen Ide­olo­gie darauf, dass sie die alten pos­i­tiv beset­zten Worte (wie Frei­heit, Autonomie, Bewe­gung, Refor­men, Zukun­ft usw.) beibehält, aber ihren Sinn durch poli­tis­che Agi­ta­tion so ändert, dass oft das Gegen­teil vom ursprünglichen Sin­nge­halt resul­tiert. Da diese Ide­olo­gie an der Ober­fläche eine schein­bare Plau­si­bil­ität besitzt und eine hohe soziale Erwün­schtheit vortäuscht, kann sie sich rasch im All­t­ags­be­wusst­sein ver­bre­it­en, sofern es ihr gelingt, in eini­gen Macht­struk­turen Fuß zu fassen. Dann geht sie daran, Schritt für Schritt die staatlichen Insti­tu­tio­nen zu erobern.

Die Schlag­worte „Kon­sens“ und „Dia­log“ sind solche ide­ol­o­gis­chen Ver­satzstücke, mit denen sich die dahin­ter ste­hen­den poli­tis­chen Inter­essen vortr­e­f­flich zudeck­en lassen. Durch eine jahre­lange Prax­is des Tak­tierens und Indok­trinierens – nicht nur in der „Kärnt­ner Kon­sens­gruppe“ – ver­fügt Mölz­er über einen großen Erfahrungss­chatz des Tar­nens und Täuschens. Unab­hängig davon, für welch­es Medi­um Mölz­er schreibt oder vor welchem Forum er spricht, die Tak­tik hat Erfolg, weil für das ahnungslose Pub­likum der größte Teil der Indok­tri­na­tionsvorgänge nicht sicht­bar ist, entwed­er weil sie hin­ter ver­schlosse­nen Türen passieren oder weil sie so im Wider­spruch zu allen unseren gesellschaftlichen Werten ste­hen, dass wir sie ein­fach für so „unglaublich“ hal­ten wie die Exis­tenz ein­er Fata Mor­gana oder eines unsicht­baren Geistes.

Was aber haben die bish­eri­gen Aus­führun­gen damit zu tun, dass die Poli­tik­er aller Parteien so voll des Lobes über den erfol­gre­ichen Dia­log der „Kärnt­ner Kon­sens­gruppe“ sind, dass das offen­sichtliche „Schweigen der Läm­mer“ im Jubel unterge­ht oder als stille Zus­tim­mung gew­ertet wird? Es wäre doch denkbar, dass sich die Schweigen­den ins­ge­heim die Frage stellen: Wie kann man mit Min­der­heit­en über­haupt so umge­hen, ohne dass sie das Gefühl haben, manip­uliert wor­den zu sein? Reicht das selek­tive Einge­bun­den­sein von Min­der­heit­en­vertreter in den Diskurs der „Eli­ten­demokratie“ (Rain­er Maus­feld) (3) schon aus, um eine auf diesem Weg aus­ge­han­delte Kon­sens­find­ung dem „ein­fachen Volk“ glaub­haft zu machen? Kann „das Volk“ über­haupt Poli­tik­ern ver­trauen, die „das Volk“ schon so oft getäuscht und an der Nase herumge­führt haben?

Spätestens hier müsste sich die Frage auf­drän­gen: Sind die demon­stri­erten Übere­in­stim­mungen von KHD und ZSO und das gegen­seit­ige Umar­men und Ver­söh­nen „echt“ oder Teil des Schaus­piels, das sich Mölz­er für das Kärnt­ner Pub­likum erson­nen hat und in dem Sturm und Feld­ner die tra­gen­den Haup­trollen spie­len dür­fen? Ist die behauptete „Erfol­gs­geschichte“ der Kärnt­ner Kon­sens­gruppe eben­falls eine Kon­struk­tion von Mölz­er, die von ide­ol­o­gisch vor­ein­genomme­nen Redak­teuren der „Kleinen Zeitung“ nicht hin­ter­fragt wird, weil die Moti­va­tion der Redak­tion für ihr über­schwänglich­es Lob eine ganz andere war, näm­lich dem ehe­ma­li­gen Chefredak­teur und Kon­sens­grup­pen­mit­glied Heinz Strit­zl die „let­zte Ehre“ zu erweisen (4), eine Ehre, die ihrer Mei­n­ung nach einem von der NS-Belas­tung „befre­it­en“ und zum Demokrat­en gewan­del­ten Volk­s­tum­skämpfer gebührt – ganz nach dem Mod­ell  „(noch) ein Denkmal für Hans Steinacher“.

