Orbáns großer Vogel

Victor Orbán, der ungarische Ministerpräsident, ist bekanntlich kein Mann schwacher Worte. Wie es um seine Ansichten zur ungarischen Nation und den Nachbarstaaten Ungarns bestellt ist, legte er ein weiteres Mal in einer Rede anlässlich der Einweihung eines neuen Denkmales dar.

Bei der neu eingeweihten Statue handelt es sich ausnahmsweise um keine Büste des ehemaligen Reichsverwesers und Klerikalfaschisten Miklós Horthy, dem Orbáns „nationalkonservative“ Fidesz regelmäßig huldigt. Das neue Monument, das sich im südungarischen Ópusztaszer befindet und von dem ungarischen Premier Ende September feierlich eingeweiht wurde, stellt einen Turul-Vogel dar. Bei diesem handelt es sich um ein Fabelwesen, das seit jeher eine besondere Bedeutung für die ungarischen Nationalisten innehat – so fand der Vogel sowohl unter Horthy als auch unter der kurzen Schreckensherrschaft der Pfeilkreuzler, der ungarischen Nationalsozialisten, rege Verwendung.


⇒ derstandard.at – Umstrittene Blut-und-Boden-Rede Orbáns

Abgesehen davon, dass neben Horthy-Büsten nun wieder auch Symbole offener Nationalsozialisten Platz in Ungarns nationaler Geschichtsschreibung finden, ist besonders die Rede des Premiers bemerkenswert. Zwar übte sich dieser selten in Zurückhaltung, ging es darum eine Revision des Friedensvertrages von Trianon zu fordern oder seinen „modernen, besonnenen Patriotismus“ zum Ausdruck zu bringen, aber hier Gesagtes lässt eine neue Qualität seiner völkischen Rhetorik erkennen.

So begann der starke Mann im ungarischen Staat seine Rede mit einer Beschwörung des ungarischen Blutes und Bodens:

„Der Turul ist ein Urbild, das Urbild der Ungarn. Wir werden in es hineingeboren, so wie wir in unsere Sprache und Geschichte hineingeboren werden. Das Urbild gehört zum Blut und zum Heimatboden. Von dem Augenblick an, wo wir als Ungarn auf die Welt kommen, schließen unsere sieben Stämme den Blutbund, gründet unser heiliger Stephan den Staat, unterliegen unsere Truppen in der Schlacht bei Mohács, der Turul aber ist das Symbol der nationalen Identität der jetzt lebenden, der schon gestorbenen und der erst noch auf die Welt kommenden Ungarn. (…)“.

Auch Ausschweifungen über ein Großungarn über die heutigen Grenzen hinaus fanden Platz in Orbáns Ausführungen:

„Dieses Denkmal will uns sagen, dass es nur ein einziges Vaterland gibt, und zwar jenes, welches dazu fähig ist, alle Ungarn diesseits und jenseits der Trianon-Grenzen in einer einzigen Gemeinschaft zu vereinigen.“

Zu guter Letzt befand der Politiker, der sich zeitweise immerhin zum Vize-Präsident der Europäischen Volkspartei wählen lassen wollte, es auch nicht für notwendig seinen Sozialdarwinismus zu verschleiern:

„Wer die Zeichen der Zeit zu lesen vermag, der kann sie lesen. Eine Welt neuer Gesetze kommt auf den europäischen Kontinent zu. Das erste Gebot dieser im Entstehen begriffenen neuen Welt lautet: Die Starken vereinigen sich, die Schwachen zerfallen, das heißt, die Angehörigen starker Nationen halten zusammen, die der schwachen Nationen laufen auseinander. Ich wünsche jedem Ungarn, dass er Ohren haben möge zu hören und dass er die Zeichen lesen möge.“

Nach den zahlreichen, rechtsextremen und/oder streng nationalistischen Geschehnissen unter der Regierung Orbán, über auch wir regelmäßig berichteten, stellen sowohl die Rede als auch die Einweihung eines weiteren völkischen Denkmals keinerlei Neuheit dar. Lediglich die Qualität der völkischen Agitation und Rhetorik nimmt immer wieder neue, erschreckende Ausmaße an.

pusztaranger.wordpress.com – Viktor Orbáns Blut-und Boden-Rede (Dokumentation und Kommentar)
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