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Lesezeit: 4 Minuten

Hitler gendert nicht!

Was für eine Ent­de­ckung: Der Schrift­stel­ler und Redak­teur der „Welt“, Mat­thi­as Hei­ne, woll­te her­aus­ge­fun­den haben, dass aus­ge­rech­net Adolf Hit­ler das Gen­dern erfun­den hat. 1925! Hei­nes Ent­hül­lung ver­brei­te­te sich beim ein­schlä­gig geneig­ten Publi­kum bin­nen Null­kom­ma­nix. Wer will denn schon gen­dern wie Hit­ler – pfui! Das Pro­blem: Hei­nes „Ent­de­ckung“ war ein mehr als pein­li­cher Irrtum.

16. Juli 2025
Anrede Genossinnen bereits 1892 (Bild KI-generiert)
Anrede Genossinnen bereits 1892 (Bild KI-generiert)

Mat­thi­as Hei­ne erklärt in sei­nem Arti­kel (welt.de, 12.5.25):

Vor 100 Jah­ren hat zum ers­ten Mal ein Poli­ti­ker in Deutsch­land gegen­dert, aber kein Befür­wor­ter der geschlech­ter­ge­rech­ten Spra­che will das Jubi­lä­um fei­ern. Am 15. Juli 1925 rede­te der Chef einer auf­stre­ben­den Par­tei, von dem man spä­ter noch all­zu viel hören wür­de, sein Publi­kum in Zwi­ckau an: „Mei­ne lie­ben Volks­ge­nos­sen und Volksgenossinnen“.

Im „ZEIT­ma­ga­zin“ appor­tier­te Harald Mar­ten­stein brav das fau­le Ei sei­nes Kol­le­gen von der „Welt“, wo die ver­meint­li­che Sen­sa­ti­on am 26.4. zum ers­ten Mal breit­ge­tre­ten wur­de: „Am 15. Juli wird übri­gens in Deutsch­land das Gen­dern 100 Jah­re alt. Ich dach­te wirk­lich, ich sei nicht mehr leicht zu über­ra­schen. Aber dass Adolf Hit­ler das Gen­dern hier­zu­lan­de als Ers­ter kon­se­quent prak­ti­ziert hat, nun, das hat mich dann doch über­rascht.“ (zeit.de, 15.5.25)

Na sowas! Sogar einen so abge­brüh­ten Jour­na­lis­ten wie Mar­ten­stein hat der Scoop des Kol­le­gen im Geis­te von der „Welt“ kalt erwischt. Der hat­te näm­lich ent­deckt, dass Hit­ler in einer Rede in Zwi­ckau am 15. Juli 1925 sein Publi­kum mit „Mei­ne lie­ben Volks­ge­nos­sin­nen und Volks­ge­nos­sen“ adres­siert hat­te. Also die Geburts­stun­de des Genderns?

Hitler – Gründer des Genderns?

Ganz sicher ist sich der Hob­by­his­to­ri­ker und ‑lin­gu­ist Hei­ne nicht: „Mög­li­cher­wei­se hat Hit­ler schon frü­her gegen­dert, seit­dem er sei­nen Auf­stieg als Star­red­ner um 1920 begon­nen hat­te.“ (welt.de) Mög­li­cher­wei­se hat Hei­ne nicht sau­ber recher­chiert. Mög­li­cher­wei­se liegt Mar­ten­stein mit sei­ner gön­ner­haf­ten Bemer­kung über das Gen­dern des­halb genau­so dane­ben, wenn er fest­stellt: „Natür­lich muss es nicht gegen das Gen­dern spre­chen, dass Hit­ler einer sei­ner wich­tigs­ten Pio­nie­re war.“

Das öster­rei­chi­sche Rechts­au­ßen-Online-Maga­zin „exx­press“ ist gleich deut­lich radi­ka­ler. Unter dem Titel „Hit­ler begrün­de­te das Gen­dern“ rap­por­tier­te es schon am 2. Mai die Sen­sa­ti­ons­ent­de­ckung der „Welt“ und been­de­te sei­nen Bei­trag mit der Mah­nung: „Wer heu­te von ‚Bür­ge­rin­nen und Bür­gern’ oder ‚Stu­die­ren­den’ spricht, ahnt womög­lich nicht, dass er damit an eine sprach­po­li­ti­sche Stra­te­gie anknüpft, die im Drit­ten Reich ihren Ursprung nahm.“ (exxpress.at, 2.5.25)

Wer heut­zu­ta­ge „Mei­ne Damen und Her­ren“ sagt, ist also ein nichts­ah­nen­der Nazi-Epi­go­ne? Oder anders her­um: Nur ja nicht anstrei­fen ans Gendern?

Friedrich Engels war’s!

Schon eini­ge Jahr­zehn­te vor Hit­ler haben sozi­al­de­mo­kra­ti­sche und kom­mu­nis­ti­sche Politiker*innen damit begon­nen, ihr Publi­kum mit der Gruß­for­mel „Genos­si­nen und Genos­sen“ anzu­spre­chen. Das gilt auch für Frau­en­recht­le­rin­nen wie Ber­tha von Sutt­ner, die 1912 eine Rede mit der Gruß­for­mel „Mei­ne Damen und Her­ren“ begon­nen hat.

