Niemals vergessen! 9. November — Aspangbahnhof

Ort des Gedenksteins vor dem ehe­ma­li­gen Aspang­bahn­hof (Platz der Opfer der Depor­ta­tion, 1030 Wien)
Fre­itag, 9. Novem­ber 2012 • 18 Uhr

„In den Jahren 1939 — 1942
wur­den vom ehe­ma­li­gen Aspangbahnhof
zehn­tausende öster­re­ichis­che Juden
in Ver­nich­tungslager transportiert
und kehrten nicht mehr zurück“

Niemals vergessen!
Nie wieder Faschismus!

Fre­itag, Ort des Gedenksteins vor dem ehe­ma­li­gen Aspang­bahn­hof (Platz der Opfer der Depor­ta­tion, 1030 Wien)

Zu dieser Kundge­bung rufen auf:

Abg. z. LT Madeleine Petro­vic; Abg. z. NR Karl Öllinger; Alter­na­tive und Grüne Gew­erkschaf­terIn­nen (AUGE/UG); Bund Sozialdemokratis­ch­er Freiheitskämpfer/innen, Opfer des Faschis­mus und aktiv­er Antifaschist/inn/en; Deser­teurs- und Flüchtlings­ber­atung; Doron Rabi­novi­ci (Repub­likanis­ch­er Club); Föder­a­tion der Arbei­t­erIn­nen Syn­dikate (FAS); Gedenk­di­enst; Gew­erkschaftlich­er Links­block (GLB); Grüne Alter­na­tive Wien; Info­laden Wels; Ini­tia­tive Aspang­bahn­hof; Israelitis­che Kul­tus­ge­meinde Wien (IKG Wien); Kom­mu­nis­tis­che Partei Öster­re­ichs – Wien (KPÖ-Wien); KZ-Ver­band (VdA); Lan­desver­band NÖ KZ-Ver­band (VdA); Lan­desver­band Wien KZ-Ver­band (VdA); Mau­thausen Komi­tee Öster­re­ich (MKÖ); Niki Kun­rath – Grüne Alter­na­tive Wien; Öster­re­ichis­che KZ-Vere­ini­gung Buchen­wald; Peter Menasse – Chefredak­teur „Nu“; Pierre Ramus Gesellschaft; Redak­tion „Akin“; Repub­likanis­ch­er Club Wien – Neues Öster­re­ich; Romano Cen­tro – Vere­in für Roma; Sozial­is­tis­che Jugend Wien (SJ-Wien); Sozial­is­tis­che LinksPartei (SLP); Stv. BV Eva Lachkovics – Grüne Alter­na­tive Land­straße; Unab­hängiges Antifaschis­tis­ches Per­so­n­enkomi­tee Bur­gen­land; Vere­in Die Bun­ten – The Glob­al Play­er; Vere­in Inter­na­tionaler Zivildienst

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Niemals vergessen!

