False Flag mit russischen Neonazis

Rus­sis­che Medi­en wie die „Gaze­ta“ berichteten am 25. April 2022, dass der Geheim­di­enst FSB einen Mor­dan­schlag auf den sehr bekan­nten TV-Mod­er­a­tor Vladimir Solovy­ov aufgedeckt und ver­hin­dert habe. Den Anschlag soll die neon­azis­tis­che Ter­ror­gruppe „NS White Pow­er“ geplant haben, wobei der Auf­trag dafür von der Ukraine gekom­men und auch die USA darin ver­wick­elt sei. Stimmt das?

Vladimir Solovy­ov ist nicht nur ein­er der übel­sten rus­sis­chen Kriegshet­zer, der sich selb­st zynisch als Selen­skyjs „Lieblingsjour­nal­ist“ beze­ich­net, son­dern auch Teil der rus­sis­chen Elite: ein reich­er Mann, der in Ital­ien und der Schweiz mehrere Villen besitzt und von den Sank­tio­nen der EU betrof­fen ist. Anfang April gab es Far­ban­schläge auf zwei sein­er Villen am Com­er See in Ital­ien. Solovy­ov, der neben seinen Aktiv­itäten im rus­sis­chen Staats­fernse­hen auch noch zahlre­iche Kanäle auf Telegram betreibt, hat nicht nur immer wieder der Ukraine mit ihrer Ver­nich­tung gedro­ht, son­dern in der Folge auch Europa und der NATO mit ihrer „Denaz­i­fizierung“.

Solovyov droht Europa und der Welt mit Krieg: ""There will be no mercy."

Solovy­ov dro­ht Europa und der Welt mit Krieg: „„There will be no mer­cy.” (Video)

Zum Anschlag auf Solovy­ov ist wir hier eine Über­set­zung der Mel­dung der rus­sis­chen Nachricht­e­na­gen­tur TASS zu find­en, die auf die ange­bliche ukrainis­che Ans­tiftung abzielt:

Der Föderale Sicher­heits­di­enst hat zusam­men mit dem Unter­suchungsauss­chuss der Rus­sis­chen Föder­a­tion eine Gruppe von Mit­gliedern der in Rus­s­land ver­bote­nen Neon­azi-Ter­ro­ror­gan­i­sa­tion Nation­al Socialism/White Pow­er festgenom­men – rus­sis­che Staats­bürg­er der auf Anweisung des Sicher­heits­di­en­stes der Ukraine die Ermor­dung ein­er Per­sön­lichkeit des öffentlichen Lebens, eines bekan­nten Jour­nal­is­ten Wladimir Solowjow, geplant hat.

In den ersten Ver­hören hät­ten die Festgenomme­nen zugegeben, weit­ere rus­sis­che TV-Größen töten zu wollen und sich danach ins Aus­land abzuset­zen: „Acht Molo­tow-Cock­tails, sechs Pis­tolen, eine Granate, 1.000 Schuss Muni­tion und ein abgesägtes Jagdgewehr seien beschlagnahmt wor­den, außer­dem ‚nation­al­is­tis­che Literatur‘“.

Die offiziell erst seit 2021 ver­botene Neon­azi-Organ­i­sa­tion „NS White Pow­er“ gibt es schon lange und hat tat­säch­lich eine sehr blutige Geschichte. Der Recht­sex­trem­is­mus-Experte Anton Maegerle schrieb 2010 in seinem Beitrag „Achse Berlin – Moskau. Bun­des­deutsche und rus­sis­che Recht­sex­trem­is­ten als Verbündete“:

Im Juni [2010; SdR] ver­haftete die Polizei in St. Peters­burg elf Män­ner im Alter zwis­chen 19 und 24 Jahren, die für rund zwei Dutzend Anschläge und Morde der ver­gan­genen zwei Jahre ver­ant­wortlich gemacht wer­den. Aus­lös­er der Ermit­tlun­gen war die Ermor­dung eines 25-jähri­gen Stu­den­ten aus Ghana im Dezem­ber 2009. Die grausame Hin­rich­tung ihres Opfers wurde von einem Mit­glied der Neon­azi-Gruppe »NS/WP Newograd« aufgenom­men und im Inter­net ver­bre­it­et. »WP« ste­ht für »White Pow­er«.

NS/WP bei Sova

NS/WP bei Sova

2014 wur­den elf Per­so­n­en aus der Organ­i­sa­tion für zahlre­iche schwere Straftat­en, die sie zwis­chen 2009 und 2010 began­gen hat­ten, darunter zehn Morde und vier ver­suchte Morde aus eth­nis­chem Hass zu Frei­heitsstrafen zwis­chen drei und 24 Jahren verurteilt. 2018 wur­den in St. Peters­burg neuer­lich 19 Mit­glieder aus der Organ­i­sa­tion, die eher ein los­es Net­zw­erk ver­schieden­er Grup­pen sein dürfte, angeklagt und zu hohen Haft­strafen verurteilt. Ihr Anführer Andrei Kolesnikov erhielt 16 Jahre Haft mit Straflager, nach­dem er ges­tanden hat­te, 2013 einen Migranten aus Usbek­istan getötet zu haben.

