Antifa stürmt Kapitol und Hitler ein Linker?

Der Umsatz an dreis­ten Lügen bzw. Fake-News erre­icht mit Hil­fe der Coro­na-Schwur­bler und Trump-Fans (die bei­den Grup­pen bilden über QAnon eine beachtliche Schnittmenge) Reko­rd­höhen. Der Sturm auf das Kapi­tol war dem­nach eine False-Flag-Aktion der Antifa und keineswegs ein von Don­ald Trump ange­feuert­er Staatsstre­ichver­such von Neon­azis, Recht­sex­tremen und Milizen. Daher ist es auch nur logisch, dass Hitler und seine Nazi-Bande keine Recht­sex­tremen, son­dern Linke waren, oder stimmt das etwa doch nicht?

Der ange­bliche Sturm der Antifa auf das Kapi­tol ist schnell ent­larvt. Die deut­lich rechte „Wash­ing­ton Times“, ein Blatt, das der Vere­ini­gungskirche des Sun Myung Moon gehört, hat in einem – mit­tler­weile gelöscht­en – Beitrag am 6.1.2021 behauptet, die Gesicht­serken­nungs­fir­ma XRVi­sion könne anhand von Auf­nah­men bele­gen, dass Antifa-Krawall­mach­er an den Auss­chre­itun­gen beim Kapi­tol beteiligt waren. Um die Lüge noch etwas greller auszugestal­ten, schwafelte die Zeitung von einem Stal­in­is­ten und einem BLM (Black Lives Matter)-Aktivisten, die dabei erkan­nt wor­den seien.

Falschmeldung der Washington Times

Falschmel­dung der Wash­ing­ton Times

Schöne Geschichte, oder? Machte natür­lich die Runde bis hin zu öster­re­ichis­chen Abnehmern von QAnon-Schauer­märchen. Blöd nur, dass sie erstunken und erlogen war. XRVi­sion bestritt nicht, dass man Bild- und Video­ma­te­r­i­al des Staatsstre­ichver­suchs aus­gew­ertet habe, aber son­st alles an dem Beitrag. Um die Behaup­tun­gen der „Wash­ing­ton Times“ zu wider­legen, veröf­fentlichte der XRVi­sion-Chef auf seinem Blog Fotos der beteiligten Neon­azis – mit Namen. Die „Wash­ing­ton Times“ wurde mit einem Unter­las­sungs­begehren aufge­fordert, den Lügen­beitrag zu löschen und sich dafür zu entschuldigen, was sie dann auch tat.

Blogbeitrag auf apelbaum.wordpress.com

Blog­beitrag auf apelbaum.wordpress.com

Sabine Z: "Es waren Antifa" - mit FB-Korrektur "Fehlinformation"

Sabine Z: „Es waren Antifa” — mit FB-Kor­rek­tur „Fehlin­for­ma­tion”

FB-Coronaleugner-Gruppe, Dirk L.: "Österreichistfrei": "Trumpanhänger versuchen, Menschen davon abzuhalten, ins Kapitol einzudringen"

FB-Coro­naleugn­er-Gruppe, Dirk L.: „Öster­re­ichist­frei”: „Trumpan­hänger ver­suchen, Men­schen davon abzuhal­ten, ins Kapi­tol einzudringen”

Dazu macht nun ein Ever­green der recht­sex­tremen Lügen die Runde: „Rechts“ ist nicht nazi – etwas hol­prig, aber doch deut­lich erkennbar kommt hier das uralte Märchen wieder, der Nation­al­sozial­is­mus sei eine linke Ide­olo­gie gewe­sen. Sog­ar „Belege“ für diese doch ziem­lich freche Lüge wer­den ange­führt: Hitler sei dem­nach vor der Grün­dung der NSDAP in der SPD gewe­sen, Goebbels und der Blutrichter Freisler sog­ar in der KPD. Wirklich?

Rechtsextremer Blog "Christian Holz": "Rechts ist nicht nazi!" "Hitler in der SPD, Goebbels und Freissler sogar in der KPD"

Recht­sex­tremer Blog „Chris­t­ian Holz”: „Rechts ist nicht nazi!” „Hitler in der SPD, Goebbels und Freissler sog­ar in der KPD”

Begin­nen wir mit Hitler. Der hat ja bekan­ntlich ein auto­bi­ographis­ches Werk ver­fasst: „Mein Kampf“. Das strotzt zwar vor Lügen, aber man kann es ja versuchen:

Wir waren alle mehr oder min­der fest überzeugt, daß Deutsch­land durch die Parteien des Novem­berver­brechens, Zen­trum und Sozialdemokratie, nicht mehr aus dem her­an­reifend­en Zusam­men­bruche gerettet wer­den würde. (…) So wurde denn in unserem kleinen Kreise die Bil­dung ein­er neuen Partei erörtert.

Das schreibt er im 8. Kapi­tel „Beginn mein­er poli­tis­chen Tätigkeit“. Davor war also laut Hitler nichts, und danach kam die Grün­dung der „Deutschen Arbeit­er­partei“ (DAP),Vor­läuferin der NSDAP. Die DAP war eine anti­semi­tis­che, völkische und daher recht­sex­treme Partei. Weil aber Hitler ein notorisch­er Lügn­er und Het­zer war, sollte man sich natür­lich nicht auf seine Erzäh­lung ver­lassen. Wir ziehen also die Hitler-Biogra­phie von Lon­gerich (Peter Lon­gerich, Hitler Biogra­phie. Siedler Ver­lag, München 2015) zu Rate.

