Never/Forget/Why? 15000

15.000 jüdis­che Kinder waren zwis­chen 1942 und 1945 im KZ There­sien­stadt interniert, fast alle von ihnen wur­den nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Die His­torik­erin und Psy­chother­a­peutin Anna Wexberg-Kubesch hat ein Erin­nerung­spro­jekt ges­tartet, bei dem 15.000 gle­icher­maßen normierte Karten durch engagierte Teil­nehmerIn­nen indi­vidu­ell verän­dert und gestal­tet wer­den sollen . Wie das weit­erge­ht, ist hier zu erfahren.


http://www.neverforgetwhy15000.at/ueber-das-projekt/

Anna Wexberg-Kubesch im Gespräch mit Birgit Meinhard-Schiebel

Bir­git Mein­hard-Schiebel: Wer ste­ht eigentlich hin­ter der Ini­tia­tive NEVER/FORGET/WHY?

Anna Wexberg-Kubesch: NEVER/FORGET/WHY? ist eine Pri­va­tini­tia­tive, das Konzept wurde von mir ini­ti­iert und entwick­elt. Mit­tler­weile gibt es einen kleinen Kreis von engagierten Men­schen, die sich der Idee ver­bun­den fühlen und mit mir gemein­sam das Pro­jekt tragen.

Sich mit dem Holocaust/der Shoa in ein­er Zeit der per­ma­nen­ten Kriege, nicht nur in Europa, auseinan­der zu set­zen, ist eine beson­dere Her­aus­forderung. Was hat Sie per­sön­lich dazu bewogen, sich mit den jüdis­chen Kindern aus dem Ghet­to There­sien­stadt zu beschäfti­gen? Welche Bedeu­tung haben dabei die 15000 Karten, die Sie auf den Weg brin­gen, um sie von vie­len Men­schen weltweit gestal­ten zu lassen?

Unge­fähr 15000 jüdis­che Kinder, von Säuglin­gen bis zu Jugendlichen, wur­den aus Deutsch­land, Öster­re­ich und Tschechien nach There­sien­stadt gebracht. Einige wur­den von dort sehr schnell in die Ver­nich­tungslager deportiert, andere blieben über län­gere Zeit im Ghet­to, teil­weise ohne ihre Fam­i­lien, bis auch sie deportiert und ermordet wurden.
Die Zahl 15000 entspricht etwa der Anzahl der Kinder, die in There­sien­stadt unterge­bracht und deren Namen und Dat­en nur teil­weise doku­men­tiert sind.
Die Zahl 15000 ist so unge­heuer. Unge­heuer viel, unvorstell­bar, hoch. 15000 Kinder, 15000 junge Men­schen. 15000 Men­schen, die selb­st in der Gruppe der 1,5 Mil­lio­nen ermorde­ten jüdis­chen Kinder während der Shoa einen Bruchteil darstellen.
Diese Kinder wären heute im Alter unser­er Eltern oder Großel­tern. Hät­ten sie leben kön­nen. Hät­ten sie ihre Träume erfüllen kön­nen. Hät­ten sie einen Beruf erlernt, eine Fam­i­lie gegrün­det. Hät­ten sie ihren Träu­men nachge­hen kön­nen, ihrer Liebe, ihrer Trau­rigkeit. Wären sie in ihren Län­dern geblieben oder wären in ein anderes Land gegan­gen. Wären sie lustig, unbeschw­ert, nach­den­klich, kreativ, wären sie erwach­sen gewor­den. Hät­ten sie uns erzählen kön­nen aus ihrem Leben.
Dieser Gruppe von Kindern widme ich mein Engage­ment, meine Aufmerk­samkeit. Über sie möchte ich erzählen, ihnen möchte ich Raum geben, für sie möchte ich mit Euch allen einen Ort der Erin­nerung schaffen.
Erin­nern schafft eine Verbindung über die Gen­er­a­tio­nen hin­weg. Erin­nern ist eine bewusste Hand­lung, die wir set­zen kön­nen, über unsere per­sön­liche Geschichte hin­aus. Erin­nerung schafft eine Verbindung und eine Brücke zwis­chen der Ver­gan­gen­heit und der Zukunft.