Woran gedenken wir am 9. November?
Schon in der Nacht vom 11. zum 12. März 1938, also anläßlich des Ein­marsches der deutschen Wehrma­cht in Öster­re­ich, began­nen Auss­chre­itun­gen gegen Jüdin­nen und Juden in Öster­re­ich. Viele wur­den von SA- und HJ-Leuten wie von „ein­fachen“ Parteim­it­gliedern, die sich ihre Hak­enkreuzbinden und Orden ange­heftet haben, ver­haftet, geschla­gen und öffentlich gedemütigt. Fen­ster­scheiben wur­den eingeschla­gen. Juden und Jüdin­nen wur­den gezwun­gen Parolen, welche Anhänger des aus­tro­faschis­tis­chen Bun­deskan­zlers Schuschnigg am Vor­abend des „Anschlusses“ auf Wände und Gehsteige geschrieben haben mit Reib- und Zahn­bürsten wegzuwaschen. Wiewohl manch­er der Schaulusti­gen ihre Bekan­nten und Fre­undIn­nen unter den Gedemütigten erkan­nt haben mußte, hat nie­mand den Mut aufge­bracht zu protestieren – was zu diesem Zeit­punkt sowohl möglich als auch sin­nvoll hätte sein kön­nen. Mit diesen Erniedri­gun­gen begann die sys­tem­a­tis­che Diskri­m­inierung der öster­re­ichis­chen Juden und
Jüdin­nen. Umso heftiger als im „Altre­ich“, weil in Öster­re­ich die Entwick­lung, die in Deutsch­land fünf Jahre gedauert hat­te, in kürzester Zeit über die Betrof­fe­nen hereinge­brochen ist.
Etwa 200.000 Öster­re­icherIn­nen wur­den nach den „Nürn­berg­er Ras­sen­ge­set­zen“ zu „Juden“ erk­lärt, wobei etwa 180.000 von ihnen tat­säch­lich der jüdis­chen Reli­gion ange­hörten. Die Nazis began­nen mit Berufsver­boten und Aus­bil­dungs­beschränkun­gen, Juden und Jüdin­nen wur­den in ihrer Bewe­gungs­frei­heit eingeschränkt. Das erste Ziel war es, die jüdis­che Bevölkerung aus dem öffentlichen Leben zu drän­gen. Dann sollte ihr die wirtschaftliche Lebens­grund­lage ent­zo­gen und nicht zulet­zt: gle­ich ob Arm, ob Reich, ihr gesamtes Ver­mö­gen ger­aubt wer­den und dieses zumin­d­est nach Willen der Nazi-Granden in die Kassen des „Drit­ten Reich­es“ fließen – obwohl sich auch manch ander­er dabei „bedi­ent“ hatte.
Adolf Eich­mann, ein streb­samer Bie­der­mann im Dien­ste des Sicher­heits­di­en­stes (SD) der SS, wurde nach Wien beordert, um die „Zen­tral­stelle für jüdis­che Auswan­derung“ aufzubauen. „Auswan­derung“ hieß die Beschöni­gung für das Vorhaben der Nazis, möglichst viele Jüdin­nen und Juden aus Öster­re­ich zu vertreiben. Doch davor sollte sichergestellt wer­den, daß diese nicht mehr als die notwendig­sten Hab­seligkeit­en mit sich nehmen kon­nten, der gesamte übrige Besitz wurde beschlagnahmt.
Trotz des stetig zunehmenden Ter­rors durch die Nazis kon­nten und woll­ten viele die Heimat nicht Hals über Kopf ver­lassen. Beson­ders älteren Men­schen fiel das schwer.
Die führen­den Nazis hat­ten schon lange auf einen Anlaß gewartet, die JüdIn­nen­ver­fol­gung zu ver­schär­fen. Sie braucht­en einen Vor­wand, mit dem sie diese v. a. auch gegenüber dem Aus­land recht­fer­ti­gen und gegenüber der eige­nen Bevölkerung die Akzep­tanz dafür erhöhen konnten.

