Opfer und Täterin zugleich?

Unter dem Titel „Täterin sein und Opfer werden? Extrem rechte Frauen und häusliche Gewalt“ erschien vor wenigen Monaten im Marta Press Verlag eine Studie zu einer bislang vernachlässigten und unterkomplex behandelten Fragestellung: Was können Sozialarbeiter_innen und -pädagoginnen tun, wenn ihre Klientinnen rechte/rechtsextreme Frauen und somit Täterinnen und Opfer zugleich sind?

(Mit-)Täterinnenschaft
Bereits in ihrer Einleitung weisen Agnes Betzler und Katrin Degen darauf hin, dass sich viele Menschen extrem rechte Frauen entweder nicht in einer Opferrolle vorstellen können oder die Verwendung des Täterinnenbegriffs in diesem Zusammenhang kritisieren. Diese vermeintlichen Gegensätze lösen die beiden Sozialpädagoginnen auf, indem sie in ihrer Publikation zeigen, dass entgegen weit verbreiteter Bilder, rechte/rechtsextreme Frauen eben einerseits Täterinnen, andererseits aber auch Opfer bzw. Betroffene von (häuslicher) Gewalt sein können. Dadurch gelingt es den Autorinnen gegen dieses doppeltes Tabu zu arbeiten und Anstoß für eine (nicht nur in sozialarbeiterischen Kreisen) längst anstehende Diskussion zu geben.
Ausgehend von einem umfassenderen Täterinnenbegriff, der nicht nur die aktive Ausübung von Gewalt, sondern auch Gewaltakzeptanz zur Durchsetzung einer Ideologie als (Mit-)Täterinnenschaft fasst, wird die Doppelrolle von Frauen (im Rechtsextremismus) in den Mittelpunkt gerückt. Einleitende Abschnitte über die Entwicklung der Geschlechterrollen, (geschlechterreflektierte) Rechtsextremismusdefintion und -theorie und -erklärungsmuster (Verunsicherungs-, Privilegien-, Diskriminierungstheorie) sowie die Partizipationsfelder von Frauen in der extremen Rechten in verschiedenen Organisationsformen (Parteien, Gruppe, Wahlverhalten…) liefern einen detailreichen Einblick in die Materie. In weiterer Folge versuchen die beiden Autorinnen nicht nur Geschlechterbilder im Rechtsextremismus unter die Lupe zu nehmen und die Bedeutung traditioneller Familienideologie zur Vorstellung der Aufrechterhaltung der Volksgemeinschaft herauszuarbeiten, sondern auch die Geschichte der Enttabuisierung häuslicher Gewalt nachzuzeichnen. Ausgehend von der Diskussion unterschiedlicher Gewaltbegriffe fassen die beiden Sozialpädagoginnen zusammen, „dass Gewalt immer darauf abzielt, andere zu schädigen – körperlich, seelisch, sexuell oder in ihrer sozialen Teilhabe“. Dabei sei „Gewalt im Alltag zum einen mit Positionen von Dominanz, beziehungsweise Macht und Unterordnung, zum anderen mit Geschlechtsidentitäten verstrickt“ und entsprechend als „Ausdruck gesellschaftlich bedingter Macht- und Herrschaftsverhältnisse“ zu bewerten.

Neues Buch: Täterin sein und Opfer werden? Extrem rechte Frauen und häusliche Gewalt. – Bildquelle: Verlag

