Aufgelesen (III)

Bevor wir wieder unseren nor­malen redak­tionellen Betrieb aufnehmen, machen wir noch eine Runde und sack­en einige sehr präg­nante Wort­spenden für ein let­ztes „Aufge­le­sen“ ein. Zu Wort kom­men Mar­tin Pol­lack und Michael Köhlmeier.

Wider­stand ist angesagt

Mar­tin Pol­lack, der viel­seit­ige Autor, Jour­nal­ist und Über­set­zer, ist heuer völ­lig ver­di­ent gle­ich mit zwei Preisen für seine Arbeit aus­geze­ich­net wor­den: dem Johann-Hein­rich-Mer­ck-Preis, der von der Deutschen Akademie für Sprache und Dich­tung vergeben wird, und mit dem öster­re­ichis­chen Staat­spreis für Kul­tur­pub­lizis­tik. Bei den Dankesre­den, die Aus­geze­ich­nete bei solchen Anlässen hal­ten dür­fen, hat Pol­lack deut­liche Worte gesprochen.

„In Sow­jet­zeit­en war die Moskauer Pro­pa­gan­da leicht zu durch­schauen, sie kam plump und durch­sichtig daher. Die neue Pro­pa­gan­da schle­icht auf leisen Sohlen, oft gut getarnt. Sie wird ver­bre­it­et von zahllosen Trollen, die auf Befehl Fake-Pro­file erstellen und Fake-News ver­bre­it­en, um Äng­ste und Unsicher­heit­en zu schüren. Daneben existiert allerd­ings auch noch die alte Pro­pa­gan­da, die plumpe Lüge, die sich allein auf die Autorität des Red­ners stützt, dem kein­er zu wider­sprechen wagt. Jed­er weiß, dass er lügt, und er weiß, dass alle wis­sen, dass er lügt, und trotz­dem lügt er der Öffentlichkeit ins Gesicht, ohne mit der Wim­per zu zuck­en. Jarosław Kaczyńs­ki, Chef der recht­spop­ulis­tis­chen pol­nis­chen Regierungspartei PiS, Recht und Gerechtigkeit, sagte vor einiger Zeit in ein­er öffentlichen Rede, im lib­eralen West­en würde jed­er­mann, der behaupte, aus ein­er homo­sex­uellen Ehe kön­nten keine Kinder her­vorge­hen, unverzüglich ins Gefäng­nis gewor­fen. Beweise dafür führte er keine an. Kaczyńs­ki nimmt als Herrsch­er für sich in Anspruch, die Fak­ten beliebig manip­ulieren zu kön­nen. Er allein bes­timmt, was wahr ist. Dafür gibt es in Polen einen Satz, der schon die Kom­mu­nis­ten und ihren Umgang mit der Wahrheit charak­ter­isierte: Fak­ty są inne? Tym gorzej dla fak­tów. Die Fak­ten sind anders? Umso schlim­mer für die Fak­ten. Alle Regime, von denen hier die Rede ist, regieren mit Angst, sie schüren Äng­ste, Zweifel und Unsicher­heit­en. Äng­ste vor Flüchtlin­gen und Homo­sex­uellen, vor Fem­i­nistin­nen und kri­tis­chen Intellek­tuellen, vor unab­hängi­gen Jour­nal­is­ten und Vertretern von NGOs, und generell vor dem Anderen, dem Frem­den, der anders aussieht und, Gott möge abhüten!, vielle­icht auch noch anders betet. (…)

