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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 4 Minuten

Polizei Lausanne: Viele Todesfälle, Nazi-Chatgruppen und Schweigen als mafiöses Strukturprinzip

Whats­App-Chats mit NS-Bezü­gen, drei Todes­fäl­le bei Poli­zei­ein­sät­zen in drei Mona­ten und ein Stadt­prä­si­dent, der „sys­te­mi­schen Ras­sis­mus“ in der Poli­zei aner­kennt. Die Schwei­zer Stadt Lau­sanne hat ein Poli­zei­pro­blem. Wie es aus­sieht, ein sehr großes.

3. Sep. 2025
Polizei (Symbolfoto; Pixabay Fleimax)
Polizei (Symbolfoto; Pixabay Fleimax)

Der Lau­san­ner Stadt­prä­si­dent Gré­go­i­re Jun­od spricht nach dem Auf­flie­gen von ras­sis­ti­schen Chat­grup­pen in der Poli­zei Lau­sanne öffent­lich von einem „schwer­wie­gen­den sys­te­mi­schen Pro­blem“ (srf.ch, 25.8.25). Das ist für die Schweiz ein Novum: Natio­na­le Medi­en ord­nen die Cau­sa als ers­ten amt­lich doku­men­tier­ten Befund einer dis­kri­mi­nie­ren­den Poli­zei­kul­tur in einer Schwei­zer Poli­zei­ein­heit ein.

Zehntausende Nachrichten

Die Ermitt­lun­gen nah­men Fahrt auf, nach­dem ein Foto publik gewor­den war: Ein dama­li­ger Stadt­po­li­zist posier­te 2018 mit „Dau­men hoch“ neben einem „RIP Mike“-Graffiti – eine Anspie­lung auf den 2018 nach einer Poli­zei­kon­trol­le ver­stor­be­nen Nige­ria­ners Mike Ben Peter. Beim Aus­wer­ten des Tele­fons stie­ßen Ermittler*innen auf zwei pri­va­te Chat­grup­pen. Laut SRF umfass­ten sie sechs bzw. 48 Mit­glie­der und 10.000e Nach­rich­ten, dar­un­ter auch eini­ge mit deut­li­chen NS-Bezü­gen. Zusätz­lich wur­den tau­sen­de Bil­der sicher­ge­stellt. Etwa zehn Pro­zent der Lau­san­ner Poli­zei­ein­heit waren in den Chat­grup­pen betei­ligt, 21 von ihnen arbei­ten nun in ande­ren Polizeieinheiten.

Wie sicher vor jeg­li­chen Kon­se­quen­zen muss man sich eigent­lich füh­len, um sich als Poli­zist *in Uni­form* mit einem *Haken­kreuz und einem SS-Abzei­chen* foto­gra­fie­ren zu las­sen und das gan­ze dann in einen *Poli­zei-Grup­pen­chat* zu stellen

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— Basil Schö­ni (@basilschoeni.bsky.social) 27. August 2025 um 13:18

Der Skan­dal kippt die seit Jah­ren schwe­len­de Debat­te über ras­sis­ti­sche Poli­zei­ge­walt im Kan­ton Waadt in eine neue Pha­se. In den ver­gan­ge­nen Mona­ten kam es in Lau­sanne wie­der­holt zu Todes­fäl­len im Kon­text von Poli­zei­ein­sät­zen: Ende Mai 2025 starb der 39-jäh­ri­ge Nige­ria­ner Micha­el Ken­echuk­wu Eke­me­zie nach einer gewalt­sa­men Fest­nah­me und dem anschlie­ßen­den Trans­port ins Poli­zei­ge­bäu­de; Vide­os zei­gen, wie er am Boden fixiert um Hil­fe rief. Die Ermitt­lun­gen zur Todes­ur­sa­che lau­fen, doch die Sym­bo­lik des Ortes ist bit­ter: unweit jener Stel­le, an der Mike Ben Peter zu Tode kam. Im Juli ver­un­glück­te die 14-jäh­ri­ge Por­tu­gie­sin Cami­la Bel­chi­or Oli­vei­ra töd­lich, als sie vor einer Poli­zei­kon­trol­le flüch­te­te – der betei­lig­te Beam­te zählt zu jenen, die im Ben-Peter-Ver­fah­ren ange­klagt waren. Am 24./25. August starb schließ­lich der 17-jäh­ri­ge Mar­vin (kon­go­le­si­sche Wur­zeln) bei der Flucht vor der Poli­zei auf einem Scoo­ter. Sein Tod lös­te zwei Näch­te Unru­hen im Lau­san­ner Vier­tel Pré­laz aus.