Alles ist möglich in ein­er Welt, in der die Def­i­n­i­tion­s­macht der Wirk­lichkeit in den Hän­den der poli­tisch Mächti­gen und in deren Vernebelungstak­tik liegt. Da wer­den Täter zu Opfern und Opfer zu Tätern umgedeutet, da wer­den welt­geschichtlich ein­ma­lige ras­sis­tis­che Ver­nich­tungs­feldzüge zu regionalen mil­itärischen Auseinan­der­set­zun­gen ver­harm­lost, da wer­den Ver­brecher­bi­ografien auf Helden­denkmälern in Stein gemeißelt, da wird „Geschichte“ zu einem sub­jek­tiv­en Fak­tor der Erin­nerung umge­mod­elt und „Zukun­ft“ wird von denen ent­wor­fen, die die Welt „neu denken“ oder gle­ich „neu erfind­en“ wollen. Das sind zumin­d­est die Ansprüche und Aussprüche der­er, die die Welt­geschichte, wenn über­haupt, als eine Art Wech­sel­spiel von unverbindlichem Dia­log und gefühltem Kon­sens betra­cht­en. Das Resul­tat von „Kärn­ten neu denken“ beruht dann im Grunde auf einem per­sön­lichen Gedanke­naus­tausch von „zwei Kon­tra­hen­ten im Dia­log“. So der Titel und Unter­ti­tel des Buch­es von Josef Feld­ner und Mar­jan Sturm (Klagenfurt/Celovec 2007), die damals noch in Amt und Wür­den waren; Kon­tra­hen­ten oder gar „erbit­terte Geg­n­er“ waren sie allerd­ings schon lange keine mehr. Diese Zuschrei­bun­gen wären vielle­icht vor 15 Jahren noch zutr­e­f­fend gewe­sen. Für das Buch und die weit­eren Büch­er (5) wur­den diese Attribute immer wieder aktu­al­isiert, um etwas Span­nung in die Ankündi­gung zu bekom­men. Erken­nt­nis­gewinn und Aufk­lärung waren wed­er von der Gesprächs­führung noch von den bei­den Disku­tan­ten zu erwarten. Über­rascht waren vielle­icht jene Leser*innen, die nur aus den Kärnt­ner Print­me­di­en die bei­den Pro­po­nen­ten kan­nten. Die Klis­chee­bilder von den bei­den „Volks­grup­pen­vertretern“ hat­ten sich seit den 1970er Jahren tat­säch­lich kaum geän­dert. Der inzwis­chen weit nach rechts abget­riftete Mar­jan Sturm war vor der Fre­und­schaft mit „Pep­po“ Feld­ner als „Vor­sitzen­der des links­gerichteten Zen­tralver­bands der Kärnt­ner Slowe­nen“ bekan­nt und Feld­ner war bekan­nt als Obmann des Kärnt­ner Heimat­di­en­stes, „der als Hort rechter Kärnt­ner Gesin­nung seit Jahrzehn­ten die Volks­grup­pen-Poli­tik in diesem Land quer durch alle poli­tis­chen Lager dominiert hat“, so die Zuschrei­bung von Elis­a­beth Stein­er bei Erscheinen des Buch­es 2007 im „Der Standard“.

Und jet­zt? Alles beim Alten? Alles nur PR? Wie etwa die lakonis­che Mel­dung von Mölz­er, als Obmann würde er nun im Kärnt­ner Heimat­di­enst „über­parteilich“ han­deln? Und: Im Mit­telpunkt des Han­delns stünde immer der Dia­log: „Nach dem Gegeneinan­der ist das Nebeneinan­der gekom­men, dann das Miteinan­der. Und ich glaube, wir soll­ten jet­zt als Heimat­di­enst einen Schritt weit­er gehen und das Füreinan­der beto­nen“, so der O‑Ton von Mölz­er in der Pressekon­ferenz am 8.3.2022. (6)

Peter Gstet­tner, geb. 1945; Dr. phil., Studi­um der Psy­cholo­gie und Erziehungswis­senschaften in Inns­bruck; Habil­i­ta­tion in Mar­burg, 1981–2004 Pro­fes­sor für Erziehungswis­senschaft an der Uni­ver­sität Kla­gen­furt. 1994 Grün­dung des Mau­thausen Komi­tees Kärnten/Koroška und des Vere­ins „Memo­r­i­al Kärn­ten Koroška.

