Der Antisemit Stelzhamer und das Land Oberösterreich

Das Land Oberöster­re­ich – vor allem in der Gestalt sein­er poli­tis­chen Spitzen – tut sich noch immer schw­er im Umgang mit dem Dichter und schw­eren Anti­semiten Franz Stelzhamer, Ver­fass­er der oberöster­re­ichis­chen Lan­deshymne. Darauf ver­weist ein Beitrag aus dem Antifa-Net­zw­erk-Info Nr. 832 des oö. Net­zw­erks gegen Ras­sis­mus und Recht­sex­trem­is­mus. Wir empfehlen dazu außer­dem die Lek­türe des Gastkom­men­tars von Lud­wig Laher („Wider die Ver­harm­lo­sung“) in der „Süd­deutschen Zeitung“.

Vor 220 Jahren wurde der Dialek­t­dichter Franz Stelzhamer (1802 – 1874) geboren. Vor 70 Jahren beschloss der OÖ. Land­tag, Stelzhamers Gedicht „Hoa­mat­gsang“ in der Ver­to­nung von Hans Schnopfha­gen (1845 – 1908) zur oberöster­re­ichis­chen Lan­deshymne zu erk­lären. Beson­ders rund sind bei­de Jubiläen nicht. Doch das Land ließ es sich nicht nehmen, seine – dur­chaus pop­uläre – Hymne durch einen Fes­tabend in der Anton-Bruck­n­er-Pri­vatu­ni­ver­sität zu feiern. Dass das offizielle Oberöster­re­ich wenig­stens kurz mit der eige­nen Dop­pel­bödigkeit kon­fron­tiert wurde, ist den Lehren­den und Studieren­den der Uni­ver­sität zu ver­danken. Sie tru­gen unter anderem Teile von Stelzhamers Essay „Jude“ vor: „Kein Volk der Erde hat nach seinem poli­tis­chen Ableben mit ein­er solchen Zähigkeit, ja völ­li­gen Unum­bring­barkeit fortgedauert, wie der Jude. (…) Beste­ht in zahllos­er Menge und mit unberechen­barem Ein­fluß auf die Geschicke der Völk­er. (…) In alle Welt zer­streut, schlingt er sich, bald dün­ner, bald bre­it­er, ein Riesen­band­wurm, um die Ernährung­sor­gane eines jeden kul­tivirten (sic!) Staatskör­pers, und wie oft man ihn auch abzutreiben ver­sucht hat, man gewann (…) bis jet­zt nur größere oder kürzere Stücke, nie aber den Kopf selbst.”

Da half keine Ver­drän­gung mehr: Oberöster­re­ichs gefeiert­er Lan­deshym­nen-Dichter, der mit dem „Stelzhamer­bund“ eine rührige Lob­by hat, war ein Ver­nich­tungsan­tisemit. Mitte des 19. Jahrhun­derts ging sein kaum ver­hohlen­er Aufruf zum Genozid über das damals übliche Maß an juden­feindlichen Ein­stel­lun­gen weit hin­aus. Nicht, dass das etwas Neues wäre: Vor allem der Schrift­steller Lud­wig Laher – immer­hin Träger des Kul­tur­preis­es des Lan­des Oberöster­re­ich – weist seit vie­len Jahren behar­rlich auf diese Tat­sache hin und fordert Kon­se­quen­zen ein. Doch bish­er ignori­erte die Lan­desspitze Lahers Aufk­lärungsar­beit nach Kräften. Der Fes­tabend in der Pri­vatu­ni­ver­sität war ein Durch­bruch. ÖVP-Lan­deshaupt­mann Thomas Stelz­er sprach plöt­zlich von „unentschuld­baren anti­semi­tis­chen Aus­fällen“ Stelzhamers. Um dann doch die Kurve zu nehmen: Die Lan­deshymne sei ein „steter Anstoß, auch die Erin­nerung an die Schat­ten unser­er Geschichte lebendig zu hal­ten“, so Stelz­er. Eine selt­same Logik. Müssten dann nicht aus Grün­den des Gedenkens möglichst viele Werke von Ver­nich­tungsan­tisemiten im öffentlichen Leben ver­ankert und gepflegt wer­den? Wun­dern kann einen diese Logik freilich nicht. Der ÖVP-Lan­deshaupt­mann redet ja auch seine Koali­tion mit der recht­sex­tremen FPÖ schön …

Zum Juden­hass Stelzhamers sollte Oberöster­re­ichs Regierung kün­ftig etwas mehr ein­fall­en. Denn durch einen her­vor­ra­gen­den Artikel Lud­wig Lahers in der „Süd­deutschen Zeitung“ ist jet­zt auch inter­na­tionale Aufmerk­samkeit für das The­ma garantiert. (Danke an das oö. Net­zw­erk gegen Ras­sis­mus und Recht­sex­trem­is­mus für die Erlaub­nis zum Abdruck!)

Zitat aus Lahers Beitrag in der Süd­deutschen Zeitung (28.11.22) „Wider die Verharmlosung”

Stelzhamers Wirkung auf bre­ite Bevölkerungskreise beruht auf schlicht­en Dialek­tgedicht­en. Sie ver­gle­ichen den blühen­den Kirschbaum mit dem in ewiger Blüte ste­hen­den Ich, verspot­ten böh­makel­nd die aus wirtschaftlichen Grün­den ins deutschsprachige Öster­re­ich drän­gen­den Tschechen, feiern den Vielk­lang des Vogel­gezwitsch­ers und den kreuzguten Kaiser, der auch schön sein muss, denn schön sein und gut sein ist, wie Stelzhamer betont, dasselbe.

Alles schön und gut, aber er kon­nte es noch deftiger. 1852 erschien in München „Das bunte Buch”, eine bunte Mis­chung, die auch Essays enthält. Darin wet­tert Stelzhamer etwa gegen „Frei­heit, Gle­ich­heit, Brüder­lichkeit” und den „Antichrist”. „Jude” nen­nt sich der schlimm­ste Text: „Kein Volk der Erde hat nach seinem poli­tis­chen Ableben mit ein­er solchen Zähigkeit, ja völ­li­gen Unum­bring­barkeit fortgedauert, wie der Jude. (…) Beste­ht in zahllos­er Menge und mit unberechen­barem Ein­fluß auf die Geschicke der Völk­er. (…) In alle Welt zer­streut, schlingt er sich, bald dün­ner, bald bre­it­er, ein Riesen­band­wurm, um die Ernährung­sor­gane eines jeden kul­tivirten (sic!) Staatskör­pers, und wie oft man ihn auch abzutreiben ver­sucht hat, man gewann (…) bis jet­zt nur größere oder kürzere Stücke, nie aber den Kopf selbst.”