Bertha von Suttner 1912: "Meine Damen und Herren" (https://www.rhetorik-netz.de/suttner2)
Ber­tha von Sutt­ner 1912: „Mei­ne Damen und Her­ren” (https://www.rhetorik-netz.de/suttner2)

Wir haben sogar ein Klein­od aus­ge­ho­ben, das die zitier­ten Jour­na­lis­ten von „Welt“, „Zeit“ und „exx­press“ in Schnapp­at­mung ver­set­zen muss. Fried­rich Engels hat bereits 1892 eine schrift­li­che Gruß­adres­se an den Par­tei­tag der öster­rei­chi­schen Sozialdemokrat*innen mit „Wer­te Genos­sen und Genos­sin­nen!“ begon­nen. Auch im Sep­tem­ber 1893 begann Engels eine Rede in Wien mit der­sel­ben Gruß­for­mel. Aus­ge­rech­net Fried­rich Engels der ers­te Pro­mi, der das Gen­dern „erfun­den“ hat?

Friedrich Engels 1892 und 1893: "Werte Genossen und Genossinnen!"
Fried­rich Engels 1892 und 1893: „Wer­te Genos­sen und Genossinnen!”

Eine Grußformel ist noch lange nicht Gendern

Mög­li­cher­wei­se war Fried­rich Engels tat­säch­lich einer der ers­ten, die Frau­en in einer Gruß­for­mel adres­siert haben. Von Frau­en­recht­le­rin­nen gibt es weni­ger auf­ge­zeich­ne­te bzw. leicht auf­find­ba­re Reden aus die­ser Zeit, aber alle­mal waren sie den Nazis um Jahr­zehn­te voraus.

Nur: Eine Gruß­for­mel ist noch lan­ge nicht Gen­dern. Dafür wäre es not­wen­dig, auch inner­halb eines Tex­tes, einer Rede, geschlechts­sen­si­bel zu for­mu­lie­ren. Das haben damals weder die Frau­en­recht­le­rin­nen noch Sozialdemokrat*innen und Kommunist*innen im Bewusst­sein gehabt – aber schon gar nicht die Nazis bzw. Hit­ler im Besonderen.

Die Nazis und Frauenrechte?

Die Behaup­tung, in Hit­ler, Goeb­bels und sons­ti­gen Nazis die Begrün­der des Gen­derns ent­deckt zu haben, ist eine Zumu­tung der beson­de­ren Art. Dass sie in die Welt gesetzt wur­de, um Gen­dern gene­rell zu dis­kre­di­tie­ren, ist das eine. Das ande­re ist, dass die Nazis mit Frau­en­rech­ten und Gleich­stel­lung nichts zu tun hat­ten. Als die Nazis in Deutsch­land 1933 an die Macht kamen, schaff­ten sie sofort das pas­si­ve Wahl­recht von Frau­en ab.

Die von Mat­thi­as Hei­ne & Co fälsch­lich als bahn­bre­chend bezeich­ne­te Gruß­for­mel Hit­lers hakt auch an ande­rer Stel­le: Hit­lers Gruß gilt nur den „Volks­ge­nos­sin­nen“. Er schei­det also all jene Frau­en aus, die nicht dem „deut­schen Volk“ ange­hö­ren. Die bei NSDAP-Par­tei­ver­an­stal­tun­gen ver­wen­de­te For­mel „Par­tei­ge­nos­sin­nen“ macht die Sache nicht bes­ser, denn NS-Par­tei­ge­nos­sin konn­te eine „nicht­ari­sche“ Frau ohne­hin nicht wer­den, und selbst die „ari­schen“ Par­tei­ge­nos­sin­nen waren von Füh­rungs­funk­tio­nen in der NSDAP ausgeschlossen.

Der Rückzieher

Eini­gen männ­li­chen Jour­na­lis­ten, die um ihr Ter­ri­to­ri­um fürch­ten, ist es gelun­gen, mit der angeb­li­chen Sen­sa­ti­on von Hit­ler als Grün­der des Gen­derns die Öffent­lich­keit zeit­wei­se in die Irre zu füh­ren und sogar bra­ve Gruß­for­meln als brau­ne Gen­de­rei zu dis­kre­di­tie­ren. In den „sozia­len” Netz­wer­ken wur­den ihre „Ent­de­ckun­gen“ bereit­wil­lig ange­nom­men und geteilt.

Mathi­as Hei­ne muss­te in einem Bei­trag für die „Welt“ (28.5.25) unter dem Titel „Die Nazis und das Gen­dern – die gan­ze Wahr­heit“ nach Wochen des Schwei­gens einen Rück­zie­her machen. Die Behaup­tung von der „gan­zen Wahr­heit“ unter­stellt, dass er davor zumin­dest eine Teil­wahr­heit erzählt hät­te. Nicht ein­mal das war der Fall.

Rosa Luxemburg 1916: "Genossinnen und Genossen!" (https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1916/xx/polsdmind.htm)
Rosa Luxem­burg 1916: „Genos­sin­nen und Genos­sen!” (https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1916/xx/polsdmind.htm)

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Schlagwörter: Antifeminismus/Sexismus/Maskulinismus | exxpress | Nationalsozialismus | Weite Welt

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