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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Startseite | Dokumentation | Kommentar

Lesezeit: 3 Minuten

Kommentar: Ein echter Freiheitlicher und das Wörtchen „Damals“!

Herbert Kickl, Generalsekretär der FPÖ, hat früher, in einem anderen Leben, die Reden für Jörg Haider geschrieben. In einem anderen Leben, weil Kickl „natürlich“ genauso wenig wie Strache mit der eigenen und der Vergangenheit insgesamt etwas zu tun haben will.

18. Nov. 2011

Vielleicht hat er auch nicht die kompletten Reden geschrieben, sondern nur die Pointen verfasst, die die Biertische zum Erbeben gebracht haben. Die über den Ariel mit dem Dreck am Stecken oder über den Westentaschen-Napoleon. Jedenfalls darf Kickl seine Reden und Pointen jetzt selbst zum Vortrag bringen.

Am Donnerstag, 17.11.2011 sprach Kickl, der auch Sozialsprecher der FPÖ ist, im Nationalrat zum Budget und nutzte seine Rede für eine Selbstentblößung der besonderen Art. Er redete über Armut und Pensionisten:

Sie wissen genauso gut wie ich, Herr Sozialminister, dass viele dieser armen Menschen in Österreich deshalb so arm sind, weil sie Pensionisten sind, weil sie in Österreich als Dank und Anerkennung für ihre Leistung, für ihre Aufbauleistung – weil sie damals nicht davongelaufen sind, sondern weil sie angepackt haben, weil sie nicht davongelaufen sind so wie andere, die Sie verhätscheln, meine Damen und Herren, aus aller Herren Länder – viel zu wenig bekommen. (Hervorhebungen SdR, Quelle: vorläufiges Stenographisches Protokoll)

Der Satzaufbau ist etwas wirr, aber der Kern der Kickl-Tirade ist dennoch schnell erschlossen: Die meisten armen Menschen in Österreich sind Pensionisten. Die sind deshalb so arm, weil sie als Dank und Anerkennung für ihre Leistung viel zu wenig bekommen. Warum bekommen sie so wenig? Weil sie nicht davongelaufen sind, sondern angepackt haben und eine Leistung, eine Aufbauleistung erbracht haben. Die anderen, die davongelaufen sind und aus aller Herren Länder sind, werden verhätschelt. Von wem? Der Redner zeigt mit dem Finger auf die Sozialdemokratie.

Und wer sind die Verhätschelten „aus aller Herren Länder“? Kickl sagt es nicht, aber es gibt nur eine einzige Figur, die der Beschreibung entspricht: der Jude, „der ewige Jude“, der rastlos über die ganze Welt umherzieht („aus aller Herren Länder“), der aus Österreich „davongelaufen“ ist, daher, im Unterschied zu den anderen, die angepackt haben, keine Leistung, keine Aufbauleistung erbracht hat und von den Sozialdemokraten verhätschelt wird. „Davongelaufene“ – mit diesem zynischen Terminus meint Kickl nicht etwa Deserteure oder jene DemokratInnen, die vor dem Hitler-Regime noch aus Österreich flüchten konnten. Die zusätzlichen Attribute der „Verhätschelten“ und der „aus aller Herren Länder“ definieren die Gruppe eindeutig, lassen keine andere Erklärung mehr zu: die Juden sind gemeint!

Ist ein Irrtum bei meinen Schlussfolgerungen ausgeschlossen? Ein FPÖ-Abgeordneter meinte nach meiner ersten Stellungnahme zu dieser Kickl-Rede sinngemäß, ich sollte nicht immer in der Vergangenheit die Probleme suchen, gemeint seien die Zuwanderer „aus aller Herren Länder“. Ein berechtigter Einwand? Sicher nicht! Kickl sprach von denen, die „damals“ davongelaufen sind, während die anderen „damals“ angepackt hätten.

Eine entsetzliche, eine unglaublich zynische Rede! In jedem einigermaßen aufmerksamen westeuropäischen Parlament wäre dieser Wortmeldung von Kickl eine heftige Debatte gefolgt – ein Rücktritt wäre unvermeidbar.

Karl Öllinger

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Schlagwörter: Antisemitismus | FPÖ | Wien

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