Skurrile Weltbilder: Die Juden und die U‑Bahn

„Will ja nie­man­dem etwas unter­stellen.…“, meint Stan­dard-Forum-User „der unverbesser­wis­ser­liche“, und set­zt an zur Dar­legung ein­er der skur­ril­sten und absur­desten anti­semi­tis­chen Kon­struk­tio­nen, die uns in den let­zten Jahren untergekom­men ist.

Ver­schwörungs­the­o­rien haben dur­chaus unter­halt­same Aspek­te: Die Suche nach den Anfangspunk­ten der autore­flex­iv­en Argu­men­ta­tion hat etwas von ein­er Schnitzel­jagd, und viele Argu­men­ta­tion­s­muster sind der­ar­tig skur­ril, dass es schw­er­fällt, sie ernst zu nehmen. Den­noch kön­nen sie für die zu Ver­schwör­ern imag­inierten Grup­pen bisweilen katas­trophale Fol­gen haben. Zurück zum Stan­dard-Poster „der unverbesser­wis­ser­liche“. Der Online-Stan­dard berichtete am 30.1.2014, die U‑Bahnline U2 solle zukün­ftig zwis­chen 19 Uhr und 6 Uhr 30 mit ver­min­dert­er Geschwindigkeit die Strecke zwis­chen den Sta­tio­nen Schot­ten­ring und Taborstraße durch­fahren, „weil sich der Lärm in diesem Streck­enseg­ment stärk­er auf das dicht besiedelte Gebi­et an der Ober­fläche aus­bre­it­et als bei der Pla­nung berech­net“. Und weit­er: „Von den Zügen verur­sachte Schwingungswellen wür­den zu Schallschutzprob­le­men … führen. Um die Anrain­er zumin­d­est abends und nachts vor dem erhöht­en Lärm­pegel zu schützen, wurde … eine Langsam­fahrstelle ein­gerichtet (…).“ Die „Wiener Lin­ien (seien) kür­zlich von mehreren Anrain­ern auf die gestiegene Geräuschkulisse aufmerk­sam gemacht.“ Exper­tIn­nen wür­den nun Mes­sun­gen vornehmen.

Wie mag das zur Begrün­dung anti­semi­tis­ch­er Post­ings gere­ichen, mögen sich geneigte LeserIn­nen nun­mehr fra­gen. Stan­dard-Poster „der unverbesser­wis­ser­liche“ weiß es: „Will ja nie­man­dem etwas unter­stellen.…“ schreibt er qua­si selb­stent­lar­vend. „… aber zwis­chen Schot­ten­ring und Taborstraße wohnen nicht wenige Men­schen jen­er Herkun­ft, die es auch geschafft haben, zwis­chen den Sta­tio­nen Sta­dion und Donau­ma­ri­na einen Sichtschutz instal­lieren zu lassen, wiewohl ein solch­er zwis­chen den Sta­tio­nen Stad­lau und Hard­eg­gasse, sowie an anderen Stellen der Trasse min­destens eben­so argu­men­tier­bar wäre. Das ist eine Par­al­lele, dir (sic!) zumin­d­est mir auf­fällt.

Wer den Zusam­men­hang nicht ken­nt: Zwis­chen den Sta­tio­nen Sta­dion und Donau­ma­ri­na befind­en sich neben einem Einkauf­szen­trum, zwei Park­gara­gen, sehr vie­len Sport­plätzen und der ÖGB-Zen­trale unter anderem auch eine von der Kul­tus­ge­meinde (IKG) betriebene Sport­stätte, ein Senior­In­nen­heim und eine Schule. Die Bau­fläche wurde der IKG als Entschädi­gung für 1938 ger­aubte jüdis­che Sport­plätze zur Ver­fü­gung gestellt. Und tat­säch­lich hat der zweite Bezirk mit knapp 3000 Men­schen den öster­re­ich­weit höch­sten Anteil von Bewohner­In­nen jüdis­chen Glaubens: er beträgt heiße 3% der Bevölkerung.