Was tun? Was kön­nen, was müssen wir tun, um dem recht­en Back­lash, der Aus­bre­itung von Nation­al­is­mus und Frem­den­hass, Het­ze gegen Flüchtlinge und Ander­s­denk­ende Ein­halt zu gebi­eten? Es gibt keine ein­fache Antwort. Doch wir haben ein paar Richtlin­ien, an die wir uns hal­ten kön­nen, auch wenn sie alt sind und naiv klin­gen mögen. Das sollte nicht gegen sie sprechen. In erster Lin­ie heißt es, nicht zu resig­nieren. Nicht den Kopf hän­gen zu lassen. Wir dür­fen nicht wegschauen, im Gegen­teil, wir müssen genau hin­schauen und die Entwick­lung scharf im Auge behal­ten. Wir müssen uns informieren und danach tra­cht­en, auch andere zu informieren. Auf welche Weise auch immer. Wir dür­fen nicht so tun, als wäre alles in Ord­nung. Das ist es nicht! Die Sit­u­a­tion ist gefährlich, brandge­fährlich sog­ar. Das dür­fen wir nie vergessen, son­st wer­den wir über­rollt und an die Wand gedrückt. Wir müssen Wider­stand leis­ten, auf allen Ebe­nen und mit allen Mit­teln, wir müssen schreiben und disku­tieren, stre­it­en und ver­suchen, zu überzeu­gen, wir müssen uns zusam­men­schließen und neue Strate­gien ausar­beit­en. Und wir dür­fen uns auf keinen Fall ein­schüchtern und dazu ver­leit­en lassen, Selb­stzen­sur zu üben. Selb­stzen­sur ist das schlimm­ste Gift, das die Gesellschaft von innen her­aus erodiert.

zur voll­ständi­gen Rede von Mar­tin Pol­lack zur Ver­lei­hung des Johann-Hein­rich-Mer­ck-Preis­es Ein kurz­er ORF-Beitrag ist hier zu sehen.

Nur wenige Wochen später kon­nte Pol­lack die näch­ste Dankesrede hal­ten – anlässlich der Ver­lei­hung des Staat­spreis­es für Kul­tur­pub­lizis­tik. Der „Stan­dard“ hat sie in der Rubrik „Kom­men­tar der Anderen“ veröf­fentlicht. Hier einige Auszüge:

Die Zeit der Scham

Ich schäme mich, dass ein reich­es Land wie Öster­re­ich laut Regierungs­beschluss bei den Ärm­sten der Armen sparen möchte, näm­lich im Rah­men der Index­ierung der Fam­i­lien­bei­hil­fe. Im Aus­land lebende Kinder von EU-Bürg­ern, die hier arbeit­en, sollen weniger Fam­i­lien­bei­hil­fe als in Öster­re­ich lebende Kinder erhal­ten. Und ich schäme mich dafür, dass die FPÖ diesen erbärm­lichen Plan noch mit ras­sis­tis­chen Klis­chees und beschä­menden Sprüchen wie „Unser Geld für unsere Kinder” unter­mauert. Da wer­den Neid, Zwi­etra­cht und Frem­den­feindlichkeit geschürt, ungeachtet der Tat­sache, dass viele Opfer hierzu­lande als Pflegekräfte arbeit­en, ohne die unser Pflegesys­tem inner­halb weniger Tagen zusam­men­brechen würde. (…)

Ich schäme mich, dass Ange­hörige der FPÖ immer wieder durch ihre Nähe zu NS-Gedankengut und recht­sex­tremen Kreisen auf­fall­en. Nach Deu­tung der FPÖ han­delt es sich um unbe­deu­tende Einzelfälle, die allerd­ings in ihrer Bal­lung ein beschä­mendes Gesamt­bild ergeben. Da wim­melt es von Nazi-Post­ings und ein­schlägi­gen Sprüchen, von ras­sis­tis­chen und kaum ver­hüll­ten anti­semi­tis­chen oder anti­is­lamis­chen Aus­fällen, nicht zu vergessen die zahlre­ichen Auftritte von FPÖ-Poli­tik­ern bei recht­sex­tremen oder gar neon­azis­tis­chen Zusam­menkün­ften, in Öster­re­ich wie im Aus­land, etwa bei der deutschen AfD. 

