Die Hitze mordet nur mit amtlichem Totenschein
Die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) schätzt für Juni 2026 rund 395 hitzeassoziierte Todesfälle. Das bedeutet: Während und nach außergewöhnlich heißen Tagen starben mehr Menschen, als unter normalen Bedingungen zu erwarten gewesen wäre. Weil auf Totenscheinen selten „38 Grad im Schatten“ als Todesursache vermerkt wird, arbeitet die Wissenschaft mit Wetterdaten, Sterbezahlen und statistischen Modellen.
Für die FPÖ-Nationalratsabgeordnete Katayun Pracher-Hilander beginnt hier offenbar das Problem. Ein Toter ohne amtlich beglaubigten Handschlag mit der Hitzewelle scheint ihr als ungeklärter Fall zu gelten. Vielleicht war es das Alter, vielleicht eine Vorerkrankung, vielleicht der Gärtner, vielleicht aber – und hier kommen wir zur Sache – die Corona-Impfung.
Das „Konfidenzintervall“ schlägt zurück
Pracher-Hilander, die in einem Video vom 4. August auf die Anführung des Magister-Titels wert legt, erklärt, die AGES-Zahl beruhe auf „statistischen Schätzwerten, den sogenannten Konfidenzintervallen. Und Konfidenzintervalle wiederum sind nur in den allerseltensten Fällen auch tatsächlich kausal zu interpretieren.“ Es ist nicht öffentlich, mit welchen Leistungen sich Frau Pracher-Hilander ihren akademischen Titel verdient hat, eines scheint jedoch gewiss: nicht mit der Interpretation von Statistiken und deren Begrifflichkeiten. Denn: Das „Konfidenzintervall“ erzeugt weder die Zahl noch die angenommene Beziehung zwischen Hitze und Sterblichkeit, sondern quantifiziert lediglich, wie unpräzise die Schätzung ist.
Die AGES berechnet einen wahrscheinlichen Wert. Dazu nennt sie einen Bereich, in dem die tatsächliche Zahl liegen dürfte; im Falle der Hitzetoten zwischen 220 und 527. Diese Bandbreite zeigt, dass eine Schätzung Unsicherheit enthält. Seriöse Wissenschaft macht solche Unsicherheiten kenntlich. Unseriöse Politik zeigt auf diese Offenheit und ruft: Erwischt!
Nach Pracher-Hilanders Logik wäre eine Wetterprognose wertlos, sobald Meteorolog:innen von einer Regenwahrscheinlichkeit sprechen. Entweder es regnet exakt um 14.32 Uhr auf den rechten Schuh einer Fußgängerin in Eichgraben, oder die ganze Meteorologie ist eine Lüge des „Mainstreams“.
A und B …
Dann greift die Abgeordnete zum pädagogischen Besteck. „A und B könnten rein zufällig gemeinsam auftreten“, erklärt sie, „aber es kann auch sein, dass A und B, also Hitze und Übersterblichkeit, über eine dritte Variable, über eine dritte Größe beeinflusst sind.“ Vielleicht gebe es diese dritte Größe, nämlich C.
Das ist als Grundsatz richtig und ungefähr so überraschend wie die Erkenntnis, dass ein nasser Gehsteig vom Regen, einer Straßenreinigung oder einem geplatzten Hydranten stammen kann. Entscheidend ist, welche Erklärung zu den Daten passt.
Die AGES stellt keine Monatskalender nebeneinander und entdeckt plötzlich: Im Juni war es warm, und Menschen sind auch gestorben. Das Modell vergleicht tägliche Wetterdaten mit täglichen Sterbefällen. Es berücksichtigt, dass Hitze den Körper belastet und Folgen zeitverzögert eintreten können. Der medizinische Zusammenhang ist seit Langem bekannt: Hohe Temperaturen belasten Herz und Kreislauf, verstärken Flüssigkeitsmangel und verschärfen bestehende Erkrankungen.
… und das geheimnisvolle „Hmm“-C
Pracher-Hilander führt aber „C“ als mögliche Ursache für die Übersterblichkeit ein. Und hat für ihr „C“ bereits einen Kandidaten, der in der FPÖ neben den Migrant:innen für alles herhalten muss: den Corona-Impfstatus. Danach raunt sie: „Hmm!“ Dieses „Hmm“ muss nun die gesamte Beweislast tragen. Es enthält offenbar Datensätze, Kontrollgruppen, Altersvergleiche und medizinische Fachliteratur, alles in einer einzigen Silbe, dem „Hmm“, komprimiert.
Damit der Impfstatus die Hitzeschätzung ernsthaft erklären könnte, müsste Pracher-Hilander zeigen, weshalb Todesfälle an besonders heißen Tagen oder kurz danach zunehmen. Sie müsste belegen, dass der Impfstatus mit diesen kurzfristigen Ausschlägen zusammenhängt. Sie müsste Daten vorlegen. Stattdessen liefert sie nichts außer einem Geräusch.
Der rhetorische Nutzen liegt auf der Hand. Eine offene Behauptung verlangt Beweise. Ein „Hmm“ fordert nur ein Publikum, das den Verdacht bereits kennt und bereitwillig ergänzt. So entsteht aus einer leeren Stelle eine vermeintlich mutige Frage, die anschließend auf Telegram als vom „Mainstream“ unterdrückte Wahrheit weiterlebt.
„C“ bekommt eine Überschrift
Zuvor bekam Pracher-Hilanders „Hmm“ eine Überschrift und mit dem blauen EU-Abgeordneten Gerald Hauser einen Co-Autor. Eine gemeinsame Presseaussendung (3.8.26) mit dem Titel „Angebliche Hitzetote im Fokus, Corona-Übersterblichkeit seit 2020 bleibt unbeantwortet“ nennt die Berichte über Hitzetote „Propaganda“, beklagt ein angebliches Verschweigen der Übersterblichkeit seit 2020 und behauptet, die Impfungen hätten die Pandemie „faktisch angeheizt“. Mögliche Nebenwirkungen würden „wohl immer noch Opfer fordern“.
„Wohl“ ist hier ein nützliches Wort. Es erlaubt einen schweren Verdacht mit angezogener Handbremse. Belege bleiben entbehrlich, solange der Satz nach Aufdeckung klingt. Auch das in den Raum gestellte Verschweigen ist bemerkenswert. Die „Statistik Austria“ veröffentlicht seit Jahren Sterbefallzahlen und Todesursachen. Die erhöhte Sterblichkeit während der Pandemie wurde laufend ausgewertet. Covid-19 spielte dabei eine wesentliche Rolle.
Statistik auf Wish bestellt
Bei der AGES verlangt die FPÖ eine Sicherheit, die kein seriöses Modell versprechen kann. Jede Unsicherheit gilt als Widerlegung. Beim eigenen Impfverdacht reichen Gesamtzahlen, zeitliche Abfolgen und ein hingehauchtes „Hmm“.
Dass nach Beginn der Impfkampagne Menschen starben, beweist ungefähr so viel wie die Feststellung, dass seit Einführung des Farbfernsehens weiterhin Herzinfarkte auftreten. Für eine brauchbare Aussage müsste man vergleichbare Menschen betrachten: ähnliches Alter, ähnliche Vorerkrankungen, gleicher Zeitraum. Die FPÖ überspringt diesen Teil und bestellt ihre Statistik lieber auf Whish. Und damit die Lächerlichkeit noch größer wird, hat Pracher-Hilander eine parlamentarische Anfrage an die Gesundheitsministerin angekündigt.
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