Die seltsamen Wahrheiten von Ruder-Weltmeister Vilimsky

Am 25. Feb­ru­ar 2019 war Har­ald Vil­im­sky, Gen­er­alsekretär und Spitzenkan­di­dat der FPÖ bei den Wahlen zum Europäis­chen Par­la­ment, in der ZIB 2 bei Armin Wolf zu Gast. Auftritte des pas­sion­ierten Taser-Experte und Rud­er­sportlers Vil­im­sky sind immer dann ein beson­der­er Genuss, wenn er auf hart­näck­ige Nach­fra­gen Antworten geben soll. Da zeigt sich dann seine Stärke: er ste­ht auch nach stärk­sten Attack­en wieder auf und rud­ert und rudert …

Ein „wahrer Schaukampf“ war’s laut blauem „Wochen­blick“, der eine plumpe, pro­vokante und sehr unhöfliche Inter­viewführung durch Wolf erkan­nt haben will. Was ist passiert?

Der Inter­view­er und Mod­er­a­tor Armin Wolf stellt einige Fra­gen und erhält auch auf präzise Nach­fra­gen keine bzw. nur auswe­ichende Antworten. So will Wolf von Vil­im­sky wis­sen, wie er zu Kickls Vorschlag von ein­er Präven­tivhaft ste­ht. Vil­im­sky schwärmt von Kickl, von dessen Vorschlag – da fragt Wolf nach, ob durch Kickls Präven­tivhaft wohl jen­er jugendliche Asyl­wer­ber, der von der FPÖ zu Unrecht als Ter­ror­ist verdächtigt wurde, in Haft gekom­men wäre?

Was antwortet Vil­im­sky, der Rudersportler?

Aber Herr Wolf, wenn da auf der einen Seite ein Ver­wech­slungsakt stattge­fun­den hat, und auf der anderen Seite sehr sehr viele, ja Aggres­sions­dinge doku­men­tiert sind, dann muss man aber die Aggres­sion hier vor Augen haben, diese zu bekämpfen und nicht eine einzige Ver­wech­slung unter hundert.“

Über­set­zt aus Vil­im­skys Schwurbel­sprech: Der Junge hat dann eben Pech gehabt! Auch bei den weit­eren sehr konkreten Nach­fra­gen zu Kickls Haftwün­schen flüchtet sich der Rud­er-Welt­meis­ter ins Unbes­timmte, ver­weist auf Experten, Spezial­is­ten, denen schon was ein­fall­en wird, will kein Pri­vatis­si­mum führen usw.

Ähn­lich läuft’s dann auch bei Vil­im­skys Aus­sagen zur Europäis­chen Union. Hat Vil­im­sky ein­mal mit der Forderung nach einem Öxit, also einem Aus­tritt Öster­re­ichs aus der EU bzw. ein­er Volksab­stim­mung darüber spekuliert? Vil­im­sky bestre­it­et das, ver­sucht dem Mod­er­a­tor einzure­den, dass die Forderung nach ein­er Volksab­stim­mung über einen Öxit ja nicht bedeute, dass er bzw. die FPÖ für diesen einge­treten seien. War das so?

Kurz vor dem EU-Aus­trittsvolks­begehren 2015 gab Vil­im­sky „unzen­suri­ert-TV“ (13.6.15) ein Inter­view, in dem Vil­im­sky zwis­chen Aus­tritt aus der EU und Volksab­stim­mung dazu so herumruderte:

Wenn sich nichts ändert, dann ist es sehr wohl auch ein The­ma. (…) Darauf zielt meine Poli­tik näm­lich ab, dass näm­lich zwanzig Jahre nach dem Beitritt Öster­re­ichs zur Europäis­chen Union das Volk jet­zt gefragt wird, ob wir weit­er­ma­chen wollen in diesem europäis­chen Union­s­ge­bilde, oder ob wir einen rotweißroten Weg wieder gehen wollen. (…) Jet­zt sind wir genau in ein­er Sit­u­a­tion, wo inter­na­tion­al auch sich ein Umfeld auf­bere­it­et, dass wir in Öster­re­ich eine Volksab­stim­mung über einen weit­erenVerbleib Öster­re­ichs in der Europäis­chen Union mehr als dringlich anzu­rat­en ist und auch durchge­führt wer­den soll.

Vilimsky fordert Volksabstimmung über EU

Vil­im­sky fordert Volksab­stim­mung über EU

Alles klar? In dieselbe Rich­tung geht dann Vil­im­skys Reak­tion auf Armin Wolf, als ihn der zunächst auf einen Tweet anspricht, in dem der Taser-Experte neuer­lich fordert, dass Öster­re­ich – dies­mal nach dem Vor­bild der Briten – „endlich auch ein Ref­er­en­dum über den weit­eren Verbleib in der EU ankündi­gen und durch­führen“ solle. Der Tweet wurde im Feb­ru­ar 2016 abge­set­zt, vier Monate vor der britis­chen Abstim­mung. Damit waren Vil­im­sky und die FPÖ unter den Allerersten, die dem britis­chen Vor­bild nacheifer­ten. Dass Vil­im­sky auch 2016 zwis­chen der Forderung nach einem Ref­er­en­dum und der nach einem Aus­tritt hin- und her­rud­erte, wird durch die von Wolf zitierte Presseaussendung Vil­im­skys, die für Vil­im­sky keine war, bestätigt. Von der Presseaussendung gibt es gle­ich zwei Ver­sio­nen: Die eine auf der FPÖ-Seite ist deut­lich kürz­er und vielle­icht um eine Spur bes­timmter („Der frei­heitliche EU-Del­e­ga­tion­sleit­er Har­ald Vil­im­sky will jet­zt auch für Öster­re­ich bessere Kon­di­tio­nen — oder den EU-Aus­tritt seines Lan­des.“), die andere, die offizielle OTS-Aussendung, länger. In bei­den Vari­anten spekulierte Vil­im­sky mit dem Öxit, das ist trotz Vil­im­skys Rud­erei gar keine Frage.

