DARVO steht für eine manipulative Taktik, die von der Psychologin Jennifer Freyd* in den 1990er beschrieben wurde. Dabei geht es um eine schrittweise Täter-Opfer-Umkehr, die medienwirksam gezielt eingesetzt wird, um zu verharmlosen und dem Opfer-Narrativ zu entsprechen.
Die erste von drei Phasen besteht aus „Deny“, übersetzt „leugnen“. Vorwürfe an die Täter werden als falsch, übertrieben oder falsch interpretiert dargestellt. Man möchte, dass die Opfer ihre eigene Wahrnehmung infrage stellen und anzweifeln.
Danach geht man in die Angriffsphase über („Attack“). Die Täter kehren die Argumentation um und schieben die Verantwortung und Schuld den Opfern zu. Sie greifen das Opfer an, zeigen „typische unangebrachte“ Verhaltensweisen auf und heben sie hervor.
Zum Schluss positionieren sie sich ganz klar als Opfer („Reverse Victim & Offender“) durch eine sogenannte „Täter-Opfer-Umkehr“. Sie verdrehen die Realität und zeigen ihr Opfer-Narrativ am besten in der Öffentlichkeit, um möglichst viel Zuspruch und Bestätigung zu bekommen. So sollen die eigentlichen Opfer unter Druck und zum Schweigen gebracht werden.
Auch, wenn euch beim Lesen vermutlich bereits mindestens ein Beispiel aus eurem Leben oder den Medien eingefallen ist, werdet ihr euch nun vermutlich fragen, was das mit dem inneren Kind und dem Verlangen nach Koffein zu tun hat. Die Antwort ist ganz einfach: Die Anwendung von DARVO durch Martin Sellner in einem Café in Wien.
Martin Sellner provoziert medial gerne, fordert mit seinem Begriff der Remigration massenhafte Abschiebungen von Migrant:innen und Staatsbürger:innen mit Migrationshintergrund. Und fühlt sich zutiefst gekränkt, wenn ihm in einem Wiener Café gesagt wird, dass er nicht bedient wird.
Um die DARVO-Dynamik nachvollziehen zu können, lohnt sich ein Blick auf das, was tatsächlich passiert ist. Anfang August 2026 wollte Sellner in einem Lokal namens „Oben“ in Wien einen Kaffee trinken. Er wurde dort wegen seiner politischen Gesinnung nicht bedient, was ihm auch von der Kellnerin des Lokals mitgeteilt wurde. Sellner filmte den gesamten Vorfall und veröffentlichte das Video später unter anderem auf X. Und in dieser Aufnahme sehen wir die DARVO-Choreografie, die gerade beschrieben wurde. Eine Person, die aufgrund der eigenen Forderungen, Gesinnung und des öffentlichen Auftretens als jemand gesehen werden kann, der anderen (Grund)Rechte verweigern will, inszeniert sich als Opfer, weil ihm selbst etwas verweigert wird, was ihm seiner Meinung nach zusteht.
Was von einigen rechten Influencern und Youtubern gefeiert wird, wirkt auf manch andere aber eher wie eine Person, die sich als Opfer inszenieren möchte und sich gekonnt in Szene setzt. Aus einem Hausverbot gegenüber einem Einzelnen, bei dem sich der Lokalkoch auf das Hausrecht beruft, macht Herr Sellner eine kollektive Kränkung von allen FPÖ-Wähler:innen. Er rief dazu auf, das Lokal zu besuchen und zu „testen“. Er wollte die Namen der Mitarbeiter vor Ort erfahren und riskierte somit auch deren Sicherheit. Denn trotz der Verpixelung im Video wäre es in so einem Lokal leicht, die Personen zu erkennen und somit Rückschlüsse auf ihre Identitäten zu ziehen.
Und hier stellen sich wichtige Fragen:
Darf eine Person, die Ausgrenzung aufgrund der Herkunft zur politischen Forderung macht, sich empören, wenn sie selbst aufgrund der eigenen politischen Gesinnung ausgegrenzt wird? Rechtfertigt eine abgelehnte Bedienung tatsächlich den öffentlichen Aufruf, ein Lokal und seine Mitarbeiter:innen ins Visier von Zehntausenden zu nehmen? Sollte nicht gerade jemand, der Ausschlusskriterien für andere fordert, damit rechnen, dass diese Logik auch irgendwann auf ihn selbst angewendet wird? Macht eine wiederholte Selbstinszenierung in einem Opfer-Narrativ die Erzählung glaubwürdiger? Oder einfach nur lauter?
*Freyd, J. (1997). Violations of Power, Adaptive Blindness and Betrayal Trauma Theory. Aus: Feminism & Psychology Vol. 7 (1).
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