Steinhauser: Islamismus und Rechtsextremismus – mehr Gemeinsamkeiten als angenommen

Islamis­mus und Recht­sex­trem­is­mus ste­hen sich schein­bar als poli­tis­che Gegen­spiel­er gegenüber: auf der einen Seite Recht­sex­trem­is­mus und Recht­spop­ulis­mus, die den Islamis­mus und dessen Ter­ror instru­men­tal­isieren, um gegen den Islam zu mobil­isieren, auf der anderen Seite der Dschi­hadis­mus, der antimus­lim­is­che Diskri­m­inierungser­fahrun­gen durch die Rechte als ein Rekru­tierungsar­gu­ment ins Tre­f­fen führt, um Jugendlichen zu beweisen, dass ‚der West­en‘ sie per­sön­lich ablehnt.

Vorauszuschick­en ist, dass Islam und Islamis­mus nicht gle­ichzuset­zen sind. Während der Islam im Rah­men der grun­drechtlich garantierten Reli­gions­frei­heit in sein­er Ausübung zu schützen ist, ist unter Islamis­mus eine poli­tis­che Rich­tung zu ver­ste­hen, deren Ziel die Errich­tung ein­er allein religiös legit­imierten Gesellschafts- und Staat­sor­d­nung darstellt, in der Gesellschaft und Staat sich den über­steigerten religiösen Ord­nungsüber­legun­gen zu unter­w­er­fen haben. Unter Dschi­hadis­mus wiederum sind jene islamistis­chen Strö­mungen einzuord­nen, die ter­ror­is­tis­che Gewalt als das primäre Mit­tel zur Durch­set­zung ihrer Ziele propagieren und praktizieren.

Im Recht­sex­trem­is­mus tritt die Nation oder Rasse an die Stelle der Reli­gion. Wesentliche Merk­male sind ein autoritäres bis dik­ta­torisches, von Chau­vin­is­mus geprägtes Poli­tikver­ständ­nis sowie die Ver­harm­lo­sung oder Recht­fer­ti­gung des Nation­al­sozial­is­mus, gepaart mit anti­semi­tis­chen, frem­den­feindlichen und sozial­dar­win­is­tis­chen Einstellungen.

Tat­sache ist aber, dass Recht­sex­trem­is­mus und Islamis­mus mehr Gemein­samkeit­en und ide­ol­o­gis­che Par­al­le­len haben, als bei­de sich eingeste­hen. Ist der Islamis­mus also eine Form des Recht­sex­trem­is­mus mit deut­lichen inhaltlichen Über­schnei­dun­gen zum ‚tra­di­tionellen‘ Rechtsextremismus?

Autoritäre Rebel­lion gegen das herrschende System

Islamist_innen und Recht­sex­treme insze­nieren sich gerne als Rebell_innen gegen herrschende Sys­teme: die einen gegen den West­en, die anderen gegen Regierun­gen, die nicht das ‚gesunde Volk­sempfind­en‘ zur auss­chließlichen Grund­lage ihrer Poli­tikgestal­tung machen. Als beson­dere Feind­bilder dienen in bei­den Fällen die USA und Israel. Dabei han­delt es sich aber um eine autoritäre Rebel­lion. Ziel ist nicht die Frei­heit, son­dern die Besei­t­i­gung der Demokratie, an deren Stelle eine wie auch immer geart­ete Gemein­schaft treten soll, der sich der Einzelne zu unter­w­er­fen hat.

Ver­schwörungs­the­o­rien und Bedrohungsszenarien

Kaum jemand spin­nt daher so hart­näck­ig absurde Ver­schwörungs­the­o­rien wie Rechtsextremist_innen und Islamist_innen, die vor allem online Ver­bre­itung find­en. Dabei ste­ht stets eine her­auf­beschworene Bedro­hung durch Dritte im Mit­telpunkt, die entwed­er das ‚reine Volk‘ oder die ‚reine Lehre‘ gefährde. Dieses Bedro­hungsszenario wird zur Rekru­tierung und Dauer­mo­bil­isierung der eige­nen Anhänger und Anhän­gerin­nen benutzt. Mit Hil­fe von Unter­gangsphan­tasien und der Erzeu­gung von apoka­lyp­tis­ch­er Endzeit­stim­mung ver­sam­meln sowohl recht­sex­treme als auch islamistis­che Anführer ihre Anhänger­schaften hin­ter sich. Die agi­ta­tive Erre­gung befind­et sich auf einem per­ma­nen­ten Höhep­unkt. Die Beschwörung des kurz bevorste­hen­den Unter­ganges recht­fer­tigt Gewalt als schein­bar let­zte Möglichkeit der Selbstverteidigung.