Klima der Straflosigkeit

Das Maga­zin „Repu­blik“ (30.8.25) beschreibt ein über Jah­re gewach­se­nes Kli­ma der Straf­lo­sig­keit bei Fäl­len von Poli­zei­ge­walt und ver­weist auf rechts­extre­me Codes im Umfeld ein­zel­ner Lau­san­ner Beam­ter. „Repu­blik“ schil­dert etwa, wie ein Beam­ter am Ein­gang zu einem Gerichts­pro­zess das Abzei­chen der „Thin Blue Line“ trug – ein Sym­bol, das in rechts­extre­men Milieus als Distink­ti­ons­zei­chen genutzt wird.

Zun­der bekom­men hat die Debat­te auch rund um den Fall Roger Nzoy Wil­helm, der 2021 von einem Poli­zis­ten mit drei Schüs­sen getö­tet wur­de – offi­zi­ell in Not­wehr, weil Nzoy ein Mes­ser gezückt hät­te. Eine neue Unter­su­chung des Recher­che­kol­lek­tivs „Bor­der Foren­sics“ zer­legt die Not­wehr-Ver­si­on der Poli­zei Punkt für Punkt. Mit Video‑, Pixel- und Bewe­gungs­ana­ly­sen wei­sen die For­scher nach: Nzoys Hän­de waren in den ent­schei­den­den Sekun­den offen, ein Mes­ser hielt er mit hoher Wahr­schein­lich­keit nicht. Statt „Angriff auf den Beam­ten“ rekon­stru­ie­ren sie eine Situa­ti­on, in der Nzoy eher zu flie­hen ver­such­te und der Schüt­ze ihm hin­ein­lief, bevor er abdrück­te. Für die juris­ti­sche Bewer­tung ist das zen­tral: kein Angriff, kei­ne unmit­tel­ba­re Gefahr – kei­ne Not­wehr. Ein Gericht hat die Staats­an­walt­schaft, die den Fall zwei­mal ein­stel­len woll­te, inzwi­schen ange­wie­sen, die Ermitt­lun­gen wie­der aufzunehmen.

Die wie­der­keh­ren­de Erzäh­lung – Not­wehr, tra­gi­sche Ver­ket­tung, „der Betrof­fe­ne war gefähr­lich“ – wur­de zum immer wie­der­keh­ren­den Erklä­rungs­mus­ter, das Anschul­di­gun­gen wegen Ras­sis­mus rou­ti­niert zu ent­kräf­ten ver­such­te. „Repu­blik“ zitiert einen Anwalt, der schon 2023 dar­auf hin­wies, dass in vier Waadt­län­der Fäl­len bin­nen vier Jah­ren alle Toten Schwar­ze waren – und die Gerich­te das The­ma Ras­sis­mus den­noch ausblendeten.

Die Waadt gehört schon lan­ge zu den gefähr­lichs­ten Kan­to­nen, was poli­zei­be­zo­ge­ne Todes­fäl­le betrifft. Seit 1992 sind in der Waadt min­des­tens 14 Men­schen in den Hän­den der Poli­zei gestor­ben. Fast immer waren die Opfer männ­lich und nicht weiss. (republik.ch)

Die Poli­zei­ge­werk­schaft weist den Vor­wurf eines gene­rel­len „Sys­tem­ras­sis­mus“ wenig über­ra­schend zurück – pro­ble­ma­ti­sche Äuße­run­gen sei­en zwar „inak­zep­ta­bel“, aber nicht reprä­sen­ta­tiv für die Mehr­heit des Korps (swissinfo.ch, 31.8.25). Das ändert nichts dar­an, dass Lau­sanne nun lie­fern müss­te: per­so­nel­le Kon­se­quen­zen, trans­pa­ren­te Auf­ar­bei­tung und über­prüf­ba­re Reformen.

Swis­s­in­fo woll­te erfah­ren, wel­che Mass­s­nah­men in Aus­bil­dung, Rekru­tie­rung und Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung in Kraft sind, um eine toxi­sche Sub­kul­tur wie jene in Lau­sanne zu ver­hin­dern. Dazu haben wir meh­re­re Poli­zei­korps, zwei Direk­to­ren von Poli­zei­schu­len sowie die Kon­fe­renz der kan­to­na­len Poli­zei­kom­man­dan­tin­nen und ‑kom­man­dan­ten der Schweiz kon­tak­tiert. Am Tag nach den Ent­hül­lun­gen in Lau­sanne war jedoch nie­mand bereit, dar­über Aus­kunft zu geben. (swissinfo.ch, 31.8.25)

Auf die Fra­ge, wie ein der­ar­ti­ges Kli­ma in einer staat­li­chen Orga­ni­sa­ti­on gedei­hen konn­te, ohne intern auf Wider­stand zu sto­ßen, sprach ein exter­ner Poli­zei­ex­per­te, der den Ras­sis­mus in der Poli­zei seit 20 Jah­ren kri­ti­siert, von „Omer­tà“ (republik.ch): Schwei­gen als mafiö­ses Struk­tur­prin­zip. Das ist kei­nes­falls nur in der Schweiz latent vorhanden.

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