SS-Grab Stillfüssing: „Müssen die Medien immer über dieses blöde Grab schreiben?“ 

Vor­ab: Ja, sie müssen! Solange näm­lich in dem oberöster­re­ichis­chen Ort Waizenkirchen ein Denkmal ste­ht, das in ehren­voller Weise an 13 Sol­dat­en der Waf­fen-SS erin­nert, die am 4. Mai 1945 von alli­ierten Sol­dat­en erschossen wor­den waren. Es ist der Bürg­er­meis­ter des Ortes, den es offen­bar nervt, wenn Medi­en über das ver­quere Gedenken an Mit­glieder ein­er ver­brecherischen Organ­i­sa­tion schreiben.

Offiziell ist es ein Sol­daten­grab, das in der zu Waizenkirchen gehöri­gen Ortschaft Stillfüss­ing liegt – eine zwis­chen zwei Lin­den einge­bet­tete Grab­stelle auf ein­er Anhöhe, das an jene 13 Män­ner erin­nert, die sich im End­kampf für – den bere­its toten – Führer, Volk und Vater­land ein Gefecht mit den weit vorg­erück­ten Trup­pen der amerikanis­chen Befreier geliefert hat­ten. Die 13 von den Alli­ierten erschosse­nen noch sehr jun­gen Sol­dat­en waren Ange­hörige der 2. SS-Panz­er­grenadier-Divi­sion „Das Reich“, jen­er Ein­heit, die für unzäh­lige Ver­brechen ver­ant­wortlich war, darunter das Mas­sak­er von Oradour, in dem 642 Men­schen von den SS-Scher­gen ermordet wor­den waren.

SS-Grab Stillfüssing (Bildquelle: Diplomarbeit Stefan Kapsammer)

SS-Grab Stillfüss­ing (Bildquelle: Diplo­mar­beit Ste­fan Kap­sam­mer)

Nach­dem das denkmalar­tige Grab in Stillfüss­ing zum Wall­fahrt­sort für Recht­sex­treme gewor­den war ­ – bis 2014 trauerte dort auch die berüchtigte „Kam­er­ad­schaft IV“ dem ver­lore­nen End­sieg nach –, kam irgend­wann Kri­tik an der braunen Helden­verehrung, zu dem die Grab­stelle ger­adezu ein­lädt, auf. Der dama­lige Grüne Bezirkssprech­er und His­torik­er Johannes Fer­i­humer musste nach seinem öffentlich geäußerten Unmut zur Gestal­tung des Grabes und zum braunen Treiben in Stillfüss­ing Dro­hun­gen hin­nehmen wie „man werde ihn ‚im Fall der Machter­grei­fung solange am Halse aufhän­gen, bis dass der Tod ein­tritt!‘” (derstandard.at, 8.3.2007).

Im Dezem­ber 2014 wurde das Denkmal durch einen Verkehrsun­fall schw­er beschädigt, danach schnell saniert und 2015 feier­lich just am 70. Jahrestag der Befreiung vom Nation­al­sozial­is­mus durch die lokale Promi­nenz „neu eingeweiht“.

Inner­halb kürzester Zeit wurde es auf Drän­gen des ÖKB und der Orts­be­wohn­er, durch das Schwarze Kreuz neu aufge­baut und am 8. Mai 2015 – zum 70. Jahrestag des Kriegsendes — neu eingewei­ht. In „Der Oberöster­re­ichis­che Kam­er­ad­schafts­bund“, ein­er Monat­szeitschrift des ÖKB, ist von ein­er bewe­gen­den Ansprache des Gemein­dep­far­rers Franz Steinkoglers, des Bürg­er­meis­ters Wolf­gang Degen­eve und des ÖKB Orts­grup­penob­manns – Waizenkirchen, Hubert Sal­laberg­er, zu lesen. Die feier­liche Zer­e­monie und Kranznieder­legung wurde zudem von der Musikkapelle Waizenkirchen begleit­et. (Diplo­mar­beit Ste­fan Kap­sam­mer 2016, S. 103)

Bericht zur Einweihung der sanierten SS-Grabstelle Stillfüssing: Gesegnet vom Pfarrer, liebevoll betreut ... (tips.at, 29.6.15 – Inserat für eine Partnerbörse im Original)

Bericht zur Ein­wei­hung der sanierten SS-Grab­stelle Stillfüss­ing: Geseg­net vom Pfar­rer, liebevoll betreut … (tips.at, 29.6.15 – Ein­blendung Inser­at für eine Part­ner­börse im Original)

Nun, 2021, ste­ht die Umgangsweise mit der Grab­stätte zwis­chen Kri­tik und der Forderung nach Anbringung ein­er Zusatztafel, die endlich auf den ver­brecherischen Charak­ter der Waf­fen-SS hin­weist, bis hin nach ein­er Umgestal­tung des Grabes und der in der jahrzehn­te­lang in Öster­re­ich gut geübten Tra­di­tion von Abwehr und dem Hin- und Her­schieben von Ver­ant­wor­tung. Ein Textvorschlag für eine Zusatztafel löst nun neuer­lichen Protest aus, denn es sei, so das MKÖ in ein­er Presseaussendung, wieder kein Hin­weis auf die Ver­brechen der Waf­fen-SS enthalten.