Ständi­ge Opferrolle

Diese kün­stlich geschaf­fene per­ma­nente Bedro­hung begün­stigt eine weit­ere Gemein­samkeit. Vertreter_innen bei­der Ide­olo­gien sehen sich ständig als Opfer von Ver­fol­gung. Recht­sex­treme sehen sich gerne von der „Lügen­presse“ bewusst miss­in­ter­pretiert und ver­leumdet: Weil wir für euch sind, sind sie gegen uns, lautet die sim­ple Botschaft des recht­en Ran­des. Aber auch der Islamis­mus kul­tiviert die Opfer­rolle. Diskri­m­inierungser­fahrun­gen sowie die behauptete Aggres­sion des West­ens oder Israels sind zen­trale Argu­mente der Islamist_innen für die Rekru­tierung von Dschihadist_innen. Bei­de Grup­pen insze­nieren sich als Opfer und leit­en daraus die Recht­fer­ti­gung dafür ab, ver­bale, reale oder ter­ror­is­tis­che Gewalt anzuwenden.

Reak­tionäres Gesellschaftsbild

Gesellschaft­spoli­tisch ist man sich in vie­len Punk­ten nahe. Die Rolle der Frau in der Gesellschaft? Homo­sex­u­al­ität? Autoritäre Erziehung? In vie­len Fra­gen kön­nen sich Islamis­mus und Recht­sex­trem­is­mus rasch eini­gen. Bei­de Strö­mungen wet­tern gern gegen die „Dekadenz des Lib­er­al­is­mus“, vertreten einen rück­wärts­ge­wandten Ultra­kon­ser­v­a­tivis­mus und ver­her­rlichen dif­fus bleibende frühere Zeit­en. 

Unum­stößliche Gesetze

Selb­st dort, wo es Unter­schiede gibt, lassen sich Gemein­samkeit­en her­stellen. Unbe­strit­ten ist, dass sich der Recht­sex­trem­is­mus in sein­er Haupt­strö­mung weniger auf die Reli­gion, son­dern auf die Nation oder Eth­nie bezieht, die es reinzuhal­ten und zu schützen gilt. Dabei ver­weist er häu­fig auf ver­meintliche Naturge­set­ze, die eine unum­stößliche Ord­nung bilden, die nicht in Frage gestellt wer­den dürfe. Die Welt ist nach dem Fre­und-Feind-Schema gestal­tet: „unser Volk“ gegen „Fremde“ oder „Unter­men­schen“. 

Im Islamis­mus bildet die über­steigerte Inter­pre­ta­tion der Reli­gion den Deu­tungsrah­men. Auch hier gel­ten unum­stößliche Geset­ze, die in diesem Fall von Gott stam­men und vom Men­schen nicht bezweifelt wer­den dür­fen, auch hier gilt das Fre­und-Feind-Schema: Gläu­bige gegen Ungläu­bige. Der zen­trale Unter­schied beste­ht in der Durch­läs­sigkeit des Sys­tems: Im Islamis­mus kann jede/r durch Kon­ver­sion und Helden­tod Erlö­sung find­en, der Recht­sex­trem­is­mus hinge­gen sieht keine bewusste Über­trittsmöglichkeit zu ein­er Eth­nie oder ein­er Nation vor. 

Bedro­hte Männlichkeit

Sowohl im Recht­sex­trem­is­mus als auch im Islamis­mus herrscht ein strenges Patri­ar­chat. Führungs­funk­tio­nen wer­den in der Regel von Män­nern beset­zt, Frauen auf die Rolle der Gebärerin zurück­ge­set­zt. Diese strenge Rol­lenaufteilung dient als Zuflucht­sort für die bedro­hte Männlichkeit in ein­er sich verän­dern­den Gesellschaft. Bei­de Ide­olo­gien sehen im Auf­brechen herkömm­lich­er Geschlechter­rollen eine Ver­we­ich­lichung und „Ver­schwu­lung“ unser­er Gesellschaft. Dabei ver­steck­en sich hin­ter dieser mar­tialis­chen Macho-Fas­sade in Wahrheit sowohl im Recht­sex­trem­is­mus als auch im Islamis­mus Angst und Unklarheit über das eigene Männlichkeits­bild. Die Beto­nung tra­di­tioneller Rol­len­bilder soll den verun­sicherten Män­nern Ori­en­tierung geben.

