Holocaust-Gedenktag 2017: Gedenken an die Euthanasie-Opfer

Der Deutsche Bundestag gedachte heuer am 27. Jänner, dem internationalen Holocaust-Gedenktag besonders jener Menschen, die im Rahmen der Euthanasie-Programme der Nazis als „lebensunwertes Leben“ von den Nazis ermordet wurden. Wir dokumentieren den Brief von Ernst Putzki, der 1945 ermordet wurde, und Auszüge aus der Rede des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (CDU).

Norbert Lammert hat eine beeindruckende Rede gehalten, die hier nachzulesen ist. Hier werden nur jene Passagen wiedergegeben, die auf Ernst Putzki Bezug nehmen.

Meine Damen und Herren,
alle Fakten zur „Euthanasie“ bleiben ohne die Vergegenwärtigung der Opfer abstrakt. Erst die Einzelschicksale der Gequälten und Ermordeten lassen uns wirklich erkennen, was unschuldigen Menschen angetan wurde. Indem wir ihre Geschichten hören und lesen, an uns heranlassen, geben wir den Opfern posthum wenigstens ihre Würde zurück.
Einer von ihnen war Ernst Putzki. 1902 geboren, stammte er aus Oberdüssel und war Hilfsarbeiter. Bereits 1933 wurde er – wegen rheumatischer Beschwerden – für eineinhalb Jahre in der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Wunstorf untergebracht. 1942 nahm ihn die Gestapo wegen Verfassens und Verteilens von Schreiben angeblich „staatsfeindlichen Inhalts“ fest und ließ ihn wegen vermeintlicher „Geisteskrankheit“ in die Provinzheilanstalt Warstein einliefern. 1943 wurde Ernst Putzki in die Landesheilanstalt Weilmünster verlegt. Von dort schrieb er folgenden Brief an seine Mutter, den Sebastian Urbanski, Schauspieler am integrativen Theater RambaZamba in Berlin, vorträgt.
Im September 1944 verlegten NS-Mediziner Ernst Putzki nach Hadamar, wo seit 1942 Patienten durch überdosierte Medikamente, Nahrungsentzug oder generelle Unterversorgung ermordet wurden. Ernst Putzki starb am 9. Januar 1945, nur wenige Monate nach seiner Einlieferung – angeblich an einer Lungenentzündung. In seiner Krankenakte fanden sich zahlreiche abgefangene Schreiben an Freunde und Familie, in denen er die unmenschlichen Zustände in den Anstalten beschreibt. Auch Ernst Putzkis Brief aus Weilmünster hat seine Mutter nie erreicht.

Der Brief von Ernst Putzki im Wortlaut

Liebe Mutter!
Wir haben heute schon 4 Jahre Krieg und den 3.9.1943. Wir geben Nachrichten! Euer Brief kam am Sonntag d. 22.8. hier an. Die Stachelbeeren bekam ich nicht. Das angekündigte Paket erhielt ich erst gestern und wurde wahrscheinlich zu Fuß hierhin gebracht. Der Inhalt, 2 Pfund Äpfel und eine faule matschige Masse von stinkenden Birnenmus, wurde mit Heißhunger überfallen. Um eine Hand voll zu faulem Zeug rissen sich andere Todeskandidaten drum.
Meine Schilderungen aus Wunstorf wurden nicht geglaubt aber diese hier muß man glauben weil sich jeder von der Wahrheit überzeugen kann. Also: Nachdem ich an Paul 2, an Paula 1 Brief von Warstein schrieb, schickte ich Dir 6 Tage vor dem Transport die Nachricht von unserer Übersiedlung nach hier und bat noch um Deinen Besuch. Der Transport war am 26. Juli und ich bin Montag genau 6 Wochen hier.
Wir wurden nicht wegen der Flieger verlegt sondern damit man uns in dieser wenig bevölkerten Gegend unauffällig verhungern lassen kann. Von den Warsteinern, die mit mir auf diese Siechenstation kamen, leben nur noch wenige.
Die Menschen magern hier zum Skelett ab und sterben wie die Fliegen. Wöchentlich sterben rund 30 Personen. Man beerdigt die hautüberzogenen Knochen ohne Sarg. Die Bilder aus Indien oder Russland von verhungerten Menschen, habe ich in Wirklichkeit um mich. Die Kost besteht aus täglich 2 Scheiben Brot mit Marmelade, selten Margarine oder auch trocken. Mittags u. abends je ¾ Liter Wasser mit Kartoffelschnitzel u. holzigen Kohlabfällen.
Die Menschen werden zu Tieren und essen alles was man eben von anderen kriegen kann so auch rohe Kartoffel und Runkel, ja wir wären noch anderer Dinge fähig zu essen wie die Gefangenen aus Russland.
Der Hungertod sitzt uns allen im Nacken, keiner weiß wer der Nächste ist. Früher ließ man in dieser Gegend die Leute schneller töten und in der Morgendämmerung zur Verbrennung fahren. Als man bei der Bevölkerung auf Widerstand traf, da ließ man uns einfach verhungern.
Wir leben in verkommenen Räumen ohne Radio, Zeitung und Bücher, ja, ohne irgendeine Beschäftigung. Wie sehne ich mich nach meiner Bastelei. Wir essen aus kaputtem Essgeschirr und sind in dünnen Lumpen gekleidet in denen ich schon mehr gefroren habe wie einen ganzen Winter in Hagen.
Vor 5 Wochen haben wir zuletzt gebadet und ob wir in diesem Jahre noch baden, wissen wir nicht. Alle 14 Tage gibt es ein reines Hemd u. Strümpfe. Das ist Sozialismus der Tat.
Euer Ernst

Hier noch der Link zum Video von der Lesung des Briefes von Ernst Putzki durch den Schauspieler Sebastian Urbanski.