FPÖ-Vilimsky bringt Öxit ins Spiel (Variante 1)

FPÖ-Vil­im­sky bringt Öxit ins Spiel (Vari­ante 1)

FPÖ-Vilimsky bringt Öxit ins Spiel (Variante 2)

FPÖ-Vil­im­sky bringt Öxit ins Spiel (Vari­ante 2)

Ein viel zu wenig gewürdigter Höhep­unkt in Vil­im­skys Inter­view war aber zweifel­los sein Ver­such, ein Zitat von Marine Le Pen aus einem Spiegel-Inter­view von 2014 wegzure­den bzw. wegzu­rud­ern. Als ihm Wolf das Zitat sein­er Frak­tion­skol­le­gin vorhält, die wörtlich sagt „Ich will die EU zer­stören“, antwortet der tasergeprüfte Vilimsky:

„Das ist aber kein Zitat, Herr Wolf.
Natür­lich ist das ein Zitat.
Ich habe oft mit ihr gesprochen, und, Herr Wolf.
Herr Vil­im­sky, ich lese es Ihnen vor: „SPIEGEL: Wollen Sie Europa zer­stören? Le Pen: Ich will die EU zer­stören, nicht Europa.“
Herr Wolf, Herr Wolf, Herr Wolf, wis­sen Sie, in wie vie­len Blät­tern Dinge in ein­er hohen Unpräzi­sion auch ste­hen? Was sie gesagt hat, ja.
Das ist ganz präzise, ich habe extra beim SPIEGEL angerufen heute und habe mich erkundigt, ob es ein Ton­band gibt.
Aber der SPIEGEL ist jet­zt auch nicht bekan­nt, dass er mit großer Objek­tiv­ität diesen Reformkräften gegenüber steht.“ 

Der Spiegel: Marine Le Pen, 2.6.2014: "Ich will die EU zerstören"

Der Spiegel: Marine Le Pen, 2.6.2014: „Ich will die EU zerstören”

Vil­im­sky reicht also auch eine Ton­band­mitschrift nicht, so sehr ist er davon überzeugt, dass seine Fre­undin, die Cham­pag­n­er-Exper­tin Le Pen nie und nim­mer einen Aus­tritt oder gar die Zer­störung der EU anstrebt.

Der Spiegel: Marine Le Pen, 2.6.2014 zum Austritt aus dem Euro

Der Spiegel: Marine Le Pen, 2.6.2014 zum Aus­tritt aus dem Euro

Le Pen hat aber nicht nur 2014 die Zer­störung bzw. das Ende der EU beschworen, son­dern die auch noch im Dezem­ber 2017 bei einem Tre­f­fen recht­sex­tremer und recht­spop­ulis­tis­ch­er Parteien in Prag bekräftigt. „Von innen her“ müsse die EU zer­stört wer­den, wird sie in einem Beitrag zitiert, der – nun ja – auf ein­er tat­säch­lich wenig ver­trauenswürdi­gen recht­en Inter­net-Seite veröf­fentlicht wurde. Aber auch der „Kuri­er“ berichtete über das Tre­f­fen, wo ein Ende der EU in der heuti­gen Form gefordert wor­den sei. Le Pen hat dem­nach die EU als „desas­tröse Organ­i­sa­tion“ beze­ich­net und Geert Wilders apos­tro­phierte sie als „exis­ten­zielle Gefahr“ für die Nation­al­staat­en. Aus Öster­re­ich nahm Vil­im­skys FPÖ- Kol­lege im EP, Georg May­er, teil. Ob der dazu genickt oder gar etwas gesagt hat, ist nicht überliefert.

Über Vil­im­sky berichtet der „Kuri­er“ hinge­gen, dass er aus „ter­min­lichen“ Grün­den nicht an dieser Kon­ferenz teil­nehmen kon­nte und weiters:

Vil­im­sky deutete am Sam­stag vor der Sitzung des Parteivor­standes an, die FPÖ kön­nte als Regierungspartei auf Dis­tanz zur ENF-Frak­tion im EU-Par­la­ment­ge­hen. Es gebe derzeit ‚keinen Anlass im reißen­den Fluss die Pferde zu wech­seln’, man werde sich aber über­legen, wie es nach der näch­sten EU-Wahl 2019 weit­erge­hen werde, sagte Vil­im­skyauf die Frage, ob die FPÖ die ENF ver­lassen werde. Es brauche aber ‚eine pos­i­tive EU-Kri­tik’, so Vil­im­sky.“

Na klar, das war ganz knapp vor Abschluss der Koali­tionsver­hand­lun­gen mit der ÖVP. Da weiß ger­ade ein Vil­im­sky, dass man kurzfristig ein biss­chen in die andere Rich­tung rud­ern muss!

P.S.: Auf dem Blog von Armin Wolf ist das Tran­skript des ZIB 2‑Gesprächs mit Har­ald Vil­im­sky nachzulesen:

Transkript der Vilimsky-Ruderei zum Öxit

Tran­skript der Vil­im­sky-Rud­erei zum Öxit