Anti­semitismus

Der Anti­semitismus spielt in den Haupt­strö­mungen des Recht­sex­trem­is­mus und des Islamis­mus eine wichtige Rolle. Anti­semi­tis­che Het­ze und Über­griffe wer­den da wie dort aktiv betrieben und pro­pa­gan­dis­tisch aus­gelebt. Wenn ein mus­lim­is­ch­er Friseur auf Face­book ein Foto von Adolf Hitler mit dem Text postet: „Ich kön­nte alle Juden töten, aber ich habe einige am Leben gelassen, um euch zu zeigen, wieso ich sie getötet habe“ (APA, 15.9.2015), dann trifft man sich argu­men­ta­tiv in Wort und Bild. Der Anti­semitismus ist auch der Punkt, der zu ein­er ganz konkreten Koop­er­a­tion zwis­chen Islamist_innen und Rechtsextremist_innen führte. 2006 lud der dama­lige iranis­che Präsi­dent Mah­mud Ahmadined­schad in Teheran zu ein­er großen Holo­caustleugn­er_in­nen-Kon­ferenz, an der zahlre­iche namhafte Rechtsextremist_innen teilnahmen.

Strenge Hier­ar­chie

Auch das Organ­i­sa­tion­skonzept des Islamis­mus ähnelt jen­em des Faschis­mus. Bei­de Strö­mungen sind streng hier­ar­chisch aufge­baut. Der Führer respek­tive Predi­ger wird als unan­greif­bar­er Charis­matik­er insze­niert, dessen Anord­nun­gen dog­ma­tis­che Wirkung ent­fal­ten und nicht in Frage gestellt wer­den dür­fen. Nicht sel­ten steuern Eliten auf diese Weise die Massen und instru­men­tal­isieren diese für ihre Inter­essen. Der Einzelne hat sich der Gemein­schaft ohne Wider­spruch unterzuordnen.

Was heißt das?

Recht­sex­trem­is­mus und Islamis­mus haben viele ide­ol­o­gis­che Gemein­samkeit­en, obwohl sie in geografisch unter­schiedlichen Gebi­eten wurzeln und sich zeitlich unter­schiedlich entwick­elt haben. Während der Recht­sex­trem­is­mus in Öster­re­ich sich mehr oder weniger inten­siv auf den Nation­al­sozial­is­mus bezieht, hat der Islamis­mus dort nur punk­tuelle Berührungspunk­te. Den­noch kön­nen die bei­den Strö­mungen auf­grund der ange­sproch­enen Par­al­le­len als ver­wandt beze­ich­net wer­den. 

Daraus leit­et sich aber eine wichtige Erken­nt­nis ab. Die gesellschaftliche Auseinan­der­set­zung find­et nicht zwis­chen Rechtsextremist_innen und Islamist_innen statt. Wer Islamis­mus ablehnt, muss sich auch kon­se­quent von Recht­sex­trem­is­mus und Recht­spop­ulis­mus abgren­zen. Die polar­isierende Het­ze der FPÖ, der Iden­titären oder von PEGIDA ist genau­so brandge­fährlich wie die Rhetorik der Islamist_innen. Sie alle suchen Feind­bilder, um alte Ideen neu zu ver­pack­en, um die Gesellschaft zu spal­ten und zu verun­sich­ern. Aber wir müssen auch mit gle­ich­er Vehe­menz den ide­ol­o­gis­chen Vertreter_innen des Islamis­mus ent­ge­gen­treten – allerd­ings ohne antimus­lim­is­che Vorurteile zu repro­duzieren. Da darf es kein Wegschauen geben. Zivilge­sellschaft und linke Bewe­gun­gen müssen sich als poli­tis­che Geg­ner­in­nen des reak­tionären Islamis­mus begreifen. Wer diese Lücke nicht beset­zt, darf sich nicht wun­dern, wenn dann als Folge gegen eine wieder­erstark­te Rechte demon­stri­ert wer­den muss. Nur wer die Par­al­le­len sieht und benen­nt, wird bei­de Strö­mungen schwächen können.

Lit­er­atur
„Ich kön­nte alle Juden töten“ – Zwei Jahre bed­ingt (APA via nachrichten.at, 15.9.2015), zulet­zt einge­se­hen 3.11.2020

Artikel aus:
Albert Stein­hauser in: Albert Stein­hauser, Har­ald Walser (Hg.), Recht­sex­trem­is­mus­bericht 2016. Der Grüne Klub im Par­la­ment. Wien 2016, 98–102.

Weit­er­führend:

➡️ Maik Fielitz, Julia Ebn­er, Jakob Guhl, Matthias Quent: Has­sliebe: Mus­lim­feindlichkeit, Islamis­mus und die Spi­rale gesellschaftlich­er Polar­isierung. Forschungs­bericht. Hg.: Insti­tut für Demokratie und Zivilge­sellschaft (IDZ), Jena/London/Berlin 2018.
➡️ Man­jana Sold: Recht­sex­trem­is­mus und religiös begrün­de­ter Extrem­is­mus. Bun­deszen­trale für poli­tis­che Bil­dung 2020.