Der 9. Novem­ber 1938 –
die Bedeu­tung des Novemberpogroms

Der 17-jährige Her­schel Gryn­sz­pan schoß am 7. Novem­ber in Paris als Protest gegen die JüdIn­nen­ver­fol­gung auf den deutschen Diplo­mat­en Ernst v. Rath, nach­dem seine Eltern und Geschwis­ter aus Deutsch­land nach Polen abgeschoben wor­den waren. Nach­dem Rath kurz später starb, organ­isierte Joseph Goebbels am 9. Novem­ber 1938 eine reich­sweite Aktion gegen die jüdis­che Bevölkerung, welche als „spon­tan­er Aus­bruch des Volk­szorns“ getarnt wurde.
Diese Aktion wurde wegen der gelegten Feuer, welche sich in den zer­broch­enen Fen­ster­scheiben wie „Kristalle“ spiegel­ten beschöni­gend „Reich­skristall­nacht“ genan­nt. Diese Nacht dauerte tat­säch­lich mehrere Tage und Nächte. Nun wur­den tausende jüdis­che Woh­nun­gen und Geschäfte geplün­dert, zer­stört und „arisiert“. 42 Syn­a­gogen und Bethäuser wur­den in Brand gesteckt und ver­wüstet. Nicht nur in Wien, auch in den kleineren öster­re­ichis­chen Städten wie Inns­bruck kam es zu bluti­gen Über­grif­f­en. Zahlre­iche Men­schen star­ben in Öster­re­ich während des und nach dem Novem­ber­pogrom an den Fol­gen der Mißhand­lun­gen oder nah­men sich aus Verzwei­flung das Leben.
6547 Juden wur­den in Wien im Zuge des Novem­ber­pogroms ver­haftet, 3700 davon ins KZ Dachau deportiert. Und: Die jüdis­che Bevölkerung wurde dazu verpflichtet für alle Schä­den des gegen sie gerichteten Pogroms aufzukommen!
Das Novem­ber­pogrom war der entschei­dende Schritt, die begonnenen Entrech­tungs- und Beraubungs­maß­nah­men gegen Juden und Jüdin­nen zu vol­len­den. Es war aber auch eine Art „Test­lauf“ der Nazis, wieviel JüdIn­nen­ver­fol­gung der Bevölkerung zuzu­muten sei, ohne daß es zu nen­nenswertem Wider­stand dage­gen kommt.

