Matthias Heine erklärt in seinem Artikel (welt.de, 12.5.25):
Vor 100 Jahren hat zum ersten Mal ein Politiker in Deutschland gegendert, aber kein Befürworter der geschlechtergerechten Sprache will das Jubiläum feiern. Am 15. Juli 1925 redete der Chef einer aufstrebenden Partei, von dem man später noch allzu viel hören würde, sein Publikum in Zwickau an: „Meine lieben Volksgenossen und Volksgenossinnen“.
Im „ZEITmagazin“ apportierte Harald Martenstein brav das faule Ei seines Kollegen von der „Welt“, wo die vermeintliche Sensation am 26.4. zum ersten Mal breitgetreten wurde: „Am 15. Juli wird übrigens in Deutschland das Gendern 100 Jahre alt. Ich dachte wirklich, ich sei nicht mehr leicht zu überraschen. Aber dass Adolf Hitler das Gendern hierzulande als Erster konsequent praktiziert hat, nun, das hat mich dann doch überrascht.“ (zeit.de, 15.5.25)
Na sowas! Sogar einen so abgebrühten Journalisten wie Martenstein hat der Scoop des Kollegen im Geiste von der „Welt“ kalt erwischt. Der hatte nämlich entdeckt, dass Hitler in einer Rede in Zwickau am 15. Juli 1925 sein Publikum mit „Meine lieben Volksgenossinnen und Volksgenossen“ adressiert hatte. Also die Geburtsstunde des Genderns?
Hitler – Gründer des Genderns?
Ganz sicher ist sich der Hobbyhistoriker und ‑linguist Heine nicht: „Möglicherweise hat Hitler schon früher gegendert, seitdem er seinen Aufstieg als Starredner um 1920 begonnen hatte.“ (welt.de) Möglicherweise hat Heine nicht sauber recherchiert. Möglicherweise liegt Martenstein mit seiner gönnerhaften Bemerkung über das Gendern deshalb genauso daneben, wenn er feststellt: „Natürlich muss es nicht gegen das Gendern sprechen, dass Hitler einer seiner wichtigsten Pioniere war.“
Das österreichische Rechtsaußen-Online-Magazin „exxpress“ ist gleich deutlich radikaler. Unter dem Titel „Hitler begründete das Gendern“ rapportierte es schon am 2. Mai die Sensationsentdeckung der „Welt“ und beendete seinen Beitrag mit der Mahnung: „Wer heute von ‚Bürgerinnen und Bürgern’ oder ‚Studierenden’ spricht, ahnt womöglich nicht, dass er damit an eine sprachpolitische Strategie anknüpft, die im Dritten Reich ihren Ursprung nahm.“ (exxpress.at, 2.5.25)
Wer heutzutage „Meine Damen und Herren“ sagt, ist also ein nichtsahnender Nazi-Epigone? Oder anders herum: Nur ja nicht anstreifen ans Gendern?
Friedrich Engels war’s!
Schon einige Jahrzehnte vor Hitler haben sozialdemokratische und kommunistische Politiker*innen damit begonnen, ihr Publikum mit der Grußformel „Genossinen und Genossen“ anzusprechen. Das gilt auch für Frauenrechtlerinnen wie Bertha von Suttner, die 1912 eine Rede mit der Grußformel „Meine Damen und Herren“ begonnen hat.

Wir haben sogar ein Kleinod ausgehoben, das die zitierten Journalisten von „Welt“, „Zeit“ und „exxpress“ in Schnappatmung versetzen muss. Friedrich Engels hat bereits 1892 eine schriftliche Grußadresse an den Parteitag der österreichischen Sozialdemokrat*innen mit „Werte Genossen und Genossinnen!“ begonnen. Auch im September 1893 begann Engels eine Rede in Wien mit derselben Grußformel. Ausgerechnet Friedrich Engels der erste Promi, der das Gendern „erfunden“ hat?

Eine Grußformel ist noch lange nicht Gendern
Möglicherweise war Friedrich Engels tatsächlich einer der ersten, die Frauen in einer Grußformel adressiert haben. Von Frauenrechtlerinnen gibt es weniger aufgezeichnete bzw. leicht auffindbare Reden aus dieser Zeit, aber allemal waren sie den Nazis um Jahrzehnte voraus.
Nur: Eine Grußformel ist noch lange nicht Gendern. Dafür wäre es notwendig, auch innerhalb eines Textes, einer Rede, geschlechtssensibel zu formulieren. Das haben damals weder die Frauenrechtlerinnen noch Sozialdemokrat*innen und Kommunist*innen im Bewusstsein gehabt – aber schon gar nicht die Nazis bzw. Hitler im Besonderen.
Die Nazis und Frauenrechte?
Die Behauptung, in Hitler, Goebbels und sonstigen Nazis die Begründer des Genderns entdeckt zu haben, ist eine Zumutung der besonderen Art. Dass sie in die Welt gesetzt wurde, um Gendern generell zu diskreditieren, ist das eine. Das andere ist, dass die Nazis mit Frauenrechten und Gleichstellung nichts zu tun hatten. Als die Nazis in Deutschland 1933 an die Macht kamen, schafften sie sofort das passive Wahlrecht von Frauen ab.
Die von Matthias Heine & Co fälschlich als bahnbrechend bezeichnete Grußformel Hitlers hakt auch an anderer Stelle: Hitlers Gruß gilt nur den „Volksgenossinnen“. Er scheidet also all jene Frauen aus, die nicht dem „deutschen Volk“ angehören. Die bei NSDAP-Parteiveranstaltungen verwendete Formel „Parteigenossinnen“ macht die Sache nicht besser, denn NS-Parteigenossin konnte eine „nichtarische“ Frau ohnehin nicht werden, und selbst die „arischen“ Parteigenossinnen waren von Führungsfunktionen in der NSDAP ausgeschlossen.
Der Rückzieher
Einigen männlichen Journalisten, die um ihr Territorium fürchten, ist es gelungen, mit der angeblichen Sensation von Hitler als Gründer des Genderns die Öffentlichkeit zeitweise in die Irre zu führen und sogar brave Grußformeln als braune Genderei zu diskreditieren. In den „sozialen” Netzwerken wurden ihre „Entdeckungen“ bereitwillig angenommen und geteilt.
Mathias Heine musste in einem Beitrag für die „Welt“ (28.5.25) unter dem Titel „Die Nazis und das Gendern – die ganze Wahrheit“ nach Wochen des Schweigens einen Rückzieher machen. Die Behauptung von der „ganzen Wahrheit“ unterstellt, dass er davor zumindest eine Teilwahrheit erzählt hätte. Nicht einmal das war der Fall.

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