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Lesezeit: 5 Minuten

Publikative: Die “Lügenpresse” – ein Begriff und seine Geschichte

“Lügen­pres­se!”, skan­diert das ver­sam­mel­te Pegi­da-Volk auf sei­nen Demons­tra­tio­nen in Dres­den. Wer dabei ein mul­mi­ges Gefühl bekommt, hat ein gutes Gespür für die Ideo­lo­gi­sie­rung von Spra­che. Die Suche nach den Ursprün­gen führt dabei zurück in fins­te­re Zeiten …

6. Jan. 2015
Foto: congerdesign, Pixabay
Foto: congerdesign, Pixabay

Von Chris­ti­an Buggisch
In den letz­ten Tagen habe ich eini­ge Dis­kus­sio­nen ver­folgt, die sich um die Fra­ge dreh­ten, ob die “patrio­ti­schen Euro­pä­er gegen die Isla­mi­sie­rung des Abend­lan­des” alle­samt rechts­ra­di­ka­le Neo­na­zis und Aus­län­der­has­ser sei­en oder ob sich nicht auch besorg­tes Bür­ger­tum dort­hin ver­irrt habe, des­sen Sor­gen man ernst neh­men müsse.

Europäische Patrioten und die unpatriotische “Lügenpresse”

Bei einer der­art dif­fu­sen Gemenge­la­ge lohnt es viel­leicht, den Blick auf Details zu rich­ten. Dass die Angst vor Über­frem­dung, vor einer Isla­mi­sie­rung Deutsch­lands und vor zu viel poli­ti­scher Tole­ranz gegen­über Asyl­be­wer­bern und Migran­ten weit­ge­hend irra­tio­nal ist, haben diver­se Fak­ten­checks bereits gezeigt. Doch nicht nur die Kern­the­sen von Pegi­da soll­ten über­prüft wer­den, auch die Spra­che, derer sich die Bewe­gung bzw. ihre Anhän­ger und Mit­läu­fer bedie­nen, ist inter­es­sant. So wird der dif­fu­se, schwer begründ­ba­re (und damit natür­lich auch schwer zu ent­kräf­ten­de) Vor­wurf, der Jour­na­lis­mus in Deutsch­land sei ten­den­zi­ös, links­li­be­ral, mög­li­che Gefah­ren rela­ti­vie­rend  und damit im Kern – anders als Pegi­da – unpa­trio­tisch, ger­ne mit dem Begriff der “Lügen­pres­se” auf den Punkt gebracht.

Die­sen Begriff hat Pegi­da natür­lich nicht erfun­den. Die Suche nach den Ursprün­gen und der Hoch­zeit des Begriffs führt zurück zum Beginn des 20. Jahr­hun­derts – in die Zeit völ­ki­scher und natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Ideologie.

Hin­weis: Bild https://web.archive.org/web/20150315014019im_/https://buggisch.files.wordpress.com/2014/12/der-begriff-luegenpresse-von-1900-bis-2000.gif?w=650&h=268 „Die Goog­le Book Search zeigt, wann der Begriff „Lügen­pres­se” Hoch­kon­junk­tur hat­te” ist nicht mehr verfügbar

NS-Rhetorik: Apodiktik und primitive Parolen

Die Ideo­lo­gi­sie­rung der Spra­che und die Radi­ka­li­sie­rung der Rhe­to­rik im Drit­ten Reich sind her­vor­ra­gend unter­sucht. Es gibt zahl­rei­che Mono­gra­phien und Dis­ser­ta­tio­nen zum The­ma, ein klei­ner Blog­bei­trag wie die­ser wäre sicher der fal­sche Ort, um das The­ma aus­führ­lich dar­zu­stel­len. Um es kurz zu machen: Ein zen­tra­les Merk­mal die­ser Rhe­to­rik ist argu­men­ta­ti­ons­freie und ‑ver­wei­gern­de apo­dik­ti­sche Behaup­tung, das Ver­kün­den (nicht Begrün­den!) von Wahr­hei­ten, die stump­fe, per­ma­nent wie­der­hol­te Auf­la­dung von Begrif­fen jen­seits aller Dif­fe­ren­zie­rung, die Umdeu­tung von Begrif­fen zu Kampfbegriffen.

