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Lesezeit: 4 Minuten

Mit „Hmm“ gegen die Wissenschaft: Die FPÖ entdeckt den Statistikunterricht – und scheitert

Die FPÖ-Natio­nal­rats­ab­ge­ord­ne­te Katayun Pra­cher-Hil­an­der hält eine AGES-Schät­zung zu Hit­ze­to­ten für „unzu­läs­sig“ und raunt statt­des­sen mit einem „Hmm“ über die Coro­na-Imp­fung. Par­tei­kol­le­ge Gerald Hau­ser assis­tiert bei der Ver­wand­lung ihrer Sta­tis­tik-Wis­sens­lü­cke in eine FPÖ-Presseaussendung.

5. Aug. 2026
Die FPÖ NR-Abg. Katayun Pracher-Hilander raunt über Hitzetote-Statistik (Screenshots FB 4.8.26)
Die FPÖ NR-Abg. Katayun Pracher-Hilander raunt über Hitzetote-Statistik (Screenshots FB 4.8.26)

Die Hitze mordet nur mit amtlichem Totenschein

Die Öster­rei­chi­sche Agen­tur für Gesund­heit und Ernäh­rungs­si­cher­heit (AGES) schätzt für Juni 2026 rund 395 hit­ze­as­so­zi­ier­te Todes­fäl­le. Das bedeu­tet: Wäh­rend und nach außer­ge­wöhn­lich hei­ßen Tagen star­ben mehr Men­schen, als unter nor­ma­len Bedin­gun­gen zu erwar­ten gewe­sen wäre. Weil auf Toten­schei­nen sel­ten „38 Grad im Schat­ten“ als Todes­ur­sa­che ver­merkt wird, arbei­tet die Wis­sen­schaft mit Wet­ter­da­ten, Ster­be­zah­len und sta­tis­ti­schen Modellen.

Für die FPÖ-Natio­nal­rats­ab­ge­ord­ne­te Katayun Pra­cher-Hil­an­der beginnt hier offen­bar das Pro­blem. Ein Toter ohne amt­lich beglau­big­ten Hand­schlag mit der Hit­ze­wel­le scheint ihr als unge­klär­ter Fall zu gel­ten. Viel­leicht war es das Alter, viel­leicht eine Vor­er­kran­kung, viel­leicht der Gärt­ner, viel­leicht aber – und hier kom­men wir zur Sache – die Corona-Impfung.

Das „Konfidenzintervall“ schlägt zurück

Pra­cher-Hil­an­der, die in einem Video vom 4. August auf die Anfüh­rung des Magis­ter-Titels wert legt, erklärt, die AGES-Zahl beru­he auf „sta­tis­ti­schen Schätz­wer­ten, den soge­nann­ten Kon­fi­denz­in­ter­val­len. Und Kon­fi­denz­in­ter­val­le wie­der­um sind nur in den aller­sel­tens­ten Fäl­len auch tat­säch­lich kau­sal zu inter­pre­tie­ren.“ Es ist nicht öffent­lich, mit wel­chen Leis­tun­gen sich Frau Pra­cher-Hil­an­der ihren aka­de­mi­schen Titel ver­dient hat, eines scheint jedoch gewiss: nicht mit der Inter­pre­ta­ti­on von Sta­tis­ti­ken und deren Begriff­lich­kei­ten. Denn: Das „Kon­fi­denz­in­ter­vall“ erzeugt weder die Zahl noch die ange­nom­me­ne Bezie­hung zwi­schen Hit­ze und Sterb­lich­keit, son­dern quan­ti­fi­ziert ledig­lich, wie unprä­zi­se die Schät­zung ist.

Die AGES berech­net einen wahr­schein­li­chen Wert. Dazu nennt sie einen Bereich, in dem die tat­säch­li­che Zahl lie­gen dürf­te; im Fal­le der Hit­ze­to­ten zwi­schen 220 und 527. Die­se Band­brei­te zeigt, dass eine Schät­zung Unsi­cher­heit ent­hält. Seriö­se Wis­sen­schaft macht sol­che Unsi­cher­hei­ten kennt­lich. Unse­riö­se Poli­tik zeigt auf die­se Offen­heit und ruft: Erwischt!

Nach Pra­cher-Hil­and­ers Logik wäre eine Wet­ter­pro­gno­se wert­los, sobald Meteorolog:innen von einer Regen­wahr­schein­lich­keit spre­chen. Ent­we­der es reg­net exakt um 14.32 Uhr auf den rech­ten Schuh einer Fuß­gän­ge­rin in Eich­gra­ben, oder die gan­ze Meteo­ro­lo­gie ist eine Lüge des „Main­streams“.

A und B …

Dann greift die Abge­ord­ne­te zum päd­ago­gi­schen Besteck. „A und B könn­ten rein zufäl­lig gemein­sam auf­tre­ten“, erklärt sie, „aber es kann auch sein, dass A und B, also Hit­ze und Über­sterb­lich­keit, über eine drit­te Varia­ble, über eine drit­te Grö­ße beein­flusst sind.“ Viel­leicht gebe es die­se drit­te Grö­ße, näm­lich C.

Das ist als Grund­satz rich­tig und unge­fähr so über­ra­schend wie die Erkennt­nis, dass ein nas­ser Geh­steig vom Regen, einer Stra­ßen­rei­ni­gung oder einem geplatz­ten Hydran­ten stam­men kann. Ent­schei­dend ist, wel­che Erklä­rung zu den Daten passt.