Der Aspang­bahn­hof

Mit dem deutschen Über­fall auf Polen begann
offiziell der 2. Weltkrieg in Europa. Zu diesem Zeit­punkt lebten noch etwa 70.000 Jüdin­nen und Juden in Wien. Alle verbliebe­nen öster­re­ichis­chen Jüdin­nen und Juden waren mit­tler­weile nach Wien geschickt wor­den. Dort lebten sie zusam­mengepfer­cht in Sam­mel­woh­nun­gen und ‑lager, unter schlecht­en Bedin­gun­gen und schlecht ver­sorgt. Sie wur­den reg­istri­ert und mußten ab Sep­tem­ber 1941 einen gel­ben David­stern tra­gen, wie auch die noch von Jüdin­nen und Juden bewohn­ten Woh­nun­gen mit einem solchen gekennze­ich­net wur­den, um den Behör­den die Ver­fol­gung bzw. Aushe­bung für die Depor­ta­tio­nen zu erleichtern.
Die ersten Depor­ta­tio­nen soll­ten noch dem zumin­d­est vorge­blichen Ziel dienen, deutsche bzw. öster­re­ichis­che Jüdin­nen und Juden in einem „Juden­reser­vat“ in Polen anzusiedeln. Dieser Plan wurde aber nie verwirklicht.
Im Früh­jahr 1941 forderte der neue Gauleit­er von Wien, Bal­dur von Schirach, die Depor­ta­tio­nen wieder aufzunehmen, um die verbliebe­nen jüdis­chen Woh­nun­gen „freimachen“ zu kön­nen. Juden und Jüdin­nen wur­den erfaßt und reg­istri­ert und in der Folge Lis­ten für die Depor­ta­tio­nen zusammengestellt.
Die Depor­ta­tio­nen erfol­gten vom Aspang­bahn­hof. Diese wur­den zuerst mit nor­malen Per­so­n­en­wag­gons der 3. Klasse, später dann mit Viehwag­gons, durchge­führt und „nur“ von nor­maler Polizei bewacht, nicht von der SS. Zum einen woll­ten die Nazis wohl die Illu­sion ein­er „Auswan­derung“ für die Betrof­fe­nen und die beobachte­tende Bevölkerung aufrechter­hal­ten, zum andern rech­neten sie nicht mit nen­nenswertem Wider­stand durch die Betrof­fe­nen, weil viele der aus Wien Deportierten ältere Men­schen bzw. Frauen waren. Die Opfer der ersten Depor­ta­tio­nen im Jahr 1941 wur­den auf die Ghet­tos im beset­zten Rest-Polen aufgeteilt. Arbeits­fähige kamen meist in die Zwangsar­beit­slager der SS. Die meis­ten dieser am Anfang 1941 Deportierten soll­ten im Früh­jahr und Som­mer 1942 „Auskäm­mak­tio­nen“ der SS zum Opfer fall­en oder wur­den zusam­men mit den pol­nis­chen Jüdin­nen und Juden in die Ver­nich­tungslager gebracht. Tausende öster­re­ichis­che Juden und Jüdin­nen wur­den in Lagern wie Maly Trostinez massen­haft erschossen oder in Gaswa­gen ermordet.
Später führten die Depor­ta­tion­szüge vom Aspang­bahn­hof in das Ghet­to There­sien­stadt in der Nähe von Prag, von wo aus die Züge Rich­tung Ver­nich­tungslager Tre­blin­ka, Sobi­bor, Auschwitz bzw. Auschwitz/Birkenau gin­gen, welche mit­tler­weile schon mit riesi­gen Gaskam­mern aus­ges­tat­tet waren. Mit dem Zweck möglichst viele Men­schen in möglichst kurz­er Zeit und – für die Mörder – möglichst „scho­nend“ umzubringen.
Unter­dessen wur­den auch öster­re­ichis­che Roma und Sin­ti (sie wur­den zuerst als „Asoziale“, später als „Zige­uner“ ver­fol­gt) von der Krim­i­nalpolizei bzw. Gestapo beraubt und in den Lagern Lackenbach/Burgenland, Maxglan/Salzburg und St. Pantaleon/OÖ interniert. Sie wur­den immer wieder zu Zwangsar­beit herange­zo­gen. Etwa 5000 Roma und Sin­ti, in der Regel ganze Fam­i­lien, wur­den 1941 in das Ghet­to Lodz deportiert und let­ztlich im Ver­nich­tungslager Kulmhof/Chelmo ermordet. Ein großer Teil der verbliebe­nen Roma und Sin­ti aus Öster­re­ich wurde nach Auschwitz/Birkenau gebracht und ermordet, nur wenige über­lebten. Bei der Befreiung des Lagers Lack­en­bach durch die Rote Armee waren dort noch höch­stens 400 Häftlinge.
Nach 40 großen und vie­len kleineren Trans­porten aus Wien lebten von 200.000 öster­re­ichis­chen Jüdin­nen und Juden 1945 noch etwa 5000 in Wien. Sog­ar noch in den let­zten Tagen der Kämpfe um Wien verübte eine SS-Ein­heit ein Mas­sak­er an neun hier verbliebe­nen Juden.
15 bis 20.000 öster­re­ichis­che Jüdin­nen und Juden, welche sich nach der Flucht in die Tsche­choslowakei, nach Bel­gien und Frankre­ich schon in Sicher­heit geglaubt haben, fie­len nach der Eroberung dieser Län­der durch die deutsche Wehrma­cht ihren Mördern in die Hände.
6 Mil­lio­nen europäis­che Juden und Jüdin­nen sind der Shoa, auch „Holo­caust“ genan­nt, zum Opfer gefall­en, min­destens 65.500 davon stammten aus Öster­re­ich. Diese Zahl ist eine Min­destzahl, da viele Ermordete namen­los oder auch „staaten­los“ waren und deshalb nicht als öster­re­ichis­che Staats­bürg­erIn­nen erfasst wur­den. Von den 11 bis 12.000 öster­re­ichis­chen „Zige­unern“ wur­den zwis­chen 1938 und 1945 schätzungsweise 9500 ermordet, etwa 2000 über­lebten die Depor­ta­tio­nen. Zudem sind zig­tausende „Erbkranke“ (Behin­derte), „Asoziale“, Zeug­In­nen Jeho­vas, Zwangsar­bei­t­erIn­nen, Deser­teure und „Wehrkraftzer­set­zer“, Homo­sex­uelle, Krim­inelle und poli­tis­che Geg­ner­In­nen bzw. Wider­stand­skämpferIn­nen aus Öster­re­ich der Mord­maschiner­ie der Nazis zum Opfer gefallen.

