Ein verborgenes Leben

Der Filmti­tel „Ein ver­bor­genes Leben“ find­et sich in einem Zitat der englis­chen Schrift­stel­lerin George Eliot wieder, mit dem der Film von Ter­rence Mal­ick endet. Ein mehrdeutiger Titel, denn auch dieser Film über Franz Jäger­stät­ter, den katholis­chen Wider­ständler aus dem Innvier­tel, trägt wenig bei, um sein Leben sicht­bar­er, seinen Wider­stand für spätere Gen­er­a­tio­nen greif­bar­er und ver­ständlich­er zu machen. Eine Filmbe­sprechung von Karl Öllinger.

Das Wach­s­tum des Guten in der Welt hängt in gewis­sem Grade von unhis­torischen Tat­en ab, und dass die Dinge für dich und mich nicht so schlecht bestellt sind, wie sie es hät­ten sein kön­nen, ver­danken wir zum großen Teil jenen, die getreulich ein Leben im Ver­bor­ge­nen gelebt haben und in Gräbern ruhen, die nie­mand besucht“, lautet das Zitat von George Eliot, dem man wohl schlecht wider­sprechen kann, weil die vie­len unhis­torischen Tat­en von vie­len Ver­bor­ge­nen nur schw­er auffind­bar sind und weil auch Bert Brecht in seinen „Fra­gen eines lesenden Arbeit­ers“ weniger moralisch aufge­laden als Eliot zu ähn­lichen Antworten gelangte.

Vieles vom Leben des Franz Jäger­stät­ter liegt noch immer im Ver­bor­ge­nen. Das mag auch daran liegen, dass beina­he alles an his­torisch­er Forschung zum streng­gläu­bi­gen Jäger­stät­ter aus ein­er christlichen Moti­va­tion und Per­spek­tive ent­standen ist. Jet­zt kommt der Film eines Regis­seurs dazu, der eben­falls als tiefgläu­biger Men­sch beschrieben wird. Schon die ersten Sequen­zen des Filmes zeigen auch, dass es Mal­ick nicht primär um his­torische Wahrheit, son­dern um anderes geht.

Nach­dem der Film mit eini­gen Bildern von Nazi-Aufmärschen aus Leni Riefen­stahls „Tri­umph des Wil­lens“ begin­nt, ver­set­zt Mal­ick den Franz Jäger­stät­ter in eine Ansicht­skarten­land­schaft: Berge, hohe Berge, fleißige Bauern, blühende Wiesen, Sensen, Fam­i­lie. Jäger­stät­ter mit Frau im Gras, mit den Kindern im Spiel, beim Mähen, beim Säen. Diese Bilder sind kein „Kitsch“, befand die „Presse“ in ihrer Rezen­sion. Es kön­nte schlim­mer sein: Sie erin­nern an eine Ästhetik, der­er sich die Nazis gerne bedi­en­ten, um eine heile deutsche Landwelt zu sug­gerieren. Warum benutzt sie Mal­ick, der mit den Nazis ganz sich­er nichts am Hut hat? Es erschließt sich mir nicht.

Es wird nicht viel gesprochen im Film. Franziska, Jäger­stät­ters Frau, muss die Entschei­dun­gen und Hal­tun­gen ihres Franz an sein­er Mimik und Gestik able­sen. War es beim echt­en Jäger­stät­ter tat­säch­lich nicht anders? Die Quellen deuten auf einen bele­se­nen Jäger­stät­ter hin, der gerne disku­tiert hat­te, auch mit sein­er Frau. Im Film erfährt man jeden­falls kaum etwas aus dem Mund von Franz über seine Entwick­lung oder gar seine Zweifel und Äng­ste. Da ist nur der Glaube, der ihm den Weg weist, nichts offen lässt, ihm Kraft gibt für das Widerstehen.

Der Film belässt fast das ganze kurze Leben Jäger­stät­ters im Ver­bor­ge­nen, beschränkt sich auf die Jahre 1938 bis 1943. Dabei kön­nte die Biogra­phie des Franz Jäger­stät­ter ver­mut­lich einiges hergeben für dessen Entwick­lung. Nach­dem sein leib­lich­er Vater im Ersten Weltkrieg umkommt, wächst Franz zunächst in bit­ter­er Armut auf, erfährt in der Schule seine Deklassierung durch schlechte Noten, obwohl er ein vifer Bursche ist. Später arbeit­et er drei Jahre im Berg­bau in Eisen­erz, in einem klas­sis­chen Arbeit­er­m­i­lieu – für seine katholis­che Biographin Erna Putz so etwas wie eine „kirchen­feindliche“ Ver­suchung: „Vorüberge­hend gibt er den Kirchenbe­such auf, kommt aber als ver­tieft Glauben­der 1930 in seine Heimat zurück.