Stan­dard-Poster „der unverbesser­wis­ser­liche“ will in seinem Post­ing also einen Zusam­men­hang von Tem­pore­duk­tion der U‑Bahn, Sichtschutzan­lage und Men­schen jüdis­chen Glaubens herstellen…

Im Ver­gle­ich zum Post­ing im Stan­dard-Online ist die Verknüp­fung der Geburtsspitze im Mai mit der Ankun­ft der Störche aus ihrem Win­ter­rück­zugs­ge­bi­et ger­adezu ser­iös. Beson­ders erstaunlich ist aber der implizite (aber offenkundig nicht sub­stan­ti­ierte und auch nicht sub­stan­ti­ier­bare) Vor­wurf, dass JüdIn­nen… ja, was denn? … dass JüdIn­nen sich über von der U‑Bahn verur­sacht­en Lärm und Schwingun­gen beschweren…?

Selb­st wenn die Anrainer­In­nen, die sich bei den Wiener Lin­ien über Lärm und Schwingun­gen beschw­ert haben, jüdis­chen Glaubens wären (was rein sta­tis­tisch eher unwahrschein­lich ist angesichts ihrer gerin­gen Anzahl von 3%), so hät­ten diese doch nur das getan, was ihnen von Rechtswe­gen wie jedem anderen Men­schen in diesem Land zuste­ht: sich haben sich über einen Miss­stand beschwert.

Völ­lig ohne Zusam­men­hang mit dem Bericht kon­stru­iert der Poster ein anti­semi­tis­ches Zer­rbild, das einzig zum Inhalt hat, dass Men­schen ein Recht nutzen, das ihnen – wie allen anderen — zuste­ht. Mit dem unsin­ni­gen Zer­rbild darf nun wei­t­er­deliri­ert wer­den: Haben JüdIn­nen etwas gegen U‑Bahnen? Haben sich JüdIn­nen gegen die U‑Bahn ver­schwören, weil sie Öster­re­icherIn­nen am schnellen Fortkom­men mit öffentlichen Verkehrsmit­teln hin­dern wollen? Oder bilden JüdIn­nen eine beson­ders effek­tive Lob­by zur Durch­set­zung ihrer Rechte?

Wom­it wir wieder bei der Gefährlichkeit von Ver­schwörungs­the­o­rien wären: Sie kön­nen noch so absurd sein, aber sie dienen stets LeserIn­nen als Pro­jek­tions­flächen für neg­a­tive Eigen­schaften – und seien die noch so aus den Fin­gern gezogen.

Wenn „der unverbesser­wis­ser­liche“ zufäl­lig zwis­chen Stad­lau und der Sta­tion Hard­eg­gasse wohnt und einen Sichtschutz will, so soll er sich dafür ein­set­zen. Es ste­hen aus­re­ichende rechtliche und poli­tis­che Mit­tel zur Ver­fü­gung, dies zu the­ma­tisieren und durchzuset­zen. Besagtem Poster scheint es aber wichtiger zu sein, sein ver­schwörungs­the­o­retis­ches Welt­bild auszubauen und Schuldige zu find­en: Dass er keinen Sichtschutz hat, ist nicht etwa sein­er eige­nen Inak­tiv­ität geschuldet, son­dern ein­er jüdis­chen Ver­schwörung… gegen wasauchim­mer. Zu diesem Zweck kann dann auch noch mit dem Wort „Herkun­ft“ ein Anknüp­fungspunkt für andere ras­sis­tis­che Diskurse geschaf­fen wer­den. Wobei doch völ­lig klar ist, wo die Herkun­ft jüdis­ch­er Men­schen in Öster­re­ich gele­gen ist: Ganz offen­sichtlich in Öster­re­ich… … aber das passt wohl nicht ins ver­schwörungs­the­o­retis­che Welt­bild des unverbesser­wis­ser­lichen Standardposters…