James Baker und die Hitler-Lüge

In recht­en Foren muss ein ehe­ma­liger US-Außen­min­is­ter als Kro­nzeuge dafür her­hal­ten, dass die USA den Zweit­en Weltkrieg als wirtschaftliche Präven­tiv­maß­nahme angezettelt hät­ten. James Bak­er war unter George Bush sen. Außen­min­is­ter zwis­chen 1990 und 1992 und soll dem „Spiegel“ 1992 das Geständ­nis gemacht haben, dass man Hitler zum Mon­strum, zum Teufel gemacht habe, um so leichter den Krieg gegen Deutsch­land führen zu kön­nen. Kann das stimmen?

Das Zitat, das James Bak­er in den Mund gelegt wird, lautet so:

Wir macht­en aus Hitler ein Mon­strum, einen Teufel. Deshalb kon­nten wir nach dem Krieg auch nicht mehr davon abrück­en. Hat­ten wir doch die Massen gegen den Teufel per­sön­lich mobil­isiert. Also waren wir nach dem Kriege gezwun­gen, in diesem Teufelsszenario mitzus­pie­len. Wir hät­ten unmöglich unseren Men­schen klar­ma­chen kön­nen, daß der Krieg nur eine wirtschaftliche Präven­tiv­maß­nahme war.“

Der Mann, der da ange­blich eine unge­heure Manip­u­la­tion ver­ant­worten will, war zu Kriegs­be­ginn stolze neun Jahre alt. Selb­st war er also kaum an der Umset­zung dieses „Teufelsszenar­ios“ beteiligt. Man darf aber annehmen, dass die US-Öffentlichkeit ihm bzw. den Ver­ant­wortlichen diese unge­heure Enthül­lung auch 1992 nicht unges­traft und schon gar nicht unkom­men­tiert hätte durchge­hen lassen.

1992 gab es aber wed­er in den US-Medi­en und auch nicht in der US-Poli­tik eine Debat­te über die ange­bliche Enthül­lung Bak­ers. Auch nicht im „Spiegel“. Wed­er in Aus­gabe 13/1992 noch in ein­er anderen Aus­gabe des „Spiegel“, dessen Archiv online zugänglich ist, find­et sich das ange­bliche Bak­er Zitat .

Sog­ar die neon­azis­tis­che Enzyk­lopädie „meta­pe­dia“ muss ein­räu­men, dass das Bak­er-Zitat „wed­er an der angegebe­nen Stelle noch sonst­wo im Spiegel“ zu find­en ist. Aber – so „meta­pe­dia“ — das Orig­i­nal sei vielfach im Netz zu find­en. Das stimmt – und zwar an so ver­lässlichen Quellen wie der Neon­azi-Seite „storm­front“. Oder auf rense.com, der Web­seite des anti­semi­tis­chen Radiomod­er­a­tors Jef­fry S. Rense Auf rense.com wird sog­ar eine nette Geschichte dazu gebastelt. Die geht so: Ein nicht namentlich genan­nter deutsch-amerikanis­ch­er Fre­und hat dem Jef­fry Rense das Bak­er-Zitat aus dem „Spiegel“ aus­geschnipselt und der hat’s dann ins Englis­che über­set­zt und wegen sein­er Bedeu­tung in VERSALIEN hin­aus­geschrien. „Storm­front“ und andere Nazi-Por­tale haben sich sich­er sehr darüber gefreut.

Rense zu Bak­er und Hitler

Damit wäre eigentlich schon klar, dass das Bak­er-Zitat erfun­den ist. Aber da ist noch etwas: Das Zitat insinuiert, dass die USA den Zweit­en Weltkrieg aus wirtschaftlichen Grün­den („Präven­tiv­maß­nahme“) begonnen hätten.

James Bak­er und das Fake-Zitat auf Facebook

Das ist natür­lich eine braune Lüge. Der Zweite Weltkrieg begann am 1. Sep­tem­ber 1939 mit dem Über­fall auf Polen, der von den Nazis in einen pol­nis­chen Angriff umgedeutet wurde. Erst am 3. Sep­tem­ber 1939 entschlossen sich Großbri­tan­nien und Frankre­ich nach einem ergeb­nis­losen Ulti­ma­tum zur Kriegserk­lärung an Deutsch­land. Der Krieg­sein­tritt der USA erfol­gte mehr als zwei Jahre später, im Dezem­ber 1941.

Auch die öster­re­ichis­che Nazi-Seite „Wider­stand Öster­re­ich” ver­wen­det das Fake-Zitat

Also kein Kriegs­be­ginn durch die USA als wirtschaftliche Präven­tiv­maß­nahme, keine Bak­er-Aus­sage, die das bele­gen würde, kein „Spiegel“-Zitat, aber viele braune Lügen!

Inhaltsverze­ich­nis Spiegel 13/1992