“Die­sem Grund­satz”, so der His­to­ri­ker Joa­chim Fest, “ent­spra­chen die For­de­run­gen nach größ­ter Pri­mi­ti­vi­tät, nach ein­fa­chen, schlag­wort­ar­ti­gen Paro­len, stän­di­gen Wie­der­ho­lun­gen, die Wen­dung gegen jeweils nur einen Geg­ner sowie der apo­dik­ti­sche Ton der Reden, die sich ‘Grün­den’ oder ‘Wider­le­gun­gen ande­rer Mei­nun­gen’ bewusst versagte.”

Und Vic­tor Klem­pe­rer schon 1947 über die Lin­gua Ter­tii Impe­rii: “Der Nazis­mus glitt in Fleisch und Blut der Men­ge über durch die Ein­zel­wor­te, die Rede­wen­dun­gen, die Satz­for­men, die er ihr in mil­lio­nen­fa­chen Wie­der­ho­lun­gen auf­zwang, und die mecha­nisch und unbe­wusst über­nom­men wur­den. (…) Das ‘Drit­te Reich’ hat die wenigs­ten Wor­te sei­ner Spra­che selbst­schöp­fe­risch geprägt, viel­leicht, wahr­schein­lich sogar, über­haupt kei­nes. Die nazis­ti­sche Spra­che weist in vie­lem auf das Aus­land zurück, über­nimmt das meis­te ande­re von vor­hit­le­ri­schen Deut­schen. Aber sie ändert Wort­wer­te und Wort­häu­fig­kei­ten, sie macht zum All­ge­mein­gut, was frü­her einem Ein­zel­nen oder einer win­zi­gen Grup­pe gehör­te, sie beschlag­nahmt für die Par­tei, was frü­her All­ge­mein­gut war, und in alle­dem durch­tränkt sie Wor­te und Wort­grup­pen und Satz­for­men mit ihrem Gift, macht sie die Spra­che ihrem fürch­ter­li­chen Sys­tem dienst­bar, gewinnt sie an der Spra­che ihr stärks­tes, ihr öffent­lichs­tes und geheims­tes Werbemittel.”

Die “Lügenpresse” in der völkischen und nationalsozialistischen Propaganda

So gesche­hen auch mit dem Begriff der “Lügen­pres­se”, der eben­falls nicht von den Natio­nal­so­zia­lis­ten erfun­den wur­de. Er hat­te eine ers­te Blü­te­zeit im Rah­men der völ­ki­schen Bewe­gung zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts, der der Natio­nal­so­zia­lis­mus zahl­rei­che Impul­se ver­dank­te, bis hin zur anti­jü­di­schen Ras­sen­ideo­lo­gie. So erschien schon 1914 das Buch “Der Lügen­feld­zug unse­rer Fein­de: Die Lügen­pres­se” mit einer “Gegen­über­stel­lung deut­scher, eng­li­scher, fran­zö­si­scher und rus­si­scher Nach­rich­ten”. Es war offen­bar erfolg­reich, denn 1916 leg­te der Autor einen zwei­ten Band vor: “Die Lügen­pres­se: Der Lügen­feld­zug unse­rer Fein­de: Noch eine Gegen­über­stel­lung deut­scher und feind­li­cher Nachrichten”.

Spä­ter ver­wen­det kein Gerin­ge­rer als Joseph Goeb­bels den Begriff in sei­nen Reden und Schrif­ten: “Unge­hemm­ter denn je führt die rote Lügen­pres­se ihren Ver­leum­dungs­feld­zug durch …” Rich­tet sich die Pro­pa­gan­da hier gegen den Geg­ner links im Par­tei­en­spek­trum, wird andern­orts ger­ne die “jüdisch mar­xis­ti­sche Lügen­pres­se” atta­ckiert. Und auch Adolf Hit­ler distan­zier­te sich schon 1922 von der Mon­ar­chie mit dem Hin­weis: “Für die Mar­xis­ten gel­ten wir dank ihrer Lügen­pres­se als reak­tio­nä­re Monarchisten”.

