Der Lausanner Stadtpräsident Grégoire Junod spricht nach dem Auffliegen von rassistischen Chatgruppen in der Polizei Lausanne öffentlich von einem „schwerwiegenden systemischen Problem“ (srf.ch, 25.8.25). Das ist für die Schweiz ein Novum: Nationale Medien ordnen die Causa als ersten amtlich dokumentierten Befund einer diskriminierenden Polizeikultur in einer Schweizer Polizeieinheit ein.
Zehntausende Nachrichten
Die Ermittlungen nahmen Fahrt auf, nachdem ein Foto publik geworden war: Ein damaliger Stadtpolizist posierte 2018 mit „Daumen hoch“ neben einem „RIP Mike“-Graffiti – eine Anspielung auf den 2018 nach einer Polizeikontrolle verstorbenen Nigerianers Mike Ben Peter. Beim Auswerten des Telefons stießen Ermittler*innen auf zwei private Chatgruppen. Laut SRF umfassten sie sechs bzw. 48 Mitglieder und 10.000e Nachrichten, darunter auch einige mit deutlichen NS-Bezügen. Zusätzlich wurden tausende Bilder sichergestellt. Etwa zehn Prozent der Lausanner Polizeieinheit waren in den Chatgruppen beteiligt, 21 von ihnen arbeiten nun in anderen Polizeieinheiten.
Wie sicher vor jeglichen Konsequenzen muss man sich eigentlich fühlen, um sich als Polizist *in Uniform* mit einem *Hakenkreuz und einem SS-Abzeichen* fotografieren zu lassen und das ganze dann in einen *Polizei-Gruppenchat* zu stellen
— Basil Schöni (@basilschoeni.bsky.social) 27. August 2025 um 13:18
Der Skandal kippt die seit Jahren schwelende Debatte über rassistische Polizeigewalt im Kanton Waadt in eine neue Phase. In den vergangenen Monaten kam es in Lausanne wiederholt zu Todesfällen im Kontext von Polizeieinsätzen: Ende Mai 2025 starb der 39-jährige Nigerianer Michael Kenechukwu Ekemezie nach einer gewaltsamen Festnahme und dem anschließenden Transport ins Polizeigebäude; Videos zeigen, wie er am Boden fixiert um Hilfe rief. Die Ermittlungen zur Todesursache laufen, doch die Symbolik des Ortes ist bitter: unweit jener Stelle, an der Mike Ben Peter zu Tode kam. Im Juli verunglückte die 14-jährige Portugiesin Camila Belchior Oliveira tödlich, als sie vor einer Polizeikontrolle flüchtete – der beteiligte Beamte zählt zu jenen, die im Ben-Peter-Verfahren angeklagt waren. Am 24./25. August starb schließlich der 17-jährige Marvin (kongolesische Wurzeln) bei der Flucht vor der Polizei auf einem Scooter. Sein Tod löste zwei Nächte Unruhen im Lausanner Viertel Prélaz aus.
Klima der Straflosigkeit
Das Magazin „Republik“ (30.8.25) beschreibt ein über Jahre gewachsenes Klima der Straflosigkeit bei Fällen von Polizeigewalt und verweist auf rechtsextreme Codes im Umfeld einzelner Lausanner Beamter. „Republik“ schildert etwa, wie ein Beamter am Eingang zu einem Gerichtsprozess das Abzeichen der „Thin Blue Line“ trug – ein Symbol, das in rechtsextremen Milieus als Distinktionszeichen genutzt wird.
Zunder bekommen hat die Debatte auch rund um den Fall Roger Nzoy Wilhelm, der 2021 von einem Polizisten mit drei Schüssen getötet wurde – offiziell in Notwehr, weil Nzoy ein Messer gezückt hätte. Eine neue Untersuchung des Recherchekollektivs „Border Forensics“ zerlegt die Notwehr-Version der Polizei Punkt für Punkt. Mit Video‑, Pixel- und Bewegungsanalysen weisen die Forscher nach: Nzoys Hände waren in den entscheidenden Sekunden offen, ein Messer hielt er mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht. Statt „Angriff auf den Beamten“ rekonstruieren sie eine Situation, in der Nzoy eher zu fliehen versuchte und der Schütze ihm hineinlief, bevor er abdrückte. Für die juristische Bewertung ist das zentral: kein Angriff, keine unmittelbare Gefahr – keine Notwehr. Ein Gericht hat die Staatsanwaltschaft, die den Fall zweimal einstellen wollte, inzwischen angewiesen, die Ermittlungen wieder aufzunehmen.
Die wiederkehrende Erzählung – Notwehr, tragische Verkettung, „der Betroffene war gefährlich“ – wurde zum immer wiederkehrenden Erklärungsmuster, das Anschuldigungen wegen Rassismus routiniert zu entkräften versuchte. „Republik“ zitiert einen Anwalt, der schon 2023 darauf hinwies, dass in vier Waadtländer Fällen binnen vier Jahren alle Toten Schwarze waren – und die Gerichte das Thema Rassismus dennoch ausblendeten.
Die Waadt gehört schon lange zu den gefährlichsten Kantonen, was polizeibezogene Todesfälle betrifft. Seit 1992 sind in der Waadt mindestens 14 Menschen in den Händen der Polizei gestorben. Fast immer waren die Opfer männlich und nicht weiss. (republik.ch)
Die Polizeigewerkschaft weist den Vorwurf eines generellen „Systemrassismus“ wenig überraschend zurück – problematische Äußerungen seien zwar „inakzeptabel“, aber nicht repräsentativ für die Mehrheit des Korps (swissinfo.ch, 31.8.25). Das ändert nichts daran, dass Lausanne nun liefern müsste: personelle Konsequenzen, transparente Aufarbeitung und überprüfbare Reformen.
Swissinfo wollte erfahren, welche Masssnahmen in Ausbildung, Rekrutierung und Organisationsentwicklung in Kraft sind, um eine toxische Subkultur wie jene in Lausanne zu verhindern. Dazu haben wir mehrere Polizeikorps, zwei Direktoren von Polizeischulen sowie die Konferenz der kantonalen Polizeikommandantinnen und ‑kommandanten der Schweiz kontaktiert. Am Tag nach den Enthüllungen in Lausanne war jedoch niemand bereit, darüber Auskunft zu geben. (swissinfo.ch, 31.8.25)
Auf die Frage, wie ein derartiges Klima in einer staatlichen Organisation gedeihen konnte, ohne intern auf Widerstand zu stoßen, sprach ein externer Polizeiexperte, der den Rassismus in der Polizei seit 20 Jahren kritisiert, von „Omertà“ (republik.ch): Schweigen als mafiöses Strukturprinzip. Das ist keinesfalls nur in der Schweiz latent vorhanden.
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