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Lesezeit: 3 Minuten

Kirchstettens Roma: Futschikato?

Das Wort „Fut­schi­ka­to“ ist mitt­ler­wei­le aus dem Sprach­ge­brauch so ver­schwun­den wie die Erin­ne­rung dar­an, dass vor 80 Jah­ren mit­ten unter uns Roma und Sin­ti gelebt haben. In Kirch­stet­ten, einer Markt­ge­mein­de in Nie­der­ös­ter­reich, waren es 80–100, die dann in die NS-Kon­zen­tra­ti­ons- und Ver­nich­tungs­la­ger ein­ge­lie­fert wur­den: „fut­schi­ka­to”. Die Kunst­schaf­fen­de Mari­ka Schmiedt woll­te mit einer tem­po­rä­ren Kunst­in­stal­la­ti­on in Kirch­stet­ten an sie erinnern.

9. Aug. 2015

Auch im Wiki­pe­dia-Ein­trag zu Kirch­stet­ten ist nichts über Roma und Sin­ti in Kirch­stet­ten zu lesen – sie sind „fut­schi­ka­to“. So lau­tet auch der Titel der geplan­ten Kunst­in­stal­la­ti­on von Mari­ka Schmiedt. Jetzt ist auch die tem­po­rä­re Instal­la­ti­on ver­mut­lich „fut­schi­ka­to“, denn der Bür­ger­meis­ter der Gemein­de Kirch­stet­ten hat dem Pro­jekt kei­ne Geneh­mi­gung erteilt.

War­um, das begrün­det er in einem Brief an die Künst­le­rin damit, dass das Zusam­men­le­ben mit Roma und Sin­ti, das ihm von älte­ren Gemein­de­bür­ge­rin­nen und Gemein­de­bür­gern berich­tet wur­de, „kein schlech­tes war und alle mit­ein­an­der gut aus­ge­kom­men sind“. Nach die­ser ent­setz­lich ver­harm­lo­sen­den Anmer­kung kommt aber gleich ein Satz, der ver­rä­te­risch doku­men­tiert, dass das ver­meint­lich gute Zusam­men­le­ben doch anders war: „Es sind nun aber doch schon 70 Jah­re seit die­sen grau­en­vol­len Jah­ren vergangen.“

Man kann sich eigent­lich schon zusam­men­rei­men, was nach die­sem Satz unwei­ger­lich nach­fol­gen wird – und ja, es kommt genau so: „All­ge­mei­ner Tenor: Erin­ne­rung ja, aber es muss auch ein­mal Schluss sein mit Auf­ar­bei­tung und Aus­ein­an­der­set­zung.“ „Strikt“ wen­det sich der Bür­ger­meis­ter gegen die Titu­lie­rung „dunk­les Kapi­tel der Orts­ge­schich­te“ und lie­fert dafür eine Begrün­dung, die haar­sträu­ben­der nicht sein könn­te: „Fast jede Stadt, Gemein­de oder Ort­schaft in fast ganz Euro­pa war Ort sol­cher Gräu­el­ta­ten und es waren viel zu vie­le dar­an beteiigt.“

Ist das noch zu top­pen? Weiß der Bür­ger­meis­ter über­haupt, wel­che Unge­heu­er­lich­kei­ten er da kas­ka­den­ar­tig anein­an­der­reiht? Tie­fer Abschluss sei­nes Schrei­bens ist die trot­zi­ge Fest­stel­lung: „Wir sind eine Dich­ter­ge­mein­de und sind stolz dar­auf, Hei­mat für Kul­tur in all ihren Facet­ten und in ihrem brei­ten Spek­trum zu sein.“

Als Beleg führt er an: „Josef Wein­he­ber, als welt­weit aner­kann­ter Lyri­ker und Poet, gehört da genau­so dazu wie W. H. Auden, der Maler Karl May­er­ho­fer, unser Kir­chen­chor, die Trach­ten­mu­sik­ka­pel­le, unse­re Mund­art­dich­te­rin Rosa Dorn u.v.m.“

Josef Wein­he­ber passt zum Schrei­ben des Bür­ger­meis­ters. Wein­he­ber, der nicht nur eine tra­gi­sche Figur, son­dern ein Nazi der frü­hen Stun­de war, ein übler Anti­se­mit, der gegen jüdi­sche Kunst­schaf­fen­de hetz­te und den „von Gott gesand­ten Füh­rer“ beju­bel­te. Auch „die roman­ti­sie­ren­de Ver­eh­rung“ von Wein­he­ber soll­te in der Aus­stel­lung von Schmiedt eine Rol­le spielen.


Josef Wein­he­ber, Bekennt­nis zur Heim­kehr ins Reich. Bekennt­nis­buch „Bund deut­scher Schrift­stel­ler Öster­reichs”, Wien 1938 (Bild­quel­le: marikaschmiedt.wordpress.com)

Was den Bür­ger­meis­ter mehr gestört hat an Schmiedts Pro­jekt, die Aus­ein­an­der­set­zung mit Wein­he­ber oder die Auf­ar­bei­tung des Umgangs mit Roma und Sin­ti, wis­sen wir nicht. Statt die Chan­ce und Her­aus­for­de­rung im Umgang mit der ver­dräng­ten und ver­klär­ten Geschich­te anzu­neh­men, hat der Bür­ger­meis­ter von Kirch­stet­ten die Stopp-Tas­te gedrückt: Kei­ne Auf­ar­bei­tung soll die Erin­ne­rung trüben.

Eine aus­führ­li­che Dar­stel­lung fin­det sich auf der Web­sei­te von Mari­ka Schmiedt. Von dort kann man auch Pro­test­mails an den Bür­ger­meis­ter von Kirch­stet­ten schicken.

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