Die ide­ol­o­gis­che Ori­en­tierung der rus­sis­chen Gruppe ist wohl nicht nur aktuell durch den ver­schämten Hin­weis auf den Fund „nation­al­is­tis­ch­er Lit­er­atur“ erkennbar, son­dern auch durch ihre ras­sis­tisch motivierten Straftat­en, die sich vor­wiegend gegen Ange­hörige ander­er Eth­nien richteten.

Obwohl es in den let­zten Jahren einen deut­lichen Rück­gang bei ras­sis­tisch motivierten Mor­dan­schlä­gen in Rus­s­land gegeben hat (während eine Zunahme an Anschlä­gen gegen die LGBT-Com­mu­ni­ty zu verze­ich­nen ist), gin­gen die Mor­dan­schläge der diversen Neon­azi­grup­pen gegen Ange­hörige eth­nis­ch­er Min­der­heit­en in den 2000er-Jahren in die Hun­derte (siehe die Berichte von sova.ru). Ermordet wur­den in erster Lin­ie Arbeitsmi­granten aus den ehe­ma­li­gen Sow­je­tre­pub­liken, „aber auch Stu­den­ten und Geschäft­sleute aus Chi­na, Indi­en, Viet­nam und Afri­ka. Ermordet wur­den im let­zten Jahr (hier: 2009, SDR) auch fünf junge Antifaschis­ten“ (Maegerle 2010).

Rus­s­land hat ein erhe­blich­es Prob­lem mit seinen Nazi-Grup­pen und ihrer immensen Gewalt. Maegerle gibt in seinem Beitrag aus 2010 die Zahl der recht­sex­tremen und neon­azis­tis­chen Grup­pen mit bis zu 300 und 60.000 Per­so­n­en an. Darin nicht enthal­ten sind recht­sex­treme Parteien wie die Lib­er­aldemokratis­che Partei des kür­zlich ver­stor­be­nen Anti­semiten Wladimir Schiri­nows­ki, die 2021 „nur“ mehr 7,55 Prozent der Stim­men bei der Parlaments-(Duma-)Wahl 2021 erzie­len kon­nte (1993: 22,92 %).

In das aktuelle rus­sis­che Nar­ra­tiv, das die Ukraine und vielle­icht auch – siehe Solovy­ov! – Europa „ent­naz­i­fizieren” will, passen rus­sis­che Recht­sex­treme und Neon­azis natür­lich gar nicht hinein. Eine mil­i­tant recht­sex­treme Gruppe wie die Rus­sis­che Reichs­be­we­gung (Russ­ian Impe­r­i­al Move­ment – RIM), die offen eine revi­sion­is­tis­che, auf räum­liche Expan­sion ori­en­tierte ultra­na­tion­al­is­tis­che Poli­tik ver­fol­gt (und natür­lich der Ukraine jede Exis­tenzberech­ti­gung abspricht), paramil­itärisch organ­isiert und mit Recht­sex­tremen und Neon­azis quer durch Europa ver­net­zt ist (aber auch mit den Monar­chis­ten der Schwarzgel­ben Allianz in Öster­re­ich), bleibt weit­ge­hend unbe­hel­ligt, während sie von den USA als aus­ländis­che Ter­ro­ror­gan­i­sa­tion eingestuft wird.

Russian Imperial Movement

Russ­ian Impe­r­i­al Movement

Es war deshalb auch ziem­lich über­raschend, dass der rus­sis­che Geheim­di­enst FSB im Dezem­ber 2021 eine zuvor weit­ge­hend unbekan­nte Neon­azi-Gruppe mit dem Namen „Mani­acs. Cult of Killers“ (MKU) iden­ti­fizierte, die ange­blich in 37 (!) Regio­nen Rus­s­lands operierte, aber „ukrainisch“ getrieben sein soll. 106 Per­so­n­en wur­den inhaftiert, aber, wie der rus­sis­che Dienst der BBC her­aus­fand, han­delte es sich bei den Mit­gliedern, die aus­recher­chiert wer­den kon­nten, um ein­deutig rus­sis­che Recht­sex­treme, die Parolen wie „Rus­s­land den Russen“ geschmiert oder sich mit Linken geprügelt hat­ten. Der ange­bliche Anführer der Neon­azi-Ter­ror­gruppe, Yegor Kras­nov (22) wird von den rus­sis­chen Behör­den der Beteili­gung an elf Mor­den in Moskau und Peters­burg beschuldigt, sitzt allerd­ings schon seit dem 10. Jän­ner 2020 im ukrainis­chen Dne­propetrowsk in Unter­suchung­shaft, nach­dem er mit zwei anderen einen jun­gen Mann mit einem Mess­er attack­iert hat­te. Nach den Recherchen der BBC bestätigten auch Ken­ner der recht­sex­tremen Szenen in der Ukraine, dass ihnen eine Gruppe mit dem Namen der MKU nicht bekan­nt sei. Es dürfte sich somit auch in diesem Fall um den miss­glück­ten pro­pa­gan­dis­tis­chen Ver­such Rus­s­lands han­deln, der Ukraine die eige­nen Neon­azis in die Schuhe zu schieben.

Egor Krasnov, angeblicher Anführer der MKU

Egor Kras­nov, ange­blich­er Anführer der MKU