Lon­gerich erwäh­nt, dass Hitler im Juli 1921 – da war er schon Chef der NSDAP – seinen Parteikam­er­aden Her­mann Ess­er gegen den Vor­wurf, dass der ein Spitzel sei, mit der Bemerkung vertei­digt hat, „Jed­er war ein­mal Sozialdemokrat“ (Lon­gerich, S. 61). Aus anderen Aufze­ich­nun­gen Hitlers gehe, so Lon­gerich, her­vor, dass Hitler „rück­blick­end die Rolle der MSPD in der Rev­o­lu­tion­szeit nicht völ­lig neg­a­tiv sah. Doch solche Bemerkun­gen gal­ten ein­deutig der Sozialdemokratie als ein­er anti­rev­o­lu­tionären Kraft, als ein­er Ord­nungs­macht, die sich im Früh­jahr 1919 ein­er weit­eren Radikalisierung nach links ent­ge­gengestellt hat­te.“ (ebd.)

Also nichts mit Mit­glied­schaft. Ein Spurenele­ment Sym­pa­thie für die Sozialdemokratie gab es bei Hitler auss­chließlich im Rück­blick und auch nur dort, wo die Sozialdemokratie (MSPD) gegen die Linke (USPD, KPD usw.) vorg­ing, also deut­lich rechts agierte.

Was aber ist mit Goebbels, von dem das Post­ing behauptet, dass er sog­ar in der KPD gewe­sen sei? Der Reich­spro­pa­gan­damin­is­ter war ein min­destens so begabter Lügn­er und Het­zer wie Hitler. Daher muss man auch seinen Erin­nerun­gen nicht unbe­d­ingt trauen, in denen er von „Abscheu“ über die (linke) Novem­ber­rev­o­lu­tion 1918 schrieb und dass er damals „kon­ser­v­a­tiv“, näm­lich die rechte Bay­erische Volkspartei, gewählt habe. Biographisch und poli­tisch fol­gte dann bere­its die Hin­wen­dung zu Hitler, zum Anti­semitismus und zur NSDAP, was gut doku­men­tiert ist. Da blieb kein Platz für die KPD. Und was ist mit seinem Spruch, „Der Idee der NSDAP entsprechend sind wir die deutsche Linke“? Der Satz ist ein echter Goebbels, stammt aus dem Jahr 1931, als sich Goebbels als Berlin­er Gauleit­er ger­ade mit Straßen­schlacht­en gegen Sozialdemokrat­en und Kom­mu­nis­ten pro­fil­ierte und diesen Parteien mit sein­er Rhetorik die Wäh­ler abspen­stig zu machen ver­suchte. Lon­gerich, der auch eine umfan­gre­iche Goebbels-Bio schrieb, charak­ter­isierte den Goebbel‘schen „Sozial­is­mus“ damit, dass er

wenig zu tun hat­te mit den zeit­genös­sis­chen Debat­ten um Verge­sellschaf­tung der Pro­duk­tion­s­mit­tel oder Ver­staatlichung der Schlüs­selin­dus­trien und nicht die Ver­wirk­lichung ein­er egal­itären und gerecht­en Gesellschaft­sor­d­nung zum Ziel hat­te. Der „nationale Sozial­is­mus“ lief vielmehr auf die totale Einord­nung des einzel­nen in eine dur­chor­gan­isierte Volks­ge­mein­schaft hin­aus. Da in ein­er solchen ras­sisch homo­ge­nen und ganz auf die Durch­set­zung nationaler Ziele aus­gerichteten Volks­ge­mein­schaft soziale Unter­schiede zweitrangig waren, war aus Goebbels‘ Sicht auch die „soziale Frage“ gelöst, herrschte eben „nationaler Sozial­is­mus“. (Peter Lon­gerich, Joseph Goebbels. Biogra­phie. Pan­theon Ver­lag München 2010)

Die Nazis und ihr Nation­al­sozial­is­mus hat­ten immer die Zer­schla­gung der Linken, der Arbeit­er­be­we­gung und ihrer Organ­i­sa­tio­nen, die Ver­fol­gung aller ihrer poli­tis­chen Geg­n­er zur Voraus­set­zung ihrer Herrschaft. In ein­er „ras­sisch“ homo­ge­nen Volks­ge­mein­schaft der Deutschen, die fremde „Rassen“ unter­wirft, bestiehlt und ermordet, sahen sie ihr Ziel vom Tausend­jähri­gen Reich. Mil­lio­nen Ermordete in den KZ, Mil­lio­nen Tote auf den Schlacht­feldern waren das Ergeb­nis. Mit Sozial­is­mus und/oder linken Ideen hat der Nation­al­sozial­is­mus nichts gemein­sam. Und nein: Hitler war auch kein Antifa! Den Sturm auf das Kapi­tol in Wash­ing­ton haben Trump und seine recht­sex­tremen Bünd­nis­ge­sellen zu verantworten.