Und wie reagiert der aktuelle ÖVP-Bürg­er­meis­ter Fabi­an Grüneis? Gen­ervt von den Medi­en­an­fra­gen zum Grab und:

„Den Text sollte das Schwarze Kreuz for­mulieren“, erk­lärte Grüneis, nun liege der Entwurf beim Innen­min­is­teri­um mit Bitte um Freiga­be. Über den Inhalt meinte der Bürg­er­meis­ter „es ste­ht mir nicht zu, das zu beurteil­ten“. Der Text sei zweck­mäßig. Er bein­halte den Hin­weis, dass die hier begrabenen Mit­glieder der Waf­fen-SS großteils 17-Jährige gewe­sen seien und man aus der Geschichte ler­nen solle und „nicht werten war dem Innen­min­is­teri­um wichtig im Sinne der Toten­ruhe“. (ooe.orf.at, 18.2.21)

Grüneis würde eine Fahrt in die nur 60 Kilo­me­ter ent­fer­nte KZ-Gedenkstätte Mau­thausen gut­tun. Vielle­icht find­et er dann doch auch im Zusam­men­hang mit dem Denkmal eine Bew­er­tung für die Ver­brechen der Waf­fen-SS. Bis es so weit ist, soll­ten die Medi­en weit­er über „dieses blöde Grab“ schreiben!

SS-Grab Stillfüssing in einem erst kürzlich gelöschten Eintrag in Oberösterreich Tourismus

SS-Grab Stillfüss­ing in einem erst kür­zlich gelöscht­en Ein­trag in Oberöster­re­ich Tourismus

MKÖ-Presseaussendung vom 17. Feb­ru­ar 2021:

Mau­thausen Komi­tee und Net­zw­erk gegen Rassismus:
Forderung nach Wahrheit beim Waffen-SS-Denkmal

Seit Jahren ist das Waf­fen-SS-Denkmal in der kleinen Ortschaft Stillfüss­ing (Mark­t­ge­meinde Waizenkirchen) höchst umstrit­ten. Dort sind 13 Ange­hörige der Waf­fen-SS bestat­tet. Sie haben kurz vor Ende des Zweit­en Weltkriegs die vor­rück­ende US-Armee aufzuhal­ten ver­sucht und sind dabei gefallen.
Die his­torische Wahrheit über die Waf­fen-SS kommt beim Denkmal nicht vor. In den Nürn­berg­er Prozessen wurde diese als ver­brecherische Organ­i­sa­tion verurteilt, weil sie zahlre­iche Mas­sak­er an der wehrlosen Zivil­bevölkerung in den von Hitler-Deutsch­land beset­zten Gebi­eten verübt und ab 1940 die KZ-Wach­mannschaften gestellt hat­te. Damit war die Waf­fen-SS eine Haupt­stütze des NS-Ter­rors, ver­ant­wortlich für die Ermor­dung von Mil­lio­nen Menschen.
Weil die his­torische Wahrheit beim Denkmal ver­schwiegen wird, dient es als Pil­ger­stätte für Recht­sex­trem­is­ten. Jahrzehn­te­lang hat dort die „Kam­er­ad­schaft IV der Waf­fen-SS“ ewiggestrige Kundge­bun­gen ver­anstal­tet. Bis heute ist das Denkmal der braunen Szene wohlver­traut. Freilich melden sich Neon­azis, wenn sie dor­thin pil­gern, nicht beim Gemein­deamt an.
Als Reak­tion auf die heftige Kri­tik am Denkmal will der Waizenkirch­n­er Bürg­er­meis­ter Fabi­an Grüneis in der Gemein­der­atssitzung am 25. Feb­ru­ar eine Zusatztafel mit einem Text beantragen.
Nun haben sich Willi Mernyi, Vor­sitzen­der des Mau­thausen Komi­tees Öster­re­ich (MKÖ), und Robert Eit­er, Sprech­er des OÖ. Net­zw­erks gegen Ras­sis­mus und Recht­sex­trem­is­mus, in einem Offe­nen Brief an Bürg­er­meis­ter Grüneis gewandt.
Darin heißt es über die geplante Zusatztafel samt Text: „Das wäre an sich zu begrüßen. Nur beschränkt sich der kurze Text auf die Ereignisse am 4. Mai 1945, dem Todestag der 13 Bestat­teten, und enthält selt­samer­weise wieder kein­er­lei Hin­weis auf die Ver­brechen der Waffen-SS.“
Und weit­er: „Diesen Text zu beschließen und anzubrin­gen wäre eine Geschichtsver­fälschung durch Weglassen und eine grobe Mis­sach­tung der Mil­lio­nen Opfer der Waf­fen-SS! Auch würde dadurch kein Ende der Debat­te erre­icht, son­dern sie würde auf Jahre hin­aus verlängert.“
Deshalb fordern das Mau­thausen Komi­tee und das Net­zw­erk gegen Ras­sis­mus von Bürg­er­meis­ter Grüneis, im Gemein­der­at einen Zusatzstein zum Denkmal mit einem Text zu beantra­gen, der der his­torischen Wahrheit über die Waf­fen-SS gerecht wird. Mernyi und Eit­er haben auch einen entsprechen­den Textvorschlag mit­geschickt, über­prüft durch den Zeit­geschichtepro­fes­sor Thomas Hell­muth von der Uni­ver­sität Wien. Laut Hell­muth ist das Waf­fen-SS-Denkmal in sein­er derzeit­i­gen Form ein Beispiel für „Ver­drän­gung und Verk­lärung“ der NS-Vergangenheit.
Die Israelitis­che Kul­tus­ge­meinde Linz und die Katholis­che Aktion Oberöster­re­ich unter­stützen die Forderung des Mau­thausen Komi­tees und des Net­zw­erks gegen Ras­sis­mus ausdrücklich.
Willi Mernyi und Robert Eit­er schließen den Offe­nen Brief an Bürg­er­meis­ter Grüneis mit fol­gen­dem Appell: „Entschei­den Sie im Sinne der Opfer der Waf­fen-SS, entschei­den Sie im Sinne der his­torischen Wahrheit und nicht gegen sie! Um es mit Inge­borg Bach­mann zu sagen: ‚Die Wahrheit ist dem Men­schen zumutbar.‘“