Ich schäme mich, dass mit Ein­tritt der FPÖ in die Regierung deutschna­tionale Burschen­schafter uner­wartet an Ein­fluss gewan­nen und in wichtige poli­tis­che und wirtschaftliche Posi­tio­nen gehievt wur­den. Ich kenne dieses Milieu seit mein­er Kind­heit, ich bin in diesen Kreisen groß gewor­den und weiß, wie diese Leute tick­en. Wenn sie sich heute als lupen­reine Demokrat­en gerieren, ist das völ­lig unglaub­würdig. Man braucht nur ein wenig am Lack zu kratzen, und schon kommt der völkische, demokratiefeindliche Geist zum Vorschein. (…)

Doch mit Scham allein ist es nicht getan. Wir dür­fen uns nicht damit abfind­en, dass unser Land weit­er in diese Rich­tung gedrängt wird.

Das Rit­u­al der schein­baren Distanzierung

Michael Köhlmeier, der im Mai 2018 in sein­er Rede zum Gedenkakt des Par­la­ments sehr klare Kri­tik an Schwarzblau for­mulierte, legte im Dezem­ber noch ein­mal nach. In Inter­views mit den „vol.at“ und dem „pro­fil“ bekräftigte er nicht nur deren Inhalt – „Ich würde keinen Beistrich ändern“ –, son­dern erweit­erte sie auch. Hier Auszüge aus dem Inter­view mit „pro­fil“ (Nr. 52 vom 21.12.2018) „Der Kan­zler soll uns nicht für dumm verkaufen“:

pro­fil: Ein let­ztes Zitat aus Ihrer Rede im Mai: „Zum großen Bösen kamen die Men­schen nie mit einem großen Schritt, son­dern mit vie­len kleinen, von denen jed­er zu klein schien für eine große Empörung. Erst wird gesagt, dann wird getan.” Seit­dem kur­sierte ein unsäglich­es FPÖ-Video, in dem Mus­lime verächtlich gemacht wur­den, und Stra­che freute sich in einem Face­book-Ein­trag, dass auf einem Wiener Wei­h­nachts­markt statt Plas­tikzel­ten, die im Vor­jahr ein­er „mus­lim­is­chen Zelt­stadt” geglichen hät­ten, wieder Holzhüt­ten zum Ein­satz kämen. Sind das jene kleinen Schritte, von denen Sie sprachen?
Köhlmeier: Ja. Wegen Holzhüt­ten auf einem Wei­h­nachts­markt aber die große Empörung führen? Dann wird man zu Don Qui­jote und irgend­wann zu ein­er lächer­lichen Fig­ur. Wenn man aber nichts sagt, pflanzt sich das Verunglimpfen und Ver­leum­den immer weit­er fort. Zehn kleine Schritte addiert sind ein großer. Auf diesen Mech­a­nis­mus kann sich Stra­che seit Jahren ver­lassen: Man steckt in der Qui­jote-Falle. Das ist zugle­ich das Teu­flis­che daran, weil man sich natür­lich jedes Mal hätte mit Nach­druck empören müssen — sei es über Holzhüt­ten-Ein­träge oder Videos, in denen Men­schen islamis­ch­er Herkun­ft kollek­tiv her­abgewürdigt wer­den.

pro­fil: Vizekan­zler Stra­che hat­te mit dem Video „keine Freude”. Reicht das nicht als Entschuldigung?
Köhlmeier: Man ken­nt das Wor­tarse­nal: Offene ras­sis­tis­che Aus­rutsch­er in Wahlkämpfen wer­den damit erk­lärt, dass man eben Eck­en und Kan­ten zeigen müsse. In der Tage­spoli­tik wird ein ras­sis­tis­ches Video zu einem lässlichen Fehler deklar­i­ert und damit entschuldigt, dass eben der Nar­ren­saum der Partei hier am Werk gewe­sen sei. Das Rit­u­al der schein­baren Dis­tanzierung läuft ab und begin­nt andern­tags von vorne.