Mit einem Motor­rad, das er sich von seinem Arbeit­er­lohn gekauft hat, kommt er voller Stolz nach St. Rade­gund im Innvier­tel zurück – das erste Motor­rad in sein­er Gemeinde! Mit dem fährt er auch im Film, aber ohne diesen Hin­ter­grund. 1933 kommt seine erste –une­he­liche –Tochter Hilde­gard zur Welt, die der gar nicht lebens­fremde Franz mit der Magd der Jäger­stät­ters gezeugt hat. Hilde­gard wächst nicht am Hof auf (wird aber von ihrem Vater geliebt) – die drei Kinder, die durch den Film wuseln, sind die ehe­lichen aus der Verbindung mit sein­er Frau Franziska.

St. Rade­gund war bei der let­zten freien Wahl im Jahr 1931 eine durch und durch schwarze Gemeinde: Acht Sozialdemokrat­en standen 228 christlich­soziale Stim­men gegenüber, die NSDAP hat­te damals keine einzige! 1938 kam allerd­ings die einzige Nein-Stimme gegen den „Anschluss“ an Hitler-Deutsch­land von Jäger­stät­ter – und die ließen die Nazis unter den Tisch fall­en. Der Rade­gun­der Pfar­rer Josef Karo­bath, ein Ver­trauter Jäger­stät­ters, wurde 1940 von den Nazis wegen eines ange­blichen Verge­hens nach dem Heimtück­ege­setz einein­halb Monate inhaftiert und dann man­gels Beweisen, aber mit der Auflage eines Kreisver­bots entlassen.

Im Bezirk Brau­nau kam von den katholis­chen Geistlichen mas­siv­er Wider­stand gegen das Nazi-Regime: „Wir haben nir­gends einen solchen Wider­stand im Klerus als im Bezirk Brau­nau“, zitiert Flo­ri­an Schwan­ninger in sein­er Studie „Im Heimatkreis des Führers“ einen Gestapo-Beamten und lis­tet zahlre­iche Geistliche aus dem Bezirk auf, die von den Nazis ver­fol­gt und ver­haftet wurden.

All das und noch viel mehr wird im Film nicht erzählt. Stattdessen ein in das Südtirol­er Hochge­birge ver­set­ztes Alm­dorf, das St. Rade­gund simulieren soll, eine heile Fam­i­lie, blühende Wiesen, böse Dorf­be­wohn­er und – schwere Sym­bo­l­ik! – die Sensen, die nicht nur mähen, son­dern auch den Schnit­ter­mann ankündigen.

A Hidden Life: Die Sensen künden den Tod

A Hid­den Life: Die Sensen kün­den den Tod

In der let­zten Stunde des fast dreistündi­gen Epos dann die Ver­hand­lung vor dem Reich­skriegs­gericht wegen Wehrkraftzer­set­zung, in der Jäger­stät­ter im Film den San­itäts­di­enst als Ausweg vor der Todesstrafe ablehnt. In Wirk­lichkeit war es genau umgekehrt: Jäger­stät­ter bietet den San­itäts­di­enst an, der vom Kriegs­gericht abgelehnt wird.

Die „Wehrkraftzer­set­zung“, ein von den Nazis mit Todesstrafe bedro­ht­es Delikt, wird ihm und sein­er Fam­i­lie über seinen Tod und das Nazi-Regime hin­aus vorge­wor­fen. In behördlichen Schreiben der Nachkriegszeit ist von seinem Reli­gion­swahn die Rede und davon, dass durch seine Wehrkraftzer­set­zung (ohne Anführungsze­ichen) kein Nach­weis erbracht wor­den sei, dass er der Frei­heit und Unab­hängigkeit Öster­re­ichs einen Weg bah­nen wollte. So ähn­lich tönte auch der Linz­er Bischof Fließer, der 1946 einen Beitrag über Jäger­stät­ter in der Linz­er Kirchen­zeitung mit fol­gen­der Begrün­dung ablehnte:

Ich halte jene ide­alen katholis­chen Jun­gen und The­olo­gen und Priester und Väter für die größeren Helden, die in hero­is­ch­er Pflichter­fül­lung […] gekämpft haben und gefall­en sind. Oder sind Bibelforsch­er und Adven­tis­ten, die ‚kon­se­quent‘ lieber im KZ star­ben als zur Waffe grif­f­en, die größeren Helden?

Immer­hin, dieser zynis­che Bischof kommt auch bei Mal­ick nicht gut weg. Darstel­lerisch ist der Film übri­gens bis in die Neben­rollen (z.B. Bruno Ganz in ein­er sein­er let­zten Rollen) stark beset­zt. Und ja, der Film zeigt einen Men­schen, dessen Leben nicht im Ver­bor­ge­nen bleiben darf, auch wenn Mal­ick mit seinem Film nicht wirk­lich etwas zu seinem besseren Ver­ständ­nis beiträgt. Er set­zt ihm ein Denkmal – das ist sein Verdienst.