Shams Ul-Haq: journalistischer Betrug mit Hilfe heimischer Medien?

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Seit ges­tern gehen die Wogen hoch – zumin­dest in Deutsch­land. Shams Ul-Haq steht in der Kri­tik, weil es Zwei­fel an der Serio­si­tät sei­ner Recher­chen gibt, er wird bereits als „der rech­te Relo­ti­us“ titu­liert. Sei­ne Bücher fir­mie­ren als Best­sel­ler, die mar­ki­gen Titel und Cover tra­gen dazu bei: Die Brut­stät­te des Ter­rors: Under­co­ver-Ein­satz in Flücht­lings­un­ter­künf­ten”, „Eure Geset­ze inter­es­sie­ren uns nicht!: Under­co­ver in euro­päi­schen Moscheen — wie Mus­li­me radi­ka­li­siert wer­den” Der aus Paki­stan stam­men­de und 1990 als unbe­glei­te­ter min­der­jäh­ri­ger Asyl­be­wer­ber nach Deutsch­land geflüch­te­te Autor Ul-Haq hat Schlag­zei­len pro­du­ziert und poli­ti­sche Reak­tio­nen – auch in Öster­reich, weil er angibt, eben­falls in Gra­zer Moscheen ver­deckt recher­chiert zu haben. Doch stimmt das?

Um es vor­weg zu neh­men: Wir kön­nen nicht beur­tei­len, ob und in wel­chem Aus­maß Shams Ul-Haq in Graz tat­säch­lich Under­co­ver-Recher­chen betrie­ben hat. Vol­ker Sie­fert vom Hes­si­schen Rund­funk erhob ges­tern in einem Arti­kel für die Tages­schau jeden­falls schwer­wie­gen­de Vorwürfe:

Für sein Buch ‚Eure Geset­ze inter­es­sie­ren uns nicht’, erschie­nen im Orell Füss­li Ver­lag, will Ul-Haq in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren unter ver­schie­de­nen Iden­ti­tä­ten und mit geän­der­tem Aus­se­hen in 100 Moscheen in Deutsch­land, Öster­reich und der Schweiz recher­chiert haben, um ‚Ver­knüp­fun­gen auf­zu­de­cken, über die man in den Medi­en meist nichts liest’. Im Nach­gang der Ver­öf­fent­li­chung nennt er dann noch höhe­re Zah­len. So will er allei­ne in Deutsch­land in zwei Jah­ren 150 Moscheen plus jeweils 50 in Öster­reich und der Schweiz besucht haben.

Es gibt begrün­de­te Zwei­fel, dass er auch nur annä­hernd in so vie­len Moscheen recher­chiert hat. So hat­te Ul-Haq nach eige­nen Anga­ben in sei­nem Buch ab April 2018 in Essen mona­te­lang mit einer Jour­na­lis­tin in der Assa­lam-Moschee inko­gni­to recher­chiert. Zur sel­ben Zeit will er sechs­mo­na­ti­ge Recher­chen in öster­rei­chi­schen Moscheen — und ab Anfang Juni eben­falls sechs­mo­na­ti­ge Recher­chen in der Schweiz auf­ge­nom­men haben.

Par­al­lel sei er in der Ber­li­ner und der Ham­bur­ger Isla­mis­ten-Sze­ne mona­te­lang unter­wegs gewe­sen. Folgt man sei­nen eige­nen Anga­ben, wäre er noch mit­ten in der Recher­che gewe­sen, als das Buch Ende Okto­ber auf den Markt kam.“

Mit den Vor­wür­fen kon­fron­tiert, reagier­te Ul-Haq sehr unge­hal­ten: Er stot­ter­te her­um, ver­strick­te sich in Wider­sprü­che, ver­wei­ger­te Ant­wor­ten, brach ein TV-Inter­view für den MDR ab und woll­te des­sen Aus­strah­lung ver­hin­dern – was ihm nicht gelang.

abgebrochenes MDR-Interview mit Ul-Haq (https://www.mdr.de/investigativ/exakt-moschee-100.html)

abge­bro­che­nes MDR-Inter­view mit Ul-Haq (https://www.mdr.de/investigativ/exakt-moschee-100.html)

Ul-Haq und Österreich

Bereits im Jän­ner 2017 war Ul-Haq als Exper­te für Isla­mis­mus und Ter­ror beim ORF-Talk „Im Zen­trum“ gela­den. Rich­tig Auf­se­hen erreg­te er dann aber nach Ver­öf­fent­li­chung sei­nes letz­ten Buches im Herbst 2018, in dem er Gra­zer Moscheen als „Hot­spot“ einer radi­ka­len Isla­mis­mus-Sze­ne bezeich­ne­te. Prak­tisch alle öster­rei­chi­schen Medi­en berich­te­ten dar­über, die APA führ­te mit Ul-Haq ein Inter­view:

