London (GB): Rassistischer Mord nach 19 Jahren teilaufgeklärtLesezeit: 2 Minuten

Im April 1993 wird der 18-jäh­ri­­ge schwar­ze Schü­ler Ste­phen Law­rence von ver­mut­lich fünf wei­ßen Gang-Mit­­glie­­dern bei einer Bus­hal­te­stel­le im Stadt­teil Elt­ham (Lon­don) ange­pö­belt und ersto­chen. Am 4. Jän­ner 2012 wer­den zwei aus der Gang zu lebens­lan­gen Haft­stra­fen wegen Mor­des ver­ur­teilt. Auch nach den fast 19 Jah­ren zwi­schen Mord und Urteil sind noch etli­che Fra­gen ungeklärt. […]

7. Jan 2012

Es war Mord „aus kei­nem ande­ren Grund als ras­sis­ti­schem Hass“, stell­te Rich­ter Tre­acey am Straf­ge­richt Old Bai­ley in sei­ner Urteils­be­grün­dung fest und stell­te gleich­zei­tig fest, dass er auf­grund der zur Tat­zeit gül­ti­gen Jugend­straf­ge­setz­ge­bung zu den nied­ri­gen Haft­stra­fen ver­pflich­tet sei. Die lebens­lan­gen Haft­stra­fen wur­den näm­lich in der Form von Min­dest­stra­fen aus­ge­spro­chen, von denen der mitt­ler­wei­le 35-jäh­ri­ge David Nor­ris 14 Jah­re und 3 Mona­te, der 36-jäh­ri­ge Gary Dobson min­des­tens 15 Jah­re und 2 Mona­te absit­zen muss.

Mitt­ler­wei­le wur­den wegen der zahl­rei­chen Mor­de und Atta­cken aus ras­sis­ti­schen Moti­ven näm­lich auch die Straf­sät­ze bei Jugend­li­chen deut­lich ange­ho­ben. Das ist aber nicht die ein­zi­ge Ver­än­de­rung, die durch den bru­ta­len Mord an Ste­phen Law­rence aus­ge­löst wur­de. Nach­dem die ras­sis­ti­schen Täter trotz Zeu­gen erst nach mehr als zwei Wochen ver­haf­tet wur­den, schloss die Staats­an­walt­schaft den Straf­akt im Som­mer 1993 „man­gels Bewei­sen“, wor­auf die Eltern des Opfers einen Mord­pro­zess gegen Dobson und zwei wei­te­re Ver­däch­ti­ge ein­lei­te­ten, der 1996 mit einem Frei­spruch endete.

1997 klag­te die Bou­le­vard­zei­tung „Dai­ly Mail“ fünf nament­lich genann­te Ver­däch­ti­ge in einer mitt­ler­wei­le berühm­ten Schlag­zei­le als „Mör­der“ an und woll­te damit eine Ver­leum­dungs­kla­ge durch die Ver­däch­tig­ten pro­vo­zie­ren (die nicht erfolg­te). Der Regie­rungs­wech­sel von den Kon­ser­va­ti­ven zu Labour 1997 brach­te neue Bewe­gung in den Fall. Innen­mi­nis­ter Jack Straw beauf­trag­te eine Kom­mis­si­on (Macpher­son) mit einer öffent­li­chen Unter­su­chung, die zu ver­nich­ten­den Urtei­len über die Ermitt­lun­gen im Fall Law­rence und die Arbeit der Lon­do­ner Poli­zei im gene­rel­len kam, die des „insti­tu­tio­nel­len Ras­sis­mus“ ange­klagt wurde.

In der Fol­ge kam es zu Maß­nah­men gegen den poli­zei­li­chen Ras­sis­mus und sogar zur Ände­rung des jahr­hun­der­te­al­ten Rechts­grund­sat­zes bei Mord­fäl­len, wonach nie­mand zwei­mal für die­sel­be Tat vor Gericht gestellt wer­den darf. 2006, nach­dem ein BBC-Bericht ent­hüll­te, dass kor­rup­te Poli­zis­ten vom Vater eines der Ver­däch­ti­gen besto­chen wor­den waren, titel­te die „Dai­ly Mail“ neu­er­lich mit ihrer „Murderer“-Schlagzeile, aber erst 2010 gelang nach auf­wen­di­gen DNA-Unter­su­chun­gen die Beweis­füh­rung für die Ankla­ge gegen Dobson und Nor­ris, die jetzt mit ihrer Ver­ur­tei­lung endete.

Offen bleibt die Betei­li­gung der drei ande­ren Gang-Mit­glie­der an dem Mord. Da die­se und die bei­den Ange­klag­ten bis­lang jede Aus­sa­ge dazu ver­wei­gert haben, sind die Ermitt­ler rat­los. Klar ist nur eines: Ohne die Anstren­gun­gen der Eltern des Ermor­de­ten, ohne ihre Unter­stüt­zung durch enga­gier­te Medi­en wären der Mord an Ste­phen Law­rence ver­mut­lich bis heu­te nicht ein­mal (teil-) auf­ge­klärt und Dobson und Nor­ris nicht verurteilt!

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