Rechte Frauen im Frauenhaus
Für ihre Studie haben die beiden Sozialpädagoginnen Mitarbeiterinnen von frauenspezifischen Zufluchtsstätten, in die Frauen (mit ihren Kindern) vor häuslicher Gewalt fliehen können, interviewt. Von 364 kontaktierten Stellen in Deutschland meldeten sich 197 zurück, von denen 11% (21) tatsächlich mindestens einmal oder bereits öfter Erfahrung mit rechten/rechtsextremen Frauen hatte. Ausgehend von den 14 geführten Interviews mit Mitarbeiterinnen der Zufluchtsstätten, die rund 30 Fallgeschichten erzählten, entwickeln Betzler und Degen eine Typologie unterschiedlicher rechter Frauen: die Partnerin (Frauen, die in Beziehung mit einem rechtsextremen Mann stehen/standen, selbst jedoch nicht als rechtsextrem orientiert auffallen, sich selbst als unpolitisch begreifen oder tatsächlich auch abgrenzen), die Zurückhaltende (Frauen, die „zwar der rechtsextremen Szene angehören, jedoch eher durch Kleidung, Besitztümer, einschlägige Vorstrafen, Tattoos erkannt werden als durch rechtsextremes Verhalten), die Auffällige (Frauen, die durch rassistische Bemerkungen (u.a. gegenüber anderen Bewohnerinnen) auffallen und kein Hehl aus ihren Einstellungen machen sowie vereinzelt auch gewalttätig werden) und die Aussteigerin (Frauen, die die Szene verlassen wollen, wobei die Flucht ins Frauenhaus oftmals die Folge davon ist und ein Zusammenhang zwischen Ausstiegswünschen und Gewalt(androhungen) besteht).

Kein allgemein gültigen Standards
Nachdem für alle Einrichtungen gültige Standards weitgehend fehlen, erwiesen sich die Umgangsformen stark abhängig vom jeweiligen Engagement der Mitarbeiterinnen, die in der Regel auf sich selbst gestellt bzw. mit ihren Teams alleine gelassen wirken. Entsprechend stellen Betzler und Degen fest, dass je klarer sich „die einzelnen Teams der Schutzeinrichtungen gegenüber Rechtsextremismus positionieren, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie rechte Frauen als eigenständige Täterinnen dieser Ideologie wahrnehmen und nicht ausschließlich als Opfer häuslicher Gewalt betrachten“. Die Konsequenzen im Umgang mit rechten/rechtsextremen Frauen variieren daher stark und rechte Verhaltensweisen haben trotz der grundsätzlichen Positionierung der Zufluchtsstätten gegen Rassismus und Diskriminierung nicht automatisch einen Rauswurf zur Folge. Während manche Interviewpartnerinnen meinten, die skizzierten Herausforderungen hätten keine Auswirkungen auf ihre Arbeit gehabt, schilderten andere Mitarbeiterinnen Überlegungen zu erhöhtem Sicherheitsrisiko und die jeweilige Hausordnung als Möglichkeit gegen rechtsextreme Einstellungen vorgehen zu können. In mehreren Fällen wurde das Gespräch mit der jeweiligen Frau gesucht und Grenzen deutlich gemacht bzw. vermittelt, dass sie nur bleiben könne, wenn sie sich nicht rassistisch etc. verhalten würde. „Je früher und je klarer ein Gespräch bezüglich der Verhaltensregeln in den Zufluchtsstätten geführt wurde, desto höher scheint die Wahrscheinlichkeit für zurückhaltendes Verhalten von Seiten der rechten Frauen zu sein,“ bilanzieren die beiden Autorinnen. Entsprechend wurde Zurückhaltung auch mehrfach als Voraussetzung für den Aufenthalt genannt. Nicht alle Interviewten stimmten jedoch darin überein, ob rechtsextremen Frauen – insbesondere den Überzeugten – überhaupt Platz in einer Schutzeinrichtung gegeben werden sollte. Verweise aus der Einrichtung standen in manchen Fällen in Verbindung mit Beschwerden seitens anderer Bewohnerinnen, in anderen Erzählungen reichte die rechtsextreme Einstellung für einen Rauswurf aus.
Umfassende Handlungsempfehlungen für Mitarbeiterinnen von Schutzeinrichtungen vermag auch dieses Buch, das stellenweisen das Format einer Hochschulabschlussarbeit nicht ganz ablegen kann, nicht zu geben, zumal seine Stärke ohnehin vor allem in der Enttabuisierung des Themas und dem damit verbundenen Anstoß einer bitter notwendigen Diskussion liegt. So verdeutlicht sich dadurch auch der dringende Handlungsbedarf, vor allem auch angesichts aktueller gesellschaftspolitischer Entwicklungen, die keine Abnahme derartiger Fälle erwarten lassen.

Betzler, Agnes/Degen, Katrin (2016): Täterin sein und Opfer werden? Extrem rechte Frauen und häusliche Gewalt. Hamburg: Marta Press. 27 Euro.