15000 Karten für 15000 ermordete Kinder – gibt es gewisse Vor­gaben oder Vorstel­lun­gen, wie diese Karten gestal­tet wer­den sollen?

Die Karten sind ein­heitlich im A6 For­mat. Auf ein­er Seite sind die Worte NEVER, FORGET oder WHY? gestem­pelt, die andere Seite ste­ht zur freien Ver­fü­gung und wird indi­vidu­ell gestal­tet. Es gibt kein Richtig und kein Falsch. Jed­er Aus­druck ist willkom­men, sei es mit Worten, Tex­ten, Bildern, Col­la­gen, Fotografien, mit per­sön­lichen Erin­nerun­gen oder the­o­retis­chen Tex­ten. Jede Karte ist so indi­vidu­ell und einzi­gar­tig wie jedes einzelne Kind, dessen wir uns erin­nern wollen.

Wie kann ich bei diesem Pro­jekt mitmachen?

Sie kön­nen uns ein E‑mail senden und wir schick­en Ihnen die gewün­schte Anzahl an Karten zu und bit­ten Sie, diese verbindlich zurückzuschicken.
Sie kön­nen zu einem unser­er regelmäßi­gen Tre­f­fen kom­men, andere Projektteilnehmer_innen ken­nen­ler­nen und dort Karten holen oder bringen.
Sie kön­nen einen Nach­mit­tag mit ihren Freund_innen, ihrer Fam­i­lie oder anderen inter­essierten Men­schen organ­isieren, an dem sie gemein­sam Erin­nerungskarten gestalten.
Sie kön­nen mich zu einem von Ihnen organ­isierten Tre­f­fen zu einem Vor­trag ein­laden, wo ich Ihnen Infor­ma­tio­nen zum Ghet­to There­sien­stadt und den Kindern dort geben kann.
Auch Artikel und Filme über NEVER/FORGET/WHY? sind willkom­men und beson­ders freuen wir uns über Ihre eige­nen Ideen und Vorstellungen.

Wie viele Karten darf man eigentlich ausfüllen?

Jed­er Men­sch kann so viele Karten bekom­men, wie er gestal­ten möchte. Die Karten dür­fen auch sehr gerne an andere Men­schen weit­ergegeben wer­den. Wichtig dabei ist aber, dass die Karten wieder an die Per­son zurück­gegeben wer­den, von der Sie diese erhal­ten haben, son­st gehen der Überblick und Karten verloren.

Warum müssen die Karten wieder an Sie zurück­gegeben werden?

Ich samm­le alle gestal­teten Karten wieder ein und hebe sie bis zum Ende des Pro­jek­ts auf. Alle Karten wer­den von mir repro­duziert auf dieser Home­page zu sehen sein. Das bietet Men­schen weltweit die Möglichkeit, online an der Entwick­lung des Pro­jek­ts und der Gestal­tung der Karten teilzunehmen.

Was passiert mit den Karten, wenn alle wieder bei Ihnen angekom­men sind? Wer­den diese, so wie unlängst die ersten 400 Karten in einem Wiener Bezirksmu­se­um präsen­tiert wur­den, ausgestellt?

Es wäre sehr schön, schon im Laufe des Pro­jek­ts einige Ver­anstal­tun­gen durchzuführen, bei denen die Karten gezeigt wer­den. Begleit­et wer­den kann so ein Abend auch mit Lesun­gen, einem Film oder Gesprächen mit Men­schen, die mit dem The­ma ver­bun­den sind.
Wenn alle 15000 Karten wieder vere­int sind, wer­den diese für einen Nach­mit­tag an einem zen­tralen Ort im Rah­men ein­er großen Ver­anstal­tung gezeigt.
Als let­zter Akt wer­den alle Karten mit ein­er Pro­jek­tbeschrei­bung verse­hen in Yad Vashem, der inter­na­tionalen Holo­caustge­denkstätte in Jerusalem, für zukün­ftige Gen­er­a­tio­nen aufge­hoben und archiviert.