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Wien – „Welthaupt­stadt des Anti­semitismus“ um 1900
Von Dr. Ger­hard Sen­ft, Pierre Ramus Gesellschaft

Das Bild von Wien um 1900 ist nach
wie vor Gegen­stand roman­tis­ch­er Verk­lärung. Die Fülle großar­tiger Schöp­fun­gen auf den Gebi­eten der Kun­st und der Wis­senschaften lässt pos­i­tive gedankliche Verbindun­gen dur­chaus zu. Doch das Wien der Jahrhun­der­twende ist nicht nur das Wien bedeu­ten­der kul­tureller und geistiger Strö­mungen, es ist auch jenes Wien, in dem der junge Adolf Hitler um wenige Heller seine ersten anti­semi­tis­chen Broschüren erstanden hat.
Die krisen­hafte ökonomis­che Entwick­lung im Gefolge des Wiener Börsenkrachs von 1873 hat­te eine poli­tis­che Wende in Rich­tung Feu­dalkon­ser­v­a­tivis­mus und Nation­al­is­mus her­beige­führt. Damit ein­her ging eine wach­sende Juden­feindlichkeit, die sich vor allem gegen die Zuwan­derung aus den östlichen Prov­inzen der Monar­chie richtete. An der Uni­ver­sität Wien, die sich als ein „deutsch­er Tem­pel der Wis­senschaften“ zu gerieren ver­suchte, kam es im Dezem­ber 1875 im Zuge ein­er Vor­lesung des bekan­nten Medi­zin­ers Theodor Bill­roth zu ersten anti­semi­tis­chen Auss­chre­itun­gen. Dessen The­sen „gegen schlimme gal­izis­che und ungarische jüdis­che Ele­mente“ wur­den von ein­er deutschna­tion­al gesin­nten Stu­den­ten­schaft begeis­tert aufgenommen.
Ein frucht­bar­er Boden für ras­sis­tis­ches Gedankengut fand sich auch im kleingewerblichen Milieu, in dem neben der katholis­chen Tra­di­tion auch ein tief ver­wurzel­ter Anti­ju­dais­mus nach­wirk­te. Die Empfänglichkeit gegenüber der Het­zpro­pa­gan­da eines Karl Lueger war hier beson­ders aus­geprägt. Geschickt ver­stand es der Wiener Bürg­er­meis­ter und Führer der Christlich­sozialen Partei, die mit der kap­i­tal­is­tis­chen Entwick­lung aufk­om­menden Exis­ten­zäng­ste zu instru­men­tal­isieren und damit einem wirtschaftlichen Anti­semitismus Auftrieb zu ver­lei­hen. Nicht zufäl­lig waren es über­wiegend Gewer­be­treibende, die die Auf­nahme der Geschäft­stätigkeit der Wiener Back­waren­fab­rik Anker­brot durch die Brüder Hein­rich und Fritz Mendl 1891 mit anti­semi­tis­chen Kundge­bun­gen begleiteten.
Zum engeren Per­so­n­enkreis um Lueger zählte der Poli­tik­er und Hochschullehrer Josef Schlesinger, der sich im Jahr 1898 mit fol­gen­den Worten an den öster­re­ichis­chen Reich­srat wandte: „Ein offen­er Blick in das prak­tis­che Leben zeigt uns die That­sache, daß ins­beson­dere das wirth­schaftliche Leben unser­er Zeit von den Juden beherrscht wird. … Wo ein­stens die Juden nur geduldet wur­den, sind sie jet­zt die Her­ren, und die Nachkom­men der Chris­ten sind jet­zt ihre Knechte; ja soweit ist es gekom­men, daß Juden als Herrschafts­be­sitzer zu Patronat­sher­ren christlich­er Pfar­ren gewor­den sind. … Schaf­fen wir ein Gegengewicht dem Bunde der Juden, der
Alliance Israelite, schaf­fen wir einen Bund der Ari­er, der uns Ari­er Alle … zu ein­er großen Volks­macht zusam­men-führt; … stre­it­en und kämpfen wir doch lieber vere­int gegen die uns unter­jochende jüdis­che Geld­herrschaft, gegen den volk­swirth­schaftlichen, unsere arische Cul­tur ver­nich­t­en­den semi­tis­chen Ring …“ Schlesinger schloss mit den Worten: „Also hoher Reich­srath, erkenne Deine Mis­sion und führe uns Ari­er zum Siege!“