Die AGES stellt kei­ne Monats­ka­len­der neben­ein­an­der und ent­deckt plötz­lich: Im Juni war es warm, und Men­schen sind auch gestor­ben. Das Modell ver­gleicht täg­li­che Wet­ter­da­ten mit täg­li­chen Ster­be­fäl­len. Es berück­sich­tigt, dass Hit­ze den Kör­per belas­tet und Fol­gen zeit­ver­zö­gert ein­tre­ten kön­nen. Der medi­zi­ni­sche Zusam­men­hang ist seit Lan­gem bekannt: Hohe Tem­pe­ra­tu­ren belas­ten Herz und Kreis­lauf, ver­stär­ken Flüs­sig­keits­man­gel und ver­schär­fen bestehen­de Erkrankungen.

… und das geheimnisvolle „Hmm“-C

Pra­cher-Hil­an­der führt aber „C“ als mög­li­che Ursa­che für die Über­sterb­lich­keit ein. Und hat für ihr „C“ bereits einen Kan­di­da­ten, der in der FPÖ neben den Migrant:innen für alles her­hal­ten muss: den Coro­na-Impf­sta­tus. Danach raunt sie: „Hmm!“ Die­ses „Hmm“ muss nun die gesam­te Beweis­last tra­gen. Es ent­hält offen­bar Daten­sät­ze, Kon­troll­grup­pen, Alters­ver­glei­che und medi­zi­ni­sche Fach­li­te­ra­tur, alles in einer ein­zi­gen Sil­be, dem „Hmm“, komprimiert.

Damit der Impf­sta­tus die Hit­ze­schät­zung ernst­haft erklä­ren könn­te, müss­te Pra­cher-Hil­an­der zei­gen, wes­halb Todes­fäl­le an beson­ders hei­ßen Tagen oder kurz danach zuneh­men. Sie müss­te bele­gen, dass der Impf­sta­tus mit die­sen kurz­fris­ti­gen Aus­schlä­gen zusam­men­hängt. Sie müss­te Daten vor­le­gen. Statt­des­sen lie­fert sie nichts außer einem Geräusch.

Der rhe­to­ri­sche Nut­zen liegt auf der Hand. Eine offe­ne Behaup­tung ver­langt Bewei­se. Ein „Hmm“ for­dert nur ein Publi­kum, das den Ver­dacht bereits kennt und bereit­wil­lig ergänzt. So ent­steht aus einer lee­ren Stel­le eine ver­meint­lich muti­ge Fra­ge, die anschlie­ßend auf Tele­gram als vom „Main­stream“ unter­drück­te Wahr­heit weiterlebt.

„C“ bekommt eine Überschrift

Zuvor bekam Pra­cher-Hil­and­ers „Hmm“ eine Über­schrift und mit dem blau­en EU-Abge­ord­ne­ten Gerald Hau­ser einen Co-Autor. Eine gemein­sa­me Pres­se­aus­sendung (3.8.26) mit dem Titel „Angeb­li­che Hit­ze­to­te im Fokus, Coro­na-Über­sterb­lich­keit seit 2020 bleibt unbe­ant­wor­tet“ nennt die Berich­te über Hit­ze­to­te „Pro­pa­gan­da“, beklagt ein angeb­li­ches Ver­schwei­gen der Über­sterb­lich­keit seit 2020 und behaup­tet, die Imp­fun­gen hät­ten die Pan­de­mie „fak­tisch ange­heizt“. Mög­li­che Neben­wir­kun­gen wür­den „wohl immer noch Opfer for­dern“.

„Wohl“ ist hier ein nütz­li­ches Wort. Es erlaubt einen schwe­ren Ver­dacht mit ange­zo­ge­ner Hand­brem­se. Bele­ge blei­ben ent­behr­lich, solan­ge der Satz nach Auf­de­ckung klingt. Auch das in den Raum gestell­te Ver­schwei­gen ist bemer­kens­wert. Die „Sta­tis­tik Aus­tria“ ver­öf­fent­licht seit Jah­ren Ster­be­fall­zah­len und Todes­ur­sa­chen. Die erhöh­te Sterb­lich­keit wäh­rend der Pan­de­mie wur­de lau­fend aus­ge­wer­tet. Covid-19 spiel­te dabei eine wesent­li­che Rolle.

Statistik auf Wish bestellt

Bei der AGES ver­langt die FPÖ eine Sicher­heit, die kein seriö­ses Modell ver­spre­chen kann. Jede Unsi­cher­heit gilt als Wider­le­gung. Beim eige­nen Impf­ver­dacht rei­chen Gesamt­zah­len, zeit­li­che Abfol­gen und ein hin­ge­hauch­tes „Hmm“.

Dass nach Beginn der Impf­kam­pa­gne Men­schen star­ben, beweist unge­fähr so viel wie die Fest­stel­lung, dass seit Ein­füh­rung des Farb­fern­se­hens wei­ter­hin Herz­in­fark­te auf­tre­ten. Für eine brauch­ba­re Aus­sa­ge müss­te man ver­gleich­ba­re Men­schen betrach­ten: ähn­li­ches Alter, ähn­li­che Vor­er­kran­kun­gen, glei­cher Zeit­raum. Die FPÖ über­springt die­sen Teil und bestellt ihre Sta­tis­tik lie­ber auf Whish. Und damit die Lächer­lich­keit noch grö­ßer wird, hat Pra­cher-Hil­an­der eine par­la­men­ta­ri­sche Anfra­ge an die Gesund­heits­mi­nis­te­rin angekündigt.

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