Die FPÖ und das depperte Volk

Die Erzäh­lung, die sich Dominik Nepp, der Spitzenkan­di­dat Wiener FPÖ, vor der Wahl zurecht­ge­bastelt hat­te, war eingängig, aber falsch: Er habe die Partei bei sechs Prozent über­nom­men, „jet­zt liegen wir in Umfra­gen bei 11, 12, 13“. Gewor­den sind es etwas mehr als 7 Prozent – eine ver­nich­t­ende Nieder­lage. Trotz­dem ist für die FPÖ-Spitze alles bestens. Wie aber sieht es die blaue Basis? Wir haben uns umgeschaut.

Um ein ähn­lich schlecht­es Ergeb­nis der FPÖ bei Wiener Gemein­der­atswahlen zu find­en, muss man bis in das Jahr 1983 zurück­ge­hen. Damals gab es 5,4 % blaue Wäh­lerIn­nen, zulet­zt (2015) waren es 30,79 %, jet­zt ist die FPÖ bei 7,11 % gelandet.

Nepp in der Pressestunde: "FPÖ in Schlagreichweite um Platz 3 ... vielleicht auch Platz zwei möglich"

Nepp in der Press­es­tunde: „FPÖ in Schla­gre­ich­weite um Platz 3 … vielle­icht auch Platz zwei möglich”

Der FPÖ-Gen­er­alsekretär Schnedlitz bejubelt den „Befreiungss­chlag“, der mit dieser Wahl gelun­gen sei, der Lan­desparteisekretär Stumpf die „her­vor­ra­gende Arbeit“, die Spitzenkan­di­dat Nepp geleis­tet habe, und auf Face­book bestätigt sich die FPÖ Wien einen „per­fek­ten Wahlkampf“. Alles paletti?

In der blauen Basis herrschen andere Töne vor. Die Grund­stim­mung ist mehr als gereizt. Beispiel­haft: Als die FPÖ-Wäh­lerin Katha­ri­na K. ihrem Spitzenkan­di­dat­en brav etwas Unter­stützung zufächeln will („Wir haben gemein­sam gekämpft und sind gemein­sam gescheit­ert! Danke Dominik für deinen Ein­satz! We are fam­i­ly!“), wird sie von Parteikam­er­ad Karl P. in echt blauer Manier ange­faucht: „sag bist du eine Englis­chlehrerin ? Nö und warum sprichst du nicht Deutsch ? Ich glaube dir schon das du mehr sprachig bist, doch bei uns spricht man Deutsch ! Hast du keinen heimat­stolz ?

FPÖ Wien: "freiheitliche Familie ... stärker denn je", "mehr als perfekter Wahlkampf"

FPÖ Wien: „frei­heitliche Fam­i­lie … stärk­er denn je”, „mehr als per­fek­ter Wahlkampf”

Als eine andere blaue Parteifre­undin ein­er, die jet­zt Stra­che-Fan ist, etwas süßlich mit­teilt „für dich tut’s mir leid …war klar das Stra­che Geschichte ist“, antwortet die grob: „darum geht es nicht aber deine Ver­all­ge­meinerung finde ich Let­ztk­las­sig. Habe dich eigentlich für intel­li­gen­ter gehal­ten“. Eine Mehrheit in den blauen Diskus­sions­foren ist sich darin einig, dass der Stre­it, die Auf­s­pal­tung in THC und FPÖ, ver­ant­wortlich ist für den Absturz bei­der Parteien. Bei der Antwort auf die Frage, wer die Schuld am Stre­it und der Spal­tung trägt, liegen sich die (Ex)Blauen ziem­lich unver­söhn­lich in der Wolle.

Einige wenige find­en, man hätte nach Ibiza zusam­men­ste­hen müssen: „Wo war der Zusam­men­halt nach Ibiza? Ganz ehrlich, diese ‚Frei­heitliche Fam­i­lie‘ ist doch nichts als ein schlechter Scherz..“. Das sehen auch andere so, auch wenn die den Fam­i­lien­frieden eher durch Stra­che gestört sehen. Eine rel­a­tive Mehrheit sam­melt sich um die Posi­tion, dass die Spe­se­naf­färe rund um Stra­che famil­iär nicht zuträglich war, wobei auch hier die einen Stra­che als alleinig Ver­ant­wortlichen, die anderen Nepp als Mitwiss­er sehen.