Nur ein wei­te­res Bei­spiel, um die Sache abzu­kür­zen: Alfred Rosen­berg, Chef-Ideo­lo­ge der NSDAP, ver­fass­te 1923 das Pro­gramm der “Bewe­gung” mit dem Titel Wesen, Grund­la­gen und Zie­le der natio­nal-sozia­lis­ti­schen deut­schen Arbei­ter­par­tei. In Kapi­tel 10 pro­pa­giert er “die alte deut­sche Auf­fas­sung vom Wesen und Wert der Arbeit” und kommt zu dem Schluss: “Das Volk wird sei­ne gro­ßen Künst­ler, Feld­her­ren und Staats­män­ner nicht mehr als ein ihm Ent­ge­gen­ge­setz­tes emp­fin­den – als wel­ches eine Lügen­pres­se sie uns dar­stel­len möch­te -, son­dern, umge­kehrt, als den höchs­ten Aus­druck sei­nes oft dunk­len, noch unbe­stimm­ten Wollens.”

Ein patriotischer Kampfbegriff mit Tradition

Nach 1945 geht der Begriff nicht mit der NS-Dik­ta­tur unter, er taucht aber nur noch gele­gent­lich auf – bezeich­nen­der­wei­se ger­ne in anti­de­mo­kra­ti­schem Kon­text, etwa im Rah­men der DDR-Pro­pa­gan­da gegen den Westen.

Mit ande­ren Wor­ten: In der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts wur­de mit “Lügen­pres­se” ins­be­son­de­re die aus­län­di­sche, als mar­xis­tisch und jüdisch gel­ten­de Pres­se dif­fa­miert. Mit dem Kampf­be­griff wur­den die Publi­ka­tio­nen der lin­ken und aus­län­di­schen Zei­tun­gen pau­schal als “undeutsch” und “vater­lands­los” ver­ur­teilt. Zu Beginn des 21. Jahr­hun­derts bedient sich Pegi­da des­sel­ben Kampf­be­griffs, rich­tet ihn gegen die Zei­tun­gen im eige­nen Land, ver­knüpft damit aber die glei­che Kri­tik wie ein Jahr­hun­dert zuvor: Lügen­pres­se ist unpa­trio­ti­sche Pres­se. Wäre der Begriff noch salon­fä­hig, hät­te Pegi­da die Jour­na­lis­ten auch als “Vater­lands­ver­rä­ter” bezeich­nen können.

Wenn Pegi­da-Anhän­ger den Jour­na­lis­mus in Deutsch­land als “Lügen­pres­se” dif­fa­mie­ren, wirkt das nicht nur kuri­os in einem demo­kra­ti­schen Land, des­sen Medi­en­viel­falt so groß ist wie nie zuvor in der Geschich­te. Es ver­weist auch auf eine inten­si­ve, nahe­zu bedeu­tungs­glei­che Ver­wen­dung des Begriffs in völ­ki­schen und natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Zei­ten. Das macht noch nicht alle Pegi­da-Anhän­ger zu Nazis, doch wer sich – bes­ten­falls ahnungs­los, schlimms­ten­falls bewusst – aus dem Sprach­fundus des Drit­ten Reichs bedient, braucht sich über einen Auf­stand der Anstän­di­gen nicht zu wundern.

Eben­falls lesens­wert: Der Bei­trag von zoon poli­ti­kon, dem ich den Hin­weis auf die Book­se­arch im Zeit­ver­lauf verdanke. 

Quel­le: publikative.org (1.1.15): Die “Lügen­pres­se” – ein Begriff und sei­ne Geschichte

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