Kennt Strache wirklich den „Stürmer”?

FPÖ-Parte­ichef Stra­che hat dem „Stan­dard“ ein Inter­view gegeben, in dem er emp­fiehlt, den „Stürmer“ zu lesen. Er ken­nt also den „Stürmer“? Das wäre neu und dur­chaus inter­es­sant, denn vor sechs Jahren war ihm der „Stürmer“ noch völ­lig unbekan­nt. Selb­st vor weni­gen Monat­en fand sich Stra­che bei dem Vor­wurf, er habe eine Karikatur im Stil des „Stürmer“ veröf­fentlicht, nicht zurecht.

2007 kan­nte Stra­che den „Stürmer“ noch nicht. Erstaunlich! Damals war der FPÖ-Chef ger­ade sehr erbost über die Medi­en, weil die Fotos von ihm veröf­fentlicht hat­ten, die ihn im Kreis von Neon­azis bei Wehrsportübun­gen zeigten. Für Stra­che waren das harm­lose Paint­ball-Spiele im Wald, die Vor­würfe gegen ihn „Gesin­nung­ster­ror“, und den Medi­en warf er zur Drauf­gabe noch vor, im „Stürmer“-Stil gegen ihn zu agieren.


Anti­semi­tis­che Karikatur auf Stra­ches Face­book-Seite und zum Ver­gle­ich die — eben­falls prob­lema­tis­che — orig­i­nale Karikatur auf Stra­ches Facebook-Seite:

Die Selb­st­stil­isierung Stra­ches zum Opfer von Medi­en, die ihn im „Stürmer“-Stil ver­nicht­en woll­ten, war dann doch den meis­ten zuviel. Im Nation­al­rat verurteil­ten Red­ner­In­nen von SPÖ, ÖVP und Grü­nen die Täter-Opfer-Umkehr von Stra­che und ver­langten eine Entschuldigung. Um so größer die Über­raschung, als Stra­che in sein­er Rede erk­lärte, er kenne den „Stürmer“ nicht, habe diese Zeitung noch nie gele­sen und ver­ab­scheue die Zitate aus dem „Stürmer“ bzw. deren „unge­bührliche“ Ver­lesung durch den Klubob­mann der Grü­nen, Van der Bellen:

„Wenn Herr Klubob­mann Van der Bellen heute her­auskommt und in ein­er unge­bührlichen Art und Weise „Stürmer“-Zitate zum Besten gibt, so kann ich ihn nicht ver­ste­hen. Ich habe noch nie in meinem Leben diese Zeitung gele­sen. Ich kenne diese Zitate nicht. (Abg. Dr. Van der Bellen: Sie haben den Ver­gle­ich gebracht!) Ich ver­ab­scheue diese Zitate.“ (Quelle: parlament.gv.at)

Wie man anderen „Stürmer“-Stil vor­w­er­fen kann, ohne das anti­semi­tis­che Het­zblatt zu ken­nen, ver­ri­et Stra­che nicht. Aber sein Parteikam­er­ad Mar­tin Graf (damals noch nicht Drit­ter Präsi­dent, aber noch immer Olympe) hat­te ihm in der Debat­te schon vorex­erziert, wie man als frei­heitlich­er Poli­tik­er eine so heik­le Debat­te führt:

„Van der Bellen hat auch aus dem „Stürmer“ zitiert – mir vol­lkom­men neu, denn ich habe diese Zeitung, auch wenn sie his­torisch ist, noch nie gele­sen –, und ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen: Ich bin ob dieser Dik­tion tat­säch­lich geschockt“. (Quelle: parlament.gv.at)

Und weil es bei Mar­tin Graf vielle­icht wirk­lich notwendig ist, wieder­holt er sein Nichtwissen und seinen Schock gle­ich noch einmal:

„Ich weiß nicht, was der „Stürmer“-Stil ist, ich weiß nur, es ist ein graus­lich­es Blatt gewe­sen, und Gott sei Dank gibt es das nicht mehr. Ich habe es auch noch nie gele­sen, aber der Wabl weiß es. Er weiß, was diese Zeitung damals offen­sichtlich propagiert hat, er ver­wen­det es ganz ein­fach und wirft anderen Leuten vor, im „Stürmer“-Stil zu agieren“. (Quelle: palarment.gv.at)

Auf die Dauer ist es natür­lich schw­er erk­lär­bar, wie man anderen „Stürmer“-Stil vor­w­er­fen kann oder sich selb­st – wie bei der anti­semi­tis­chen Banker-Karikatur – gegen den Vor­wurf des „Stürmer“-Stils wehren will, wenn man gle­ichzeit­ig erk­lärt, wed­er den „Stürmer“ noch den „Stürmer“-Stil zu kennen.


Diverse anti­semi­tis­che NS-Schriften, die in der FPÖ nicht bekan­nt sind, manch­mal aber doch…
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Irgend­wann nach der Veröf­fentlichung der anti­semi­tis­chen Banker-Karikatur durch Stra­che im August 2012 müsste daher die „Stürmer“-Lektüre Stra­ches stattge­fun­den haben. Jeden­falls ist sich Stra­che im „Standard“-Interview mit­tler­weile ganz sicher:

„Also, schauen Sie sich die Karika­turen im Stürmer ein­mal an, die schauen ganz anders aus! Das war kein David­stern! Ich darf Sie aufk­lären: Der David­stern hat durchgängige Lin­ien und nicht gemalte Flächen. Und über­haupt: Ich habe den Stern gar nicht gese­hen, als ich das Bild zum ersten Mal am Handy gese­hen habe.“

Nun ja! Anhand dieser Erk­lärung von Stra­che ist nur fol­gen­des klar: Stra­ches kann mit seinem Handy nicht wirk­lich gut umge­hen (Ver­größerungs­funk­tion!) oder das Handy hat eine schlechte Auflö­sung, Stra­che kann noch immer nicht das Mont­blanc-Zeichen vom David­stern , aber durchgängige Lin­ien von gemal­ten Flächen gut unter­schei­den. Die Erken­nt­nisse, die Stra­che aus sein­er möglichen „Stürmer“-Lektüre gezo­gen hat, unter­schei­den sich jeden­falls diame­tral von unseren.


„Stra­che kann noch immer nicht das Mont­blanc-Zeichen vom David­stern unter­schei­den” Bildquelle: facebook.com/Dino Koller
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Einen Trost gibt es ja: Staat­san­waltschaft Wien und Jus­tizmin­is­terin Karl hal­ten den Anti­semitismus in Stra­ches Car­toon nicht für strafwürdig, da er sich ja nicht gegen die Gesamtheit der jüdis­chen Bevölkerung richte.