Auf­fäl­lig ist im gegebe­nen Zusam­men­hang, dass Schlesingers Denken über den religiös und wirtschaftlich fundierten Anti­semitismus sein­er Zeit hin­aus­ge­hend eine deut­liche rassenide­ol­o­gis­che Ori­en­tierung enthielt. Es war kein gerin­ger­er als Karl Kraus, der die Quelle, aus der Schlesinger seine ungeisti­gen Anre­gun­gen bezog, aufgedeck­te: „Herr Abge­ord­neter Schlesinger“, schrieb Kraus in der Novem­ber-Aus­gabe der Fack­el 1899, „ich bat Sie neulich, bei Ihren Inter­pel­la­tio­nen im Abge­ord­neten­haus und bei Ihren Citat­en im Deutschen Volks­blatt die Quelle nie zu vergessen und ger­ade­heraus zu sagen, daß Sie Ihre Wis­senschaftlichkeit aus Hous­ton Stew­art Cham­ber­lain beziehen, dessen ‘Grund­la­gen’ soeben voll­ständig erschienen sind.“ Für Kraus war Schlesinger in erster Lin­ie ein Pla­gia­tor Cham­ber­lains (Die Grund­la­gen des 19. Jahrhun­derts, 1898). Für die Geschichtswis­senschaft gilt Cham­ber­lain heute als ein­er der Ein­peitsch­er des Rassen-Anti­semitismus, der in famil­iär­er und ide­ol­o­gis­ch­er Nähe zu Richard Wag­n­er den Hitler-Faschis­mus mit vor­bere­it­en half.

Lueger und Schlesinger waren dur­chaus keine Einzel­er­schei­n­un­gen bei den öster­re­ichis­chen Christlich­sozialen: Das Pro­gramm der Christlich­sozialen Partei von 1926 bein­hal­tete ein klares Beken­nt­nis zum Anti­semitismus. Zudem sah Engel­bert Doll­fuß, der Öster­re­ich 1933 in die aus­tro­faschis­tis­che Dik­tatur führte, die ide­ol­o­gis­chen Gren­zen zwis­chen Christlich­sozialen und Nation­al­sozial­is­ten alles andere als klar. Doll­fuß am 14. März 1933: „Was im Nation­al­sozial­is­mus und seinen Ideen gesund ist, das ist altes, christlich-soziales Pro­gramm …“ Doll­fuß zeigte 1933 zudem hohe Bere­itschaft, Nation­al­sozial­is­ten in seine Regierung aufzunehmen, auch sein Vorgänger im Bun­deskan­zler­amt, Ignaz Seipel, hat­te die Nation­al­sozial­is­ten als poten­tielle Bünd­nis­part­ner erachtet.