Die Ent­schei­dung, für sei­ne Recher­chen nach Graz zu gehen, sei auf die stei­ri­sche Lan­des­haupt­stadt gefal­len, weil es sich sei­ner Ansicht nach um einen Hot-Spot der radi­ka­len Isla­mis­ten-Sze­ne han­del­te — und sein Ver­dacht habe sich bestä­tigt, mein­te er. ‚Ins­ge­samt hielt ich mich sechs Mona­te lang in Graz auf, besuch­te in die­ser Zeit alle 16 Moscheen in der Stadt sowie drei nicht gemel­de­te isla­mi­sche Gebets­häu­ser. Natür­lich kon­zen­trier­te ich mich ins­be­son­de­re auf die radi­kal-isla­mi­schen Gebets­häu­ser. Von ihnen erfuhr ich über Infor­man­ten, denn eini­ge davon exis­tie­ren offi­zi­ell über­haupt nicht.’ Die­se ‚Moscheen’ sei­en meist nichts wei­ter als Hin­ter­zim­mer in irgend­wel­chen Wohn­häu­sern und deren Ima­me agie­ren weit­ge­hend unent­deckt, fand Ul-Haq her­aus. Dort wür­den die Hass­bot­schaf­ten verbreitet.“

In einem Inter­view mit dem Deutsch­land­funk ist fol­gen­de Pas­sa­ge zu finden:

„Ul-Haq: Ich kann Ihnen alles mit Quit­tung, mit Geld, alles bele­gen. Wenn man von 2015 bis zur Abga­be des Buches recher­chiert, ist das kein Pro­blem, 150 Moscheen zu besu­chen, und da hat sich ZDF und auch ande­re deut­sche Zei­tun­gen und öster­rei­chi­sche Zei­tun­gen, die die­se Recher­che mit­fi­nan­ziert haben, das alles Geld vorliegt.“

Öster­rei­chi­sche Zei­tun­gen haben also, so Ul-Haq, sei­ne Recher­chen mit­fi­nan­ziert. Da wüss­ten wir ger­ne Genaue­res: Im Arti­kel der Tages­schau wird die Kro­nen Zei­tung als Koope­ra­ti­ons­part­ner von Ul-Haq genannt, aber – falls Ul-Haq hier die Wahr­heit spricht – wel­che ande­ren Zei­tun­gen waren da noch dabei?

Zitat "Kleine Zeitung" (Screenshot Website https://shamsulhaq.de)

Zitat „Klei­ne Zei­tung” (Screen­shot Web­site https://shamsulhaq.de)

Als Fol­ge von Ul-Haqs „Recher­chen“ stell­te die FPÖ im Stei­ri­schen Land­tag eine Dring­li­che Anfra­ge an die Bil­dungs­lan­des­rä­tin, wor­über die Kro­nen Zei­tung berich­te­te: „Das wird heu­te ein ‚hei­ßer’ Land­tag. Radi­kal-Islam als mas­si­ve Bedro­hung der Stei­er­mark, so die FP-Befürch­tung. ’Steirerkrone’-Leser haben es ja schon letz­te Woche erfah­ren. Der heu­ti­ge Land­tag wird sich mit einem sehr bri­san­ten The­ma aus­ein­an­der­set­zen. Die FP hat unter dem Titel ‚Radi­kal-Islam stellt mas­si­ve Bedro­hung der Stei­er­mark dar’ eine ‚Dring­li­che Anfra­ge’ for­mu­liert. Aus­lö­ser waren Bücher wie ‚Kul­tur­kampf im Klas­sen­zim­mer’ und vor allem das Ela­bo­rat ‚Eure Geset­ze inter­es­sie­ren uns nicht’, für das der Inves­ti­ga­tiv-Jour­na­list Shams Ul-Haq meh­re­re Mona­te under­co­ver in Graz recher­chiert hat.“ (Kro­nen Zei­tung, 20.11.18, S. 22)

Ul-Haq ern­te­te in der Stei­er­mark jeden­falls auch Wider­spruch: „’Das Buch erhebt fal­sche Vor­wür­fe’, sagt Waha Kosumov, ein Mit­glied der Gemein­de: ‚Es ist voll erfun­de­ner Betrug.’ (…) Bei der Poli­zei will man das Buch des deutsch-paki­sta­ni­schen Autors nicht kom­men­tie­ren, eini­ge Details sei­en über­holt, heißt es. ‚Es wird beob­ach­tet, alle die­se Tätig­kei­ten die­ser Ver­ei­ne und Moscheen wer­den vom Ver­fas­sungs­schutz beob­ach­tet, und soll­ten hier straf­recht­lich rele­van­te Sach­ver­hal­te fest­ge­stellt wer­den, wird es auch zu Anzei­gen kom­men’, so Fritz Grund­nig, Spre­cher der Lan­des­po­li­zei­di­rek­ti­on Stei­er­mark.“ (steiermark.orf.at, 26.11.18)

Dass Ul-Haqs Aus­sa­gen als gefun­de­nes Fres­sen für die rechts­extre­men Hetz­me­di­en wie Wochen­blick, unzen­su­riert etc. die­nen, ist nicht erstaun­lich. Inter­es­sant wäre es zu wis­sen, ob von dort auch Geld an Ul-Haq geflos­sen ist.

Kommentar des Journalisten Fabian Goldmann zu Ul-Haq (https://www.piqd.de/flucht-und-einwanderung/der-nachste-relotius-wie-medien-einem-vermeintlichen-undercover-reporter-auf-den-leim-gingen)

Kom­men­tar des Jour­na­lis­ten Fabi­an Gold­mann zu Ul-Haq (https://www.piqd.de/flucht-und-einwanderung/der-nachste-relotius-wie-medien-einem-vermeintlichen-undercover-reporter-auf-den-leim-gingen)