Der Abgeordnete Neubauer trällert ein Lied

Der FPÖ-Abge­ord­nete Wern­er Neubauer ist auf einem YouTube-Video zu sehen, wie er – sich mit der Gitarre beglei­t­end – vor einem Mikro­fon ein Lied trällert. Na und? Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, heißt es doch? Der Spruch führt in die Irre, wie sich am Beispiel Neubauer gut zeigen lässt. Denn Neubauer trällert in ein Mikro von Radio Ora­nia (Südafri­ka), ein „Buren“-Radio — und das Lied, das „Buren­lied“ hat auch eine ein­schlägige Geschichte.

Wern­er Neubauer ist erst vor kurzem zum Bun­des­ob­mann des frei­heitlichen Senioren­rings gewählt wor­den. Auf seine Face­book-Seite stellt er geschme­ichelt die Grat­u­la­tion seines Parte­ichefs Stra­che und schreibt dazu: “Danke sehr“.

Ob sich sein Parte­ichef auch darüber freut, dass Wern­er Neubauer zum Jahreswech­sel das Video von Radio Ora­nia online gestellt hat, in dem er mit entschlossen­er Miene das „Buren­lied“ schmettert ? Was ist Radio Ora­nia eigentlich und was das „Buren­lied“?

Radio Ora­nia ist eine kleine Radio­sta­tion in Südafri­ka – das Radio der Gemeinde Ora­nia. Eine Gemeinde ist Ora­nia eigentlich nicht, aber eine geschlossene Gemein­schaft in der Prov­inz Nord­kap. Die Sied­lung, in der fak­tisch nur Buren leben, hat rund 1.000 Bewohner­In­nen. 1990, nur wenige Monate nach dem offiziellen Ende der Apartheid, wurde Ora­nia von Carel Boshoff gegrün­det. Der war ein Schwiegersohn von Hen­drik Ver­wo­erd, einem früheren südafrikanis­chen Pre­mier­min­is­ter und Chefide­olo­gen der Apartheid-Ideologie.

Die Sied­lung und das Radio – man ahnt es schon nach dieser Ein­leitung – haben sich der Apartheid ver­schrieben: „Ora­nia“ sieht sich als Keimzelle eines burischen Staates, der nach den Prinzip­i­en der Apartheid organ­isiert ist: Rassen­tren­nung, keine Ver­mis­chung mit anderen „Rassen“ und Kul­turen. In dier Sied­lung Ora­nia wer­den deshalb auch nur Men­schen aufgenom­men, die Buren sind und sich mit burisch­er Ide­olo­gie identifizieren.


Apartheid in Südafrika
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Die Apartheid-Ide­olo­gie wird dabei wörtlich genom­men: anders als im Apartheid-Staat gibt es in der Apartheid- Buren­sied­lung selb­st keine Schwarzen, die für die Weißen arbeit­en müssen. Ras­sis­tisch ist die Kon­struk­tion dieser Gemein­schaft den­noch. Dort war also Wern­er Neubauer zu Besuch. Und trällerte das „Buren­lied“.

Das heutzu­tage bei uns völ­lig unbekan­nte “ Buren­lied“ war ein­mal sehr bekan­nt – vor 70 bis 80 Jahren. Unter dem Nazi-Regime. Bei der Hitler-Jugend. Regel­recht pro­pa­gan­dis­tis­che Bedeu­tung erhielt das Buren­lied, nach­dem sich Hitlers Hirnge­spin­ste über einen Sep­a­rat­frieden mit Eng­land zer­schla­gen hat­ten. Die darauf fol­gende antib­ri­tis­che Nazi-Pro­pa­gan­da pushte nicht nur den Film über den Buren­poli­tik­er Paul Krüger („Ohm Krüger“), son­dern auch das „Buren­lied“, das zwar keine Nazi-Schöp­fung war, aber mit sein­er Kampf- und Opfer­rhetorik per­fekt zur Nazi-Ide­olo­gie passte.


Antib­ri­tis­che Nazi-Propaganda
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In etlichen Mem­oiren über die Nazi-Zeit taucht deshalb das „Buren­lied“ auf: als Nazi-Lied und als Lied, das bei der Hitler-Jugend promi­nent gesun­gen wurde. Etwa hier: “Und ich sang vor mich hin, das Hitler­ju­gend-Lied vom Burenkrieg: „Der jüng­ste war kaum vierzehn Jahr’/er scheute nicht den Tod fürs Vater­land!“ (Die Zeit), bei Got­t­lob Kreß („Die Amerikan­er standen am Rhein. Nun lern­ten wir in der Schule: „Es braust ein Ruf wie Don­ner­hall… zum Rhein, zum Rhein zum deutschen Rhein, wer will des Volkes Hüter sein. Oder das Buren­lied: „Ein alter Bur mit grauem Haar, der zog seinen Söh­nen voran. Der Jüng­ste war kaum 14 Jahr, er scheute nicht den Tod für’s Vater­land.”) oder bei Heinz Schreck­en­berg, wo es heißt:

„Leicht erkennbar ist die beab­sichtigte Wirkung auch bei dem „Buren­lied“ ( aus dem 1941 ent­stande­nen Film „Ohm Krüger“), das nach Aus­sagen von Zeitzeu­gen in der HJ viel gesun­gen wurde: Es erzeugte eine dumpfe Wut auf die impe­ri­al­is­tis­chen, bösen Englän­der….“.

Aktuell taucht das aus der Nazi-Zeit bekan­nte „Buren­lied“ wieder bei Wern­er Neubauer auf, der es für die Radio-Sta­tion ein­er burischen Apartheid-Sied­lung vorträgt. Darauf kann man sich den passenden Reim machen. 

* Die Nazi-Zeit und das „Buren­lied“:



PS:

1). Das „Buren­lied“ gibt es in mehreren Vari­anten, die sich nicht nur durch die Haar­farbe des alten „Bur“ unter­schei­den: weiß bzw. grau. Neubauer besingt den „Bur mit grauem Haar“, deshalb hier diese Textvariante:

1. Ein Kampf ist entbrannt
und es blitzt und es kracht
und es tobt eine blutige Schlacht.
Es kämpfen die Buren Oranje-Transvaal
gegen Eng­lands Großübermacht.
Ein alter Bur mit grauem Haar,
er zog seinen Söh­nen voran.
Der jüng­ste war kaum 14 Jahr´,
er scheute nicht den Tod fürs Vaterland.

2. Die Schlacht ist vorbei
und die Nacht bricht herein
und auf steilen Felsengestein,
da liegt der Bur mit zer­schossen­er Brust
und kein­er ste­ht ihm bei.
Kam­er­aden fan­den abends spät
den ster­ben­den Burenkapitän.
Sie hörten nur sein leisen Fleh´n:
Es lebe Oranje-Transvaal!

2).Ein Bericht über die Sied­lung „Ora­nia“ aus der „NZZ“.