Der Stän­destaat der Aus­tro­faschis­ten zwis­chen 1934 und 1938 lief auf eine bedenken­lose Imi­ta­tion totalitärer/autoritärer Vor­bilder hin­aus und er leis­tete eine Grund­la­ge­nar­beit, die mit nation­al­sozial­is­tis­chem Gedankengut zumin­d­est teil­weise kon­gru­ent war. Als im Juni 1936 der frei­denkerische Philoso­phiepro­fes­sor Moritz Schlick das Opfer eines poli­tisch rechts­gerichteten Atten­täters wurde, war es die Presse des Stän­destaates, die dem Ermorde­ten noch Schmähun­gen ins Grab mit­gab. Im Wochen­blatt Schönere Zukun­ft stand zu lesen: „Der Jude ist der geborene Ameta­physik­er, er liebt in der Philoso­phie den Logozis­mus, den Math­e­ma­tizis­mus, den For­mal­is­mus und Pos­i­tivis­mus, also lauter Eigen­schaften, die in höch­stem Maße Schlick in sich vere­inigte.“ Das Linz­er Volks­blatt gab die authen­tis­chen klerikoau­toritären Töne von sich: Schlick habe „Edel­porzel­lan des Volk­s­tums“ ver­dor­ben, „heimath­örige Schol­lenkinder, edlen Wuchs aus dem geisti­gen Kraftreser­voir unseres Bauern­standes.“ So wurde Schlick zulet­zt noch zum „schuldigen Ermorde­ten“ gestem­pelt, dessen Mörder in Wahrheit unschuldig war.
An den Hochschulen war es bere­its zuvor zu gehäuften anti­semi­tis­chen Über­grif­f­en gekom­men. Als beson­ders üble Fig­ur erwies sich in dem Zusam­men­hang Oth­mar Spann, seines Zeichens Pro­fes­sor an der Uni­ver­sität Wien, dessen Vor­lesungsin­halte sowohl die katholisch-kon­ser­v­a­tive als auch die deutschna­tionale Stu­den­ten­schaft ansprachen. Der Zeitzeuge und spätere Wiener Kul­turstad­trat Vik­tor Mate­j­ka berichtet in seinen Erin­nerun­gen von Anhängern Spanns, die nach den Vor­lesun­gen ihres Idols aufge­heizt aus dem Hör­saal stürmten, um jüdis­che Kom­mili­to­nen zu ver­prügeln. Für Spann zeich­neten sich die Juden vor allem durch ihre „Ver­stock­theit“ aus, bar jed­er „schöpferischen Begabung“ seien sie nur bestrebt, ihr „Wirtsvolk“ zu „zer­set­zen“. Spann hat­te zunächst die Nähe der faschis­tis­chen Heimwehr gesucht, rück­te in den 1930er Jahren aber immer stärk­er in Rich­tung Nationalsozialismus.
Zu dieser Zeit waren jüdis­che Mit­bürg­erin­nen und Mit­bürg­er bere­its von zahlre­ichen Organ­i­sa­tio­nen, vom Sportvere­in bis zur Stu­den­ten­verbindung, aus­geschlossen. Im stän­destaatlichen Öster­re­ich beschränk­te sich der gewerbliche Anti­semitismus auch nicht mehr allein auf ver­bale Hiebe gegen das „Ost-Juden­tum“. Juden wur­den keine Funk­tio­nen im Bund der öster­re­ichis­chen Gewer­be­treiben­den mehr zuge­s­tanden, zu Wei­h­nacht­en 1937 wurde eine bis dahin in Öster­re­ich nahezu beispiel­lose Kam­pagne ges­tartet, mit der die Geschäfte jüdis­ch­er Inhab­er boykot­tiert wer­den sollte.
Als in der ersten Jahreshälfte 1938 der Anschluss Öster­re­ichs an das Deutsche Reich vol­l­zo­gen wurde, war der Boden für kom­mende Ver­fol­gungs- und Ver­nich­tungsak­tio­nen bere­its wesentlich aufbereitet.

Das Gedenken am 9. Novem­ber im Internet:
http://www.initiative-aspangbahnhof.org