Autor Peter Gstettner bei der Enthüllung der Techelsberg-Gedenktafel (Foto Wikipedia)

Autor Peter Gstet­tner bei der Enthül­lung der Techels­berg-Gedenk­tafel (Foto Wikipedia)

Fußnoten:

1 Alle die hier genan­nten Begriffe sind mit gesellschaftlichen Kon­no­ta­tio­nen behaftet, die sich je nach Zeit­geist bzw. poli­tis­chen Koali­tion­s­ab­sicht­en ändern. Das Prob­lem dabei ist: Die Änderun­gen vol­lziehen sich schle­ichend und bleiben deshalb unbe­merkt, oft auch den Akteuren. Ein Beispiel: „Über­parteilichkeit“ wurde in der Ver­gan­gen­heit vom KHD stets so ver­standen, dass sich der KHD-Vere­in darauf berufen kon­nte, Vertreter aller poli­tis­chen Parteien anzus­prechen und als Mit­glieder zu vere­inen. Die kärnt­ner-slowenis­chen Organ­i­sa­tio­nen waren in diesem Selb­stver­ständ­nis naturgemäß nicht inkludiert. Erst durch die Koali­tion mit Mar­jan Sturm bekam die Etikette „Über­parteilichkeit“ für den KHD eine andere Bedeu­tung. Von dieser Etikette prof­i­tierte dann auch die „Kon­sens­gruppe“, deren Pro­po­nen­ten ursprünglich eine rechts-kon­ser­v­a­tive Schlag­seite hat­te.  Unter „Über­parteilichkeit“ ver­stand man jet­zt: Jed­er ist bere­it, mit jedem über alles zu reden. Also  reden z. B. jet­zt auch „ehe­ma­lige Feinde“ miteinan­der über die „gemein­same Opfer-Täter-Geschichte“. Dieses „dial­o­gis­che Erin­nern“ hat zum Ziel, im Aus­tausch von „sowohl als auch-Mei­n­un­gen“ einen Ver­ständi­gungs- und Ver­ste­hen­skom­pro­miss zu erziehen (vgl. dazu Mar­jan Sturm im Buch „Hans Steinach­er in Licht und Schat­ten“, her­aus­gegeben vom Kärnt­ner Heimat­di­enst, Kla­gen­furt 2020, Seite 179 ff.). Mit dieser Art der Herange­hensweise an die NS-Ver­gan­gen­heit der Kärnt­ner Abwehrkampf- Ikone Hans Steinach­er kön­nen sich auch die Mitau­toren Josef Feld­ner, Andreas Mölz­er, Lothar Höbelt u.a. zurechtfind­en, denn wer „Licht und Schat­ten“ wahrn­immt, von dem nimmt man an, dass er von Vernebelungstak­tik nichts weiß oder sie zumin­d­est nicht wahrnimmt.

2 Vgl. dazu Wal­ter Fan­ta: Die Ulrichs­bergfeiern im öffentlichen Bewusst­sein. In: Ste­fan Karn­er (Hrsg.): Kärn­ten und die nationale Frage. Band 3, Kla­gen­furt 2005, S. 315–343

3 Rain­er Maus­feld: Warum schweigen die Läm­mer? Wie Elit­edemokratie und Neolib­er­al­is­mus unsere Gesellschaft und unsere Lebens­grund­la­gen zer­stören. Frankfurt/M. 2019

4 Heinz Strit­zl wurde in der Kon­sens­gruppe immer als „Sprech­er der Plat­tform Kärn­ten“ geführt. Nach seinem Tod im Mai 2021 ver­schwand auch die ominöse „Plat­tform Kärn­ten“. Offen­bar war Heinz Strit­zl das einzige sprach­mächtige Mit­glied dieser Plattform.

5 Vgl. z. B. auch den Fol­ge­band „Kärn­ten neu ver­ste­hen. Kon­flik­t­geschicht­en.“ Klagenfurt/ Celovec 2011; oder auch die Doku­men­ta­tion »Kärn­ten neu gestal­ten«: Die Dia­log- und Ver­söh­nungsar­beit der Kon­sens­gruppe ab 2005. Klagenfurt/Celovec 2020

6 Unter dem Titel „Kon­ti­nu­ität & Erneuerung“ stellte die „neue KHD-Spitze“ ihr Pro­gramm in ihrem Mit­teilungs­blatt „Der Kärnt­ner – das patri­o­tis­che Sig­nal aus Kärn­ten“, im März 2022 aus­führlich­er vor. Dort kann man alles nach­le­sen, denn das Papi­er ist geduldig. Stutzig macht lediglich die Inten­tion, jet­zt (noch mehr) „füreinan­der“ dazu­sein. Das müsste eigentlich für die Kärnt­ner Slowe­nen wie eine Dro­hung klin­gen. „Das Schweigen der Läm­mer“ deutet aber darauf hin, dass dem nicht so ist.