Wie kön­nen Men­schen, die nicht in Wien leben, am Pro­jekt teil­nehmen oder die fer­ti­gen Karten ansehen?

Wenn es Men­schen nicht möglich ist an Karten zu kom­men, kön­nen sie trotz­dem Texte oder Bilder im A6 For­mat per E‑Mail schick­en, diese wer­den dann von uns auf Karten aufge­bracht. Der Prozess des Pro­jek­tes und die ein­ge­langten Karten sind sowohl über die Home­page als auch über Face­book (never/forget/why?) verfolgbar.

Erin­nern wird oft mit Ver­gan­genem gle­ichge­set­zt, Sie beschäfti­gen sich jedoch viel mit der Verbindung zu Gegen­wär­tigem. Was bedeutet dieses spezielle Erin­nern für Sie?

Erin­nern ist eine aktive Hand­lung, die ich hier und jet­zt, in diesem Moment, gegen­wär­tig setze.
Natür­lich ist der Inhalt der Erin­nerung etwas bere­its Ver­gan­ge­nes, das bedeutet aber nicht, dass es für uns nicht mehr bedeut­sam sein kann. Indem ich erin­nere, hole ich das Ver­gan­gene in diesen Moment here­in, also in die Gegen­wart und beschäftige mich mit meinem heuti­gen Bewusst­sein, meinen Infor­ma­tio­nen und meinen Gefühlen mit den ver­gan­genen The­men. Mein Han­deln und Denken prägt mich, gestal­tet mein Sein und bildet damit auch eine Verbindung in die Zukunft.

Warum wird so viel von Kun­st und Kul­tur im Zusam­men­hang mit dem Ghet­to There­sien­stadt gesprochen?

There­sien­stadt ist bis heute noch in der öffentlichen Wahrnehmung von der NS-Pro­pa­gan­da geprägt. In Bezug auf die Kinder und Jugendlichen in There­sien­stadt wird schnell von Bil­dung, Kul­tur, Sport und Freizeitver­anstal­tun­gen gesprochen. Viele haben schon von der Kinderop­er „Brundibar“ gehört und einige ken­nen die Kinderze­ich­nun­gen, die erhal­ten geblieben sind.
Ursprünglich hat­te die Lager­leitung Bil­dung und Kul­tur im Ghet­to ver­boten. Zu Pro­pa­gan­dazweck­en war es jedoch willkom­men und gefragt, viele der inhaftierten Kün­stler und Kün­st­lerin­nen arbeit­en zu lassen. „Brundibar“ wurde nicht zulet­zt vor der Del­e­ga­tion des Inter­na­tionalen Roten Kreuzes (IKRK), für die das Ghet­to wie in ein­er Filmkulisse verän­dert wurde, aufge­führt. Die Delegierten erkan­nten die Farce nicht, alle Mitwirk­enden an der Kinderop­er wur­den unmit­tel­bar danach nach Auschwitz deportiert.

Viele der jüdis­chen Erwach­se­nen im Ghet­to sahen es als ihre Auf­gabe und auch als moralis­che Verpflich­tung an, beson­ders Kinder und Jugendliche zu unter­stützen und zu fördern. Im möglichen Über­leben der jüdis­chen Kinder wurde die Zukun­ft gese­hen, so soll­ten die Kinder möglichst viel ler­nen und sich kreativ aus­drück­en kön­nen. Neben poli­tis­ch­er Bil­dung stand das soziale Ler­nen, Sol­i­dar­ität, Empathie und das Miteinan­der in dieser unmen­schlichen Sit­u­a­tion an zen­traler Stelle. Die weni­gen über­leben­den Kinder bericht­en fast ein­heitlich, dass der Zusam­men­halt und das Leben in Grup­pen mit anderen Jugendlichen für sie das Aller­wichtig­ste für ihr zukün­ftiges Leben war.