Als Rein­hard H., ein alter Bekan­nter von uns, der in der Ver­gan­gen­heit des Öfteren am 20. April auf­fäl­lig gewor­den ist, einen etwas inkon­se­quenten Ent­las­tungsver­such für Stra­che starten will, indem er die Entwirrung von dessen pri­vat­en von den öffentlichen Aus­gaben zur alleini­gen Auf­gabe von Nepp erk­lärt, fährt ihm der frühere Leib­fuchs und eng­ste Ver­traute von Stra­che, Johann Gude­nus, in die Parade: „Falsch, lass dir bitte keinen Unsinn einre­den

Bei Stra­che und Gude­nus kit­tet auch die burschen­schaftliche Fam­i­lienge­mein­schaft nicht mehr. Die Stand­punk­te sind aber auch unter den blauen Fans ziem­lich unver­söhn­lich: „Für mich ist der Nepp a lauf bubi der in da Schule nur fotzen bekom­men hat. Also schö­nen Abend und Mei­n­ung ander­er akzep­tieren. Den ohne hc ist die FPÖ nix wie man sieht!“ Das wollen natür­lich nicht alle so sehen: „Na egal, ich bin froh, dass es genü­gend intel­li­gente Men­schen gab, die ihm nicht gefol­gt sind. Er hat Öster­re­ich schon genug geschadet

Wom­it wir beim Motiv der ange­blich fehlen­den Intel­li­genz der Wäh­lerIn­nen angekom­men wären. Ziem­lich viele Blaue orten näm­lich in dieser fehlen­den Intel­li­genz der Wäh­ler, der Wiener, der Öster­re­ich­er (nur in der männlichen Vari­ante!) den Grund für den Mißer­folg . Eine kleine Auswahl der Publikumsbeschimpfungen:

Wien hat den Intel­li­gen­ztest nicht bestanden!“, „Die Wiener sind ein­fach dumm“, „sind alle sel­ber schuld“,“ Die dümm­sten Wäh­ler (rot-grün) wohnen in Wien!!!“, „die linke Dummheit regiert die Welt, oder zumin­d­est Wien“, „Es bewahrheit­et sich immer mehr, daß der Öster­re­ich­er ein dum­mer Men­sch ist. Es wird Zeit, das Land zu ver­lassen

"wie dumm die Wiener sind"

„wie dumm die Wiener sind”

Nur einem Poster fällt auf, dass da etwas nicht zusam­men­passt: „Let­ztk­las­sige Ver­all­ge­meinerung. Erst schreien immer alle: „Wir sind das Volk!“, und nach­dem das Volk abstimmt, sagen sie: Die sind alle dep­pert

Diesem logis­chen Schluss kann man sich eigentlich nicht ver­weigern, aber frei­heitliche Fans sind der Real­ität um etliche Län­gen voraus. Wer sagt denn, dass das Wahlvolk, das da so böse abstimmte, „unser“ Volk ist? „Unser“ im Sinne von deutsche Volks­ge­mein­schaft näm­lich, wie sie im FPÖ-Pro­gramm steht.

Der blaue Rüdi­ger aus Wels startet eine ras­sis­tis­che Fer­n­di­ag­nose der Wiener Wäh­ler­schaft: „Es sind die neuen Wiener, schwarze Haare, schwarze Augen, Lip­pen so Dick wie ein Dau­men und das Pim­perl beschnit­ten, der Wiener von Mor­gen!

Reicht das eigentlich für den Ver­dacht auf Ver­het­zung? Der Horst, der schon ein­schlägige Erfahrung mit der Jus­tiz hat, drückt sich etwas vor­sichtiger, aber eben­falls im Sinne der Umvolkungs- oder Aus­tausch-Het­ze aus: „haha, welche Wiener? Oder meinst die Leut die in Wien wohnen?

Chris­t­ian bewältigt diese Entwick­lung nur mit emo­tionaler Hil­fe: „Ich bin sehr trau­rig. Ich glaube das ein­fach schon zu viele ‚nicht echte Wiener‘ da sind“ Etwas unbes­timmter fällt die Ansicht von Michaela aus. Geht sie so wie der Michael davon aus, dass „Bank­famiele entschei­det wer regiert“, oder tickt sie so wie Chris­t­ian und die anderen: „Meine Mei­n­ung: Dieses Ergeb­nis macht mich mis­strauisch da stimmt doch was nicht

Aus dem Meer von Miesel­süchtigkeit und Schuldzuweisun­gen ragt eine Stimme her­aus. Sie gehört Thomas Unden, der seinen knap­pen Kom­men­tar mit voller Rang­beze­ich­nung abgibt, damit da nicht ein Hauch von Zweifel an der intellek­tuellen Kapaz­ität aufkom­men möge: „Jede Stimme, die man abgibt um dieses Polit­sys­tem am Leben zu erhal­ten, ver­laengert nur den Weg zum notwendi­gen Zer­fall und Zusam­men­bruch!

Nepp hat sich das vielle­icht nicht ganz so drastisch gewün­scht, aber für die FPÖ trifft der Befund von Unden hof­fentlich zu!

Werbung Nepp: "Ehrlich, herzlich, bodenständig" – bei 7% eine neue Bedeutung für "bodenständig"

Wer­bung Nepp: „Ehrlich, her­zlich, boden­ständig” – bei 7% eine neue Bedeu­tung für „boden­ständig”